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Anekdote

Enzyklopädieartikel

Anekdote, als literarische Gattung eine Kleinform der Epik, die in gedrängter Form eine historische Situation oder den charakteristischen Wesenszug eines bekannten Menschen pointiert zu beschreiben sucht.

Die Anekdote kann historisch verbürgt oder aber auch nur wahrscheinlich sein. Sie steht in der Nähe zu Formen wie Witz, Epigramm und Aphorismus. Innerhalb literarischer Werke kann die Anekdote zum Kristallisationspunkt des Geschehens werden. Oft mündet sie in einem charakteristischen Bonmot, wie z. B. in der populären, aber historisch nicht verbürgten Geschichte vom Zusammentreffen Alexanders des Großen mit dem in seiner Tonne ruhenden Diogenes von Sinope im 4. Jahrhundert v. Chr. Die Antwort des griechischen Philosophen auf die Frage des großen Feldherrn nach seinen Wünschen („Geh mir aus der Sonne!”) wird gemeinhin gedeutet als lebensweiser Zug, der die Bedürfnislosigkeit des Diogenes über den Prunk und Pomp Alexanders triumphieren lässt.

Ursprünglich war die Anekdote eine epische Kurzform, die, seit der Antike mündlich tradiert, zur Unterhaltung bei Gelagen oder in geselligen Runden dienen sollte, wurde aber bereits in dieser Zeit, etwa durch Lukian, literarisiert und verschriftlicht. Im Mittelalter wurden anekdotenhaft erzählte Begebenheiten in den Gesta (Tatenberichten) über Kaiser, Könige und Völker niedergeschrieben, z. B. in den Gesta Romanorum (Die Taten der Römer). Innerhalb der französischen Literatur machte der Moralist Nicolas Chamfort die Anekdote hoffähig mit seiner Sammlung Produits de la civilisation perfectionnée. Maximes et pensées, caractères et anecdotes (1803; Früchte der vollendeten Zivilisation. Maximen, Gedanken, Charakterzüge), in der sie neben dem Aphorismus steht. Im 19. Jahrhundert wurden Anekdotensammlungen auch im Bürgertum populär, z. B. durch jährliche Anekdotenalmanache. Besonders verbreitet waren Anekdoten zu Leben und Werk Johann Wolfgang von Goethes, die in Sammelwerken wie Die Lustigen von Weimar (1925) oder Goethe in der Anekdote (1935) bis ins 20. Jahrhundert fortlebten. In diesem Rahmen erhoben Matthias Claudius, Heinrich von Kleist oder Johann Peter Hebel die Anekdote zur hohen Kunstform, Letzterer in Form der Kalendergeschichte.

Die Nähe der Anekdote zur Heldenverehrung machten sich Walter von Molo, Paul Ernst und Hans Franck in ihren Sammlungen zunutze. Franz Blei benutzte diese Form in ganz anderer Art in seinen Schriftstellerkarikaturen Das große Bestiarium der Literatur (1924), in der sie lächerliche Eigenarten von Autoren bloßstellen soll. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde die Anekdote selbst zum Gegenstand der Parodie, etwa bei F. W. Bernstein, Eckhard Henscheid oder in den Geschichten rund um den Lexikonautor Raoul Tranchirer von Ror Wolf. Anekdotenhaft geben sich auch die ironisch-verspielten Gedichte von Robert Gernhardt. Auch von Schriftstellern wie Jürgen Roth, Thomas Schaefer oder Werner Fuld wird die Form kultiviert.

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