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Artikelgliederung
Nation (lateinisch natio: Geburt, Herkunft, Volksstamm), mehrschichtiger Begriff für eine historisch-politische Formation, in der sich ein (Teil-)Volk oder ein Verband mehrerer Volksgruppen aufgrund bestimmter Eigenarten und Gemeinsamkeiten als Einheit begreift, durch die es sich von anderen unterschieden fühlt bzw. sich abgrenzt und einen Orientierungsrahmen für die Zukunftsgestaltung besitzt. Als Ausdruck einer kollektiven Identifikation enthält der Begriff eine sozialpsychologisch begründete emotionale Komponente, die eine allgemein verbindliche Definition, was Nation darstellt, kaum zulässt. So existiert auch keine Einigkeit darüber, wann und wie sich im Einzelnen eine Bevölkerung zur Nation herausbildet. Als wichtige Gemeinsamkeiten, auf denen eine Nation gründet, ohne dass sie alle zusammentreffen müssen, gelten Territorium, geschichtliche Entwicklung, kulturelle Tradition (vor allem Sprache und Sitten) und Abstammung bzw. ethnische Zugehörigkeit (Volk); hinzu kommt der Bewusstseinsfaktor, der diesen Basisgemeinsamkeiten die kollektiv-emotionale Qualität des „Wir-Gefühls” verleiht: Es beruht auf der Vorstellung von der Zugehörigkeit zu einer „Schicksalsgemeinschaft”, die sich markant – und im Grundsatz positiv – von den Nachbarn unterscheidet und sich mit der Absicht verbindet, die Zukunft zu gestalten, nicht selten im Sinne einer weltgeschichtlichen Rolle oder „Mission” für die menschliche Zivilisation. Die Abwertung anderer Nationen, Mythen der Vergangenheit und Heilserwartungen für die Zukunft gehören häufig zum ideologischen Beiwerk des Selbstverständnisses einer Nation und sind Quellen des Nationalismus. In der politisch-staatlichen Geschichte spielt die Nation seit Jahrhunderten eine besondere Rolle und ist Bezugspunkt und Legitimationsrahmen der Ideologie und Strategie von Personen und Institutionen der Innen- und der Außenpolitik (bzw. der „nationalen” und „internationalen” Politik). Ihren bildhaften Ausdruck findet die Nation im Arsenal ihrer Mythen und Symbole (Nationalflagge, Nationalhymne, Denkmäler, Feiertage).
Im Mittelalter bezeichnete natio die landsmannschaftlichen Zusammenschlüsse der Studenten an den Universitäten und die regionalen Untergliederungen der kirchlichen Konzile. So hatten sich auf dem Konstanzer Konzil Anfang des 15. Jahrhunderts die deutschen, französischen, englischen und spanischen Kirchenautoritäten jeweils als Nationen organisiert. In den Universitäten und den Kirchen entwickelten sich politische Bewegungen und Auseinandersetzungen, in denen sich Eigenheiten und Ansprüche der nationes profilierten. In der kirchlichen Herrschaft bildeten sich Nationalkirchen heraus (z. B. Gallikanismus in Frankreich, Anglikanismus in England) und in der weltlichen Herrschaft (zuerst in Frankreich, England, Spanien) nationale Monarchien. Das Heilige Römische Reich erhielt im 15. Jahrhundert den Zusatz „Deutscher Nation”, der nur die deutschen Reichsgebiete (ohne die burgundischen und italienischen Reichsteile) bezeichnete und später auch den nationalen Anspruch der Deutschen auf das Reich manifestierte. Auf gesellschaftlicher Ebene wurden häufig die beherrschenden Stände mit der Nation gleichgesetzt, z. B. die Adelsnation in Polen (Schlachta) und Ungarn sowie die Generalstände in Frankreich vor 1789. Die Französische Revolution (1789) gab dem Begriff „Nation” einen neuen Inhalt. Abbé Sieyès proklamierte den Dritten Stand als Träger der Volkssouveränität und definierte die Nation als staatliche Gemeinschaft, die unter einem Gesetz steht und durch die verfassunggebende Versammlung (Konstituante) repräsentiert wird. Die Schaffung eines National- und Verfassungsstaates, der die Gesamtheit des Volkes umfassen sollte, war seitdem das Ziel der bürgerlich-demokratischen Nationalbewegungen des 19. Jahrhunderts in Europa (u. a. Revolutionen 1848/49, Risorgimento) und war auch einer der Beweggründe der Unabhängigkeitsbewegungen nach dem 2. Weltkrieg (siehe Dekolonisation). Weil sich das Ziel, die gesamte, ethnisch und kulturell meistens selbst definierte Nation als Staat in eigenen Grenzen zusammenzufassen, häufig mit territorialen Ansprüchen verbindet, wirkt das Verlangen nach nationaler Identität als Ursache oder Legitimation für Spannungen mit den Nachbarn, internationale Konflikte und Kriege. Seinen extremsten Ausdruck fand der Nationalismus im Nationalsozialismus.
Um der politisch-sozialen Dynamik und dem Prozess der Entstehung von Nationalstaaten analytisch gerecht zu werden, unterschied der Historiker Friedrich Meinecke zwischen Staatsnation und Kulturnation. Während im Nationalstaat – wie etwa Frankreich – die Elemente Territorium und Staat mit der Nation (im Sinne von Kulturnation) eine Einheit bilden und diese daher als Staatsnation zu verstehen ist, stellt die Kulturnation eine historisch-kulturelle Einheit dar, die durch einen Staat nicht erfasst oder begrenzt wird, und wird häufig als Vorstufe zur angestrebten Staatsnation verstanden. In dieser Sichtweise wurde die deutsche Kulturnation durch eine gemeinsame geschichtliche Erfahrung und eine gemeinsame Sprache und Literatur geprägt, war aber territorial und nach anderen Kriterien nicht klar abzugrenzen. So kam es zu unterschiedlichen und kontroversen Lösungsversuchen der Deutschen Frage, an der die Frankfurter Nationalversammlung 1848/49 scheiterte. Die „von oben” erfolgte Reichsgründung 1871 schuf unter Ausschluss Österreichs einen „kleindeutschen” Nationalstaat, der von expansionistischen Nationalisten jedoch nur als Ausgangsbasis für eine „großdeutsche” Lösung interpretiert wurde. Das nationalsozialistische Dritte Reich sollte nach dem Anspruch Adolf Hitlers die imperiale „Mission” des mystifizierten Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation wieder aufnehmen. Nach der Teilung Deutschlands als Folge des 2. Weltkrieges lebte der Begriff der Kulturnation wieder auf, da in ihr zentrale Gemeinsamkeiten der Deutschen über die staatlichen und ideologischen Grenzen hinweg bewahrt schienen. Mit der Deutschen Einheit 1990 etablierte sich ein neuer Nationalstaat. Allerdings zeigte sich im Lauf der auf die deutsch-deutsche Vereinigung folgenden Jahre, dass die Herausbildung einer Staatsnation widersprüchlich und langwierig ist. Dabei ist es durchaus fraglich, wie wünschenswert und zukunftsträchtig ein solches Konstrukt angesichts der Herausbildung einer europäischen Identität ist.
Ungeachtet der dem Begriff „Nation” innewohnenden Sprengkraft und seiner Mehrdeutigkeit, die jedoch faktisch auf die Gleichsetzung von Staat und Nation reduziert wurde, erhoben die Vereinten Nationen das nationale Selbstbestimmungsrecht zum universalen Wert und die „Nation” zu ihrem Organisationsprinzip. Gleichwohl stellt sich heute die Rolle der Nation im internationalen Kräftespiel widersprüchlich dar. Einerseits verliert die Nationalstaatlichkeit in der Ära der Globalisierung und des zunehmenden Stellenwerts supranationaler Organisationen an Bedeutung. Angesichts der damit aufbrechenden neuen Konflikte wird die Rückversicherung in der nationalen Identität andererseits aber für viele Menschen wieder wichtiger. In Zeiten der Verunsicherung und der Krise dient die Wiederbelebung nationaler Mythen in quasireligiöser Intensität immer noch zur Stabilisierung des Selbstwertgefühls – selbst im machtvollsten Nationalstaat, wie sich in der Reaktion der USA auf die Terrorattacken vom 11. September 2001 zeigte.
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