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Realismus (Literatur)

Enzyklopädieartikel
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Thomas Mann: BuddenbrooksThomas Mann: Buddenbrooks
Artikelgliederung
1

Einleitung

Realismus (Literatur) (lateinisch realis: sachlich, wirklich), in der Literaturwissenschaft allgemein die Bezeichnung für den literarischen Versuch einer wirklichkeitsgetreuen Darstellung der sinnlich erfahrbaren Realität. Im Besonderen bezeichnet der Begriff die Epoche zwischen 1830 und 1880 vor allem in der deutschen, österreichischen und schweizerischen sowie in der englischen, russischen, französischen und amerikanischen Literatur. Der Realismus mündete in den Naturalismus. Wichtigste Vertreter der Epoche des Realismus im deutschsprachigen Raum sind Jeremias Gotthelf, Adalbert Stifter, Gustav Freytag, Theodor Storm, Gottfried Keller, Theodor Fontane, Conrad Ferdinand Meyer und Wilhelm Raabe.

2

Realismus als Stilprinzip

Der Begriff des „realistischen Stils” ist problematisch, da in unterschiedlichen historischen Epochen recht unterschiedliche Auffassungen darüber herrschten, was als „realistisch” gelten kann. Dennoch hat er sich in der Literaturgeschichte zur Bezeichnung einer wirklichkeitsgetreuen Darstellung der jeweiligen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, politischen, kulturellen oder weltanschaulichen Gegebenheiten durchgesetzt. In diesem Sinn gelten bereits die Tragödien des attischen Dichters Euripides in der griechischen Literatur als realistisch, da sie, bei allen Rückgriffen auf die griechische Mythologie, den moralischen und sozialen Wandel zur Zeit des Peloponnesischen Krieges im Athen der Antike thematisieren. Gleiches gilt für die Komödien des Aristophanes, die sich in Form der Satire mit zeitgenössischen Personen auseinandersetzen, oder in der römischen Literatur für das Werk des Gaius Petronius, der in seinem Roman Satyricon um 60 n. Chr. nicht nur ein lebendiges, teilweise obszönes Sittengemälde des 1. Jahrhunderts entwarf, sondern mit dem Vulgärlatein bereits umgangssprachliche Elemente in seine Dichtung aufnahm. Im Mittelalter kam das realistische Stilprinzip vor allem im derb-komischen Schwank mit seinem typischen, realistischen Figurenpersonal (Bauern, Mägde, Pfarrer, Ritter) zum Tragen.

Auch der Schelmenroman der eigentlich als schwülstig, überladen und idealisierend geltenden Barockliteratur liefert herausragende, stark an der Wirklichkeit orientierte Beschreibungen der Alltagswelt des 17. Jahrhunderts. Dies gilt in besonderem Maß für Johann Jakob Christoffel von Grimmelshausens Simplicissimus Teutsch (1669) mit seiner Schilderung der gesellschaftlichen Widersprüche und Ungerechtigkeiten zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges aus der Perspektive eines Helden von niederem Stand. In seiner Schrift Über naive und sentimentalische Dichtung (1795/96) machte Friedrich Schiller den Realismus in seiner Abgrenzung zum Idealismus zum Stilbegriff. Diese dualistische Konzeption wirkte bis zu den Autoren des Jungen Deutschland und der Literatur des Vormärz, besonders aber bis zu Georg Büchner nach, der in seiner Erzählung Lenz (1839) den Titelhelden zum Sprachrohr der Forderung nach realistischem Schreiben machte: „Man muß die Menschheit lieben, um in das eigentümliche Wesen jedes einzudringen, es darf einem keiner zu gering, keiner zu häßlich sein, erst dann kann man sie verstehen; das unbedeutendste Gesicht macht einen tiefern Eindruck als die bloße Empfindung des Schönen, und man kann die Gestalten aus sich heraustreten lassen, ohne etwas vom Äußern hinein zu kopieren, wo einem kein Leben, kein Muskel, kein Puls entgegen schwillt und pocht. […] Der Dichter und Bildende ist mir der Liebste, der mir die Natur am Wirklichsten gibt, so daß ich über seinem Gebild fühle; alles übrige stört mich.”

3

Realismus als Epoche

3.1

Frankreich, England, USA und Russland

Der Epochenbegriff des Realismus geht auf die Aufsatzsammlung Le Réalisme (1857) des französischen Kunst- und Literaturkritikers Jules Champfleury zurück. Überhaupt fand der Realismus wie später der Naturalismus zunächst in der französischen Literatur seinen Niederschlag. In Romanen, Novellen und Erzählungen versuchten Autoren wie Stendhal mit Le Rouge et le noir (1830; Rot und Schwarz), Honoré de Balzac mit dem Zyklus La Comédie humaine (1829-1854; Die menschliche Komödie) oder Gustave Flaubert mit Madame Bovary (1857; Madame Bovary) ein wahres, wirklichkeitsgetreues, teils gar objektives Bild der Gesellschaft zu geben und dabei nicht zuletzt auch psychologisch die Seele ihrer Helden und Heldinnen auszuloten. Demzufolge bezieht sich das Motto „Die Wahrheit! Die bittere Wahrheit!” von Stendhals im Untertitel Chronik aus dem 19. Jahrhundert genannten Roman Rot und Schwarz auch auf das realistische Schreibkonzept. In Russland sind Fjodor M. Dostojewskij, Lew N. Tolstoj, Iwan Turgenjew und Iwan Gontscharow, in England Charles Dickens, Jane Austen und George Eliot mit ihren gesellschaftskritischen, teils humorvollen Romanen und Erzählungen dem Realismus zuzurechnen. In den Vereinigten Staaten entstand mit den Werken Nathaniel Hawthornes und Herman Melvilles eine ganz eigene Ausformung realistischer Literatur, deren Detailgenauigkeit auf eine zweite Wirklichkeit „hinter den Dingen” verweist (symbolischer Realismus).

3.2

Deutschsprachiger Raum

In Frankreich war der Realismus stark antibürgerlich ausgerichtet, während er in der deutschsprachigen Literatur eine ausgeprägt bürgerliche Orientierung erhielt. Eine bedeutende Vorläuferin war Annette von Droste-Hülshoff, die mit ihrer Novelle Die Judenbuche (1842) ein mit viel Lokalkolorit durchsetztes Sittengemälde aus dem gebirgichten Westfalen (so der Untertitel) über ein Verbrechen in der kleinstaatlichen deutschen Provinz am Vorabend der Französischen Revolution vorgelegt hatte. Noch unter dem Einfluss der Klassik und der Romantik stehend, sind der Schweizer Jeremias Gotthelf und der Österreicher Adalbert Stifter frühe Vertreter des Realismus in der deutschsprachigen Literatur. Der idyllisierend-harmonisierende Zug ihrer Literatur korrespondiert mit einer konservativen Weltsicht; ihr Werk wird auch dem Biedermeier zugerechnet. Umfangreiche realistische Landschaftsbeschreibungen und präzise Darstellungen der Dingwelt sind kennzeichnend insbesondere für Stifters literarische Produktion. Neben dem Bildungsroman Der Nachsommer (1857) entstand eine ganze Reihe von Erzählungen, die in den Sammlungen Studien (1844-1850) und Bunte Steine (1853) erschienen. Die Romane Jeremias Gotthelfs wie Uli der Knecht (1846) oder Uli der Pächter (1849) sind in der Welt der Schweizer Bergbauern angesiedelt. Sein bekanntestes Werk ist die Erzählung Die schwarze Spinne (1842), die kunstvoll realistische und phantastische Elemente verbindet.

Erst nach der gescheiterten bürgerlichen Revolution von 1848 wurde der Realismus mit Gattungen wie Gesellschaftsroman, Novelle oder Dorfgeschichte zur prägenden Richtung – nicht zuletzt auch, weil er den Anforderungen einer immer stärker naturwissenschaftlich-technisch ausgerichteten Weltsicht zu entsprechen schien und das Bürgertum nach einer neuen, noch nicht durch Hof und Adelswelt vorbelasteten Ausdrucksform suchte, die seinem trotz aller Rückschläge erstarkenden Selbstbewusstsein entsprach. In diesem Rahmen verlor der Realismus allerdings seine von Georg Büchner geforderte Radikalität, indem er auf eine Darstellung des Hässlichen und Niederen verzichtete und so beschönigend wirkte. Statt auf Gesellschaftskritik setzten die realistischen deutschsprachigen Autoren in ihrer Erzählhaltung nicht selten auf einen ironisch-humorvollen Grundton, um sich so von der dargestellten Wirklichkeit zu distanzieren. Für diese Haltung prägte der Schriftsteller Otto Ludwig den Begriff des „poetischen Realismus”, der die unschönen Grenzbereiche der Welt verklären solle. Für Ludwig ging es dabei um eine „Poesie der Wirklichkeit, die nackten Stellen des Lebens überblumend”. Dieser poetische Realismus wurde für die bürgerlichen Schriftsteller in Deutschland ab der Mitte des 19. Jahrhunderts zur Maxime.

Mit ihren realistischen Konzepten versuchte sich die nachrevolutionäre Generation deutscher Autoren von einer idealistischen, stark subjektiv geprägten Literatur abzugrenzen, wie sie in der Weimarer Klassik und während der Romantik gepflegt worden war. Die Schriftsteller des poetischen Realismus wollten in Abgrenzung davon jegliche Allegorisierung vermeiden. Sie entlehnten ihre Stoffe nicht aus der Adelswelt, der Mythologie oder der phantastischen Welt des Märchens, sondern wählten sie aus der eigenen Lebenswirklichkeit des gehobenen und mittleren Bürgertums.

Wichtigste Gattung des poetischen Realismus war die Prosa. Ausnahmen stellen in gewisser Weise die Dramen Der Traum ein Leben (1834) von Franz Grillparzer und Maria Magdalena (1844) von Friedrich Hebbel dar, die in Form des bürgerlichen Trauerspiels den tragischen Konflikt innerhalb der zeitgenössischen Gesellschaft in die eigene Lebenswirklichkeit übertragen. Lyrik spielt im Realismus – ihrer bewusst subjektiven Weltsicht wegen – eine untergeordnete Rolle.

Eine realistische Variante des Bildungsromans schuf Gottfried Keller mit seinem Grünen Heinrich (1854/55), der nicht zuletzt auch den Übergang der Literatur vom romantischen zum bürgerlichen Künstlerideal widerspiegelt. Die Entwicklung eines schon rein bürgerlichen, aus dem Kleinbürgertum emporstrebenden Helden mit dem bezeichnenden Namen Anton Wohlfahrt schilderte Gustav Freytag in seinem Werk Soll und Haben (1855). Wegen des „unbürgerlichen” Typus des raffgierigen Juden, der sich Wohlfahrts Aufstieg in der Kaufmannswelt in den Weg stellt, wurde der Roman später als antisemitisch kritisiert.

Mit Romanen wie Frau Jenny Treibel (1892) oder Effi Briest (1895) avancierte Theodor Fontane zu einem der Hauptvertreter des poetischen Realismus. In diesen Romanen porträtierte er Frauengestalten, die an sozialen Konventionen zu „ersticken” drohen und tragisch scheitern. So rechnet Fontane in Frau Jenny Treibel mit dem durch die Gründerzeit zu Geld gekommenen geistlosen Bürgertum ab, in Effi Briest wird eine Ehebruchs- und Duellaffäre thematisiert. Dort ist das Unglück der Titelheldin, aber auch ihres Gatten die logische Konsequenz der zeitgenössischen Normen, die verlangen, dass Effi nach ihrem Ehebruch von ihrem Ehemann verstoßen wird. Das Motiv des Ehebruchs, der nicht selten im Selbstmord endet, taucht immer wieder in Fontanes Werken auf, so in L’Adultera (1882) Cécile (1887) oder Unwiederbringlich (1892). In anderen Romanen stehen Frauen im Mittelpunkt, deren klare Sicht der Dinge sie den Männern überlegen macht, so etwa in Irrungen, Wirrungen (1888) oder Stine (1890).

Vom Figurenpersonal her ging Wilhelm Raabe in erfolgreichen Romanen wie Die Chronik der Sperlingsgasse (1857) oder Der Hungerpastor (1864) einen für den Realismus ungewöhnlichen Weg. Hier ist die plastische Realitätsschilderung mit grotesk-verfremdenden und irrationalen Momenten wie Traumdarstellungen und einer Betonung schöpferischer Einbildungskraft verknüpft. Bei Raabe stehen zudem weniger gesellschaftlich eingebundene Bürger im Zentrum, sondern eher verschrobene Sonderlinge und Außenseiter, die sich positiv von der bürgerlichen Spießigkeit abheben: Deutlich wird hier der Einfluss des englischen Realismus mit seinen sozialkritischen, gegen die Ungerechtigkeit der Industrialisierung gerichteten Impulsen, namentlich von Charles Dickens und William Makepeace Thackeray.

Im Bereich der Novelle setzten die Autoren des Realismus zumeist auf Geschichten, die in eine Rahmenhandlung eingebettet waren, um größere Distanz zu erreichen. Beispielgebend hierfür ist Gottfried Kellers Erzählsammlung Die Leute von Seldwyla (1856, erweitert 1874), die die gesellschaftlichen Bedingungen des Lebens in einer schweizerischen Kleinstadt schildert und den demokratischen Geist ihres Autors widerspiegelt. In dieser Sammlung enthalten sind auch die humorvolle Erzählung Die drei gerechten Kammacher und die tragische, teils symbolisch überhöhte Liebesgeschichte Romeo und Julia auf dem Dorfe. Eine detaillierte Schilderung aus dem Handwerkermilieu im Stil des von ihm proklamierten poetischen Realismus lieferte Otto Ludwig mit seiner Erzählung Zwischen Himmel und Erde (1856). Hier wird die Welt des kleinen Bürgertums – wie auch in vielen anderen Romanen und Erzählungen des Realismus – zur bloßen Kulisse, vor der sich auch sittliche Konflikte und seelische Spannungen einzelner Figuren psychologisch schildern lassen. Der Forderung der Verklärung gemäß endet Zwischen Himmel und Erde als „Ausmalung der Stimmung und Beleuchtung des Gewöhnlichsten” im Idyll. Conrad Ferdinand Meyer schuf neben dem Roman Georg Jenatsch (1874) eine Reihe meisterhafter Novellen, die häufig historische Gestalten und Ereignisse in den Handlungsverlauf integrieren, u. a. in Das Amulett (1873), Der Heilige (1879), Gustav Adolfs Page (1882), Die Hochzeit des Mönchs (1884) und Die Versuchung des Pescara (1887).

Geschickt mit dem Kontrast von Rahmen- und Binnenhandlung spielte Theodor Storm in seiner berühmtesten Novelle Der Schimmelreiter (1888), in der er die Wiedergängersage vom „gespenstigen Reiter” von der Region ihrer Herkunft, dem Weichselgebiet, in die eigene Heimat verlegte. Die tragische Erzählung um das Scheitern des ehrgeizigen jungen Deichgrafen Hauke Haien gegenüber den Naturgewalten, die vor allem durch ihre das Dämonische beschwörende Sprachgewalt besticht, erschien in Storms letztem Lebensjahr. Ziel war es, „eine Deichgespenstsage auf die vier Beine einer Novelle zu stellen, ohne den Charakter des Unheimlichen zu verwischen”, wie Storm an Paul Heyse schrieb. Auch in anderen Spätwerken des Autors sind bereits Tendenzen des Naturalismus erkennbar.

Viele der Erzählungen und Novellen des poetischen Realismus wurden in Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht, wobei den Autoren zugutekam, dass sich das Feuilleton im 19. Jahrhundert immer größerer Beliebtheit erfreute und so die Nachfrage an Erzählstoffen stieg. Hauptorgan für die theoretische Auseinandersetzung mit den realistischen Schreibmodellen war die von Gustav Freytag und Julian Schmidt ab 1848 herausgegebene Zeitschrift Die Grenzboten.

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