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Windows Live® Suchergebnisse Phantastische LiteraturEnzyklopädieartikel
Phantastische Literatur, unpräziser Sammelbegriff für literarische Werke, die die Grenzen einer realistischen Wirklichkeitsdarstellung überschreiten. Merkmal der phantastischen Literatur, die ein breites Spektrum literarischer Erscheinungsformen wie Schauerroman, Gothic Novel, Gespenstergeschichte, Fantasy, Sciencefiction, Märchen, Sage oder Utopie umfasst, ist die Beschreibung von jenseits, neben oder innerhalb der Wirklichkeit existierenden Welten. Die phantastische Literatur konstruiert die Möglichkeit, Irreales, Surreales, Wunderbares, Traumhaftes, Zauberhaftes, Unheimliches, Unbewusstes, Halluzinatorisches, Visionäres oder Ähnliches als Realität zu erfahren. Oft schildert die phantastische Literatur zunächst die alltägliche Erfahrungswirklichkeit, die dann durch etwas Unglaubliches, den Naturgesetzen Widersprechendes gestört wird, das ohne rationale Erklärung bleibt. Die Alltagswelt wird häufig von einer phantastischen Gegenwelt konterkariert, wodurch die phantastische Literatur eskapistische Tendenzen aufweist. Nach Ansätzen in der Antike, im Mittelalter und in der Renaissance (insbesondere in Form der Utopie) etablierte sich die Phantastik als ästhetische Kategorie in der Romantik als Reaktion auf den Rationalismus der Aufklärung; Vertreter waren u. a. Wilhelm Hauff, E. T. A. Hoffmann, Ludwig Tieck, Nikolai Gogol und Edgar Allan Poe. Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich mit der wissenschaftlich-technischen Phantastik um Jules Verne und H. G. Wells eine Sonderform, die bis ins 21. Jahrhundert als Sciencefictionliteratur fortbesteht (z. B. bei Stanislaw Lem). Etwas später entwickelte sich, insbesondere im angloamerikanischen Raum, die Fantasy-Literatur, die vor allem an archaische Mythen und Sagen anknüpft; als ihr Begründer gilt J. R. R. Tolkien. Im 20. Jahrhundert wurde das Phantastische zunehmend zur Gestaltung alternativer Weltentwürfe eingesetzt, so bei Michail Bulgakow, H. P. Lovecraft und Italo Calvino. Besondere Bedeutung kommt dabei den Vertretern des lateinamerikanischen magischen Realismus zu, etwa Jorge Luis Borges, Miguel Ángel Asturias, Carlos Fuentes, Julio Cortázar und Gabriel García Márquez. Auch in der Literatur der Postmoderne spielen phantastische Elemente eine große Rolle, so z. B. bei John Barth, Kurt Vonnegut und Thomas Pynchon. Eine besondere Bedeutung besitzt die Phantastik seit jeher in der Kinder- und Jugendliteratur, wo der realen Welt in vielen Werken eine irrationale, magische Welt gegenübergestellt wird. Als früher Vorläufer kann Jonathan Swifts Gulliver’s Travels (1726; Gullivers Reisen) gelten; stilbildend wirkte dann Lewis Carroll mit Alice’s Adventures in Wonderland (1865; Alice im Wunderland). Im beginnenden 20. Jahrhundert entstanden zahlreiche phantastische Kinderbücher – oft mit Tieren als Helden –, die zu Klassikern des Genres wurden, etwa The Wonderful Wizard of Oz von L. F. Baum (1900; Der Zauberer von Oz), The Tale of Peter Rabbit von Beatrix Potter (1902; Peter Hase), Nils Holgerssons underbara resa genom Sverige von Selma Lagerlöf (1906/07; Wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen), The Wind in the Willows von Kenneth Grahame (1908; Der Wind in den Weiden), Peter and Wendy von James Matthew Barrie (1911; Peter Pan) und Winnie-the-Pooh von Alan Alexander Milne (1926; Pu der Bär). In der Nachkriegsliteratur setzte insbesondere Astrid Lindgren Maßstäbe, mit Pippi Långstrump (1945; Pippi Langstrumpf) und dem Kunstmärchen Mio, min Mio (1954; Mio, mein Mio) ebenso wie ab 1955 mit der Reihe um Karlsson vom Dach (Lillebror och Karlsson på taket) und dem Roman Bröderna Lejonhjärta (1973; Die Brüder Löwenherz). International bedeutsam waren außerdem Roald Dahl und Maurice Sendak; im deutschsprachigen Raum setzten in den siebziger Jahren Otfried Preußler mit Krabat (1971), Christine Nöstlinger mit Wir pfeifen auf den Gurkenkönig (1972), Paul Maar mit Eine Woche voller Samstage (1973) und insbesondere Michael Ende mit den Weltbestsellern Momo (1973) und Die unendliche Geschichte (1979) Akzente. Nachdem in den achtziger Jahren realistische, Probleme der Alltagswirklichkeit thematisierende Literatur vorgeherrscht hatte, erlebte die phantastische Literatur durch die Sensationserfolge der Harry-Potter-Romane von Joanne K. Rowling ab 1998 eine spektakuläre Wiederbelebung; in Anlehnung daran entstanden zahlreiche weitere phantastische Romane und Romanreihen, etwa die Tintenwelt-Trilogie von Cornelia Funke (2003-2007).
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