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Russische Kunst und Architektur, die Kunst und Architektur auf den Territorien der heutigen Staaten Russland, Ukraine und Weißrussland. Dieses Gebiet kann auf eine lange kulturhistorische Geschichte seit dem Paläolithikum zurückblicken; von einer eigenständigen russischen Kunst lässt sich allerdings erst nach der Christianisierung in den Jahren 988/989 sprechen. Die Kunstgeschichte Russlands beschränkt sich dabei so gut wie ausschließlich auf dessen europäischen Teil. Die russische Kunst entwickelte sich im Mittelalter unter dem vorherrschenden Einfluss der byzantinischen Kunst, nahm aber im Lauf der Zeit auch vereinzelt Einflüsse anderer Länder, vor allem der italienischen und deutschen Kunst auf. Alle diese Einflüsse wurden in Russland stark den eigenen Vorstellungen und Bedürfnissen angepasst, so dass sich eine völlig eigenständige Kunsttradition ausprägte, deren Geschichte bis etwa 1700 weitgehend unabhängig von den anderen europäischen Ländern verlief. Die üblichen Epocheneinteilungen der europäischen Kunstgeschichte wie Romanik, Gotik oder Renaissance ergeben daher für die russische Kunstgeschichte keinen Sinn. Angemessener ist die Einteilung in eine Altrussische Kunst von der Christianisierung bis zur Zeit Peters des Großen, der das Land verstärkt nach Westen orientierte und so die Epoche der Neurussischen Kunst einleitete. Die Oktoberrevolution 1917 war auch für die weitere Entwicklung der russischen Kultur ein einschneidendes Ereignis. Im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts spielte die russische Avantgarde in Europa eine führende Rolle (siehe moderne Kunst und Architektur), doch nach Lenins Tod wurde dieser viel versprechende Aufbruch von der stalinistischen Diktatur zerschlagen, unterdrückt und durch die Doktrin des Sozialistischen Realismus ersetzt. Eine im Untergrund gepflegte, unabhängige und mehr oder weniger oppositionelle Kunst konnte sich erst nach der Perestroika ungehindert entfalten.
Die Wiege der russischen Kunst stand in den Steppenlandschaften Südrusslands. In der Ornamentik lassen sich Einflüsse der skandinavischen Waräger (Bandgeflecht) und der asiatischen Skythen (stilisierte Tiermotive) erkennen. Viele dieser Motive und Stilelemente wurden von der russischen Volkskunst übernommen und bis ins frühe 20. Jahrhundert tradiert. Von den griechischen Kolonien am Schwarzen Meer gingen ebenfalls künstlerische Impulse aus. Die Christianisierung in den Jahren 988/989 unter Wladimir, von 987 bis 1015 Großfürst von Kiew, markiert den Beginn der russischen Kunst. Bestimmend für den Wechsel vom warägischen Heidentum zur monotheistischen Religion waren politische Gründe. Für die Geschichte der Kunst stellen jedoch die Umstände, die Wladimir bewogen, gerade das griechisch-orthodoxe Christentum anzunehmen, mehr als eine historische Anekdote dar. Zur Wahl standen nämlich außerdem der römische Katholizismus – die Kiewer Rus unterhielt rege Handelsbeziehungen mit den westlichen Ländern Europas –, der jüdische Glaube und der Islam. Wladimir soll sich den Chroniken zufolge umfassend informiert haben und wetteifernde Vertreter aller dieser Religionen nach Kiew eingeladen haben. Für das griechisch-orthodoxe Christentum entschied er sich schließlich, weil es „am schönsten” sei; ausschlaggebend waren also neben den politischen auch ästhetische Gründe. Von der Pracht Konstantinopels hatte man in Kiew genaue Kenntnis; Wladimirs Großmutter, die Großfürstin Olga, hatte 957 in der Hagia Sophia mit einer pompösen Zeremonie den christlichen Glauben angenommen. In Russland gab es zu dieser Zeit nur Holzhäuser. Durch die Übernahme des Glaubens wurde das Kiewer Reich nun auch kulturell sehr stark an Byzanz gebunden. Kamen auch die künstlerischen Vorgaben von außen, so wurden sie doch – und dies ist seitdem eine Eigenart der russischen Kunst – dem einheimischen Geschmack angepasst.
Die ersten Künstler und Baumeister der Altrussischen Kunstepoche kamen aus Byzanz. Die erste russische Kirchengründung datiert aus dem Jahr 989, als griechische Baumeister in Kiew mit dem Bau von Mariä Himmelfahrt begannen (auch Zehntkirche oder Desjatinnakirche genannt). Die Kirche wurde 1240 von den Mongolen zerstört. Unter Jaroslaw erfolgten zwei bedeutende Kirchengründungen. In Kiew wurde 1036/37 nach dem Vorbild der Hagia Sophia mit dem Bau der Sophienkathedrale begonnen, die die russische Kirchenbaukunst maßgeblich prägte. Der Ziegelbau war als Kreuzkuppelkirche mit vier Seitenschiffen, einem Staffelchor und einer Vorhalle angelegt. Die kreuzförmigen Pfeiler lassen zahlreiche kleine quadratische und rechteckige Raumabschnitte entstehen. Die Zentralkuppel mit den umgebenden zwölf kleinen Kuppeln, alle auf zylinderförmige Tamboure gesetzt, symbolisieren Christus und die zwölf Apostel. Die Mosaiken im Innern der Kirche entstanden zwischen 1046 und 1067, die Wandmalereien von 1045 weisen zum Teil profane Motive auf. Im 18. Jahrhundert wurde die Kirche im barocken Stil umgebaut. Die Sophienkathedrale des Kremls in Nowgorod entstand zwischen 1045 und 1052; ebenfalls zum Typus der Kreuzkuppelkirche gehörend, besaß sie fünf Schiffe, aber im Unterschied zu Kiew nur fünf Kuppeln. Der abgebrannte Vorgängerbau war noch in Holz und mit 13 Kuppeln errichtet worden. Der neue Bau erhielt im 12. Jahrhundert einen Glockenturm mit einer weiteren Kuppel und einen weißen Anstrich, der für den russischen Kirchenbau vorbildlich wurde. Im Kiewer Höhlenkloster wurde von 1073 bis 1089 die Uspenskij-Kathedrale erbaut (im 2. Weltkrieg zerstört). Vom 12. bis zum 14. Jahrhundert war Nowgorod das Zentrum russischer Baukunst. Im 12. Jahrhundert entstanden die fürstliche Hofkirche Nikolai auf dem Jaroslaw-Klosterhof (1113 begonnen), die Klosterkirchen des Antoniusklosters (1117) und des Jurjewklosters (1119). Mit dem Bau der Kirche der Übersee-Kaufleute wurde 1207 begonnen. Aus dem 14. Jahrhundert stammen die Kirche Fedor Stratelites (1361) und die Erlöserkirche auf der Ilja-Straße (1372). In Wladimir entstand zwischen 1185 und 1189 die Kathedrale Mariä Himmelfahrt. Ein weiteres Zentrum war Pskow, wo im 12. Jahrhundert mit der so genannten Trapeza eine Bauform eingeführt und entwickelt wurde, die im spätmittelalterlichen Russland weite Verbreitung fand. Eine Trapeza ist ein Anbau an der Westseite der Kirche in Form einer Vorhalle oder eines Portikus. In den Klöstern des 15. und 16. Jahrhunderts war die Trapeza als östlich anschließender Speiseraum oder Refektorium angelegt. Im 17. Jahrhundert entwickelte sie sich zum Gemeinderaum der Kirche und fügte sich nun meist zwischen der Kirche im Osten und dem Glockenturm in Westen ein. Für die frühen Kirchen des Moskauer Reichs, die im 15. Jahrhundert entstanden, wurden spätgotische Einflüsse aus dem Westen angenommen. Die architektonische Leitform dieser Periode war der Kielbogen (Kokoschnik; siehe Bogen und Gewölbe). Die bedeutendsten Kirchenbauten sind die Uspenskij-Kirche in Swenigorod (um 1400), die Kirche des Andronikowklosters in Moskau (1410/27) und die Dreifaltigkeitskirche im Kloster Troize-Sergijewa-Lawra in Sagorsk (1423). Im 15. Jahrhundert nahm Moskau, das im 14. Jahrhundert zum politischen und kirchlichen Zentrum des Reiches aufgestiegen war, die führende Stellung in der russischen Baukunst ein. Die Bautätigkeit konzentrierte sich hier vor allem im Kreml. Der Moskauer Kreml ist das bekannteste Beispiel für diesen Typus mittelalterlicher Befestigungsanlagen russischer Städte, in denen Paläste, Verwaltungsgebäude, Kirchen und Klöster im Schutz von Wällen oder Mauern versammelt wurden. Kreml finden sich z. B. auch in Nowgorod, Smolensk, Kolomna, Tula und Rostow Welikij. Iwan III. rief für die Bauten des Moskauer Kremls eine Gruppe italienischer Baumeister nach Moskau. Rodolfo Fioravanti erbaute von 1474 bis 1479 die Kathedrale Mariä Himmelfahrt nach dem Vorbild der gleichnamigen Kathedrale in Wladimir, Alevisio Novo von 1505 bis 1508 die Erzengel-Kathedrale. In beiden Kirchen verbinden sich architektonische Formen der Renaissance mit einheimischen Elementen. Marco Ruffo errichtete 1491 das Erlösertor (1624/25 im Stil der englischen Spätgotik von Christopher Galloway mit einem Glockenturm erhöht) und von 1487 bis 1491 zusammen mit Pietro Solario den Facettenpalast. Der Glockenturm Iwan Welikij wurde von 1532 bis 1542 von Marco Bono gebaut (Erweiterungen um 1600). Russische Baumeister aus Pskow wurden für die kleineren Kirchen herangezogen, für die Kathedrale der Verkündigung (1482-1490) und für die Kathedrale der Priesterweihe (1485/86). Als befestigte Vorposten entstand um Moskau ein südlicher Kranz von so genannten Wehrklöstern (Nowodewitschij, Don, Danilow, Simonow, Nowospasskij und Andronnikow). Noch etwas weiter außerhalb entstand ebenfalls als Vorposten die spätere Zarenresidenz Kolomenskoje. Hier wurde zwischen 1529 uns 1533 als erste aus Stein erbaute Zeltdachkirche Russlands die Kirche Christi Himmelfahrt errichtet. Ihr Außenbau wird von den überdachten Galerien und Treppen und besonders durch die gestaffelten Kokoschnik-Giebel (Kielbögen) geprägt. Die weltberühmte Kathedrale Sankt Basilius des Seligen (Basilius-Kathedrale) auf dem Roten Platz ließ Iwan IV. (Iwan der Schreckliche) zwischen 1555 und 1560 von den Baumeistern Postnik und Barma schaffen. Als Zentralbau angelegt, stellt ihr Bautypus eine Verbindung der byzantinischen Kuppelkirche und der russischen Zeltdachkirche dar. Die pittoresken Zwiebelkuppeln wurden Ende des 16. Jahrhunderts aufgesetzt. Elemente des westlichen Barockstils gelangten im Lauf der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts über Polen und die Ukraine nach Russland. Als erster russischer Baumeister, der ganz im Stil des Barock baute, gilt Iwan Zarudnij (gestorben 1727), der 1690 nach Moskau kam. Sein Hauptwerk ist die von 1705 bis 1707 erbaute Kirche des Erzengels Gabriel. Nach 1693 entstand nach westlichem Vorbild als erste russische Rundkirche Fürbitte Mariä in Fili. Frei stehende Skulpturen als Schmuck des Außenbaus wurden erstmals bei der 1690 bis 1704 erbauten Kirche der segnenden Gottesmutter in Dubrowitschnij verwendet. Unter Peter I. verlagerte sich das Zentrum der russischen Baukunst in die neue Hauptstadt Sankt Petersburg.
Plastische Werke finden sich in der altrussischen Kunst ausschließlich als Relief, und zwar in erster Linie als Bauschmuck. Stilistisch stehen sie der byzantinischen Kunst nahe, vereinzelt sind auch Einflüsse der westlichen Romanik erkennbar. Die sakralen Darstellungen folgen in Stil und Thematik größtenteils der Ikonenmalerei, daneben erschienen Tier- und Pflanzenformen. Im 17. Jahrhundert machte sich in der Plastik der Einfluss des westlichen Barock bemerkbar. Ikonen erhielten nun reich verzierte Rahmen und wurden zum Teil auch als Reliefs aus Edelmetall gestaltet. In dieser Zeit erschienen auch die ersten Porträtbüsten. Eine weitere Gattung der Plastik waren Goldschmiedearbeiten.
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