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Orale Literatur

Enzyklopädieartikel

Orale Literatur (englisch Oral poetry, Oral literature), vorwiegend innerhalb der vergleichenden Literaturwissenschaft englischsprachiger Länder gebräuchliche Bezeichnung für die mündlich tradierte Literatur sowohl der so genannten schriftlosen Kulturen in Afrika, Asien, Südamerika etc. als auch der Volksdichtung und der vermeintlich ohne Schrift verfahrenden Massenmedien. Dem von M. Parry und Albert Bates Lord begründeten Ansatz liegt die Auffassung zugrunde, dass orale Dichtung formal anderen Strukturgesetzen als schriftlich fixierte folgen müsse. Bedingt durch die mnemotechnischen Anforderungen, die eine Übermittlung und Tradierung erleichtern sollen, sind dies u. a. stark rhythmische Kompositionsprinzipien, immer wiederkehrende Topoi, Motive, Handlungs- und Personenmuster, eine Stereotypie der Thematik und der Hang zur Wiederholung sprachlicher Formeln. Die Oral-poetry-Forschung geht demgemäß komparatistisch vor, indem sie solche Strukturen im Vergleich verschiedener Epen wie Beowulf oder Nibelungenlied, Sagen etc. herauszuarbeiten und rückschließend zu entdecken sucht. Dabei werden interdisziplinär Aspekte der Anthropologie, Volkskunde, Linguistik, historischen Soziologie oder Semiotik mit einbezogen. In Deutschland wurde die Position der oralen Literaturtheorie etwa von T. Frings und Karl Lachmann vertreten.

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