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Prager Schule

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Ferdinand de SaussureFerdinand de Saussure

Prager Schule, aus dem „Prager Linguistenkreis” entstandene linguistische Schule, die in den späten zwanziger und frühen dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts in Prag tätig war. Obwohl die meisten der Mitglieder tschechische Linguisten waren, stammten die zwei wohl einflussreichsten Mitglieder aus Russland: Roman Jakobson und Nikolaj Trubetzkoy, die 1926 zu den Gründungsmitgliedern des Kreises zählten. Die Arbeiten, die aus der Prager Schule hervorgingen, wurden in der Zeitschrift Traveaux du Cercle Linguistique de Prague (8 Bde., 1929-1939) veröffentlicht, die weltweit auf die Entwicklung der Linguistik Einfluss gewann. Ab 1935 wurde die Zeitschrift Slovo a Slovestnost zum Organ des Prager Linguistenkreises.

Anfangs bezog sich die Gruppe auf das Werk von Ferdinand de Saussure, entwickelte aber bald eigene Theorien, besonders auf dem Gebiet der Phonologie. Die Theorie vom Phonem als kleinster bedeutungsunterscheidender Einheit der Sprache ist in Trubetzkoys Schrift Grundzüge der Phonologie (1939) ausgeführt und geht auf Saussures Vorstellung von Sprache als „strukturell-funktionalem System” zurück. Trubetzkoy untersuchte die funktionalen Unterschiede zwischen Phonemen und ihren Realisierungen unter bestimmten Bedingungen oder in unterschiedlichen Positionen (wie beispielsweise das Phonem [ŋ] als positionsbedingte Variante von /n/ vor [k] oder [g] auftreten kann). Diese Auffassung erinnert an Saussures Unterscheidung zwischen langue (das abstrakte Sprachsystem) und parole (konkrete Sprachäußerungen).

Die Linguisten der Prager Schule leisteten Grundlegendes auf dem Gebiet der Phonologie. Es wurde erstmals die Theorie aufgestellt, dass es auf der phonologischen Ebene das Merkmalspaar „markiert” (merkmalhaltig) oder „unmarkiert” (merkmallos) in Bezug auf ein bestimmtes Merkmal gibt: So sind beispielsweise die bilabialen Plosive /b/ und /p/ zwar ein Lautpaar, aber bezüglich der Vibration der Stimmbänder jeweils „markiert” oder „unmarkiert”. Die Beachtung, die Gegensatzpaaren wie diesem gewidmet wurde, nahm in den Theorien von Jakobson, Trubetzkoy und anderen eine zentrale Stellung ein. Während der dreißiger Jahre bemühten sich die Linguisten weitere „distinktive Merkmale” zu ermitteln. So definierte Trubetzkoy (1939) das Phonem als „Summe der phonologisch relevanten Klangeigenschaften”.

Zwischen der rein phonologischen und der syntaktischen Ebene der Sprache befindet sich die morphologische Sprachebene, auf der einzelne Phoneme durch grammatische Funktionen beeinflusst werden können (wie die unregelmäßigen Verbformen fliegen und flog). Auch in diesem Bereich leistete Trubetzkoy Bedeutendes; unter anderem prägte er den Begriff „Morpho-Phonem”, um phonetische Variationen zu beschreiben. Auch Josef Vachek leistete viel auf diesem Forschungsgebiet, mit dem die Prager Schule den Weg bereitete für die späteren Verfechter der generativen Transformationsgrammatik wie Noam Chomsky.

Die Betonung, die die Prager Schule auf das Phonem als Grundeinheit der Sprache legte, hat vielleicht dazu beigetragen, dass diese Linguisten sich nicht mit anderen Sprachebenen wie der Syntax oder der Semantik beschäftigten. Dennoch wurde auch in anderen Bereichen geforscht, vor allem in den späteren Jahren. Zu den führenden tschechischen Mitgliedern der Schule gehörten Vilém Mathesius und später Josef Vachek und besonders Jan Firbas, die, ausgehend von Saussures Vorstellungen, die Theorie der „funktionalen Satzperspektive” entwickelten, bei der Äußerungen aufgrund ihres funktionalen Gehaltes analysiert werden. Die Folgerungen aus dieser Theorie waren für die Linguistik von großer Bedeutung: Sie führten zu der Herausbildung der Stilistik als Zweig der Linguistik und trugen zur Entwicklung der systemischen Linguistik bei, die später von M. A. K. Halliday entwickelt wurde.

Nach dem 2. Weltkrieg zwangen die politischen Verhältnisse die Vertreter der Prager Schule, ihr Werk abgetrennt von der internationalen wissenschaftlichen Gemeinschaft weiter zu betreiben, und daher sind viele der neueren Arbeiten, wie die von František Daneš, auf die tschechische und andere slawische Sprachen begrenzt. Die Prager Schule übt noch heute einen wichtigen Einfluss aus.

Die Prager Schule hatte auf verschiedene Gebiete der Sprachwissenschaft einen großen Einfluss: Phonologie, Morphologie, Syntax, Stilistik. Sie versuchte als erste vergleichsweise einheitliche Schule in der Linguistik alle diese Ebenen der linguistischen Forschung in einer Theorie zusammenzufassen. Jakobson verbreitete die Theorien der Prager Schule nach seiner Auswanderung in die USA weiter und trug zur Entwicklung der generativen Phonologie bei.

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