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Windows Live® Suchergebnisse IslamismusEnzyklopädieartikel
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Islamismus, auch islamischer Fundamentalismus, eine Strömung innerhalb des Islam, die sich auf die Grundlagen des islamischen Glaubens und islamischer Sitte beruft und alle Bereiche des Lebens nach diesen Prinzipien umgestalten möchte. Zentrale politische Ziele des Islamismus sind die Errichtung eines islamischen Staates und die Durchsetzung des islamischen Sittenkodex, der Scharia, als universelles Moral- und Rechtssystem. Die Errichtung des islamischen Staates bedeutet für die Islamisten die Errichtung einer universellen Gottesherrschaft (Hakkimiyyat Allah). Diese Einheit von religiöser und weltlicher Herrschaft soll zunächst in der islamischen Welt, später aber auch in der gesamten Welt durchgesetzt werden. Da Gott die Herrschaft nicht selbst ausübt, bedarf es an seiner statt eines „gerechten Herrschers” (Imam adil). Dieser soll zugleich religiöses Vorbild und weltlicher Führer sein. Dieser gerechte Herrscher wird nicht gewählt, sondern eingesetzt. Maßgeblicher Verhaltenskodex für alle Muslime soll in diesem islamischen Staat die Scharia sein, eine Sammlung von unterschiedlichen Lebensregeln, Rechts- und Moralnormen. Die Scharia ist kein fest umrissenes Regelsystem, sondern variiert je nach Region, Kommentator, Auslegung und geschichtlicher Position. Der Islamismus beruft sich auf den „ursprünglichen Islam” und meint damit die Texte des Korans der Sunna und die Regeln der Scharia. Dabei nimmt er aber nur einen kleinen Teil dieser Quellen auf und ergänzt sie durch eigene Konstrukte. Diejenigen ursprünglichen Ideen, die ihm besonders nahe stehen, sind die Nähe der Religion zur Politik, die ausschließliche Verehrung Allahs als einziger Gott, und das regelmäßige Gebet. Auch die Pflicht zur Unterstützung der Armen hat eine lange Tradition im Islam und wird von den heutigen Islamisten aufgegriffen. Der Islamismus liefert den Muslimen, die ihre Religion bedroht sehen, ein möglichst einfaches Erklärungsschema über die Hauptinhalte ihrer Religion und deren Rettung. Der historische Islam ist jedoch weit vielfältiger, als ihn die Islamisten darstellen. So werden beispielsweise die großen rationalistischen Traditionen des Islam, die einen großen Einfluss auf die europäische Renaissance ausgeübt haben, durchweg abgelehnt oder geleugnet. Viele neuere Richtungen des Islamismus sind antiwestlich eingestellt. Sie lehnen sowohl die Demokratie als auch das westliche Rechtssystem ab. Die Errungenschaften der europäischen Aufklärung, die Autonomie des Individuums und die damit einhergehende Selbstbestimmung des Menschen sind für die Islamisten Rückschritte in der Entwicklung der Menschheit. Die Aufklärung würde beispielsweise dem Menschen zuviel Autorität einräumen und damit die alleinige Autorität Gottes einschränken. Auch die aus ihr entstandenen geistigen Traditionen gehören für die Islamisten zum Bereich der Unwissenheit, Ignoranz (Dschahiliya). Dieser Begriff der Unwissenheit diente ursprünglich dazu, die vorislamische Zeit zu charakterisieren. Heute wird er gebraucht, um die gesamte westliche Kultur und Religion als Sphäre der Unwissenheit zu erklären. Er gilt im Islamismus nur für die westliche Kultur. Gegen moderne Technologien gibt es dagegen keinerlei Vorbehalte. So setzt man gern neueste Kommunikationstechnik für die eigenen Belange ein und strebt danach, einen ähnlich hohen Stand der Technologie zu erreichen. Propagiertes Ziel der Islamisten ist die Wiederherstellung der inneren Einheit der islamischen Gemeinde (Umma). Eine solche Einheit hat es jedoch nie gegeben. Die islamischen Völker sind in sich selbst sehr heterogen. Von einer einheitlichen islamischen Gemeinde kann weder in der Vergangenheit noch in der Gegenwart die Rede sein. Die übergroße Mehrheit der Muslime hängt nicht den Lehren des Islamismus an. In den meisten Ländern des Islam sind islamistische Bewegungen offiziell verboten und werden – mit unterschiedlicher Intensität – verfolgt. Besonders grausam wurden die Islamisten etwa behandelt, als der syrische Präsident Hafis al-Assad 1982 einen Aufstand niederschlug und Tausende von ihnen töten ließ. Auch Saddam Hussein ging während des Ersten Golfkrieges ohne jede Rücksicht gegen die Islamisten im Iran vor. Nicht alle Islamisten sind gewaltbereit. Viele von ihnen möchten ihre Ziele mit friedlichen, politischen oder religiösen Mitteln durchsetzen. Es ist daher falsch, Islamismus mit Extremismus oder gar Terrorismus gleichzusetzen. Große islamistische Gruppen, etwa die Muslimbrüder in Ägypten und Syrien sowie die Islamische Heilsfront in Algerien haben zwar in der Vergangenheit vor Gewaltanwendung nicht zurückgeschreckt, heute lehnen sie die Anwendung von Gewalt jedoch ausdrücklich ab. Ein Großteil der Islamisten sieht seine Aufgabe vielmehr in der vom Koran vorgeschriebenen Unterstützung der Armen und Ungebildeten sowie in der strengen Befolgung der Sitten und Bräuche, die die jeweilige Version der Scharia vorschreibt. Viele sozial-karitative Einrichtungen wie Kindergärten, Schulen und Krankenhäuser werden von islamistischen Bewegungen unterhalten. Andererseits dürfen die, vergleichsweise kleinen, terroristischen Strömungen im Islamismus nicht unterschätzt werden. Sie sind verantwortlich für eine Reihe grausamer Anschläge und Attentate und müssen auch in Zukunft als Bedrohung für zahlreiche Länder ernst genommen werden. Häufig wird im Zusammenhang mit terroristischen Gruppen der Islamisten der Begriff Jihad gebraucht, der in der Regel mit „heiliger Krieg” übersetzt wird. Die Grundbedeutung des Begriffes ist jedoch religiöser Eifer, Hingabe an Gott, der sich, je nach Situation, in der strengen Befolgung religiöser Restriktionen, in der Hilfe für Bedürftige, dem Unterricht von Ungebildeten und eben auch im Krieg gegen die – wirklichen oder vermuteten – „Feinde des Islam” äußern kann. Der Begriff bedeutet nicht Zwangsbekehrung oder Mission. Zu den ökonomischen Forderungen des Islamismus gehört es, private Produktionsmittel auch zum Nutzen der Gemeinschaft zu gebrauchen. So wird eine Steuer zur Unterstützung der Armen gefordert. Aus Geldgeschäften dürfen keine Gewinne gezogen werden; die Erhebung von Zinsen ist somit nicht erlaubt. Darüber hinaus gibt es unter den Islamisten sehr unterschiedliche Auffassungen. Während einige eine Staatswirtschaft und sogar einen islamischen Sozialismus befürworten, votieren andere für eher marktwirtschaftliche Verhältnisse. Der Islamismus ist eine sehr heterogene Bewegung. Zum einen ist er zu Gräueltaten wie der Zerstörung des World Trade Centers fähig, auf der anderen Seite gibt es in ihm humanistische Strömungen, die sich gegen die wachsende Verarmung großer Teile der Weltbevölkerung wenden. Der Westen hat bei der Entstehung des Islamismus eine große Rolle gespielt. Westliche Länder haben über lange Zeit islamistische Bewegungen als militärische Vorposten gegen die Sowjetunion unterstützt. Sie haben aber auch dazu beigetragen, dass viele Muslime sich bedroht fühlen: durch das übermächtige Eindringen westlicher Kultur und auch z. B. durch die Schützenhilfe, die die westlichen Länder Israel im Kampf gegen arabische Länder geleistet haben. Den Islamismus insgesamt als das „Reich des Bösen” zu erklären, wäre also genauso falsch, wie seine terroristischen Tendenzen zu verharmlosen.
Die Begriffe islamischer Fundamentalismus oder auch Islamismus sind seit der islamischen Revolution (1979) des Ayatollah Khomeini im Iran in Gebrauch. Tendenzen dessen, was wir heute als Islamismus bezeichnen, finden sich jedoch im Islam schon sehr früh. Der Islam wurde, verglichen mit dem Christentum, sehr früh zu einer Staatsreligion von Großreichen. Auch die Verteidigung des „rechten Glaubens” gegen äußere Feinde hat eine lange Geschichte. Man kann die Entwicklung des Islam jedoch nicht auf diese Momente reduzieren. Der Islam ist eine vielfältige, facettenreiche Religion. Er leitet seinen Namen aus dem Wort „Frieden” (salam) her und hat progressive geistige Traditionen hervorgebracht, die auf die europäische Geschichte einen nachhaltigen Einfluss ausübten. Der Islamismus als vergleichsweise kleine Bewegung innerhalb des Islam ist in der Folge mehrerer politischer Ereignisse entstanden, die das Schicksal der Religion nachhaltig geprägt haben. Das erste dieser Ereignisse war der endgültige Zerfall des Osmanischen Reiches in der Folge des 1. Weltkrieges. Das Kalifat wurde von einer ursprünglich staatlich-religiösen Institution in ein rein religiöses Amt verwandelt. Dies geschah unter dem Einfluss europäischer Ideale der Trennung von Staat und Kirche (Laizismus). Bald darauf wurde das Kalifat vollständig abgeschafft, und aus dem Osmanischen Reich entstand eine Reihe vorwiegend säkularer Staaten. Viele Muslime empfanden diese Trennung von Staat und Religion als Machtverlust ihrer Religion. Nach Jahrhunderten der Einheit von politischer und religiöser Macht hatten die meisten dieser Länder kaum Erfahrungen mit Mehrparteiensystemen und Demokratie. Eine Zäsur im Zuge der weiteren Ausbreitung des Islamismus war die arabische Niederlage gegenüber Israel im Sechstagekrieg (1967). Diese Niederlage wurde von vielen Muslimen als traumatisch empfunden. Die meisten islamischen Länder waren vorher weitgehend offen gegenüber westlichen Einflüssen gewesen. Doch dieses Debakel empfanden sie nun als Schlag gegen ihre innersten religiösen Werte. Die Schwäche der säkularen Regime der arabischen Welt in diesem Krieg gegen Israel ließ die Rufe nach der Verteidigung des Islam und nach einem islamischen Gottesstaat lauter werden. Islamistische Bewegungen erlebten einen bis dahin nicht gekannten Aufschwung. Der Islamismus, der sich bis dahin auf die Bestärkung religiöser Grundsätze und auf politische Ziele innerhalb der arabischen Welt konzentriert hatte, bekam nun eine deutlich antiwestliche Ausrichtung. Die islamische Revolution (1979) von Ayatollah Khomeini im Iran ließ für die Muslime – zumindest für eine bestimmte Zeit – den Eindruck entstehen, dass nun die ideale Einheit von Macht und Religion wiedererstehen könne. Der neue islamistische Staat stieß auf große Widerstände aus dem Ausland. Saddam Hussein griff 1980 das islamistische Regime von Khomeini an. Dies führte zum Ersten Golfkrieg zwischen Iran und Irak. Diese und viele weitere Ereignisse bestärken die Haltung der Islamisten, in einem unversöhnlichen Gegensatz zur westlichen Kultur und Politik zu stehen.
Fundamentalistische Tendenzen finden sich im Islam schon seit seiner Entstehung, ein kleiner Teil von ihnen wird sogar direkt dem Koran entnommen. Als frühe Autorität für den heutigen Islamismus gilt Taki-ed-Din Ibn Taimiya (1263-1328), ein Rechtsgelehrter des sunnitischen Islam. Er drängte auf die rigide Durchsetzung religiöser Pflichten. Zur Verwirklichung von Gottes Willen, so der Gelehrte, bedürfe es der Autorität eines Anführers. Dieser sei berufen, die Pflichten der Anhänger des Islam, religiöse Hingabe, Rechtspflege, Pilgerreisen (Hadsch), öffentliche Gebete, Festtage und brüderliche Hilfe der Muslime untereinander durchzusetzen. Die Einheit von weltlicher und religiöser Herrschaft, ein Grundgedanke des Islamismus, wurde bereits von Ibn Taimiya ausdrücklich formuliert. Eine kämpferische Richtung im Islam, die als Wahhabismus bezeichnet wird, geht auf Muhammad Ibn Abd Al Wahhab (1700-1787) zurück. Diese forderte, gegen alle neueren Tendenzen im Islam, das Zurückgehen auf die reine Lehre des Propheten und die strikte Einhaltung der Scharia im täglichen Leben. Die Wahhabisten gründeten ein eigenes Reich und beherrschten am Anfang des 19. Jahrhunderts für einige Jahre nahezu die ganze arabische Halbinsel. Im Gegensatz zu den heutigen Islamisten sah Abd Al Wahhab die größte Bedrohung des Islam in der Verfremdung der Religion und nicht sosehr im schädlichen Einfluss fremder Kulturen. Der wahhabistische Staat wurde 1818 von den ägyptischen Truppen vernichtet. Der Wahhabismus besitzt jedoch bis heute in Saudi-Arabien einen großen politischen Einfluss. Der erste islamische Denker, dessen Reformvorschläge direkt im Hinblick auf die Abwehr der westlichen Kultur entstanden, war der Perser Dschamel-ed-Din al-Afghani. Die islamische Welt müsse, so al-Afghani, einheitlichen und koordinierten Widerstand gegen westliche Fremdherrschaft leisten. Die technologischen Errungenschaften des Westens sollten nicht kopiert, sondern von den islamischen Ländern übertroffen werden. Das Moral- und Rechtssystem brauche man jedoch nicht vom Westen zu übernehmen. Hier sei der Islam, so al-Afghani, schon immer überlegen gewesen. Eine frühe institutionelle Form erhielt der Islamismus durch die „Gesellschaft der Muslimbrüder”, die von dem Ägypter Hasan Al-Banna gegründet wurde. Die Mitglieder der Gesellschaft waren gehalten, Alkohol, Glücksspiel und sexuelle Affären zu meiden. Privateigentum an Produktionsmitteln war der Gemeinschaft erlaubt. Da diese als von Gott geliehen galten, sollten sie jedoch für gemeinnützige Zwecke verwendet werden. Als die klassischen Begründer des Islamismus gelten der Ägypter Sayyid Qutb (1906-1966) und der Pakistaner Abul a-Ala al-Maududi (1903-1979), der Gründer der Vereinigung Dschamaat-i Islami (auch: Djamaat-i Islami) in Pakistan. Al-Maududi gründete diese „Islamische Gesellschaft”, die den Muslimbrüdern nahe stand, sich aber eher als elitäre Führungsgruppe der Islamisten verstand. In seinen mehr als 120 Schriften entwarf er ein systematisches Ideengebäude, in dem sich alle wesentlichen Grundideen des heutigen Islamismus finden. Er war Urheber der Theorie der Gottesherrschaft und plädierte für eine außerordentlich strenge Durchsetzung der Scharia, indem er etwa kompromisslos am Schleiergebot für die Frauen festhielt. Sayyid Qutb, der die Ideen von al-Maududi aufnahm, wiederholte ausdrücklich die Forderung nach der Einheit von religiöser und weltlicher Herrschaft: „Der Staat wird im Islam die Religion, und die Religion wird im Islam der Staat.” Die Trennung von Staat und Religion sei, so Qutb, der Anfang des Niederganges der Gesellschaft gewesen. Diesen Niedergang könne man nur aufhalten, indem man den Staat nach religiösen Prinzipien als islamischen Staat gestalte. Darüber hinaus formulierte Qutb den Anspruch des Islam, die Führung der gesamten Welt – also auch der westlichen Länder – zu übernehmen.
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