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Windows Live® Suchergebnisse HermeneutikEnzyklopädieartikel
Hermeneutik (von griechisch hermeneuein: deuten, interpretieren), Lehre vom Verstehen, Auslegungskunst. Gegenstand der Hermeneutik, die um 1500 im Zuge des Humanismus entstand, waren zunächst die Texte antiker Autoren, in erster Linie aber der Inhalt der Bibel, dessen Wahrheitsgehalt als konkret und eindeutig galt. Im 16. Jahrhundert versuchten die Theologen deshalb, ein methodisches Regelwerk zu schaffen, das das Auffinden der biblischen Wahrheit und auch das Verständnis klassisch-humanistischer Texte erleichtern und – vor allem – die möglichen Interpretationen solcher Texte auf die eine und einzig wahre Auslegung einschränken sollte. Damit stand diese Auffassung deutlich in Opposition zur Vorstellungswelt des Mittelalters, in der sich der Gedanke eines so genannten vierfachen Schriftsinns der Bibel ausgeformt hatte, auch wenn diese Form der Bibelexegese als eine Vorstufe der humanistischen Hermeneutik betrachtet werden kann. Im 19. Jahrhundert erweiterten Philosophen wie Friedrich Schleiermacher und Wilhelm Dilthey den Horizont der Hermeneutik, indem sie den Leser selbst mit in ihre Betrachtung einbezogen. Hier wurde das Verstehen als ein Vorgang der psychologischen Rekonstruktion begriffen: Im Akt des deutenden Lesens lege, so Schleiermacher, der Rezipient die ursprüngliche Absicht des Autors frei. Interpretation erscheint als Versuch, sich in die Lage des Autors hineinzuversetzen, um den schöpferischen Akt nachzuvollziehen und so den einzig möglichen Sinn des Kunstwerkes aufzudecken. Ziel der Hermeneutik Diltheys war vor allem die Abgrenzung der verstehenden Geisteswissenschaften gegenüber einer rein erklärenden Naturwissenschaft. Unbeachtet hierbei blieb die geschichtliche Situation des Werkes und seines Lesers. Dilthey sprach deshalb vom literarischen Kunstwerk als „Sprachdenkmal” und unterstrich damit, dass der Vorgang des Interpretierens ein geschlossener, vom Rezipienten unabhängiger sei. Im 20. Jahrhundert waren es Edmund Husserl, Martin Heidegger und sein Schüler Hans-Georg Gadamer, die eine Neuorientierung der philosophischen Hermeneutik im Sinn einer eher „offenen” Auslegekunst unternahmen. (Gadamer wurde 1960 mit seinem bis heute für die Hermeneutik maßgeblichen Standardwerk Wahrheit und Methode schlagartig berühmt.) Verstehen ist demnach niemals nur durch das konkret-gegenwärtige Verhältnis des Subjekts zu dem Gegenstand seiner Betrachtung bestimmt, sondern Teil eines wirkungsgeschichtlichen Geschehens, das die historisch wandelbaren Gegebenheiten, den jeweiligen Horizont des Erkenntnisaktes, berücksichtigen muss (Horizonttheorie). Der Bedeutungszusammenhang des zu Deutenden ist als vergangene Wirklichkeit dem Rezipienten nie wirklich zugänglich. Der Interpret und das zu Interpretierende stehen vielmehr in einem gegenseitigen Bedingungsgefüge. Heidegger und Gadamer beschreiben dieses Dilemma als einen „hermeneutischen Zirkel”: Dabei beziehen sie sich auf die Art und Weise, in der – sowohl im Verständnis als auch in der Interpretation – der Teil und das Ganze kreisförmig aufeinander bezogen sind. Um das Ganze zu verstehen, ist es notwendig, die Teile zu verstehen, und umgekehrt. Nur unter dieser Bedingung sind menschliche Erfahrung und Forschung überhaupt möglich. Ausgehend von Heidegger dehnte die Hermeneutik ihren Gegenstandsbereich auf das ganze Spektrum verstehender Erkenntnis aus, indem sie betonte, dass jegliche Form von Wissen letztlich auf Auslegung beruhen müsse. Der französische Philosoph Paul Ricoeur radikalisierte diese Position Heideggers und Gadamers weiter, indem er die Hermeneutik, mit deutlicher Affinität zum Symbolbegriff bei Ernst Cassirer, um Ideen der linguistischen Theorie zu erweitern suchte (Linguistik). Auf diese Weise sollte Verstehen stärker noch als bisher als soziohistorisches und sprachliches Phänomen ausgewiesen werden. Tatsächlich erlangt Ricoeur zufolge das Subjekt einzig dadurch Erkenntnis über sich selbst und die von ihm geschaffene Welt, dass es sich mittels eines kulturell konotierten Zeichenkomplexes gleichsam objektiviert, quasi aus sich heraustritt und innerhalb gesellschaftlicher Gefüge institutionalisieren lässt. Den Versuch einer Verknüpfung hermeneutischer Ansichten mit solchen des Strukturalismus unternimmt seit den siebziger Jahren verstärkt die auf Charles Sanders Peirce sich berufende kulturelle Semiotik Umberto Ecos (siehe Semiotik).
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