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Schlüsselreiz

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Attrappenversuch zum Futterbetteln von MöwenkükenAttrappenversuch zum Futterbetteln von Möwenküken

Schlüsselreiz, auch Signalreiz oder Kennreiz, Reiz, der bei manchen Tieren eine bestimmte Instinkthandlung auslöst und auch für das Verhalten des Menschen eine gewisse Rolle spielt.

Ein Schlüsselreiz basiert auf der Wahrnehmung einer Kombination von Sinneseindrücken. Er beeinflusst das Verhalten von Wirbeltieren und hoch entwickelten Wirbellosen (Insekten und Kopffüßern), die in ihrem Gehirn gleichzeitig viele Reize verarbeiten und für die Instinkthandlungen von grundlegender Bedeutung sind. Schlüsselreize betreffen meist lebenswichtige Aspekte des Verhaltens einer Tierart, z. B. Balz und Paarung, Aufzucht der Jungen und Flucht vor Fressfeinden.

Wenn ein Tier einen Schlüsselreiz wahrnimmt, reagiert es mit einer Instinkthandlung, die normalerweise für sein Überleben, das Überleben seiner Nachkommen oder seine Fortpflanzung sinnvoll ist. Die Handlung ist in ihren Grundzügen so programmiert, dass sie auf immer gleiche Weise (stereotyp) abläuft. Der grundlegende Mechanismus im Gehirn, über den Schlüsselreize als Auslöser einer Handlung wirken, ist angeboren und wird daher als angeborener auslösender Mechanismus (AAM) bezeichnet. Viele Tiere können Schlüsselreize auch erlernen oder den Ablauf der entsprechenden Instinkthandlung durch Lernvorgänge ändern, insbesondere intelligente Tiere wie Schimpansen oder Rabenvögel. Man spricht in solchen Fällen von einem ergänzten angeborenen Auslösemechanismus (EAAM) bzw. einem erlernten Auslösemechanismus (EAM). Nach Günter Tembrock wirken auch die Motivation und der emotionale Zustand eines Tieres auf den Auslösemechanismus ein.

Ein Schlüsselreiz basiert in der Regel auf einer Kombination von Empfindungen, die vom äußeren Erscheinungsbild (vor allem Form und Farbe) eines anderen Lebewesens oder Gegenstands hervorgerufen werden, aber auch auf Lautäußerungen, die typisch für ein Tier einer bestimmten Art sind. Durch die Kombination dieser Empfindungen erkennt das Tier, welche der programmierten Instinkthandlungen seines Verhaltensrepertoires in einer bestimmten Situation angemessen sind. Früher nahmen Verhaltensforscher an, ein Schlüsselreiz sei gleichsam ein Schlüssel, der das Schloss für das fixe Programm der Instinkthandlung öffne. Wie man heute weiß, folgt einem Schlüsselreiz nicht immer eine streng stereotype Reaktion. Die tatsächliche Reaktion eines Tieres hängt z. B. davon ab, wie weit entfernt der Sender des Schlüsselreizes ist, wie lange der Schlüsselreiz anhält oder welche Reize das Tier neben dem Schlüsselreiz wahrnimmt. Aus diesem Grund verwendet man anstelle des Begriffs Schlüsselreiz heute oft Signalreiz oder Kennreiz (weil es sich um einen vom Empfänger erkannten Reiz handelt).

Für Jungvögel, die im Nest auf Futter warten, löst der Schnabel des Elterntieres Bettelverhalten mit Aufreißen des Schnabels (Sperren) und Pickbewegungen aus. Der gesperrte, meist kontrastreich gefärbte Rachen des Jungvogels ist wiederum für den Elternvogel ein Schlüsselreiz, auf den er reagiert, indem er die mitgebrachte Nahrung an das Junge verfüttert. Wenn eine brütende Graugans ein Ei in der Nähe ihres Nestes sieht, rollt sie es mit dem Schnabel in ihr Nest. Auch dieses Verhalten ist eine programmierte Instinkthandlung, die durch den Schlüsselreiz „Ei” ausgelöst wird. Dies zeigt sich daran, dass die Gans die Bewegungen beim Rollen meist auch dann zu Ende führt, wenn man ihr das Ei zwischendurch wegnimmt. Weitere Beispiele für Schlüsselreize sind das Flugbild eines Greifvogels (z. B. für Kleinsäuger), die Form und Farbe bestimmter Orchideenblüten (für paarungsbereite Insekten) oder die typische Gesangsstrophe eines Singvogelmännchens (für die Weibchen seiner Art).

Attrappenversuche zeigen, dass meist nicht das gesamte Erscheinungsbild, sondern nur bestimmte Eigenschaften bei der Wahrnehmung eines Schlüsselreizes als Auslöser wirken. Stellt eine Attrappe den natürlichen Sinneseindruck in verdichteter, übertriebener Form dar, kann sie sogar ein besserer Auslöser sein als der natürliche Schlüsselreiz: Silbermöwenjunge machten beispielsweise in einer klassischen Studie mehr Pickbewegungen, wenn ihnen ein rot-weiß geringelter Stift präsentiert wurde, als beim Anblick einer Attrappe, die dem Schnabel eines Elterntieres glich. Konrad Lorenz’ Verhaltensexperimente an brütenden Graugänsen zeigten, dass diese bevorzugt ein größeres, künstliches Ei in ihr Nest rollten, statt ein echtes Graugansei zurückzuholen. Eine solche Attrappe bezeichnet man als überoptimalen Auslöser.

Auch das Verhalten des Menschen wird von Schlüsselreizen beeinflusst, insbesondere die Sexualität und die Fürsorge gegenüber Kleinkindern. Sexuelle Schlüsselreize sind beispielsweise für heterosexuelle Männer eine ausgeprägte weibliche Brust, eine schmale Taille und breite Hüften, für heterosexuelle Frauen z. B. kantige Gesichtszüge, Bartwuchs und breite Schultern. Das Kindchenschema ist ein Schlüsselreiz, der Erwachsene veranlasst, sich einem kleinen Kind zuzuwenden. Es beruht in erster Linie auf den rundlichen, weichen Gesichtszügen des Kleinkindes und bestimmten Körperproportionen wie dem relativ großen Kopf. Schlüsselreize können auch das menschliche Verhalten in einer Weise ändern, die mit dem biologischen Sinn dieses Mechanismus wenig zu tun hat: Das Kindchenschema beispielsweise, das die Versorgung eines hilflosen Kindes garantieren soll, löst bei Menschen auch eine Zuwendung zu den Jungen vieler Tiere aus. Da jedoch erlernte, hoch komplexe und sehr variable Handlungen für das menschliche Verhalten eine viel größere Rolle spielen als Instinkthandlungen, ist die Bedeutung von Schlüsselreizen beim Menschen wesentlich geringer als bei Tieren.

Siehe auch Prägung

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