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Kritik

Enzyklopädieartikel

Kritik (griechisch kritein: sondern, scheiden, unterscheiden, entscheiden, beurteilen), jede vernunftgeleitete Auseinandersetzung mit einem Sachverhalt, einer These oder einer Theorie, die mit dem Ziel der Ermittlung der Wahrheit um ein gerechtes Urteil bemüht ist. An der Vorstellung darüber, was unter Vernunft und Wahrheit zu verstehen sei, unterscheiden sich die Kritikansätze verschiedener philosophischer Schulen.

In der Geschichtswissenschaft wird unter Quellenkritik (siehe Münchner Schule, Historische Methode) die Überprüfung der Zuverlässigkeit einer Quelle (u. a. eines Dokuments oder Berichts) verstanden; ähnlich verhält es sich mit der philologischen Textkritik in der Theologie sowie in den Rechts- und Literaturwissenschaften. In den Wissenschaften, die sich methodisch der Hermeneutik verschrieben haben (Literaturwissenschaft, Psychoanalyse, Theologie, Hermeneutik als philosophische Schule u. a.) kann der Begriff der Kritik auch den Sinn von Deutung annehmen.

Die erste Form philosophischer Kritik – und daher in gewissem Sinn das Muster für alle weitere Form der Kritik – stellt die Vorgehensweise des Sokrates dar, wie sie in Platons Dialogen überliefert ist. Seine Mäeutik (Hebammenkunst) bemüht sich, die Aussagen des philosophischen Gegenspielers nicht einfach nur abzulehnen oder ihnen in einem „Streit um Worte” unmittelbar zu widersprechen, sondern versucht das darin verborgene Wahre vom Falschen zu trennen und auf dem so erkannten richtigen Weg vom Schein zum Sein fortzuschreiten, um die Wahrheit auf die Welt zu bringen.

Grundvoraussetzung jeder Art von Kritik ist dabei, scheinbar feststehende Überzeugungen oder überlieferte Vorstellungen nicht als gegeben hinzunehmen, sondern selbst in Frage zu stellen, also ihnen gegenüber kritisch eingestellt zu sein. So ist Kritik eng mit dem Begriff der Aufklärung verbunden und stellt insbesondere in der Moderne seit der Epoche der Aufklärung die vorherrschende philosophische Herangehensweise an zu klärende Sachverhalte und Aussagen dar.

Wie die Analyse einer chemischen Verbindung durch die Trennung und Isolierung der einzelnen Stoffe, so muss auch die Kritik ihren Gegenstand durch Analyse in seine Einzelteile zerlegen, um diese gesondert auf ihren Wahrheitsgehalt hin betrachten, beurteilen und unter Umständen widerlegen zu können. Diese Unterscheidung dient nicht allein der skeptischen Zertrümmerung, sondern zeigt die wahren und falschen Behauptungen, die inhaltlich oder historisch rückwärtsgewandten und zukunftsweisenden Bestandteile sowie die wissenschaftlich überholten oder neuen Erkenntnisse auf.

Entscheidend für die wahre Kritik ist, dass es nicht bei dieser Zerrissenheit bleibt, sondern dass jene fortschreitet zu einer Neuformulierung der progressiven Elemente. Dies führt manchmal zur Begründung einer neuen Theorie; in diesem Sinne ist auch das methodische Vorgehen der Naturwissenschaften, die Überprüfung der Theorien an den physikalischen, chemischen oder biologischen Fakten, eine Form der Kritik.

Diese Methodik ist in der Philosophie wie in den anderen Geistes- und Sozialwissenschaften die Art und Weise, wie sich üblicherweise der innerwissenschaftliche Fortschritt vollzieht. Aus diesem Grund greifen manche philosophischen Richtungen für ihre Selbstbezeichnung zum Begriff der Kritik (z. B. Kritische Theorie – siehe Frankfurter Schule –, Kritischer Rationalismus oder Kritischer Realismus) und daher rührt auch, dass viele Werke Haupt-, Unter- oder Kapiteltitel besitzen, die das Wort „Kritik” enthalten.

Immanuel Kant fasst am Ende seiner Kritik der reinen Vernunft (1781) diesen theoretischen Fortschritt in jene berühmte Formulierung, die auch der Kritischen Theorie als Leitlinie dient: „Der kritische Weg ist allein noch offen.” Für seine eigene, von diesem Leitsatz inspirierte Philosophie wählte Kant die Bezeichnung des Kritizismus, die seinen Ansatz einer kritischen Überprüfung des Ursprungs, des Wesens und der Grenzen der menschlichen Erkenntnis bezeichnen sollte: die Reflexion auf „die Bedingung der Möglichkeit aller Erfahrung” überhaupt.

Gemeinsam ist der Kritik über die Jahrtausende hinweg der Impuls, nichts unüberprüft zu übernehmen und jegliche Position – auch die eigene – der Kritik durch die Vernunft zu unterwerfen. Daher geht sie zumeist Hand in Hand mit der Idealvorstellung eines allseitig gebildeten, selbstbewussten Subjekts, eines Individuums, das unabhängig von ideologischen Denkblockaden zu freier Reflexion fähig ist und seine Aufgabe darin sieht, auch seine Leser diesem Identitätsziel näherzubringen. Befähigung zur Kritik ist ein wesentliches Ziel progressiver Pädagogik.

Besonders in der Moderne ist Kritik die international allgemein verbreitete Art der intellektuellen Beschäftigung überhaupt und in dieser Gestalt, z. B. im Feuilleton, auch in das gebildete Alltagsleben eingeflossen. Dies führt unter Umständen zu kritischen Auseinandersetzungen größeren Stils, an denen viele Gelehrte über längere Zeit hinweg teilnehmen, wie die Querelle des anciens et des modernes im Frankreich nach 1687 (französische Literatur), der Positivismusstreit in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts, die gesellschaftstheoretische Diskussion um die Systemtheorie in den siebziger Jahren oder der Historikerstreit in den achtziger Jahren.

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