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Niederländische Kunst und Architektur

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Jan van Eyck: Madonna des Kanzlers Nicholas RolinJan van Eyck: Madonna des Kanzlers Nicholas Rolin
Artikelgliederung
1

Einleitung

Niederländische Kunst und Architektur, die Kunst und Architektur auf den historischen Territorien der Niederlande, was bis 1830 neben den heutigen Niederlanden (Holland) auch die Gebiete Belgiens und Luxemburgs einschloss.

Die Niederlande pflegten zu allen Zeiten einen regen kulturellen Austausch mit anderen Ländern, vor allem mit den benachbarten Kulturregionen Frankreichs und Deutschlands, aber auch mit Italien und England. Der Rolle als mächtige Handelsnation und dem damit verbundenen frühen Aufstieg eines wohlhabenden Bürgertums verdanken die Niederlande die „goldenen Zeitalter” der Kunst, insbesondere der Malerei im 15. Jahrhundert (Altniederländische Malerei) und im 17. Jahrhundert, die zu den herausragenden Beiträgen der europäischen Kunstgeschichte gehören und die Niederlande zum kulturellen Zentrum Europas werden ließen.

Die folgende Darstellung der niederländischen Kunstgeschichte beginnt mit der romanischen Kunst. In frühgeschichtlicher Zeit lagen die Niederlande im Bereich der neolithischen Trichterbecher- oder Megalithkultur (siehe neolithische Kunst), zu deren Zeugen die Hünengräber in der Provinz Drenthe gehören, sowie der Bandkeramik- und Glockenbecherkultur. Spätere Epochen waren die keltische Kunst und die römische Kunst und Architektur.

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Romanik

In der niederländischen Kirchenarchitektur der karolingischen und frühromanischen Zeit (siehe romanische Kunst und Architektur) zeigt sich ein deutlicher Einfluss der Rheinlande. Die Aachener Pfalzkapelle (siehe Aachener Dom) beispielsweise diente der Anlage von Sankt Jean (um 990 begonnen, im 18. Jahrhundert völlig umgestaltet) in Lüttich als Vorbild. Als älteste Kirche der Niederlande gilt die auf spätantiken Fundamenten, dem Grab des Heiligen Servatius, errichtete Servatiuskirche (Sankt Servaaskerk) in Maastricht, mit deren Bau im 6. Jahrhundert begonnen und die 881 zerstört wurde. Die ältesten Teile der heutigen Bausubstanz, Querschiff, Chor, Apsis und Krypta, stammen aus dem 10. bzw. 11. Jahrhundert; auch das Langhaus der Basilika ist frühromanisch. Die weitere Baugeschichte reicht bis ins 13. Jahrhundert. In der Stiftskapelle der Servatiuskirche wird der Servatiusschrein (um 1160) aufbewahrt, ein Hauptwerk der Maaskunst (siehe unten). Ebenfalls weitgehend aus romanischer Zeit stammt die Liebfrauenkirche in Maastricht. Beide Bauten besitzen mächtige Westwerke mit zwei Türmen. Weitere romanische Kirchen sind etwa die Klosterkirche von Soignies (begonnen um 965, vollendet um 1150), Sankt Gertrud in Nivelles (begonnen um 1000), die Bartholomäuskirche und die Heiligkreuzkirche in Lüttich.

Das Maasgebiet der Erzdiözese Lüttich war eines der europäischen Kulturzentren des Mittelalters. Wegen seiner stilistischen Einheit spricht man von der Maaskunst, die ihre Blütezeit vom Anfang des 11. bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts hatte. Gepflegt wurden nicht nur verschiedene Gattungen der bildenden Kunst wie die Bildhauerei, die Goldschmiede- und Emailkunst, die Elfenbeinschnitzerei und die Buchmalerei, sondern auch Musik und Literatur (siehe niederländische Literatur). Neben Anregungen der Nachbarländer nahm die Maaskunst auch Einflüsse der Antike sowie der byzantinischen und arabischen Kultur auf, die durch die Kreuzzüge hierher gelangten (siehe byzantinische Kunst und Architektur, islamische Kunst und Architektur).

Zu den Hauptwerken der Maaskunst, deren Erzeugnisse in Europa hoch geschätzt und weit verbreitet wurden, zählen neben dem erwähnten Servatiusschrein das Kopfreliquiar des Papstes Alexander (um 1145) und das Remaclusretabel (siehe Altarretabel) von Stavelot (um 1150), beide von Godefroid de Huy, sowie das von Reiner von Huy geschaffene Taufbecken von Sankt Bartholomäus in Lüttich (1107-1118). Bedeutende Goldschmiede waren außerdem Nikolaus von Verdun (nachweisbar zwischen 1181 und 1205) und Hugo von Oignies (tätig im ersten Drittel des 13. Jahrhunderts). Zu den Zentren der romanischen Buchmalerei gehörten die Benediktinerabtei Stavelot, die Prämonstratenserabtei Park bei Löwen, die Abtei Floreffe und die Benediktinerabtei Echternach.

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Gotik

Der gotische Kirchenbau der Niederlande entstand unter dem Einfluss der rheinischen Spätromanik und der nordfranzösischen Frühgotik. Die Kathedrale Notre-Dame in Tournai, begonnen 1140, war als romanische Basilika angelegt und wurde nach 1171 im gotischen Stil weitergebaut, ältere Partien zum Teil gotisch umgebaut. Die Kathedrale in Utrecht gilt als Beispiel für die eigenständige Abwandlung und Weiterführung des französischen Vorbilds. Die niederländischen Kathedralen besaßen oft vielschiffige Langhäuser – fünfschiffig war beispielsweise die unvollendete Kathedrale in Utrecht, siebenschiffig die Kathedrale in Antwerpen (begonnen 1352). In den nördlichen Provinzen diente als Baumaterial zumeist der Backstein; wegen der mangelnden Tragfähigkeit des Untergrundes wurden bemalte Holzdecken bevorzugt.

Die Profanarchitektur zeigte sich durch das Bürgertum der Städte, die vor allem in den südlichen Niederlanden durch den Tuchhandel zu Wohlstand gekommen waren, besonders reich und ausgeprägt. Brügge, Gent, Löwen, später auch Brüssel und Antwerpen waren neben den italienischen Städten die reichsten in Europa. Das selbstbewusste und kulturell aufgeschlossene Bürgertum trennte sich erst politisch, später (ungefähr seit 1500) auch kulturell vom Adel. Als repräsentative Bauten wurden den Städten Rathäuser und Tuchhallen (Gewandhäuser) erbaut, aber auch Stadttore und Hospitäler. Ein Zeichen ihrer Macht und ihres Selbstbewusstseins setzten die Städte gerne durch einen hohen, frei stehenden oder mit dem Rathaus oder der Tuchhalle verbundenen Stadtturm, Belfried oder französisch Beffroi genannt. Teilweise besaßen die Türme, so z. B. in Brügge, wo der Belfried der Tuchhalle eine Höhe von 107 Metern erreicht, ein Glockenspiel. Der Belfried des Rathauses in Brüssel ist 114 Meter hoch und trägt auf seiner Spitze eine den Erzengel Michael darstellende Statue.

Die Feudalarchitektur entfaltete sich im Befestigungsbau der Burgen (z. B. Bouillon, Brügge), in deren Zentrum teilweise ein mächtiger Wohnturm (Donjon, siehe Bergfried) stand, wie beispielsweise in der Wasserburg von Gravensteen in Gent. Ein bedeutender flämischer Bildhauer der Zeit um 1400 war Claus Sluter (Mosesbrunnen, 1395-1406). Die meisten Werke der mittelalterlichen Bildhauerei fielen dem Bildersturm von 1566 zum Opfer; erhalten blieben vorwiegend Werke der Architekturplastik.

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Altniederländische Malerei

Die niederländische Malerei erlebte während der Spätgotik des 15. Jahrhunderts eine Blütezeit, die weit bis in das darauf folgende Jahrhundert dauerte. Wegen ihrer Bedeutung und Einheitlichkeit hat sich in der Kunstgeschichte der Begriff Altniederländische Malerei (im Unterschied zur zweiten Blüte der niederländischen Malerei im 17. Jahrhundert) eingebürgert. Die Traditionslinie der altniederländischen Malerei überschritt die Epochengrenze von der Gotik zur Renaissance und schließt Letztere weitgehend ein.

Vorbereitet durch die Buch- und Miniaturmalerei um 1400 (Hauptwerk ist das um 1415 von den Brüdern von Limburg gemalte Stundenbuch des Herzogs von Berry, Les très riches heures du Duc de Berry), entfaltete die Malerei sich nun insbesondere in der Tafelmalerei. Von epochaler Bedeutung war technisch die Erfindung der Ölmalerei, die den Brüdern van Eyck zugeschrieben wird und völlig neue Ausdrucksmöglichkeiten eröffnete. Diese neue Maltechnik setzte sich bald auch in Italien durch; als einer der Ersten griff sie Antonello da Messina auf.

Die altniederländische Malerei zeichnet sich durch einen Wirklichkeitssinn und eine Genauigkeit in der Naturbeobachtung aus, die seinerzeit in Europa ohne Vergleich war und seit der Mitte des Jahrhunderts auf die französische und deutsche Malerei einen wegweisenden Einfluss ausübte. Ähnlich wie die italienischen Maler bemühten sich die Niederländer um die wirklichkeitsgetreue Darstellung des Raumes und der Stellung der Figuren darin, wobei sie allerdings an die Raumgestaltung weniger wissenschaftlich herangingen als in Italien, gewissermaßen „gotischer” blieben. Unübertroffen aber blieben die Niederländer mit ihrer Behandlung der Farbe und des Lichts. Eine Besonderheit der altniederländischen Malerei stellt auch die betonte und realistische Hinwendung zum Privaten im gläubigen und alltäglichen Leben des Menschen dar. Religiöse, jenseitige Inhalte kleideten die niederländischen Maler bevorzugt in weltliche, diesseitige Formen.

Am Anfang der altniederländischen Malerei steht Robert Campin (Meister von Flémalle), der um 1425 mit dem Mérode-Altar eines seiner Hauptwerke schuf. Die herausragende Gestalt jener Epoche war Jan van Eyck, der 1432 sein Hauptwerk, den Genter Altar, vollendete. Ein weiteres seiner bedeutenden Werke ist das Gemälde Bildnis des Ehepaares Arnolfini von 1434. Einen größeren unmittelbaren Einfluss auf seine Zeitgenossen aber besaß Rogier van der Weyden (Rolin-Altar, 1445; Columba-Altar, um 1455). Zu den bedeutendsten Meistern der altniederländischen Malerei zählen weiterhin Dieric Bouts (Abendmahlsaltar, 1467; Gerechtigkeitstafeln, um 1473), Hans Memling (Jüngstes Gericht, um 1475), Hugo van der Goes (Potinari-Altar, um 1476) und Gerard David (Kambyses überführt den bestechlichen Richter Sisames, 1498). Geertgen tot Sint Jans (um 1460 bzw. 1465 bis um 1495) malte erstmals Gruppenporträts und genrehafte Szenen und wurde damit vorbildlich für die niederländische Malerei des 16. Jahrhunderts. Zu seinen bedeutendsten Bildnissen gehört Das Schicksal der irdischen Überreste Johannis des Täufers, das nach 1484 entstand.

Eine ganz und gar singuläre Erscheinung der Kunstgeschichte ist Hieronymus Bosch, von dessen grotesken Bildern aus heutiger Sicht eine direkte Verbindung zum Surrealismus zu bestehen scheint. So vordergründig dieser Vergleich insgesamt sein mag, sichert ihm die Heillosigkeit der in seinen Gemälden ausgebreiteten Welten heute die größte Aufmerksamkeit. Quenten Massys (1466-1530) gehörte schon zur Übergangszeit zur Renaissance. Er war besonders von Leonardo da Vinci beeinflusst und schuf neben Altarbildern vor allem Porträts und Figurenbilder (Der Bankier mit seiner Frau, 1514). An ihn knüpfte Joachim Patinir (um 1475 bis 1524) an, dessen „Weltlandschaften” – weite Landschaftsszenerien mit biblischen Themen wie Ruhe auf der Flucht nach Ägypten (um 1515) – schulbildend wurden. Stark an italienischen Vorbildern orientieren sich die Vertreter einer manieristischen Stilrichtung, des so genannten Romanismus, vor allem Mabuse, Bernaert van Orley (um 1493 bis 1542), Jan van Scorel (1495-1562) und Frans Floris (1516-1570). Weitere niederländische Maler der Renaissance waren Lucas van Leyden (Das Jüngste Gericht, 1526/27) und Maarten van Heemskerck. Als letzter Vertreter der altniederländischen Malerei wird im Allgemeinen Pieter Bruegel der Ältere angesehen (Die Heimkehr der Herde, 1565; Der Turmbau zu Babel, 1565).

Als historischer Abschluss der Epoche – nun schon am Ausklang des Manierismus – kann die erstmals 1604 erschienene kunstgeschichtliche und kunsttheoretische Schrift Het Schilder-Boek des flämischen Malers und Schriftstellers Carel von Mander gelten, die nach dem Vorbild Giorgio Vasaris zahlreiche Biographien vor allem niederländischer und deutscher, aber auch italienischer sowie antiker Künstler enthält.

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