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Windows Live® Suchergebnisse ÄsthetizismusEnzyklopädieartikel
Ästhetizismus, in der Romantik entstandene und im Symbolismus, Impressionismus und der literarischen Décadence um 1900 auch dichterisch kultivierte Lebensform, die sich in Opposition zur urbanen Geschäftigkeit und ohne Rücksicht auf politische, moralische, soziale oder religiöse Normierung ganz der genusshaften Betrachtung des Wirklichen verschrieb. Bereits im 18. Jahrhundert durch den ästhetischen Amoralismus Wilhelm Heinses und sein Renaissanceideal des Sinnesmenschen vorweggenommen, fand die Anschauung u. a. bei François Chateaubriand, Novalis, Friedrich Schlegel und in der Forderung des jungen Ludwig Tieck seine Ausformung, das Leben gänzlich in Kunst zu verwandeln. Zur Jahrhundertwende wurde dieser Gedanke von Oscar Wilde in dem berühmten Aphorismus, daß nicht die Kunst das Leben, sondern das Leben die Kunst nachahme, radikalisiert. Des Weiteren suchten John Ruskin, Gabriele D’Annunzio, Hugo von Hofmannsthal, Joris-Karl Huysmans und Paul Valéry die Position dichterisch zu fassen. In den Strömungen des l’art pour l’art und der so genannten absoluten Dichtung um Stéphane Mallarmé und André Gide fand der Ästhetizismus sein poetologisches Programm. Radikal ausgelebt wurde er im Dandyismus. Ästhetizismus meinte keineswegs allein die Flucht in pure Schönheit, wie sie Huysmans in seinem Roman A rebours (1884; Gegen den Strich) anhand des eskapistischen Adeligen Jean Des Esseintes beschrieb, der im dekadenten Gesamtkunstwerk seines pompösen Schlosses „den Traum von der Wirklichkeit an die Stelle der Wirklichkeit zu setzen” suchte. Vielmehr zielte er ab auf ein distanziert-anschauendes Weltgefühl, das – im Sinn Arthur Schopenhauers vom „Sklavendienste des Willens” befreit – das Leben als „ein bedeutsames Schauspiel” betrachtet (Die Welt als Wille und Vorstellung, 1819). Beide Gedanken fasste Hofmannsthal in seinem Schauspiel Tod des Tizian zusammen, indem er einen Schüler des Malers als Postulat in den Mund legte, des Tages „Fluten als ein Schauspiel zu genießen, / Die Schönheit aller Formen zu verstehen / Und unsrem eigenen Leben zuzusehen”. In Valérys Monsieur Teste wird die Forderung nach einer gänzlich passiven Kontemplation des Lebens radikal gefaßt. Ideal ist diese Vorstellung in der Gestalt des Flaneurs ausgeprägt, der im 19. Jahrhundert seine Bühne auf den Prachtstraßen der europäischen Großstädte und sein Asyl in den dortigen Geschäftspassagen fand. Ohne Kaufwunsch auf die Lockungen der Konsumwelt schauend, gab er sich, Walter Benjamin zufolge, im Schutz der Menschenmasse rauschhaft-ziellos ganz ihren ständig wechselnden Reizen hin: „Das Gehen gewinnt mit jedem Schritt wachsende Gewalt, immer geringer werden die Verführungen der Läden, der Bistros, der lächelnden Frauen, immer unwiderstehlicher der Magnetismus der nächsten Straßenecke”. Der Flaneur wurde u. a. von Edgar Allan Poe (Der Mann der Menge), Thomas Mann (Der Bajazzo), Heinrich Heine, Baudelaire und Gustave Flaubert beschrieben: „Ich liebte es, mich im Strudel des Straßenlebens zu verlieren” (November). Heine war es, der die ästhetische Sichtweise des Flaneurs herausstellte: An Hand eigener Erfahrungen während einer Reise in Verona begriff er sie als eine Perspektive, die die Welt zu einem Gemälde transformiere, in dem der Betrachter, selbst darin gefangen, „hie und da von den Figuren desselben angelächelt” werde.
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