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Windows Live® Suchergebnisse SchamanismusEnzyklopädieartikel
Schamanismus, komplexes religiöses und kulturelles Phänomen, bei dem der Schamane im Mittelpunkt steht. Der Schamane ist als religiöser Spezialist in der Lage, mit Geistern oder Geistmächten in Verbindung zu treten (siehe Geisterglaube) und durch Ekstase in jenseitige Welten zu reisen, um beispielsweise Krankheiten zu heilen oder die Seelen Verstorbener ins Jenseits zu begleiten. Die hier formulierte Definition entspricht jener, die der ungarische Schamanismusforscher Mihály Hoppál gegeben hat. Nach dieser Definition ist der Schamanismus bei den Völkern Nordasiens (Sibiriens) und Zentralasiens sowie bei den zirkumpolaren Völkern verbreitet. Doch gibt es zahlreiche andere Definitionen des Begriffs Schamanismus, die diesem Phänomen eine weitere, teilweise weltweite Verbreitung zuschreiben. Zu den bedeutendsten Vertretern letzterer Richtung gehört der Religionswissenschaftler Mircea Eliade, der in seinem Werk Le chamanisme et les techniques archaïques de l’extase (1951; Schamanismus und archaische Ekstasetechnik, 1957) seine Theorie auf die vorläufige Grundformel brachte: „Schamanismus = Technik der Ekstase”. Das Bild des sibirisch-zentralasiatischen Schamanismus, das die Ethnologie zu entwerfen in der Lage ist, beschränkt sich weitgehend auf Beobachtungen und Materialien, die im 19. und frühen 20. Jahrhundert angestellt bzw. gesammelt wurden. Nach den sozialistischen Revolutionen in Russland und der Mongolei litten die Schamanen in diesen Ländern unter einer massiven Verfolgung; die Tradition konnte, wenn überhaupt, nur im Geheimen und zumeist unter Verlust der materiellen Ausrüstung (siehe unten) weitergegeben werden. Einige Elemente des schamanischen Komplexes scheinen sehr alt zu sein, einzelne sind bereits auf jungpaläolithischen Höhlenmalereien identifiziert worden. Der sibirisch-zentralasiatische Schamanismus als Gesamtkomplex ist aber wahrscheinlich erst in der Bronzezeit oder später entstanden. Ein anderer Streitpunkt betrifft die Aktualität des Schamanismus: Ist davon auszugehen, dass er so gut wie ausgestorben ist, oder besitzt er eine mehr oder weniger ungebrochene Tradition, die bis in die Gegenwart reicht? Die folgenden Ausführungen lehnen sich an die engere Definition im Sinne Hoppáls an und referieren das Phänomen als Vergangenes, das aber heute in einigen Gebieten unter veränderten Umständen und Voraussetzungen im so genannten Neoschamanismus (siehe unten) eine Renaissance erlebt. Dem Schamanismus liegt ein kosmologisches Weltbild zugrunde, das die Welt in zumeist drei Sphären oder Bereiche aufteilt: eine Oberwelt und eine Unterwelt, dazwischen liegend die allgemein mit den Sinnen erfahrbare „diesseitige” Welt. Diese Bereiche verbindet als Achse der so genannte Weltenbaum, zum Teil auch ein Weltenberg oder ein kosmischer Fluss. Die Natur wird als von Naturgeistern beherrscht vorgestellt; physische Krankheiten und psychische Störungen, ausbleibender Jagderfolg etc. lassen sich in dieser Weltsicht auf ein unausgewogenes Verhältnis zu diesen Geistmächten verstehen. In diesem Fall hat der Schamane – das können Frauen wie Männer sein – dieses Verhältnis wieder zu harmonisieren. Die Seele von Kranken kann von Geistmächten in andere Welten entführt worden sein, die normalen Menschen verschlossen ist. Aufgrund seiner speziellen Kenntnisse ist der Schamane dann in der Lage, die Seele zurückzuholen. Eine andere Aufgabe kann darin bestehen, die Seele eines Verstorbenen in die jenseitige Welt zu begleiten. Diese Aufgaben kann der Schamane lösen, weil er gelernt hat, seine Freiseele von seinem Körper zu lösen und in der Ekstase mit Unterstützung seiner fast immer tiergestaltigen, so genannten Hilfsgeister eine Seelenreise zu unternehmen. Die Ekstase kann ein Schamane willentlich herbeiführen – darin unterscheidet er sich von Priestern in Besessenheitskulten oder von so genannten Medien, die von den Geistmächten nur gegen ihren Willen heimgesucht werden. Ekstase und Seelenreise finden im Rahmen eines Rituals statt. Zum schamanischen Ritual gehört eine Schamanenausrüstung, die für sich bereits die kosmologischen Vorstellungen der mit dem Schamanismus verbundenen Kulturen versinnbildlicht. Die Schamanentrommel (eine Rahmentrommel) ist der in vielerlei Hinsicht zentrale Teil dieser Ausrüstung: Sie ist zumeist mit einer bildlich-symbolischen Darstellung des Kosmos versehen, durch ihr monotones Spiel versetzt sich der Schamane in Ekstase, und sie dient dem Schamanen bei seiner Jenseitsfahrt als „Gefährt” oder „Reittier”. In manchen Kulturen versetzen sich die Schamanen auch mit Hilfe von Rauschmitteln (Fliegenpilz, Tabak, auch Alkohol) in Ekstase. Weitere Bestandteile der Ausrüstung sind der ebenfalls reich mit Symbolen versehene Mantel, die Kopfbedeckung und die Stiefel, seltener eine Maske. Zum Ritual gehört der Tanz zum rhythmischen Klang der Trommel, ferner spezielle Gesänge. Außerdem ranken sich um den schamanischen Komplex tradierte Geschichten. In den betreffenden Kulturen muss der Schamanismus also auch als kulturelles und künstlerisches Phänomen angesehen werden. Darüber hinaus ist der Schamanismus in Gesellschaften mit kleinen Lebensverbänden (Jäger und Sammlerinnen, Nomaden, in Zentralasien zum Teil auch Bauern) ein soziales Phänomen. In diesen Lebensgemeinschaften (Familie, Familienverband, Clan, Dorf) ist der Schamane eine integrale Person. Große Unterschiede gibt es bei der Berufung des Schamanen: Neben der Berufung durch psychische oder physische Auffälligkeit bzw. Abnormitäten, durch Unfall oder Blitzschlag ist die Berufung durch Schutzgeister die verbreitete und charakteristische Form. In diesem Fall wehrt sich der oder die Betroffene in der Regel gegen die Berufung, was zu einer lebensbedrohenden Schamanenkrankheit führt, die nur durch die Annahme der Berufung langsam wieder geheilt werden kann. Dieser Krise folgt die meist äußerst schwere und schwierige Initiation mit zahlreichen Prüfungen (häufig als mystischer Tod mit einer blutigen Zerstückelung und einer anschließenden Wiederbelebung erlebt), die Einweisung und Weitergabe traditionellen Wissens durch ältere Schamanen, schließlich die Schamanenweihe im Kreise der Gemeinschaft. In einigen Gesellschaften wird das Amt des Schamanen auch vererbt. Der Schamane lebt meistens in sein gesellschaftliches Umfeld integriert, manchmal auch am Rand desselben, genießt nur in Maßen gewisse Privilegien, ist aber streng verpflichtet, bei Bedarf jederzeit Hilfe zu leisten, für die er keine Bezahlung erhält. In Sibirien (z. B. Tuwa, Burjatien) und in der Mongolei ist seit dem Zusammenbruch des Kommunismus und der damit einhergehenden größeren Religionsfreiheit einerseits sowie einem Bedürfnis nach Manifestation der kulturellen Identität der nichtrussischen Völker andererseits ein so genannter Neoschamanismus entstanden. Manche Vertreter lehnen allerdings diese Unterscheidung mit Verweis auf kontinuierliche Traditionen ab. Dennoch zeigt der Neoschamanismus einige charakteristische Unterschiede zum traditionellen Schamanismus: Er entfaltet sich in einer zumeist städtischen und daher vergleichsweise anonymen Umgebung (z. B. im tuwinischen Kysyl), die Sitzungen finden auch am Tage statt, es werden auch kleinere Beschwerden behandelt, zur Sitzung versammelt sich nicht mehr der soziale Verband, womit die soziale Bedeutung vermittelter geworden ist, die Schamanen arbeiten kollektiv in schamanischen Zentren, sie lassen sich für ihre Arbeit nach vorher festgelegten Tarifen bezahlen, und schließlich eröffnen sich den Schamanen neue, moderne Aufgaben, zu denen durchaus auch die Weihung eines Autos etc. gehören kann. Von diesem Neoschamanismus, der seine Wurzeln im bodenständig-traditionellen Schamanismus findet, ist ein synkretistischer „Stadt-Schamanismus” im Umkreis der europäischen und nordamerikanischen Esoterikszenen zu unterscheiden.
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