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Windows Live® Suchergebnisse GespenstergeschichteEnzyklopädieartikel
Gespenstergeschichte, Sonderform der unheimlichen Geschichte, in der die Geister Verstorbener oder vergleichbare übernatürliche Wesen auftreten, meist in der Absicht, Unheil zu stiften oder sich zu rächen. Das Motiv des Wiedergängers oder Untoten ist seit Anbeginn in der Literatur präsent, ein eigenständiges Genre entwickelte sich jedoch erst im späten 18. Jahrhundert. Zu diesem Zeitpunkt wird auch erst der spezifische Reiz des Gespenstischen erzählerisch entfaltet, während das Auftreten Verstorbener in frühen Texten, wie Homers Odyssee (8. Jh. v. Chr.) oder Lukians Totengesprächen (2. Jh. v. Chr.), gewöhnlich undramatisch verläuft oder rein narrative Funktion besitzt. Einfluss auf Geschehen und Atmosphäre gewinnt es erstmals in den Dramen Shakespeares (Hamlet, 1602; Macbeth, 1606). Das früheste Beispiel einer Gespenstergeschichte moderner Prägung war Daniel Defoes The True Relation of the Apparition of One Mrs. Veal (1706). Zwei Charakteristika dieser Literaturform, die der Detektivgeschichte nahe stehende Handlungslogik und das Reizmittel unheimlicher Schauplätze, wie verfallener Schlösser, verhexter Häuser oder nächtlicher Friedhöfe, entwickelten sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Stilprägend hinsichtlich der Topographie und zahlreicher Gruseleffekte wurde der englische Schauerroman mit Werken wie The Castle of Otranto (1764; Die Burg von Otranto) von Horace Walpole oder The Mysteries of Udolpho (1794; Udolphos Geheimnisse) von Ann Radcliffe. Dieser Traditionsstrang entstand im Rahmen einer okkultistischen Zeitströmung, die eine zweifache Reaktion auf den strikten Rationalismus der Aufklärung darstellte. Zum einen bemühten sich so genannte „aufgeklärte Gespenstergeschichten”, in didaktisch-unterhaltsamer Form übernatürliche Erscheinungen als Sinnestäuschung zu entlarven. Eine entsprechende Absicht trat bisweilen sogar im Titel zutage, wie in Cajetan Tschinks Wundergeschichten samt den Schlüsseln zu ihrer Erklärung (1792). Andererseits nahm die Diskussion um den Realitätsgehalt transzendentaler Phänomene häufig pseudowissenschaftliche Züge an (Heinrich Jung-Stilling: Theorie der Geisterkunde, 1781) oder bewegte sich im Bereich der Trivialphantastik, wie Carl Grosses Geheimbundroman Der Genius (1791-1795), den E. T. A. Hoffmann sehr schätzte. Auch anderweitig gab es aber durchaus Berührungen mit der seriösen Erzählliteratur, wie Friedrich Schillers – auf die Person Cagliostros gemünztes – Romanfragment Der Geisterseher (1786) belegt. Anspruchsvolle Gespenstergeschichten entstanden erst in der Romantik, die das vordergründig-rationalistische Weltbild der Aufklärung ablehnte und stattdessen eine Sensibilisierung für die Vieldeutigkeit und Undurchschaubarkeit der Welt anstrebte. Hierbei geriet auch der reiche Fundus der Volksmärchen und -sagen ins Blickfeld, in dem übernatürliche Erscheinungen zum gängigen Repertoire gehörten. Während die unheimlichen Elemente in den Märchen der Brüder Grimm (1812-1815) noch spärlich vertreten sind (Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen), sammelten Johann August Apel und Friedrich Laun in ihrem Gespensterbuch (1810-1812) ausdrücklich solche Stoffe und brachten sie in literarisch ansprechende Form. So stammt die Vorlage für Carl Maria von Webers Oper Der Freischütz (1821) aus einem dieser Texte. Als Meister der gespenstisch verfremdeten Alltagswelt erwies sich E. T. A. Hoffmann mit seinen Fantasiestücken (1814-1815) und Nachtstücken (1816). Aber auch andere renommierte Autoren der Zeit, wie Ludwig Tieck (Der blonde Eckbert, 1797), Heinrich von Kleist (Das Bettelweib von Locarno, 1811) und Heinrich Heine (Der Doktor Saul Ascher, 1827), schufen Gespenstergeschichten von Rang. Nachdem im Zuge des Realismus das Interesse an diesem Erzählgenre zurücktrat (abgesehen von Ausnahmen wie Jeremias Gotthelfs Novelle Die schwarze Spinne, 1842), erlebte die einschlägige Literatur nach der Jahrhundertwende einen neuen Aufschwung in den Werken von Hans Heinz Ewers (Das Grauen, 1908), Karl Hans Strobl (Das Aderlaßmännchen, 1917) oder Oskar Panizza (Das Wirtshaus zur heiligen Dreifaltigkeit, 1914). Keine andere Literatur ist indessen so reich an Horror- und Gespenstergeschichten wie die englische und amerikanische. Als kongenialer Nachfolger Hoffmanns zeigte sich der Amerikaner Edgar Allan Poe (Ligeia; Berenice; Der Fall des Hauses Usher, 1839), aber auch seine Landsleute Arthur Machen (Die leuchtende Pyramide, 1923) oder Clark Ashton Smith (Genius Loci, 1931) und Howard Philips Lovecraft (The Outsider and Other Stories, 1939), die eine Tradition des exotischen und kosmischen Horrors begründeten, legten ein beachtliches Erzählwerk vor. In England und Irland ist die Anzahl hochkarätiger Autoren dieses Genres kaum überschaubar. Zu den frühesten zählte Sheridan Le Fanu, dessen Sammlung In a Glass Darkly (1872) eine der berühmtesten psychologischen Gespenstergeschichten, Green Tea, enthält. Algernon Blackwood (The Empty House and Other Ghost Stories, 1906) wiederum versah seine Erzählungen mit naturmystischen Akzenten (Die Weiden) und variierte meisterhaft das Motiv des Spukhauses (Die Spuk-Insel, Abenteuer eines Privatsekretärs in New York). Weitere bedeutende englische Autoren waren Montague Rhodes James (A Thin Ghost and Others, 1919) und Walter de la Mare (The Conoisseur and Other Stories, 1926). Berühmte Einzelbeispiele der englischen Gespenstergeschichte sind ferner The Beckoning Fair One (1911) von Oliver Onions, The Monkey’s Paw (1902) von W. W. Jacobs und vor allem The Turn of the Screw (1898) von Henry James, das zugleich als Musterfall der phantastischen Erzählung an sich gilt. Auch Rudyard Kipling verfasste zahlreiche, meist in Indien angesiedelte Horrorgeschichten, in denen Gespenster oder verwandte okkulte Phänomene auftreten (Die Geister-Rikscha, 1855). In Frankreich stand die Entwicklung unter dem Einfluss der deutschen phantastischen Novelle, wie bei Prosper Mérimée (Die Venus von Ille, 1837), Gérard de Nerval (Aurélia, 1855) und Guy de Maupassant (Der Horla, 1886-1887). Dasselbe gilt für die russische Literatur, die eine große Zahl meisterhafter Erzählungen dieses Typs hervorbrachte. Zu Klassikern wurden Aleksandr Puschkins Der Sargmacher (1831) und Pique Dame (1833), aber auch Wladimir Odojewskijs in der Tradition Hoffmanns stehende Russischen Nächte (1844), die Werke Fjodor Sologubs (Totenzauber, 1907-1913) und die unheimlichen Geschichten Iwan Turgenjews (Das Lied der triumphierenden Liebe, 1881) bewegen sich auf hohem literarischen Niveau. Ein modernes russisches Beispiel ist Alexander Grins Der Rattenfänger (1921). Seit Beginn der Filmgeschichte sind Gespenstergeschichten auch auf der Leinwand anzutreffen, allerdings – ebenso wie in der Gegenwartsliteratur – meist in trivialer Form. Eine Ausnahme sind die Werke von Stephen King, von denen viele auch erfolgreich verfilmt wurden.
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