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Offene Gesellschaft

Enzyklopädieartikel

Offene Gesellschaft, von Karl Raimund Popper geprägter soziologischer Begriff für eine Gesellschaftsordnung, die durch abstrakte, unpersönliche Beziehungen wie Güteraustausch, Warenwirtschaft und Arbeitsteilung und nicht durch persönliche Abhängigkeiten von Herren oder Führern gekennzeichnet ist.

Popper beschreibt in The Open Society and Its Enemies (2 Bde., 1945) eine idealtypisch marktwirtschaftliche, liberale, pluralistische und demokratische offene Gesellschaft, in der sich politische und ökonomische Freiheit mit sozialer Verantwortung die Waage halten. Als kritischer Rationalist setzt Popper dabei auf den Einsatz der Vernunft beim Einzelnen wie bei den gesellschaftlichen Institutionen und Kräften: Veränderungen in der offenen Gesellschaft finden durch rationale Reformen und erfahrungswissenschaftlich begründete Planung des sozialen Wandels statt. So wie in der Wissenschaft falsche Theorien durch Falsifikation widerlegt und durch überzeugendere Erkenntnisse ersetzt werden, soll auch die Politik der offenen Gesellschaft durch allmähliche Verbesserungen einer ständigen Reformtätigkeit unterliegen.

Als Feinde dieser Gesellschaft gelten Popper vor allem Platon, Hegel und Marx, deren geschlossene Weltbilder die für die offene Gesellschaft notwendige Freiheit nicht zur Entfaltung kommen lassen; insofern stellen sie für Popper Modellvorlagen für die totalitären Regime linker und rechter – kommunistischer wie faschistischer – Prägung dar, die im 20. Jahrhundert an vielen Orten an die Macht gelangten.

Poppers Werk – in Neuseeland in der Emigration während der nationalsozialistischen Diktatur entstanden – sollte ein philosophisches Fundament für einen demokratischen Neuanfang nach 1945 legen; in diesem Sinn wurde es auch von vielen bürgerlichen, liberalen und sozialdemokratischen Politikern, etwa Helmut Schmidt, rezipiert und als eigene Überzeugung vertreten.

Von Seiten der Frankfurter Schule und anderer kritischer Theorien erfuhr Poppers politische Philosophie Kritik (auch unter dem Eindruck des Positivismusstreites), die sich vor allem gegen die als entstellend eingestufte Interpretation von Hegel und Marx richtet sowie gegen eine als ideologisierend empfundene Darstellung des Prinzips „freedom and democracy”. Diese Darstellung schütze letztlich – wenn dies auch nicht Poppers Absicht sei – die gesellschaftliche Elite und verfestige die Zustände der marktwirtschaftlichen Ordnung und der in ihr sich vollziehenden sozialen Unterdrückung.

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