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Windows Live® Suchergebnisse Soziale RolleEnzyklopädieartikel
Artikelgliederung
Einleitung; Persönliche Rolle und soziale Rollen; Rollenkonflikte; Rollendistanz und Rollenkonformität
Soziale Rolle, an den Inhaber einer sozialen Position herangetragene Erwartungen bezüglich seines Verhaltens. Rollentheorien fassen die Gesellschaft häufig als Gefüge von sozialen Positionen und Rollen auf; insgesamt ist der Rollenbegriff in der Soziologie weit verbreitet. Die erste wissenschaftlich fundierte Rollentheorie wurde in den dreißiger Jahren von dem amerikanischen Psychiater Jacob Levy Moreno und dem Anthropologen Ralph Linton entwickelt. Der deutsche Soziologe Ralf Dahrendorf etablierte Anfang der fünfziger Jahre den Rollenbegriff in der europäischen soziologischen Forschung, wobei er in der Rolle eine Einschränkung der persönlichen Freiheitsverwirklichung sah.
Der soziologische Begriff der Rolle wurde aus dem Theaterwesen übernommen: Ein guter Schauspieler bringt einen Teil seiner Persönlichkeit in die Darstellung einer Rolle ein, ohne sich dabei als Person aufzugeben oder gar darin zu verlieren; nach der Vorstellung ist er wieder „er selbst”. Das Stück schreibt vor, wie er in der Rolle zu handeln hat und wie die anderen handeln werden; gegenseitige Erwartungen werden nicht enttäuscht, denn das Handeln ist geregelt. Man unterscheidet dementsprechend zwischen der persönlichen Rolle und der sozialen Rolle. Die persönliche Rolle wird vom Individuum den anderen gegenüber so weit wie möglich selbst bestimmt und unterliegt keinen Rollenregeln, sondern zeigt den anderen das, was für seine Persönlichkeit „typisch” ist. Die soziale Rolle ist sehr viel stärker von Umständen bestimmt, die der Einzelne nicht beeinflussen oder willkürlich bzw. frei gestalten kann; sie wird von den – ausgesprochenen oder unausgesprochenen – Regeln einer Gruppe, einer Organisation oder „der Gesellschaft” festgelegt und ist mit besonderen Rollenerwartungen verknüpft. Vom Träger einer sozialen Rolle wird verlangt, dass er diese Rollenerwartungen unbedingt erfüllt; tut er dies nicht, sinken sein Ansehen und Prestige, und er wird durch das Verhalten der Menschen seiner Umgebung zu einem der Rolle entsprechenden Verhalten gedrängt. Die Rolle ist ein Satz von Verhaltensverpflichtungen und -weisen, die vom Rollenträger erwartet werden; diese Erwartungen richten sich nach den gesellschaftlichen Vorstellungen, die an eine bestimmte soziale Position gebunden sind – entweder in der Gesamtgesellschaft (Vater, Lehrer, Freund), innerhalb einer Organisation (Abteilungsleiter, Hauptgefreiter, Gewerkschaftssekretär) oder in einem anderen sozialen Rahmen (Autofahrer, Fußgänger, Polizist). Ralf Dahrendorf definierte die Rolle durch drei Merkmale: Sie ist vom jeweiligen Träger abhebbar, d. h., sie existiert weiter, auch wenn der Rollenträger nicht mehr anwesend ist; ihr Inhalt wird von „der Gesellschaft” bestimmt und nicht vom einzelnen Rollenträger, und die Erfüllung der Rollennormen wird überwacht und notfalls mit Strafen (Ermahnung, Abmahnung, Disziplinarstrafe, Ausschluss) erzwungen. Jeder Mensch ist im Verlauf seines Lebens Inhaber einer Vielzahl verschiedener, oftmals auch widersprüchlicher Rollen. Ein Teil der Rollen ist biologisch oder kulturell vorgegeben: die Zugehörigkeit zu Geschlecht, Nation, Sprachgruppe oder Religion; häufig sind die Rollenzuschreibungen zu derartigen Positionen traditionell gestaltet: Männer- und Frauenrolle, Vater-, Mutter-, Kindrolle. Die ersten Grundlagen für eine Rolle werden während der Sozialisation gelegt; das rollenadäquate Verhalten wird vom Elternhaus und von der Schule vermittelt. Die Primär- bzw. Fundamentalrolle eines Menschen wird bestimmt von seinem Geschlecht, vom Alter, von der Zugehörigkeit zu bestimmten sozialen Gruppen oder Schichten. Darüber hinaus wird eine Sekundär- bzw. Peripherrolle erworben: die Schüler- und Studentenrolle sowie später die Berufs- und Freizeitrolle.
Nahezu jede Rolle beinhaltet unterschiedliche Beziehungen zu Personen und damit verbundene Verhaltenserwartungen, so genannte Rollensegmente; so zeigen sich für die Rolle des Lehrers z. B. die Beziehungsausschnitte Lehrer–Schüler, Lehrer–Eltern, Lehrer–Direktor, Lehrer–Lehrerkollegen, die leicht miteinander in Konflikt geraten können. Solche Rollenkonflikte, die einen Rolleninhaber zu einem Zeitpunkt mit zu vielen Rollenanforderungen oder inhaltlich sich widersprechenden Rollenerwartungen konfrontieren, lassen ihn unter Rollendruck geraten, der meist Rollenstress auslöst. Ein so genannter Inter-Rollen-Konflikt tritt dadurch auf, dass eine Person in einer bestimmten Situation mehrere Rollen zu spielen hat und sich diese durch ihre unterschiedlichen Anforderungen und Erwartungen widersprechen. Ein Lehrer, der beispielsweise das Kind eines engen Freundes oder seines Schuldirektors in seiner Klasse hat, der auch diesem Kind gegenüber objektiv bleiben muss und sich von seinen Abhängigkeiten nicht korrumpieren lassen darf, gerät möglicherweise in Konflikte. Auch aus der Rolle selbst können Konflikte entstehen, z. B. in der Berufsrolle durch die unterschiedlichen Erwartungen von Vorgesetzten und Untergebenen. Dieser so genannte Intra-Rollen-Konflikt ist zwangsläufig mit einer Rolle verbunden, deren Rollensegmente sich widersprechen: Ein Lehrer soll in seinem Unterricht eine bestimmte Stoffmenge in einer bestimmten Zeit vermitteln, gleichzeitig sensibel für die schulischen Probleme seiner Schüler sein, einfühlsam für ihre außerschulischen Probleme, in seiner Leistungserwartung fest, in seiner Notengebung konsequent und jederzeit souverän und beherrscht. Intra-Sender-Konflikte treten auf, wenn der Rollensender (derjenige, der die Rollenerwartungen festlegt; z. B. der Vorgesetzte oder der Gesangsverein) an den Rollenträger unvereinbare Anforderungen stellt; Inter-Sender-Konflikte entstehen, wenn der Rollenträger die widersprüchlichen Erwartungen mehrerer Rollensender erfüllen soll; ein Person-Rolle-Konflikt besteht darin, dass ein Rolleninhaber Charaktereigenschaften besitzt, die ihn für eine bestimmte Rolle schwer tauglich machen, so dass er diese Charaktereigenschaften unterdrücken muss. Gerade die moderne Industriegesellschaft zwingt den Einzelnen, unterschiedliche Rollen in den vielfältigsten Situationen anzunehmen, und veranlasst ihn, sich von der jeweiligen Rolle immer wieder zu distanzieren, um sich mit einer neuen Rolle zu identifizieren und die damit einhergehenden Rollenkonflikte bzw. -widersprüche verarbeiten zu können.
Der individuelle Handlungsspielraum eines Menschen ist umso größer, je geringer seine Identifikation mit (der traditionellen Ausfüllung) einer Rolle ist und je leichter er sich von seiner Rolle zu distanzieren versteht. In dieser Rollendistanz – Erving Goffman hat sich ihr intensiv gewidmet – findet sich daher nicht nur die Fähigkeit, eine Rolle selbstbewusst zu gestalten, autoritäres Verhalten, bei dem man sich hinter seiner Rolle versteckt, zu vermeiden und neue Handlungsspielräume zu schaffen, sondern auch die Voraussetzung für die Veränderung herkömmlicher Strukturen und die „Revolutionierung” von Rollenbildern und -vorgaben (z. B. neue Geschlechterrollen, Väterbilder). Eine solche Rollendistanzierung setzt allerdings die möglichst umfassende Beherrschung der Rolle, also Rollenkompetenz voraus. Zweifellos findet sich in der sozialen Realität überall und weit verbreitet ein teilweise blindgläubig akzeptiertes Rollenverhalten, das bis hin zur Rollenkonformität, zur Rollenverhaftung und zur kritiklosen Anpassung reicht, insbesondere innerhalb von Organisationen, in stark strukturierten Sozialgefügen und in „außengeleiteten Gesellschaften” (siehe David Riesman), vor allem wenn sie entweder traditionell-autoritär oder von Massenmedien gesteuert sind. Dass viele Menschen dies zum Teil sogar befürworten, führen manche Soziologen, z. B. in der Nachfolge von Arnold Gehlen, auf die Entlastung zurück, die institutionalisierte Rollen für die Entscheidungsfähigkeit der Einzelnen darstellen. Eben dies ist für andere Soziologen Gegenstand der Kritik: Gerade die Reduktion menschlichen Verhaltens auf die Befolgung von Rollenerwartungen, wie sie manche soziologischen Theorien vollzögen, lasse den Menschen als leicht zu steuernde „Maschine” erscheinen, die Fragen nach der Berechtigung von Normen und Werten erst gar nicht stelle. Kritisiert wird von anderen Soziologen der Rollenbegriff auch hinsichtlich einer reinen Oberflächenbeschreibung gesellschaftlicher Beziehungsgeflechte und Zustände, da diese keine Aussagen über die Herrschaftsformen und Machtstrukturen mache.
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