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Der Stricker (von mittelhochdeutsch stricken: verknüpfen, flechten), mittelhochdeutscher Dichter der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Innerhalb der deutschen Literatur des Mittelalters etablierte er die Kurzform der Märe als eigenständige Gattung. Mit Der Pfaffe Amis schuf er zudem einen bedeutenden Schwankroman. Der Stricker lebte an der Schwelle zum Spätmittelalter. Er stammte vermutlich aus dem Rheinfränkischen und arbeitete zumindest zeitweise in Bayern und Österreich, wobei Mitglieder des mittleren Adels seine Auftraggeber gewesen sein könnten. In dem Frauenpreis Die Frauenehre porträtiert er sich mit Pferd und abgelegtem Mantel („ein pfert und alt gewant”) als Attributen des Fahrenden. Vielleicht weist das Pseudonym („Nu saget uns der Stricker”) aber auch auf einen städtischen Handwerker hin; andererseits könnte es eine poetologisch-selbstbewusste Komponente enthalten und sich somit direkt auf die eigene literarische Tätigkeit, das „Flechten” von Texten, beziehen. Zu den wohl frühesten Werken des Strickers gehören die Epen Karl der Große, ein Kaiserlob, und Daniel vom blühenden Tal, dessen Titelheld neben Tapferkeit vor allem List und Klugheit zu seinen Tugenden zählen darf. Von der universalen Ausbildung des Dichters zeugen zahlreiche textimmanente Anspielungen auf Autoren der Antike und des Mittelalters, aber auch auf das naturkundliche, juristische und theologische Wissen seiner Zeit. Eine Erwähnung bei Rudolf von Hohenems („swenn er will der Strickære / ô macht er guotiu mære”) weist darauf hin, dass der Stricker in den dreißiger Jahren des 13. Jahrhunderts noch wirkte. Er starb vermutlich um 1250.
Unter dem Namen des Strickers sind etwa 160 Verserzählungen überliefert, darunter Märchen (Der Riese), allegorische Tierparabeln (Die Affenmutter und ihre Kinder), didaktische Reden (Die unbewachte Gattin), äsopische Fabeln (Der Hahn und die Perle) sowie teils derb-erotische, zumeist aber parodistisch-moralische Mären. Letztere ersetzten ein ritterlich-höfisches Personal durch negativ gezeichnete bäuerliche Figuren: Wegbereiter hierfür war vor allem Neidhart mit seiner Gestalt des grobianischen Dörpers. Am Ende der Stricker’schen Texte folgt zumeist der Appendix einer moralischen Erweiterung (amplificatio). Stehen auch die Mären noch deutlich unter dem Einfluss des höfischen Ideals, so lassen sie doch bereits einen urbanen Intellekt über bäuerliche Dummheit siegen. Dies gilt dezidiert für den aus zwölf Episoden zusammengesetzten Schwankroman Der Pfaffe Amis, in dem die mit „wisheit” ausgestattete und als erster lügenhafter Mensch bezeichnete Hauptfigur des Öfteren von England aufs Festland übersetzt, allerlei kluge Streiche veranstaltet, Kirche und Staatsmacht bloßstellt (Die unsichtbaren Bilder), scheinbare Wunder vollbringt (Der auferstandene Hahn) und sich erst im Angesicht des Todes bekehren lässt. Die gattungsbildenden Mären des Strickers deuten menschliche Verfehlungen im Kontext eines christlich-theologischen Weltbilds sowie einer ordo divinius, einer göttlichen Ordnung. Bisweilen wird dieser Aspekt allerdings auch ironisch unterwandert und die Dummheit ins Zentrum der Handlung gestellt, um indirekt die Bedeutung der Klugheit für das praktische Handeln herauszustellen. Darüber hinaus ist bloße Schläue gegen wahre Klugheit bzw. kündigkeit abgesetzt, wie in der Märe Der kluge Knecht, in der der Protagonist durch geschickten Dialog den Ehebruch der Frau seines Herrn aufdeckt, ohne sich selbst in Misskredit zu bringen („kündigkeit hât grôzen sin. / er erwirbt valschen gewin, / der si mit valsche zeiget / der hât sîn lop geveiget”). Eine weiteres Meisterwerk der Kurzgattung ist die Verserzählung Die drei Wünsche, in der Gott das enervierende Flehen eines armen Ehepaares um materiellen Wohlstand scheinbar erhört und einen Engel als Sendboten schickt, der den beiden die Erfüllung dreier Wünsche in Aussicht stellt. Die Frau wünscht sich das schönste Kleid der Welt; aus Zorn über die dumme Forderung wiederum wünscht ihr Mann ihr das Kleid in den Bauch; zum Schluss bleibt ihm nichts anderes übrig, als die vor Schmerzen schreiende Frau mit dem dritten Wunsch von ihren Qualen zu erlösen – das Paar ist wieder so arm wie zuvor. In Die drei Wünsche erscheint die göttliche Macht lediglich zu dem Zweck, den falschen Umgang mit der neu gewonnenen Macht zu demonstrieren. Thema ist zudem die menschliche Todsünde der superbia, der maßlosen Selbstüberschätzung, die, vom höfischen Ideal befreit und säkularisiert, allgemeinmenschlich auftritt und der Vorstellung eines harmonischen, standesgerechten Lebens (der mâze) zuwiderläuft. Gerade hier zeigt sich die Spannung des Stricker’schen Werks zwischen traditioneller und neuer Werteordnung und illustriert seine phantasievoll-schöpferische Suche nach einer neuen Form.
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