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Windows Live® Suchergebnisse Wiktor SchklowskijEnzyklopädieartikel
Wiktor Schklowskij (1893-1984), russischer Literaturwissenschaftler und Schriftsteller. Neben Boris Eichenbaum, Roman Jakobson und Jurij Tynjanow gehörte er zu den führenden Vertretern des russischen Formalismus, der die russische Literatur der zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts stark beeinflusste. Schklowskij wurde am 24. Januar 1893 in Sankt Petersburg geboren, wo er auch studierte. 1914 gehörte er gemeinsam mit Eichenbaum zu den Gründern der dem Futurismus nahe stehenden Gesellschaft zur Erforschung der poetischen Sprache Opojaz, zu deren Zentralgestalt er aufstieg. In den zwanziger Jahren schloss sich Schklowskij den Serapionsbrüdern an, die ebenso wie Opojaz ihr Hauptaugenmerk nicht auf die soziale Bedeutung, sondern auf die strukturelle Form dichterischer Sprache zu legen suchten. In den Schriften O teorii prozy (1925; Theorie der Prosa) und Metod pisatelskogo masterstva (1928) erläuterte er seine formalistische Theorie und das Modell literarischer Verfremdung (ostranenie); die Grundlagen hierzu hatte er bereits in seinem wegweisenden Aufsatz Iskusstvo, kak priem (1916; Die Kunst als Verfahren) dargelegt. Verfremdung meint hier die veränderte Wahrnehmung von Realität, wie sie etwa durch eine irritierende Variation der Erzählerperspektive zustande kommt. (Schklowskij erläuterte diesen Aspekt an Hand von Lew Tolstojs Erzählung Der Leinwandmesser, die die Wirklichkeit sozialkritisch aus Sicht eines Pferdes beschreibt, und durch Tolstojs Roman Krieg und Frieden, der den melodramatischen Tod einer Sängerin auf der Opernbühne durch die naiv-phänomenologische Perspektive eines Kindes der Lächerlichkeit preisgibt: „Die Leute fuchtelten mit den Armen, und in den Händen hatten sie so etwas wie Dolche; dann liefen noch irgendwelche Leute herbei und begannen, das junge Mädchen wegzuzerren, das vorher ein weißes und jetzt ein blaues Kleid anhatte. Sie zerrten es aber nicht gleich weg, sondern sangen lange mit ihm, und erst dann zogen sie es weg, und hinter den Kulissen schlugen sie dreimal an etwas Metallenes, und alle fielen auf die Knie und sangen ein Gebet. Einige Male wurden alle diese Handlungen von begeisterten Rufen der Zuschauer unterbrochen.”) In den Jahren 1922 und 1923 lebte Schklowskij in Berlin. Während dieser Zeit erschienen die autobiographische Prosa Sentimentalnoye putešestvie: vospominaniya (2 Teile, 1923; Sentimentale Reise) und der Briefroman Zoo ili pis’ma ne o lyubvi, ili tretja Eloiza (1923; Zoo oder Briefe nicht über die Liebe), die die theoretischen Interessen und Modelle in Literatur zu transformieren suchten. Nach seiner Rückkehr in die Sowjetunion schwörte Schklowskij dem Formalismus in einer Selbstbezichtigung ab; in der Folge propagierte er die offizielle Kunstdoktrin des sozialistischen Realismus. Schklowskij starb am 8. Dezember 1984 in Moskau. Zu seinem Werk gehören neben historischen Romanen, Essays, Filmkritiken und einem Buch zur Kino-Theater-Polarität (Za sorok let. Stat’i o kino, 1965; Schriften zum Film) auch umfangreiche literarische bzw. biographische Studien zu Lew Tolstoj (1963), Fjodor M. Dostojewskij, Wladimir Majakowskij (1949) und Sergej Eisenstein (1973). Autobiographisches versammelte Schklowskij in Žili-byli (1964; Kindheit und Jugend).
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