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Windows Live® Suchergebnisse Karl KrausEnzyklopädieartikel
Karl Kraus (1874-1936), österreichischer Schriftsteller. Er war die zentrale, später von Expressionisten wie Albert Ehrenstein und Robert Müller angefeindete Vaterfigur der Wiener Literatenszene zur Jahrhundertwende. Kraus wurde am 28. April 1874 in Jitschin (Ostböhmen) geboren und lebte von 1877 bis zu seinem Tod in Wien. Nach abgebrochenem Studium und Versuchen als Schauspieler wandte er sich dem literarischen Journalismus zu. 1897 trat Kraus aus der jüdischen Religionsgemeinschaft aus (1911 konvertierte er kurzzeitig zum Katholizismus); ein Jahr später entstand seine gegen Theodor Herzl und dessen zionistische Idee gerichtete Polemik Eine Krone für Zion, die bereits seine satirische Meisterschaft verrät. 1899 gründete Kraus die einflussreiche Zeitschrift Die Fackel, deren einziger Beiträger nach 1911 er war. Ihre Aphorismen, Essays, Aufsätze und Glossen setzen sich zeitkritisch mit sozialen und politischen Fragen Österreich-Ungarns auseinander. Auch Militarismus, zunehmende Kommerzialisierung und Bürokratismus wurden darin scharfzüngig bloßgestellt. Sein Hauptaugenmerk legte Kraus auf kulturelle Missstände und den Missbrauch der Sprache, wobei sich seine Auffassung niederschlug, dass das falsch benutzte Wort die wahre Gesinnung des „Sprachtäters” verrate. Dabei wurde das kommentierte Originalzitat zur Waffe gegen seinen Benutzer, wie der 1937 herausgegebene Band Die Sprache illustriert. In seiner Essaysammlung Sittlichkeit und Kriminalität (1908) stellte Kraus u. a. die bürgerliche Doppelmoral, die Korrumpierbarkeit der Justiz und die Sensationsgier der Boulevardpresse an den Pranger. Auch machte er sich für eine Strafrechtsreform und die Legalisierung der Homosexualität stark. Im Mittelpunkt von Die chinesische Mauer (1910) steht die Forderung nach Gleichberechtigung der Frau und die entschiedene Ablehnung von Staatswillkür. 1912 betätigte sich Kraus in seiner Gedenkrede Nestroy und die Nachwelt als Neuentdecker Johann Nestroys, dessen Sprachwitz er gegen den zwei Jahre zuvor behandelten „Modehumor” Heinrich Heines auszuspielen suchte (Heinrich Heine und die Folgen). Nach Ausbruch des 1. Weltkrieges begann der Pazifist mit der fünfaktigen Tragödienapokalypse Die letzten Tage der Menschheit (1919), die wie fast alle Buchveröffentlichungen des Autors auf Glossen und Aphorismen aus der Fackel basiert und mit ihrem antiaristotelischen Aufbau und ihrer Kombination aus Fiktion und Zitatcollage Bertolt Brechts episches Theater wie auch das Dokumentartheater der siebziger Jahre nachhaltig prägte. Seine zahlreichen Angriffe gegen das österreichische Pressewesen (auch Die letzten Tage der Menschheit sind voll davon) zogen 1920 einen Prozess gegen den Pressezaren Imre Békessy nach sich, der nach Kraus’ literarischen Attacken Wien fluchtartig verließ. Diese Episode ist in Die Unüberwindlichen (1928) eingegangen. Mit der Aufsatzsammlung Literatur und Lüge stellte Kraus 1929 nochmals die moralische Verantwortung des Schriftstellers heraus. Polemiken gegen Felix Salten, Alfred Kerr, Hermann Bahr, Arthur Schnitzler und Hugo von Hofmannsthal stehen hier Würdigungen Frank Wedekinds und Peter Altenbergs gegenüber. Seinen bereits im Druck befindlichen Angriff auf den Nationalsozialismus – Die dritte Walpurgisnacht – zog Kraus kurz vor der Auslieferung 1933 noch zurück: Er beginnt mit dem berühmten Satz „Mir fällt zu Hitler nichts ein”. Kraus starb am 12. Juni 1936 in Wien. 1997 brachte der Österreichische Rundfunk unter der Regie von Hans Krendlsberger und mit der Musik von Alexander Steinbrecher die erste Gesamtaufnahme der als unaufführbar geltenden Letzten Tage der Menschheit als Hörspiel heraus; es dauert mehr als 22 Stunden.
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