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Jens Peter Jacobsen

Enzyklopädieartikel

Jens Peter Jacobsen (1847-1885), dänischer Schriftsteller.

Jacobsen stammte aus Jütland, studierte zunächst in Kopenhagen Botanik und verfasste zahlreiche naturwissenschaftliche Beiträge für angesehene Zeitungen. Als überzeugter Anhänger Darwins übersetzte er dessen Hauptwerke The Origin of the Species (1871-1873) und The Descent of Man (1874) ins Dänische und machte seine Lehren in Dänemark populär. Daneben traten früh seine literarischen Interessen zutage: Er stand in enger Verbindung mit dem Kreis um Georg Brandes, der einflussreichsten Persönlichkeit des zeitgenössischen Kopenhagener Kulturlebens, und verfasste selbst Romane, Novellen und Gedichte.

Auf einer Italienreise 1873 erkrankte Jacobsen unheilbar an Tuberkulose, und der Rest seines Lebens war entscheidend geprägt vom Ringen gegen die Krankheit und die Beeinträchtigung seiner Schaffenskraft. Jacobsen orientierte sich in seiner Prosa dezidiert an der naturalistisch-mimetischen Position von Brandes, machte sich aber dessen Forderung nach einer sozialkritischen Funktion der Literatur nicht zu eigen. So gelten zwar seine Novellensammlung Mogens (1872) und der Roman Fru Marie Grubbe (1876, Frau Marie Grubbe) zu Recht als frühe Zeugnisse des dänischen Naturalismus, charakteristisch für Jacobsens Erzählkunst wie für seine Lyrik wurde indessen seine Fähigkeit, in nuancenreichen, subtilen Bildern seelische Zustände und Naturphänomene zu schildern. Frau Marie Grubbe thematisiert in Form einer detaillierten psychologischen Studie die problematische Identitätsfindung einer Frau des gehobenen Bürgertums. Während hier die Auseinandersetzung der Protagonistin mit den Verhaltensnormen und den moralischen Konventionen ihrer Zeit und ihrer Gesellschaftsschicht im Vordergrund steht, tritt der historisch-soziale Kontext in Jacobsens zweitem Roman Niels Lyhne (1880) in den Hintergrund. Ursprünglich als exemplarische Biographie eines Atheisten konzipiert, trug das fertige Werk Züge eines darwinistisch gefärbten Entwicklungsromans. Das zentrale Problem des – hierin auch erblich belasteten – Titelhelden ist seine zwiespältige, fragile seelische Disposition und seine übermächtige Phantasie. Die aus dieser Konstellation erwachsende Unfähigkeit, Traum und Realität zu versöhnen bzw. der Wirklichkeit des Lebens habhaft zu werden, mündet nach vielerlei fruchtlosen Versuchen und Enttäuschungen in einen resignativ-passiven Individualismus. Der Tod auf dem Schlachtfeld als Kriegsfreiwilliger mutet als letztlich konsequenter Beschluss eines gescheiterten Lebensplanes an. Die vergebliche Sinn- und Glückssuche des Niels Lyhne und die poetischen Mittel der Darstellung fanden in Skandinavien zunächst ein geteiltes Echo. Während die Brüder Brandes den Roman ablehnten, äußerten Henrik Ibsen und Alexander Kielland enthusiastische Zustimmung. Von allen Werken Jacobsens, der auch meisterhafte Novellen schuf (Pesten i Bergamo, 1882; Die Pest in Bergamo), hat Niels Lhyne am nachhaltigsten auf die Literatur der Zeit gewirkt. Vor allem in Deutschland zeigten sich Thomas Mann und Rainer Maria Rilke beeindruckt von Jacobsens fein geschliffener Prosa. So ist in Rilkes Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge (1910), dem Roman einer verzweifelten Ichsuche, (neben dem Gedankengut Kierkegaards) Jacobsens Erzählton als Vorbild durchweg spürbar. Jacobsen hat wie wenige Schriftsteller seiner Epoche künstlerisch und geistig Einfluss auf die europäische Literatur genommen. Sein Liederzyklus Gurresange (posthum 1886, Gurrelieder) wurde von Arnold Schönberg vertont.

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