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António Lobo Antunes

Enzyklopädieartikel

António Lobo Antunes (*1942), portugiesischer Schriftsteller. Als gesellschaftskritischer Chronist des modernen Portugal und seiner kolonialen Vergangenheit gehört er zu den führenden Repräsentanten der zeitgenössischen portugiesischen Literatur.

Antunes wurde am 1. September 1942 als Sohn eines wohlhabenden Arztes in Lissabon geboren. Er studierte Medizin und war für mehr als zwei Jahre als Soldat in Angola. Bis 1985 arbeitete er als Chefarzt in einer psychiatrischen Klinik; seitdem lebt er als freier Schriftsteller in Lissabon.

Mit seinen Romanen, in denen er oft eigene Erfahrungen verarbeitet, etablierte sich Antunes als radikalster Kritiker der Politik und Gesellschaft in Portugal. Sein autobiographisch geprägter Erstling Memória de Elefante (1979; Elefantengedächtnis) schildert einen Tag im Leben eines Lissabonner Psychiaters, der unter seiner Arbeit in einer Irrenanstalt, unter Erinnerungen an Kriegserlebnisse in Angola sowie der Trennung von seiner Familie leidet und sein Glück im Schreiben zu finden hofft. In Os cus de Judas (1979; Der Judaskuss), erzählt ein Kriegsveteran einer Prostituierten vom Terror des Kolonialkrieges in Angola; zum ersten Mal nach der 1974 durch die Nelkenrevolution beendeten Diktatur António de Oliveira Salazars bzw. seiner Nachfolger kam damit das verdrängte Thema des Faschismus in der Literatur zur Sprache. Der wiederum autobiographische Roman Conhecimento do inferno (1980; Einblick in die Hölle) gewährt schonungslose Einblicke in den Angolakrieg und ist gleichzeitig eine Anklage an den Berufsstand der Psychiater.

Immer wiederkehrende Themen von Antunes’ zunehmend differenzierten Romanen waren auch in der Folge Angola, die Auswüchse der portugiesischen Oberschicht, die Folterungen in der Zeit Salazars, die Nelkenrevolution und der aktuelle Ausverkauf der kulturellen und ökonomischen Interessen durch eine neue Elite. Dabei spielte vor allem die äußerst enge Verzahnung von Vergangenheit und Gegenwart eine zentrale Rolle, wie der Roman Fado Alexandrino (1983; Fado Alexandrino) zeigt. Antunes’ Skepsis gegenüber Portugals früherer imperialer Größe kommt in dem parodistischen Roman As naus (1988; Die Rückkehr der Karavellen) zum Ausdruck. In Tratado das paixões da alma (1990; Die Leidenschaften der Seele) wird in extremer Engführung die gemeinsame Geschichte des Terroristen und des Ermittlungsrichters in die Gegenwart der Verhöre montiert. Mit großer Meisterschaft gestaltete der Autor das Nebeneinander der Monologe in A ordem natural das coisas (1992; Die natürliche Ordnung der Dinge): Stimmen aus den Elendsquartieren und Großbürgervillen, aus den Folterkammern und Bürgerhäusern werden geschickt miteinander kombiniert.

In dem Roman O manual dos inquisidores (1996; Das Handbuch der Inquisitoren) stellte Antunes einmal mehr einen Patriarchen der Salazarzeit in den Mittelpunkt. In einem Mosaik aus Berichten und Kommentaren werden die von Terror und Menschenverachtung geprägte Vergangenheit und die Alltagswelt Portugals ineinander verschränkt. Die pessimistische, von Trauer und Wut dominierte Weltsicht des Autors prägt auch die Grundstimmung seiner Romane A morte de Carlos Gardel (1994; Der Tod des Carlos Gardel), Exortação aos crocodilos (1999; Anweisungen an die Krokodile), Não entres tão depressa nessa noite escura (2000; Geh nicht so schnell in diese dunkle Nacht) und Que farei quando tudo arde? (2001; Was werd ich tun, wenn alles brennt?). Dasselbe gilt für Boa tarde às coisas aqui em baixo (2003; Guten Abend, ihr Dinge hier unten), ein tristes, 40 Jahre umspannendes Porträt Angolas von der blutig beendeten Kolonialzeit bis zur von Gewalt und Korruption geprägten Gegenwart. Der vielstimmige Roman Eu hei-de amar uma pedra (2004; Einen Stein werd ich lieben) erzählt von den weitläufigen Auswirkungen eines vertuschten, aber allgegenwärtigen Familienskandals, der aus den Mitgliedern eine Zwangsgemeinschaft unglücklicher Menschen macht.

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