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Politisches Theater

Enzyklopädieartikel

Politisches Theater, unscharfe Sammelbezeichnung für Formen des Theaters, deren Hauptziel in der politischen Beeinflussung ihres Publikums besteht. Der Begriff geht auf Erwin Piscators Buch Das politische Theater (1929) zurück, das hauptsächlich unter dem Eindruck der Arbeiterbewegung und des deutschen Arbeitertheaters des 19. Jahrhunderts entstand. Im engeren Sinn bezeichnet er also vor allem Theaterformen seit der Jahrhundertwende. Das politische Theater ist zumeist mit der Vorstellung einer linksgerichteten Position konnotiert; deshalb wird etwa das nationalsozialistische Propagandatheater nicht als politisches Theater bezeichnet (siehe Agitproptheater).

Unter dem Eindruck der Revolution von 1917 erlebte das politische Theater in Russland einen Aufschwung. Zentrum war Moskau. In teils spektakulären Massenszenen wurden historische Ereignisse zur Aufführung gebracht, so etwa der Sturm auf das Winterpalais der Zarenfamilie. Durch diese emotionalisierende Darstellung sollte an die nationalen Gefühle des Betrachters appelliert werden. Später wurde diese Form des eher agitatorischen politischen Theaters u. a. im kommunistischen China (politisches Ballett etc.) populär.

In Russland stand das politische Theater zudem im Dienst der Bolschewiki, die als Minderheitenpartei auf diese Weise die breite Masse für sich zu gewinnen suchten. Die technischen Mittel dieses Theaters waren eher simpel, der literarische Anspruch nicht besonders hoch: Formalästhetische Momente traten hinter den Wunsch einer eindeutigen Botschaft zurück. Ein Beispiel hierfür ist die „lebende Zeitung”, bei der Ereignisse der Tagespresse in satirischer Weise parodiert wurden. 1928 stieg die Zahl der Ensembles für politisches Theater in ganz Russland auf 484 professionelle und 8 000 Amateurgruppen.

Während der zwanziger Jahre entstanden in der Weimarer Republik die politischen Theater Erwin Piscators und Bertolt Brechts, die auf je unterschiedliche Art und Weise verfuhren.

In Opposition zum bürgerlichen Vergnügungstheater gründete Piscator 1920/1921 sein Proletarisches Theater in Berlin. Bei seinem Versuch, direkt auf das politische Tagesgeschehen Einfluss zu nehmen, bezog er aktuelle Dokumente (Reden, Zeitungsmeldungen etc.) in seine Inszenierungen mit ein und nutzte vor allem auch die technischen Möglichkeiten seiner Zeit (Filmprojektionen, Etagen- bzw. Globusbühne etc.). Dabei ging es ihm vornehmlich darum, das Publikum mittels Einfühlung und Identifikation direkt ins Geschehen zu involvieren.

Demgegenüber setzte Bertolt Brecht vor allem auf die intellektuelle Distanz zwischen Schauspieler und Publikum. In seinen Lehrstücken wie auch in seinem ganzen dramatischen Werk wollte er den Betrachter durch geistige Mitarbeit den (marxistischen) Standpunkt selbst finden lassen, wie es dem wissenschaftlichen Zeitalter seiner Meinung nach angemessen war. Dabei vertrat Brecht die Position eines dialektischen Materialismus: Bei seinem epischen Theater sollte der Zuschauerraum zum demokratischen Forum, die Bühne zum Diskussionsraum transzendieren. Brechts Verfahren war das der „narrativen” Form: So bezog er neben Erzählern und kommentierendem Chor auch andere erläuternde Elemente wie Zeitung, Plakat, Song etc. in sein politisches Theater ein.

Nach Brechts Rückkehr aus seinem Exil in den USA gründete er 1949 in Ostdeutschland das Berliner Ensemble. Hier wurden auch Brechts dramatische Meisterwerke Der kaukasische Kreidekreis (1944/1945) und Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui (1941) erstmals gedruckt (1949 bzw. 1957). Außerdem formulierte er seine Theorie des Verfremdungseffekts (V-Effekt), der, wie in Mutter Courage und ihre Kinder (1939), allgemein akzeptierte Grundsätze (etwa „Der Mensch denkt, Gott lenkt”) durch kleine Veränderungen in Frage stellt („Der Mensch denkt: Gott lenkt”). Auch durch dieses Irritationsmoment suchte Brecht den Betrachter zur intellektuellen Arbeit anzuregen.

Im Zuge der Studentenrevolte und dem Protest am Vietnamkrieg erlebte das politische Theater in den sechziger Jahren einen neuen Aufschwung, so etwa in den USA mit dem Living Theatre und mit den Straßentheatern der Studentenbewegung.

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