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Artikelgliederung
Einleitung; Der indische Stummfilm; Die Ära der Filmstudios; Der indische Film nach der Unabhängigkeit; Neuere Entwicklungen
Indischer Film, Geschichte des Films in Indien. Indien ist mit fast 1 000 Spielfilmen im Jahr, die in zahlreichen Filmstudios hergestellt und in mehr als 13 000 Kinos auf dem Subkontinent gezeigt werden, das produktivste Filmland der Welt. Auch in Ländern mit einem hohen Anteil an indischen Immigranten wie in Großbritannien, den Vereinigten Staaten, in Kanada sowie einigen asiatischen und afrikanischen Ländern gibt es einen Markt für indische Produktionen. Da in Indien 16 Sprachen und mehr als 1 500 Dialekte sowie verschiedene kulturelle Traditionen existieren, bildete sich ein zweigeteiltes Filmwesen heraus mit landesweit verbreiteten, in Hindi gedrehten Filmen einerseits und regional geprägten Filmen in verschiedenen Sprachen andererseits. Zentren des so genannten „All-India-Films” sind die Städte Mumbai, das frühere Bombay, („Bollywood”) und Madras; einer der größten Zweige der regionalen Filmindustrie ist in Kalkutta angesiedelt, wo Filme in Bengali gedreht werden. Das indische Kino ist stark geprägt von einem Starsystem. Neben konventionellen Melodramen mit Gesang und Tanz, die für das indische Kino typisch sind und bis zu 100 Millionen Besucher anziehen, gibt es auch ein gesellschaftskritisches Independent-Kino. Allgemein existierte in Indien, wie auch in anderen Ländern, eine Vielzahl verschiedener „vorfilmischer” Techniken und Kunstformen mit projizierten bewegten Bildern. Eine davon war die „pat” genannte Wandmalerei („Film” heißt auf Hindi chitra-pat), die noch heute landesweit in unterschiedlichen Ausprägungen verbreitet ist. Normalerweise führt dabei ein Geschichtenerzähler beleuchtete Bilder vor, die er kommentiert und mit Musik begleitet (z. B. Pabuji-no-pad aus Rajasthan, Chitrakathi aus Maharashtra oder die bewegten Lederpuppen aus Andhra Pradesh). Ein unmittelbarer Vorläufer der Filmtechnologie war die Laterna magica (Shambarik Kharolika) der Brüder Patwardhan aus dem späten 19. Jahrhundert, die mit teilweise animierten, auf Leinwand projizierten Glasplatten arbeitete.
Die erste Filmvorführung in Indien kam durch Vertreter der Brüder Lumière im Rahmen einer privaten Veranstaltung 1896 in Mumbai zustande. Ab 1898 entstanden dokumentarische Kurzfilme. Wegen der hohen Analphabetenrate und der Exklusivität verschiedener Kunstsparten, die der Aristokratie und den Angehörigen der britischen Kolonialmacht vorbehalten waren, entwickelte sich der Film in kurzer Zeit zu einer wichtigen und erschwinglichen Form der Unterhaltung für ein Massenpublikum. Die indische Filmindustrie entwickelte sich anfangs auf zwei sehr unterschiedlichen Gebieten. Zum einen erweiterten die Vertriebsfirmen für Photographien ihre Angebotspalette um „animierte Photographien” und vermieteten Filmteams für Werbefilme und die Verfilmung bekannter Bühnenstücke. Sogar das Königshaus unterhielt einen eigenen Produktionsstab, der offizielle Ereignisse im Film festhielt. Zum anderen entstand ein Kreis von Amateurregisseuren wie Harishchandra Sakharam Bhatavdekar, die mit Kurzfilmen hervortraten. Der erste Filmemacher annähernd modernen Zuschnitts war Dhundiraj Govind Phalke, der als Vater des indischen Films gilt. Sein Debüt gab er mit Raja Harishchandra (1913), ein Krishna-Film, der das Genre der Heiligenbiographien begründete, wie überhaupt die Religion den Stoff für die Filme dieser Zeit lieferte. 1918 gründete Phalke die Hindustan Cinema Films Company in Nasik, die erste Filmgesellschaft des Landes mit einheimischem Kapital. In Mumbai und Kalkutta wurden in den zwanziger Jahren verschiedene Studios gegründet, von denen die Kohinoor Film Company (gegründet 1918) das bedeutendste war. Ihre Produktivität wurde, wie auch die der anderen einheimischen Gesellschaften (Ranjit, Sharda, Imperial), bis zur Unabhängigkeit Indiens häufig von der politischen Zensur der englischen Kolonialverwaltung behindert. Als herausragendes Werk des indischen Stummfilms gilt Prem Sanyas (1925; Die Leuchte Asiens), eine Filmbiographie Buddhas von dem deutschen Regisseur Franz Osten. Mit Alam Ara (1931) von Ardeshir M. Irani und Shirin Farhad (1931) von J. J. Madan begann die Ära des indischen Tonfilms, zugleich löste sich der indische Film vom Einfluss des Hollywoodkinos.
Als sich der Tonfilm durchsetzte, entstanden neue Filmgesellschaften und Studios. Das bis heute bedeutendste ist das „New Theatre” (gegründet 1931), gefolgt von Bombay Talkies (gegründet 1934) und anderen. Während der großen Zeit der Studioproduktionen entstanden bereits zahlreiche der für Indien typischen umfangreichen Melodramen, die bevorzugt Stoffe der alten, in Sanskrit überlieferten Heldenepen aufgriffen und viele Gesangs- und Tanzeinlagen enthielten. Daneben gab es auch einen Trend zu realistischen Filmen, die soziale Themen aufgriffen und sich teilweise auch zum Sprachrohr der Unabhängigkeitsbewegung machten wie Vanakudre Shantaram mit seinen Arbeiten Amrith Manthan (1932; Opfer), Duniya na mane (1937; Unerwartet), Kunku (1937) und Admi (1939; Das Leben ist für die Lebenden) oder Mehboob Khan mit Aurat (1940; Die Frau) und Roti (1942; Brot). In stilistischer Hinsicht einflussreich wurde Devdas (1935) von Pramatesh Chandra Barua, bei dem realistischer Ausdruck den gestenreichen Stil des Parsee-Theaters ablöste. Weitere Leitfiguren des indischen Films zu dieser Zeit sind Debaki Bose mit Chandidas (1932), Seeta (1934) und Vidyapati (1937), B. N. Reddi mit Swargaseema (1945) und B. R. Panthulu mit School Master (1958). Diese Regisseure schwankten zumeist zwischen einer westlich-urbanen Modernität und neotraditionalistischen Tendenzen. Wichtige Impulse gab auch der deutsche Filmkritiker Willy Haas, der in Berlin den Filmkurier herausgegeben hatte (später Mitherausgeber der Weltbühne) und von 1939 bis 1948 im indischen Exil lebte. In der ersten Hälfte der vierziger Jahre erlebte der indische Film einen Boom, für den stellvertretend der Regisseur Khwaja Ahmad Abbas steht, dessen Filme auch international Beachtung fanden.
Seit der Unabhängigkeit Indiens (1947) beteiligte sich auch die indische Regierung mit nationalistisch geprägten Werken an der Filmproduktion. Sinn dieses Engagements war die Förderung der kulturellen Identität des jungen Staates und der Integration seiner verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Zu Beginn der fünfziger Jahre etablierte sich eine Bewegung unabhängiger Filmschaffender. Ihr prominentester Vertreter war Satyajit Ray, der einzige indische Filmregisseur, dessen Schaffen Weltgeltung erreichte. Seine Apu-Trilogie, bestehend aus Pather Panchali (1955; Auf der Straße), Aparajito (1956; Der Unbesiegbare) und Apus Sansar (1959; Apus Welt), zählt zu den Meisterwerken der Filmgeschichte. Weitere Filmemacher, die internationales Renommee erwarben, sind Bimal Roy mit seinem sozialkritischen, vom Neorealismus beeinflussten Werk Do bigha zamin (1953; Zwei Hektar Land) und Raj Kapoor mit der Satire Shri 420 (1950; Der Prinz von Piplinagar) und Awara (1951; Awara – Der Vagabund von Bombay). Diese hochkarätigen, künstlerisch und sozial engagierten Arbeiten sind jedoch die Ausnahme. Der indische Film wird damals wie heute dominiert durch publikumswirksame, sentimentale Melodramen, die für die überwiegend arme Bevölkerung eskapistische Funktion besitzen und die sich in ihrer Thematik, ihren narrativen Strukturen und ihrer Figurencharakteristik sehr stark ähneln. In den späten sechziger Jahren entstand im Zuge einer regimekritischen sozialen Reformbewegung ein neues indisches Kino, das sich New Cinema Movement nannte und ein gegen den Kommerzfilm gerichtetes Manifest veröffentlichte. Führender Vertreter dieser neuen Richtung war neben Satyajit Ray vor allem Mrinal Sen, der mit seinen politischen Filmen ab 1967 auch international bekannt wurde. Sens wichtigste Arbeiten dieser Ära sind Matira Manisha (1967; Zwei Brüder) über den Zerfall einer Großfamilie, die Komödie Bhuvan Shome (1969), der semidokumentarische Film Interview (1970) und Calcutta 71 (1972; Calcutta 71), der in überzeugender Weise den indischen Alltag mit all seinen Widersprüchen einfängt. Urheber hochkarätiger Arbeiten, die jedoch international kaum bekannt wurden, war Ritwik Ghatak, der mit seinen realistischen, sozialkritischen Flüchtlingsdramen in Indien großes Renommee erwarb, u. a. mit Meghe dhaka tara (1960; Der bewölkte Stern), Subarnarekha (1962; Die goldene Linie), Titas ekti nadir naam (1973; Titas ist der Name eines Flusses) und Jukti tarka gappa (1974; Einsicht, Streit und eine Geschichte). Herausragende Filmemacher der siebziger Jahre sind u. a. Kumar Shahani mit Maya Darpan (1972; Der Spiegel der Illusion), Mani Kauls, der mit Uski Roti (1969) erste formale Experimente wagte, und Ketan Mehta mit seinem vom Volkstheater beeinflussten Film Bhavni Bhavai (1980). Das Leitthema dieser Zeit war das sozialkritische Drama, das politisch häufig kritische Töne anschlug, wie in den Filmen von Shyam Benegal (Ankur, 1973; Tränen auf heißem Sand – Ankur), Girish Karnad (Kaadu, 1973) und anderen. Der amerikanische Regisseur James Ivory beschäftigte sich in Shakespeare-Wallah (1965) und Bombay Talkie (1970; Hollywood in Bombay) mit den Problemen des modernen Indiens.
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