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Deutscher FilmEnzyklopädieartikel
Artikelgliederung
Einleitung; Stummfilm; Früher Tonfilm; Nachkriegsfilm und fünfziger Jahre; Neuer deutscher Film; Achtziger und neunziger Jahre; Jüngste Entwicklungen
Die Trends des Unterhaltungsfilms der fünfziger Jahre wurden in den sechziger Jahren fortgesetzt. Neben Schlagerfilmen entstand eine ganze Reihe von Edgar-Wallace- und Karl-May-Verfilmungen. Als Reaktion darauf traten junge Filmemacher auf den Plan, die eine neue Filmästhetik entwickelten und mit ambitionierten Werken dem bestehenden kommerziellen Film den Kampf ansagten. Vorrangig zur Förderung von Nachwuchsregisseuren wurde 1965 das „Kuratorium Junger Deutscher Film” gegründet, und 1966 trat die „Oberhausener Gruppe” mit dem Slogan „Opas Kino ist tot!” und eigenen Werken an die Öffentlichkeit, die ihre Auffassung eines zeitgemäßen Films repräsentierten: Alexander Kluges Abschied von gestern (1966), Ulrich Schamonis Es (1966) und Volker Schlöndorffs Musil-Verfilmung Der junge Törless (1966). Die weitere Entwicklung dieser Regisseursgeneration stand weitgehend im Zeichen der gesellschaftskritischen Studentenbewegung und der damit einhergehenden Politisierung der Kunst. Besonders deutlich wurde dieser Zusammenhang nochmals 1977 in dem Film Deutschland im Herbst, einer Koproduktion von Fassbinder, Kluge und anderen, die sich mit der aktuellen Problematik des RAF-Terrorismus und des politischen Klimas in der Bundesrepublik auseinandersetzte. Zugleich demonstrierte auch dieser Film die individuellen Ausprägungen des jungen deutschen Films. Kluge zeichnete sich durch einen sperrig-intellektuellen Gestus und prägnante politische Stellungnahmen aus (Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos, 1968; Gelegenheitsarbeit einer Sklavin, 1973). Werner Herzog tendierte dagegen zu introvertierten psychologischen Studien, wie seiner feinfühligen Annäherung an die Welt der Taubblinden, Land des Schweigens und der Dunkelheit (1971) und dem Kaspar-Hauser-Porträt Jeder für sich und Gott gegen alle (1974). Große Beachtung fand sein Remake von Murnaus Nosferatu (1978) mit Klaus Kinski in der Hauptrolle. Ebenfalls mit Kinski drehte Herzog die exotischen Abenteuerfilme Aguirre, der Zorn Gottes (1972) und Fitzcarraldo (1981) sowie die Büchner-Verfilmung Woyzeck (1979). Der vielleicht bedeutendste, auch produktivste Regisseur des Neuen deutschen Films ist Rainer Werner Fassbinder. Er realisierte die meisten seiner Filme mit Schauspielern des von ihm gegründeten „antitheaters” (u. a. Hanna Schygulla und Irm Hermann). Häufig stehen Frauenschicksale im Mittelpunkt, so in Die bitteren Tränen der Petra von Kant (1972), Martha (1973), Angst essen Seele auf (1974) oder Die Sehnsucht der Veronika Voss (1982). Mehrfach thematisierte er auch die jüngere deutsche Geschichte (Die Ehe der Maria Braun, 1978; Lili Marleen, 1980; Lola, 1981) und machte durch eigenwillige Literaturverfilmungen auf sich aufmerksam, so mit Fontane Briest (1974), vor allem aber mit der 13-teiligen Fernsehserie Berlin Alexanderplatz nach dem Roman von Alfred Döblin (1980). Zu den Mitbegründern des „Filmverlags der Autoren” zählte neben Fassbinder auch Wim Wenders. Wenders zeigt sich von jeher fasziniert vom Mythos USA und dem amerikanischen Film, dessen Muster er mit unverwechselbarer persönlicher Handschrift reflektiert, wie in den Roadmovies Im Lauf der Zeit (1975) und Paris, Texas (1984) oder dem Psychothriller Der amerikanische Freund (1976). Des Öfteren stehen auch die Konditionen des Filmschaffens selber im Mittelpunkt (Nick’s Film – Lightning over water, 1980; Der Stand der Dinge, 1982; Lisbon Story, 1995). Mit Werner Schroeter trat Ende der sechziger Jahre ein interessanter Vertreter des Avantgarde-Films auf den Plan. Schroeter begann 1968 mit kürzeren 8- bzw. 16-Millimeter-Filmen, 1969 entstand mit Eika Katappa der erste längere Film. Die Filme der frühen und mittleren Phase (in der Hauptrolle meist Magdalena Montezuma) setzen sich zusammen aus melodramatischen Bruchstücken, die mit Opern- oder Schlagermusik unterlegt sind, z. B. Der Tod der Maria Malibran (1971), Willow Springs (1973) und Der schwarze Engel (1974). Später entstanden auch Spielfilme traditionellerer Machart wie Neapolitanische Geschwister (1978) und Palermo oder Wolfsburg (1980). Weitere wichtige Vertreter des Neuen deutschen Films sind u. a.: May Spils (Zur Sache Schätzchen, 1967; Nicht fummeln, Liebling, 1969; Wehe, wenn Schwarzenbeck kommt, 1977), Hans Jürgen Syberberg (Ludwig – Requiem für einen jungfräulichen König, 1972; Karl May, 1974; Hitler, ein Film aus Deutschland, 1976), Robert van Ackeren (Blondie’s Number One, 1971; Harlis, 1972; Der letzte Schrei, 1975), Reinhard Hauff (Die Verrohung des Franz Blum, 1974; Messer im Kopf, 1978), Bernhard Sinkel und Alf Brustellin (Lina Braake, 1974; Berlinger, 1975; Der Mädchenkrieg, 1977), Margarete von Trotta (Das zweite Erwachen der Christa Klages, 1977; Die bleierne Zeit, 1981), Hark Bohm (Tschetan, der Indianerjunge, 1972; Nordsee ist Mordsee, 1975; Moritz, lieber Moritz, 1977), Niklaus Schilling (Nachtschatten, 1971; Die Vertreibung aus dem Paradies, 1976; Rheingold, 1977), Rudolf Thome (Rote Sonne, 1969; Detektive, 1969; Berlin Chamissoplatz, 1980) und Edgar Reitz (Stunde Null, 1976; Der Schneider von Ulm, 1978).
In den achtziger Jahren verlor der deutsche Film durch Fassbinders frühen Tod (1982) seinen profiliertesten und produktivsten Regisseur, und insgesamt schwand der Einfluss des Autorenfilms zugunsten aufwendiger, auf den internationalen Markt zugeschnittener Produktionen, wie Das Boot (1981) oder Die unendliche Geschichte (1984) von Wolfgang Petersen. Wenders ist einer der wenigen seiner Generation, der mit intelligenten, poetischen Werken noch ein nennenswertes Echo erzielt (Der Himmel über Berlin, 1988; Bis ans Ende der Welt, 1991; In weiter Ferne, so nah!, 1993). Weltweites Renommee genießt der deutsche Kameramann Michael Ballhaus, der bei vielen Fassbinder-Filmen die Kamera führte. Seine Virtuosität verleiht bedeutenden internationalen Produktionen das ästhetische Profil; so arbeitete er intensiv mit Martin Scorsese, aber auch mit weiteren namhaften Regisseuren wie Paul Newman, Francis Ford Coppola und Robert Redford zusammen. Auf ansprechendem Niveau bewegt sich seit der zweiten Hälfte der achtziger Jahre wieder die deutsche Filmkomödie. Den Beginn machte Doris Dörries Kassenschlager Männer (1985). An diesen Erfolg konnte sie mit weiteren Filmen anknüpfen (Keiner liebt mich, 1995) und bekam Konkurrenz u. a. von Dani Levy (RobbyKallePaul, 1989), Detlev Buck (Karniggels, 1991; Männerpension, 1996), Helmut Dietl (Schtonk, 1991; Rossini oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief, 1996) und Sönke Wortmann (Kleine Haie, 1992; Der bewegte Mann, 1994). Dieser Komödienboom brachte eine Reihe junger deutscher Filmstars hervor, die seitdem das deutsche Kino prägen, so Katja Riemann, Til Schweiger, Joachim Król, Jürgen Vogel, die Geschwister Meret und Ben Becker, Veronica Ferres, Maria Schrader und Heike Makatsch. Neben den an den Kinokassen erfolgreichen Komödien konnten sich nur wenige Regisseure mit Filmen aus anderen Genres durchsetzen. Große Aufmerksamkeit erhielten Joseph Vilsmaier, der nach dem Heimatfilm Herbstmilch (1989) mit aufwendigen Ausstattungsfilmen wie der Robert-Schneider-Verfilmung Schlafes Bruder (1995) und Comedian Harmonists (1997) hervortrat, sowie Romuald Karmakar, der seit dem eindringlichen Kammerspiel Der Totmacher (1995, mit Götz George) zu den renommiertesten deutschen Regisseuren zählt.
1998 setzte Tom Tykwer, der im Jahr zuvor mit dem Liebesdrama Winterschläfer bereits große Aufmerksamkeit erregt hatte, mit seinem mehrfach ausgezeichneten Film Lola rennt (mit Franka Potente und Moritz Bleibtreu in den Hauptrollen), in dem eine Geschichte durch einen kleinen Zufall drei unterschiedliche Wendungen nimmt, durch schnelles Erzähltempo und kluge Regieeinfälle neue Impulse. In der Folge traten einige viel versprechende Talente einer jüngeren Generation deutscher Regisseure hervor, die auch abseits von Mainstreamkomödien beachtliche Werke vorlegten, u. a. Hans-Christian Schmid, Andreas Dresen, Oskar Roehler, Christian Petzold und Oliver Hirschbiegel: Schmid machte mit seinen präzise und einfühlsam inszenierten Filmen 23 – Nichts ist so, wie es scheint (1999), Crazy (2000), Lichter (2003) und Requiem (2006) auf sich aufmerksam. Dresen erhielt für seine semidokumentarischen Arbeiten Nachtgestalten (1998), Die Polizistin (2000) und Halbe Treppe (2001) große Anerkennung. Roehler schuf mit Die Unberührbare (2000) ein eindrucksvolles Psychogramm seiner Mutter, der Schriftstellerin Gisela Elsner, und hatte anschließend mit der Michel-Houellebecq-Verfilmung Elementarteilchen (2005) großen Erfolg. Petzold erhielt großes Lob für einige hochkarätige Fernsehfilme sowie seine beiden ersten Kinoproduktionen Die innere Sicherheit (2001) und Gespenster (2005). Kontrovers diskutiert wurden Hirschbiegels verstörendes Psychodrama Das Experiment (2001) und sein Kammerspiel über die letzten Tage Adolf Hitlers im Führerbunker Der Untergang (2004, mit Bruno Ganz als Hitler). Der an den Kinokassen erfolgreichste deutsche Film seit den neunziger Jahren war die Karl-May-Persiflage Der Schuh des Manitu (2002) von und mit Michael „Bully” Herbig. Großen internationalen Erfolg hatte indes die Regisseurin Caroline Link, die bereits Mitte der neunziger Jahre mit Jenseits der Stille (1996) Aufmerksamkeit erregt hatte und für ihren Emigrantenfilm Nirgendwo in Afrika (2002) mit einem Oscar für den besten ausländischen Film ausgezeichnet wurde. Weitere herausragende deutsche Filme seit der Jahrtausendwende sind Sandra Nettelbecks Bella Martha (2002), Fatih Akins Gegen die Wand (2003), Stefan Krohmers Sie haben Knut (2003), Wolfgang Beckers Good Bye, Lenin! (2003), Marc Rothemunds Sophie Scholl – Die letzten Tage (2004), Hans Weingartners Die fetten Jahre sind vorbei (2004), Hans Steinbichlers Winterreise (2006) und Florian Henckel von Donnersmarcks Stasi-Drama Das Leben der Anderen (2006), das einen Oscar als bester ausländischer Film erhielt. Zu den Jungstars des deutschen Gegenwartsfilms zählen u. a. August Diehl, Robert Stadlober, Daniel Brühl, Jessica Schwarz, Alexandra Maria Lara und Julia Jentsch.
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