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Theater der Grausamkeit

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Antonin ArtaudAntonin Artaud

Theater der Grausamkeit (französisch Théâtre de la Cruauté), von Antonin Artaud in der Textsammlung Le Théâtre et son Double 1938 vorgestellte Theaterkonzeption, die auf eine Ritualisierung der Bühne – und damit auf eine Rückführung des Dramas auf seinen kultisch-religiösen Ursprung – abzielt.

Ausgangspunkt des Modells, das schon 1931 entstand, war Artauds Auseinandersetzung mit dem südostasiatischen Theater nach der Aufführung einer balinesischen Truppe in Paris im gleichen Jahr. Ziel des Theaters der Grausamkeit ist es, den Zuschauer einer existentiellen Grenzerfahrung zuzuführen. Hierzu klagte Artaud ein Theater ein, das in der Lage sei, durch eine spezifische Zeichensprache „das Leben zu ergreifen”. Dem Dramatiker und Regisseur solle dabei als „Meister heiliger Zeremonien” die Funktion zukommen, die im Einzelnen wie im Kollektiv latent vorhandenen Bilder und Vorstellungen als „Traumniederschläge” magisch nach außen zu projizieren. Die „Grausamkeit” eines solchen Théâtre de la Cruauté besteht also nicht in der Aufführung eines möglichst blutrünstigen Spektakels, sondern im Zwang einer intellektuell-metaphysischen Konfrontation des Betrachters mit seinen eigenen, auch kannibalistischen, Obsessionen: „Wie die Pest, ist das Theater eine ungeheure Beschwörung von Kräften, die den Geist durch das Beispiel zur Quelle seiner Konflikte zurückführen.”

In seinen eigenen Inszenierungen versuchte Artaud, den Effekt einer gleichsam exorzistischen Katharsis durch Einsatz unterschiedlichster Bühnenmittel, der so genannten „Raumpoesie” (grelles Licht, Farbspiele, Schreie, Pantomime, schrille Töne etc.) herbeizuführen, was – etwa bezüglich seiner Adaptionen von Stendhal und Shelley 1935 – allerdings misslang. Dennoch beeinflusste seine Idee das dramatische Schaffen zahlreicher Schriftsteller, darunter Jean Genet, Samuel Beckett, Boris Vian, Heiner Müller (Germania. Tod in Berlin, 1977) und Botho Strauß; Letzterer integrierte vor allem in Kalldewey. Farce (1982) Elemente des Theaters der Grausamkeit in die mythisch-rituelle Handlung, ohne jedoch Artauds Kritik einer literarisierten Sprache miteinzubeziehen. In der Theaterpraxis suchten u. a. Peter Brook, der 1964 Artauds Theaterstück Le jet de sang (Der Blutstrahl) uraufführte, Jean-Louis Barrault, Jerzy Grotowski und das Living Theatre Artauds Theoreme bühnenwirksam umzusetzen. Barrault bezeichnete Le Théâtre et son Double denn auch als das „Bedeutendste, was über das Theater des 20. Jahrhunderts geschrieben worden ist”.

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