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Pier Paolo Pasolini (1922-1975), italienischer Filmregisseur, Drehbuchautor und Schriftsteller. Unter dem Einfluss des Neorealismus avancierte er zu einem der wichtigsten Regisseure des italienischen Films, und mit seinen gesellschaftskritischen Arbeiten etablierte er sich als einer der einflussreichsten Intellektuellen im Italien der Nachkriegszeit. Pasolini wurde am 5. März 1922 als Sohn eines Offiziers in Bologna geboren, wo er Literaturwissenschaften, Romanistik und Kunstgeschichte studierte. Nach einer kurzen Tätigkeit als Lehrer schlug er die journalistische Laufbahn ein. 1950 übersiedelte er nach Rom, wo er zum Kreis um den marxistischen Denker Antonio Gramsci stieß. Pasolinis in der Folge entstandene Gedichte, Essays und Erzählungen standen im Zeichen politischer Hoffnungen auf einen tief greifenden Umbruch der Gesellschaft. Bereits dort ist aber auch latent eine Skepsis erkennbar, die später in eine pessimistische Grundhaltung umschlagen sollte. Seinen ersten Roman Ragazzi di vita veröffentlichte er 1955, sein zweiter, Una vita violenta, erschien 1959. Die Protagonisten beider Werke sind Jugendliche aus dem Subproletariat. Pasolini war bereits ein anerkannter Schriftsteller, als er sich als Drehbuchautor für Mario Soldatis La donna del fiume (1954; Die Frau vom Fluß, mit Sophia Loren) dem Film zuwandte. Nach weiteren Drehbucharbeiten, u. a. für Federico Fellinis Le notti di Cabiria (1957; Die Nächte der Cabiria) und Mauro Bologninis La notte brava (1959; Wir von der Straße) gab er Anfang der sechziger Jahre sein Regiedebüt: Accatone (1961; Accatone – Wer nie sein Brot mit Tränen aß) erzählt, beeinflusst vom Neorealismus, mit naturalistischer Genauigkeit und Sinnlichkeit die Geschichte eines jungen Mannes aus dem Proletariat, der in einem Armenviertel Roms als Zuhälter aktiv ist und auf der Flucht vor der Polizei tödlich verunglückt. Mamma Roma (1962) ist ein Film über eine Prostituierte (verkörpert von Anna Magnani), die verzweifelt versucht, ihrem Sohn zum sozialen Aufstieg zu verhelfen. Seinen radikalen Standpunkt in religiösen und sozialen Fragen zeigte Pasolini in Il vangelo secondo Matteo (1964; Das 1. Evangelium Matthäus), eine genaue Verfilmung des Matthäusevangeliums, das wegen einiger als anstößig empfundener Szenen bei Kirchenvertretern in die Kritik geriet. Uccellacci e uccellini (1966; Große Vögel, kleine Vögel) ist die witzig-hintergründige Geschichte über zwei Brüder, die einem sprechenden Raben begegnen, der sie in philosophische Debatten verwickelt. In den späteren Filmen entwickelte Pasolini seinen typischen, zugleich intellektuellen und leidenschaftlichen Gestus, wie er in Teorema (1968; Teorema – Geometrie der Liebe) und Porcile (1969; Der Schweinestall) zutage trat. Mit Edipo re (1967; Edipo re – Bett der Gewalt) und Medea (1970) gelangen ihm ungewöhnliche Adaptionen klassischer Stoffe von großer visueller Kraft. Ungewohnt heiter fiel seine Interpretation des Decamerone (1971) von Giovanni Boccaccio aus, die ebenso wie I raconti di Canterbury (1971; Pasolinis tolldreiste Geschichten, nach Geoffrey Chaucer) und Il fiore delle mille e una notta (1974; Erotische Geschichten aus 1001 Nacht) zu der Trilogie des Lebens gehören. In diesen drei Werken feiert Pasolini die anarchische Kraft der Sexualität. In seinem letzten und provokantesten Film, Salò o le 120 giornate di Sodoma (1975; Die 120 Tage von Sodom), verband er die literarische Vorlage des Marquis de Sade mit Dante Alighieris Inferno und dem historischen Kontext der 1943 gegründeten Republik von Salò, dem letzten Rückzugsgebiet der faschistischen italienischen Regierung unter Mussolini. Der Film über Faschismus, Sexualität und Gewalt zeichnet ein düsteres Bild menschlicher Verhaltensweisen und sozialer Machtmechanismen und bildet insofern die Summe aus der zunehmend hoffnungsloseren Weltsicht des Regisseurs. Das tabuverletzende Werk wurde in vielen Ländern verboten; auch in Deutschland stand es einige Jahre auf dem Index. Mit seinem nonkonformistischen Œuvre, das katholisches und kommunistisches Gedankengut verarbeitet, zählt Pasolini zu den herausragenden Vertretern des italienischen Films und mit seiner Ablehnung der modernen Konsumgesellschaft zu den bedeutendsten Kulturkritikern Italiens. Pier Paolo Pasolini, der aus seiner Homosexualität keinen Hehl machte, wurde am 2. November 1975 in Ostia unter bis heute ungeklärten Umständen von einem Strichjungen ermordet. Pasolinis umfangreicher, unvollendeter Roman Petrolio wurde 1992 aus dem Nachlass herausgegeben und erschien 1994 auch in deutscher Sprache. Fast 30 Jahre nach Pasolinis Tod wurden im Mai 2005 die Ermittlungen zur Klärung des Mordfalles wieder aufgenommen, nachdem neue Zeugenaussagen laut geworden waren und der als Täter verurteilte Pino Pelosi sein Geständnis widerrufen hatte. Dadurch wurden bereits früher aufgetauchte Spekulationen genährt, der gewaltsame Tod des gesellschaftskritischen Filmemachers habe politische Hintergründe gehabt.
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