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Italienischer Film

Enzyklopädieartikel
Multimedia
Roberto RosselliniRoberto Rossellini
Artikelgliederung
5

Die fünfziger und sechziger Jahre

Wie schon in den zwanziger Jahren sah sich die italienische Filmindustrie der fünfziger Jahre mit der Konkurrenz Hollywoods konfrontiert. Im Jahr 1955 kam das neue Medium Fernsehen nach Italien. Unter dem zweifachen Druck zur Kommerzialisierung entwickelte der italienische Film ein neues, dem Massengeschmack angenähertes Profil. Es entstanden billig produzierte Komödien und „Sandalen-Filme” (Hercules- und Maciste-Reihe) für den boomenden heimischen Markt. Aus der unüberschaubaren Menge italienischer Familien-, Liebes-, Berufs- und Standeskomödien ragen Filme wie Divorzio all’Italiana (1961; Scheidung auf Italienisch, Regie Pietro Germi), Ieri, Oggi, Domani (1963; Gestern, heute, morgen, Regie Vittorio De Sica) oder Dramma della gelosia (1970; Eifersucht auf Italienisch, Regie Ettore Scola) heraus, auch die Unterhaltungsfilme von Dino Risi, die der Mitwirkung von Publikumslieblingen wie Marcello Mastroianni, Ugo Tognazzi oder Vittorio Gassman ihre zeitlose Wirkung verdanken. Die Einspielergebnisse erreichten in der Mitte der fünfziger Jahre Rekordwerte. Die hervorragend ausgebauten Studios in Cinecittà lockten auch amerikanisches Geld nach Rom, da hier unter technisch guten Bedingungen billiger produziert werden konnte als in den USA. Ein berühmtes Beispiel hierfür sind die epischen Historienspektakel Quo vadis? (1951; Quo vadis?, Regie Mervin LeRoy) und Ben Hur (1959; Ben Hur, Regie William Wyler), doch auch künstlerisch ambitionierte Großprojekte wie Viscontis Romanverfilmung Il gattopardo (1963; Der Leopard, nach Tomasi di Lampedusa) wurden von amerikanischen Filmgesellschaften wie z. B. Twentieth Century Fox realisiert. In den fünfziger Jahren avancierten Sophia Loren, Gina Lollobrigida und Silvana Mangano zu Sexsymbolen und Stars des italienischen Kinos. In der Filmkomödie hatte Alberto Sordi mit Totò einen enormen Erfolg, u. a. mit Guardi e ladri (1951; Räuber und Gendarm).

Luchino Visconti brachte mit Senso (1954; Sehnsucht) den ersten seiner literarisch-historischen „Dekadenz”-Filme heraus, die dann sein Spätwerk dominierten: La caduta degli dei (1968; Die Verdammten), Morte a Venezia (1970; Tod in Venedig, nach Thomas Mann) und Ludwig (1972; Ludwig II.). Daneben war er aber auch Schöpfer verstörend moderner Filme, die häufig von der Zensur verstümmelt wurden wie Sandra (1965; Sandra) oder Lo straniero (1967; Der Fremde, nach Albert Camus).

Der Beginn des neuen Jahrzehnts markiert mit drei bedeutenden Filmen einen Höhepunkt in der jüngeren Filmgeschichte Italiens: Viscontis Sozialdrama Rocco e i suoi fratelli (1960; Rocco und seine Brüder), Fellinis opulentes Sittengemälde La dolce vita (1960; Das süße Leben) und Michelangelo Antonionis „ciné-roman” L’avventura (1960; Die mit der Liebe spielen), der eine filmische Beschreibung der Identitätsproblematik unternimmt. Parallel zum Phänomen der französischen „Nouvelle Vague” trat eine neue Generation von italienischen Regisseuren auf, deren Filme mittlerweile zu den Klassikern der Moderne zählen: Mit seiner Trilogie L’avventura (1960), La notte (1961; Die Nacht) und L’eclisse (1962; Liebe 1962) untersuchte Michelangelo Antonioni die „Krankheit der Gefühle” und provozierte begeisterte Zustimmung und radikale Ablehnung gleichermaßen. Insgesamt fand der italienische Kunstfilm zu dieser Zeit international viel Aufmerksamkeit. Der eigenwilligste Vertreter der neuen Generation war Pier Paolo Pasolini, der häufig soziale Randexistenzen in den Mittelpunkt seiner Filme stellte, z. B. in Accatone (1961; Accatone – Wer nie sein Brot mit Tränen aß) oder in Mamma Roma (1962; Mamma Roma). Mit gesellschaftskritischem Anspruch traten auch Bernardo Bertolucci mit Prima della rivolucione (1964; Vor der Revolution) und Marco Bellocchio mit I pugni in tasca (1965; Mit der Faust in der Tasche) hervor.

In den sechziger Jahren entwickelte sich das Subgenre des Italowesterns, das mit seiner eigentümlichen Ästhetik auf den amerikanischen Wildwestfilm zurückwirkte. Bezeichnend für die italienischen Western sind die desillusionierte Weltsicht und eine ritualisierte, melodramatische Darstellung der Gewalt. Als Meister dieses Filmtyps gilt Sergio Leone mit seiner „Dollar-Trilogie”, Per un pugno di dollari (1964; Für eine Handvoll Dollar), Per qualche dollaro in pìu (1965; Für ein paar Dollar mehr) und Il buono, il brutto il cattivo (1966; Zwei glorreiche Halunken), sowie dem Klassiker C’era una volta il West (1968; Spiel mir das Lied vom Tod). Großen Anteil am Erfolg hatte die Musik von Ennio Morricone, der an allen Leone-Filmen beteiligt war. Ein weiterer prominenter Vertreter dieses Genres war Sergio Corbucci mit Django (1966; Django) und Il grande silenzio (1968; Leichen pflastern seinen Weg).

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Entwicklung seit den siebziger Jahren

Die siebziger Jahren stehen unter dem Vorzeichen der Internationalisierung bei Großproduktionen, z. B. Bernardo Bertolucci mit La dernier tango a Paris (1972; Der letzte Tango in Paris, mit Marlon Brando) und seinem historischen Zweiteiler 1900 (1975/76; 1900) oder Michelangelo Antonioni mit Professione: Reporter (1975; Beruf: Reporter, mit Jack Nicholson). Der „italienischste” unter den großen Meistern der Nachkriegszeit blieb Fellini, dessen Filme stets Italien zum Schauplatz hatten und der seine individuelle Handschrift entwickeln und behalten konnte. Seinen idealen Hauptdarsteller fand er in Marcello Mastroianni, der unter seiner Regie bereits in La dolce vita an der Seite von Anita Ekberg gespielt hatte. Berühmte Filme Fellinis sind Satyricon (1969; Fellinis Satyricon), Fellini – Roma (1971; Fellinis Roma), Amarcord (1973; Amarcord) und Il Casanova di Fellini (1976; Fellinis Casanova). Andere wichtige Vertreter des Autorenfilms dieser Zeit sind Marco Ferreri mit seinen intellektuellen Kultfilmen Dillinger è morto (1968; Dillinger ist tot) oder La grande Abuffata (1973; Das große Fressen); Ferreris Filme schwanken zwischen drastischem Realismus und Metaphorik und drehen sich um die Themen Vitalität, Zerstörung und Tod. Francesco Rosis Meisterwerke Salvatore Giulamo (1960; Wer erschoss Salvatore G.?) und Cadaveri eccelenti (1976; Die Macht und ihr Preis) gelten als die besten der politischen Filme, die sich mit der Problematik des Südens befassen. In den siebziger Jahren traten auch zwei Regisseurinnen hervor, die internationales Renommee erwarben: Liliana Cavani mit Il portiere di notte (1974; Der Nachtportier) und Lina Wertmüller mit Film d’amore e d’anarchia (1973; Liebe und Anarchie).

In den achtziger und neunziger Jahren waren ausschließlich italienische Großproduktionen wie Gianni Amelios sozialkritischer Einwandererfilm Lamerica (1994; Lamerica) die Ausnahme. Bertolucci war als Einziger seiner Generation noch international erfolgreich aktiv und wurde für The Last Emperor (1987; Der letzte Kaiser) mit einem Oscar ausgezeichnet. Mit Stealing Beauty/Io ballo da sola (Gefühl und Verführung, mit Liv Tyler in der Hauptrolle) realisierte Bertolucci 1996 seit vielen Jahren wieder einen Film in Italien. Insgesamt leidet der zeitgenössische italienische Film seit Anfang der achtziger Jahre an einem dramatischen Rückgang der Kinobesucherzahlen. Zum Niedergang der nationalen Filmindustrie tragen auch die Vernachlässigung durch den Staat und der rapide Anstieg der Zahl privater Fernsehsender bei. Seit 1980 wurden 80 Prozent aller italienischen Spielfilme zumindest teilweise von den drei staatlichen RAI-Kanälen oder von Silvio Berlusconis Fininvest-Gruppe finanziert. Die finanziellen Einbußen an den Kinokassen machen es immer aussichtsloser für junge Talente, Filme auf internationalem Niveau zu drehen.

Mit dem Oscar ausgezeichnet wurde Giuseppe Tornatores Cinema Paradiso (1989; Cinema Paradiso); auch Gabriele Salvatore mit seiner liebenswerten Soldatenkomödie Mediterraneo (1990; Mediterraneo) und Gianni Amelio mit Il ladro di bambini (1992; Gestohlene Kinder) kamen gut bei Publikum und Kritik an. Neuerdings gewinnt ein bestimmter Typus von Komödie an Boden, der sich von der sentimentalen „italienischen Komödie” alten Stils durch scharfen Witz und intellektuelle Ironie unterscheidet. Mit dem Großen Preis der Jury bei den Filmfestspielen in Cannes sowie einem Oscar als bester ausländischer Film wurde La vita è bella (1998; Das Leben ist schön) des italienischen Schauspielers und Regisseurs Roberto Benigni ausgezeichnet. Dem umstrittenen Werk wurde von einem Teil der Kritiker attestiert, der erste gelungene Versuch zu sein, den Holocaust zum Gegenstand der Filmkomödie zu machen. Mit seiner opulenten Collodi-Adaption Pinocchio (2002; Pinocchio), der Inszenierung einer nationalen Symbolfigur, gelang Benigni der kommerziell erfolgreichste Film in der Geschichte des italienischen Kinos.

Der Schauspieler-Regisseur Nanni Moretti stellte seine „Low-Budget-Filme” mit seiner eigenen kleinen Produktionsfirma Sacher Film her; viele Filme Morettis, der als „italienischer Woody Allen” bezeichnet wurde, konnten internationale Auszeichnungen erringen, so Palombella Rossa (1989; Wasserball und Kommunismus), Caro Diario (1993; Liebes Tagebuch), Aprile (1998; Aprile) oder La stanza del figlio (2001; Das Zimmer meines Sohnes). Große internationale Aufmerksamkeit erhielt Silvio Soldini mit seiner skurrilen Komödie Pane e tulipani (2000; Brot und Tulpen). Mit dem Melodram Brucio nel vento (2001; Brennen im Wind) und der Familienkomödie Agata e la tempesta (2004; Agata und der Sturm) konnte Soldini an diesen Erfolg anknüpfen. Mit Leben und Tod eines engagierten Mafia-Kritikers befasste sich Marco Tullio Giordanas Politthriller I cento passi (2000; 100 Schritte). Zu einem ähnlichen Thema legte Roberto Faenza, der schon mit der Antonio-Tabucchi-Verfilmung Sostiene Pereira (1995; Erklärt Pereira) auf sich aufmerksam gemacht hatte, den viel diskutierten Film Alla luce del sole (2005; Am helllichten Tag) vor, ein Werk über die Verflechtungen der sizilianischen Mafia mit der Kirche. Weitere Filme der jüngsten Zeit, die international Aufsehen erregten, sind Gabriele Salvatores’ Io non ho paura (2002; Ich habe keine Angst), Emanuele Crialeses Respiro (2002; Lampedusa), Alessandro D’Alatris Casomai (2002; Casomai – Trauen wir uns), Sergio Castellittos Non ti muovere (2004; Don’t Move, mit Penelope Cruz) und Saviero Costanzos Private (2004; Private), der bei den Filmfestspielen von Locarno mit dem Goldenen Leoparden ausgezeichnet wurde.

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