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Befreiungstheologie, Bewegung innerhalb der katholischen Kirche in Lateinamerika, die der christlichen Lehre von der Erlösung unter Verweis auf gesellschaftspolitische und wirtschaftliche Theorien auch eine soziale und politische Dimension zuspricht. 1972 legte der katholische Theologe Gustavo Gutierrez unter dem Titel Teologia de la Liberación (Theologie der Befreiung) eine erste systematische Formulierung der befreiungstheologischen Positionen vor. Obwohl die Bezeichnung selbst noch jüngeren Datums ist, gibt es eine lange biblische Tradition, der zufolge die Erlösung durch Gott nicht nur die religiöse Heilung von bösen Geistern, Schuld, Sünde, Krankheit und ewiger Verdammnis bedeutet, sondern auch Befreiung von der Macht des politischen Feindes, also von Sklaverei, politischer und sozialer Unterdrückung. Bereits die Bibel berichtet von Beispielen für Befreiungen in diesem Sinne: So kann der Auszug der Israeliten aus Ägypten (im Buch Exodus), die Rückkehr aus dem Babylonischen Exil (Esra und Nehemia) und der Kampf gegen die Besetzung des Landes durch die Makedonier (Makkabäerbücher) hinsichtlich einer auch weltlich-politischen Ausrichtung gedeutet werden. Im 19. und 20. Jahrhundert spielte die soziale und politische Frage innerhalb der Theologie insbesondere im Kampf um die Abschaffung der Sklaverei sowie bei den Bewegungen in der so genannten „Dritten Welt” eine Rolle, die sich die Unabhängigkeit von den Kolonialmächten zum Ziel gesetzt hatten.
Mit dem weiter gefassten, aber auch stärker differenzierenden Begriff Theologien der Befreiung werden heute verschiedene Ansätze bezeichnet, die sich mit speziellen Formen der Unterdrückung befassen. Dazu gehören etwa Unterdrückung aufgrund der Hautfarbe, des Geschlechts oder der kulturellen Identität. Die bekanntesten Theologien der Befreiung sind die Feministische Theologie, die Black Theology (Schwarze Theologie), die Afrikanische Theologie und die Minjung-Theologie. Jeder dieser Ansätze besteht auf seiner spezifischen Ausformung und Zielsetzung, so dass er nicht einfach auf die Theologie der Befreiung zurückgeführt werden kann; dennoch sind all diesen Varianten einige Züge immer gemeinsam. Tatsächlich sind alle Strömungen der Befreiungstheologie kontextuell, d. h., sie beziehen sich auf einen speziellen historischen und sozialen Status quo. Da sie von der konkreten Unterdrückungssituation ausgehen, ist ihr methodisches Vorgehen eher induktiv, wobei der Praxis ein zentraler Platz eingeräumt wird (siehe Induktion). Schließlich sind alle Befreiungstheologien interdisziplinär, weil ihre Praxis neben der theologischen auch die soziologische, anthropologische und historische Analyse erfordert.
In Lateinamerika wird die Befreiungstheologie insbesondere mit den Namen Ernesto Cardenal, Ruben Alves, Hugo Assmann, Juan Luis Segundo, José Miguez Bonino, Leonardo Boff und Jon Sobrino in Verbindung gebracht. Ihr gemeinsamer Ausgangspunkt waren ursprünglich die Folgen einer beständig wachsenden Armut, die abzuschaffen als Aufgabe christlicher Nächstenliebe verstanden wurde. Gleichzeitig versuchte die lateinamerikanische Befreiungstheologie bewusst zu machen, in welcher Weise der christliche Glaube dazu diente (und teilweise noch immer dient), Unterdrückungsmechanismen zu legitimieren. Diese Einsichten führten zu drei zentralen Fragen: Welche Gründe hat diese Situation? Wie kann man diese Umstände und Probleme theologisch verstehen und interpretieren? Was kann getan werden?
Zur Beantwortung der ersten Frage war eine Strukturanalyse erforderlich. Dependenztheorien, bestimmte marxistische Gesellschaftsanalysen und die von Karl Marx formulierte Kritik an der staatstragenden Rolle der Religion in der Gesellschaft („Religion ist Opium für das Volk”) wurden zur Interpretation der Lebensverhältnisse herangezogen. In neuerer Zeit werden auch kulturanthropologische und sozialpsychologische Methoden eingesetzt. Vor allem die Verwendung marxistischer Theorien wurde von verschiedener Seite kritisiert, etwa von konservativen Evangelikalen und neokonservativen Theologen und Ökonomen. Die katholische Kongregation für die Glaubenslehre verfasste zwei Briefe, in denen ein Unterschied gemacht wurde zwischen „bestimmten Befreiungstheologien” (die nicht namentlich benannt wurden, denen man jedoch unterstellte, sie stünden in Gefahr, marxistische Vorstellungen zu übernehmen) und einer „notwendigen” und „legitimen” Befreiungstheologie im Rahmen der kirchlichen Lehre. Eine solche Differenzierung übersieht, dass die Verwendung marxistischer Methodik und Erkenntnisse nicht gleichbedeutend mit der Übernahme der materialistischen und atheistischen Grundlagen des Marxismus ist.
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