![]() |
Windows Live® Suchergebnisse
Windows Live® Suchergebnisse Soziale NormEnzyklopädieartikel
Artikelgliederung
Einleitung; Formale und latente Normen; Normbrüche und Normverstöße; Normen in anderen Lebensbereichen
Soziale Norm (lateinisch norma: Richtschnur, Regel, Vorschrift), ein Gefüge von Werten bzw. Verhaltensstandards, die innerhalb einer sozialen Gruppe oder auch in der Gesamtgesellschaft Geltung beanspruchen können. Normen stellen in der Regel weniger unmittelbare Verbote dar als vielmehr deren Kehrseite, also Gebote: Sie sind Erwartungen an das Verhalten von Individuen, die in einem bestimmten sozialen Rahmen (siehe soziale Rolle) zu erfüllen sind. Teilt das Mitglied die Normen seiner Gruppe, herrscht Normenkorrespondenz; fehlen allgemeingültige Normen, die das soziale Handeln kontrollieren, spricht man von Anomie. Werden Normen von Individuen oder Gruppen nicht befolgt, müssen diese mit Sanktionen rechnen, die von einer Ermahnung bis zur juristischen Ahndung reichen können, falls der Normverstoß zugleich einen Gesetzesverstoß darstellt. Dabei richtet sich die Höhe der Sanktion in der Regel nach der Verbindlichkeit der Normen, die in Muss-, Soll- und Kann-Normen unterteilt werden. Gesetze und Verordnungen müssen befolgt werden; wer gegen Sitten, Bräuche und soziale Gewohnheiten verstößt, muss nicht mit strafrechtlichen Folgen, wohl aber mit negativen sozialen Sanktionen wie Entrüstung, Missachtung oder Ausgrenzung rechnen; positiv sanktioniert durch Anerkennung und Achtung wird das Erfüllen von Kann-Normen (je nach sozialem Milieu z. B. besondere Fürsorge, ausgeprägte Leistungsbereitschaft oder Ehrgeiz).
Formale Normen sind solche, die innerhalb einer Gesellschaft unbedingt zu beachten und häufig auch in Gesetzesform gefasst sind (z. B. die Unantastbarkeit der körperlichen Unversehrtheit oder des Eigentums anderer). Das jeweilige Gesetz selbst ist jedoch nicht die Norm, sondern gibt ihr nur eine sanktionsfähige Form; die Norm steht sozusagen „hinter dem Gesetz” und wurde von den Individuen verinnerlicht. Normen, die sich nicht in Gesetzen, sondern in Bräuchen, Sitten oder Gewohnheiten widerspiegeln, werden außerrechtliche Normen genannt. Latente Normen sind verdeckte Verhaltenserwartungen, die so lange nicht manifest (also den Beteiligten bewusst) werden, wie sie nicht verletzt werden und insofern unproblematisch bleiben. Als Idealnorm wird eine Norm bezeichnet, die zwar als Ideal akzeptiert wird, aber im „normalen Leben” nahezu unerreichbar ist (z. B. Gerechtigkeit gegenüber jedermann zu jeder Zeit zu üben); im Alltag befolgt wird eher die praktische Norm, die eine realistische Forderung stellt. Normaltypus nennt man nach Émile Durkheim Formen sozialen Lebens, die in einer Gesellschaft als charakteristisch bzw. repräsentativ gelten, weil sie den „Normalfall” darstellen (z. B. die Kleinfamilie als so genannte „bürgerliche Normalfamilie” der Nachkriegszeit). Moderne Gesellschaften richten entsprechend ihrem Grundprinzip möglichst großer individueller Freiheit weniger einschränkende Normen an ihre Mitglieder und geben mehr Spielraum für Alternativen und selbst gewählte Normen; so ist in ihnen zwar die soziale Kontrolle geringer, aber der Normenkonflikt zwischen Individuum und Gesellschaft oder verschiedenen (Sub-)Kulturen ist oft deutlicher.
Gezielte Normbrüche werden häufig als Mittel des politischen, sozialen oder kulturellen Protests eingesetzt, wobei die Normbrecher durchaus damit rechnen, bestraft zu werden (z. B. im Fall des zivilen Ungehorsams). Normbrecher berufen sich in der Regel auf eine andere, höher angesiedelte Norm, die ihrer Ansicht nach durch die Norm, gegen die protestiert wird, verletzt wird (derartige Normbrüche sind etwa Hausbesetzungen, Straßenblockaden oder unerlaubte Demonstrationen). Ein solcher Normenkonflikt muss nicht selten gerichtlich entschieden und beigelegt werden. Unter Normalisierung versteht man den Versuch einer Gruppe, Normverstöße, die nicht unmittelbar zum Zerbrechen der Gruppe führen, zu thematisieren und zu entschärfen, um eine erneute „Normalität” der Gruppensituation herzustellen. Dabei kann abweichendes Verhalten durchaus selbst in die Norm einbezogen werden und diese somit „erweitert” werden, um soziale Konflikte zu mildern oder zu verhindern; Beispiele dafür sind Auffassungen von „anständigem Verhalten” bzw. „manierlichem Benehmen”, von tolerierbaren Modevorstellungen, die allesamt historischem Wandel unterliegen, oder auch die Legalisierung ursprünglich gesetzeswidrigen Verhaltens (siehe Schwangerschaftsabbruch, Homosexualität, Scheidung etc.). Scheitern solche Integrationsversuche, kann dies dazu führen, dass sich die Normverletzer von der Gruppe oder der Gesellschaft abwenden und ihre nicht tolerierten Normverstöße nun bewusst praktizieren; in gewissem Rahmen „normales” abweichendes Verhalten von Jugendlichen kann so in manifeste Kriminalität und eine dementsprechende Karriere münden.
Unabhängig von soziologischen Kontexten ist eine Norm allgemein ein anerkannter, positiv gesetzter Bewertungsmaßstab, der verschiedene Bereiche des Lebens, der Kunst und des Sozialen betreffen kann. Die Skala der Normen reicht von der mathematisch festgelegten technischen Definition (Deutsche Industrie Norm, DIN) bis zur hohen ethischen Forderung nach der steten Beachtung der Würde des Menschen; die Menschenwürde selbst ist dabei keine soziale Norm, sondern ein philosophisch-religiöser Wert, den zu befolgen die Norm verlangt. Die Philosophie unterscheidet sittliche, ästhetische und logische Normen, denen Disziplinen wie Ethik, Ästhetik und Logik zugeordnet sind. Eine Hierarchie der Normen gliedert sich in unbedingte Normen, die nicht unterschritten werden können (wie die Achtung des Menschen vor dem Menschen), zu befolgende Normen, Normen des Üblichen und frei gewählte Normen. Die moderne Pädagogik versucht zu klären, welche Normen als verbindlich gelten und eingeübt werden müssen. Dabei propagiert sie bei der Anerkennung und Befolgung von Normen ein Höchstmaß an abwägender Freiheit statt die unkritische Übernahme von Normen.
© 1993-2008 Microsoft Corporation. Alle Rechte vorbehalten. |
© 2008 Microsoft
![]() ![]() |