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Gruppenprozesse

Enzyklopädieartikel

Gruppenprozesse, Verhalten von Menschen als Mitglieder verschiedener sozialer Gruppen, nicht als Einzelpersonen, Untersuchungsgegenstand der Psychologie. Mit Untersuchungen, die in dieser Tradition stehen, sollen Konflikte zwischen Gruppen und die damit verbundenen Phänomene des Vorurteils und der Gewalt erklärt werden. Man hat viele Arten von Konflikten zwischen Gruppen erforscht, u. a. Rassenvorurteile und Sexismus.

Es gibt verschiedene theoretische Ansätze zur Untersuchung der Beziehungen zwischen Gruppen. Eine Auffassung, die noch aus den Anfängen der Sozialpsychologie stammt, besagt, dass Konflikte zwischen Gruppen darauf beruhen, dass Menschen in der ansteckenden Atmosphäre der Masse ihre persönliche Identität verlieren. Der Verlust der persönlichen Steuerungs- und Einflussmöglichkeiten führt zu Aggression und Gewalt. Theodor W. Adorno und Mitarbeiter untersuchten die Auswirkungen der Gesellschaft und der Kultur auf die Neigung zu Vorurteilen bei der autoritären Persönlichkeit. Zu dieser Persönlichkeitsstruktur gehört die Passivität gegenüber Autoritätsfiguren, Konformität gegenüber Regeln und Konventionen, abergläubische und vorurteilsgeprägte Überzeugungen und Aggressionen gegenüber als schwächer Wahrgenommenen.

Muzafer Sherif entwickelte eine Theorie, in der Konflikte zwischen Gruppen nicht durch individuelles Verhalten erklärt, sondern als wirkliche – oder nur gedachte – Interessenkonflikte verstanden werden. In einem Ferienlager für Jungen untersuchte er mit einer Reihe äußerst phantasievoller Rollenspiele Konflikte zwischen Gruppen. Zunächst sollten die Jungen eine Gruppenidentität entwickeln, dann wurde ein Wettkampf ausgetragen. Durch diesen Wettkampf wurden die zuvor kooperativen Gruppen gegeneinander aggressiv. Anschließend versuchten die Forscher mit einer Reihe von Techniken, die Gruppenkonflikte zu vermindern. Beispielsweise führten sie eine dritte Gruppe als gemeinsamen Feind ein, hielten Vorträge und stellten den Gruppen Aufgaben, die sie gemeinsam lösen sollten. Keine dieser Methoden verminderte die Konflikte in großem Ausmaß; allenfalls die Einführung gemeinsamer Ziele konnte sie in gewissem Umfang reduzieren.

Auf der Basis von Sherifs realistischer Konflikttheorie formulierte Henri Tajfel die Theorie der sozialen Identität. Seine wichtigste methodische Neuerung bestand in der Entwicklung einer experimentellen Methode zur systematischen Untersuchung der Bedingungen, die zu einem Konflikt zwischen Gruppen führen. Dabei werden Menschen einer von zwei Gruppen zugeordnet, und zwar angeblich aufgrund einer Sympathiewahl, in Wirklichkeit jedoch durch den Zufall. Sie müssen dann ihrer eigenen und der anderen Gruppe Ressourcen zuteilen. Übereinstimmend zeigte sich in den Untersuchungen eine Voreingenommenheit für die eigene Gruppe, auch wenn nichts anderes bekannt ist, als dass die Menschen, denen Ressourcen zugewiesen werden, verschiedenen Gruppen angehören. Es ist wohl so, dass die Versuchspersonen auch dann eine Gruppenidentität bilden, wenn die Gruppen recht willkürlich zusammengesetzt sind, und dann mit anderen Menschen in Wettstreit treten, nur weil diese einer anderen Gruppe angehören.

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