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Wanderprediger

Enzyklopädieartikel

Wanderprediger, im engeren Sinn die Propheten, einschließlich der Person Jesu Christi, der drei monotheistischen Weltreligionen. Wanderprediger im weiteren Sinn sind ein religionssoziologisches und religionsgeschichtliches Phänomen in fast allen Weltreligionen. So können etwa die Bettelmönche des Buddhismus oder die wandernden Yogi des Hinduismus als Wanderprediger angesehen werden.

Ihnen gemeinsam ist eine jeweils speziell an sie als Individuum erfolgte Berufung im Sinn eines göttlichen Auftrages, der sie als quasi Heimatlose in die Welt schickt, um mahnend zur Umkehr aufzurufen. In den ersten Jahrhunderten des Christentums stand bei den Wanderpredigern der missionarische Aspekt im Vordergrund. Berühmt sind hier etwa die irischen Mönche, die im Süden Deutschlands missionierten. Eine Vielzahl dieser ersten Missionare sind von der katholischen Kirche in den Kanon der Heiligen aufgenommen worden. Mit der institutionellen Etablierung der christlichen Kirche wurde diese Aufgabe – Missionierung der Heiden und Belehrung der Christen – von den Klöstern übernommen. In Zeiten des Umbruchs, der wirtschaftlichen Not oder innerkirchlicher Abspaltungstendenzen traten Wanderprediger wieder verstärkt in Erscheinung. Dies gilt z. B. für fast alle Glaubensgruppen, die in Opposition zur etablierten Kirche standen. Ihre Anhänger, wie etwa die Albigenser, Wiedertäufer, Flagellanten oder später Hussiten, zogen als Wanderprediger von Gemeinde zu Gemeinde, um neue Anhänger zu werben. Auch ihren Predigten der Mahnung und Umkehr war ein persönliches Berufungserlebnis vorhergegangen. Mitte des 18. Jahrhunderts kam es in den damaligen englischen Kolonien Neuenglands (USA) zur Herausbildung eines besonderen Typs des Wanderpredigers. Dort waren seit Beginn des Jahrhunderts im Gefolge von protestantischen Erweckungsbewegungen immer wieder Persönlichkeiten aufgetreten, die als Prediger von einer Gemeinde zur anderen zogen – unter ihnen auch Frauen und vereinzelt Schwarze –, die im Lauf der Zeit eine Anhängerschaft um sich versammeln konnten.

Eine neue Qualität erhielt die Rolle des Wanderpredigers jedoch 1744. Damals kam ein junger Geistlicher, Reverend George Whitefield, aus dem englischen Mutterland nach Neuengland und sorgte nach nur 14-tägigem Aufenthalt für Furore als wandernder Prediger. Bereits vor seiner Ankunft hatte er von seinen Mitarbeitern Artikel über seine Predigten und Versammlungen in England in der amerikanischen Presse lancieren lassen. Seine darin beschriebenen charismatischen Predigerfähigkeiten sorgten dafür, dass Whitefield, von seinen ersten Auftritten in den Kolonien an, vor übervollen Versammlungen sprach und schnell zur Legende wurde.

Während der schweren wirtschaftlichen Krisen am Ende des 19. Jahrhunderts und vor allem während der großen Depression im 20. Jahrhundert kam es zu einem inflationären Anstieg der Zahl der Wanderprediger. Bei den teilweise sehr berühmten männlichen und weiblichen Wanderpredigern konnte oftmals kaum zwischen ihrem religiösem Anspruch aus Berufung und ihrem kommerziellen Interesse unterschieden werden. Heute gelten Wanderprediger allgemein als ein Phänomen der amerikanischen Kulturgeschichte.

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