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Jüdische Literatur

Enzyklopädieartikel
Artikelgliederung
1

Einleitung

Jüdische Literatur, Bezeichnung für die innerhalb verschiedener Kulturkreise entstandene hebräischsprachige Literatur jüdischer Autoren. Sie richtet sich vorwiegend an ein jüdisches Publikum.

Obwohl sich eine jüdische Literatur erst in nachbiblischer, rabbinischer Zeit entwickelte, ist auch die Bibel selbst nicht nur ein bedeutendes Geschichtsdokument, sondern auch ein literaturhistorisches Dokument hohen Ranges. Es finden sich darin so unterschiedliche literarische Formen wie die 150 Lieder der Psalmen, die zur Weisheitsliteratur zählenden Sprüche Salomons, das Buch Hiob, das Hohe Lied, die Klage- und Totenlieder des Jeremia oder das zur Zeit des Makkabäeraufstandes (167-163 v. Chr.) entstandene apokalyptische Buch Daniel. Außerhalb der Bibel gab es lange Zeit keine schriftlich fixierte Literatur; stattdessen kam der mündlichen Überlieferung eine normative Bedeutung zu. Diese galt als eine Art zweite Lehre, die neben der Thora gelehrt und nur mündlich weitergegeben wurde. Als aber nach der endgültigen Zerstörung Jerusalems durch die Römer 76 n. Chr. die jüdischen Gemeinden außerhalb Palästinas immer größer wurden und auch immer weiter voneinander entfernt lebten, begann man zunächst vereinzelt, dann aber systematisch, das Wissen dieser mündlichen Überlieferung schriftlich niederzulegen. Dies geschah auch, weil sich durch die räumliche Trennung der einzelnen Gemeinden unterschiedliche religiöse Auffassungen allmählich herausbildeten: So stellten etwa die Sekten der Karärer, der Essener oder auch das junge Christentum eine Konkurrenz zur alten mündlichen Überlieferung dar. In dieser Entwicklung lagen die Anfänge des rabbinischen Judentums, nämlich die Weitergabe des halachischen, d. h. religionsgesetzlichen, und des haggadischen, d. h des ethisch-moralischen, Wissens durch einzelne Rabbiner oder Rabbinerschulen.

Das erste große schriftliche Werk nach der Bibel ist die Mischna, eine Sammlung des mündlich überlieferten Wissens, dessen Hauptredakteur um das Jahr 200 n. Chr. Jehuda Hanasi war. Die Mischna ist in sechs Ordnungen (sederim) gegliedert, die von der Landwirtschaft über das Ehe- und Familienrecht bis hin zu den Reinheitsgesetzen reichen. Erläuterungen zur Mischna in Form von Diskussionen heißen Gemara. Mischna und Gemara zusammen bilden den Talmud. Höhepunkte dieser Form der rabbinischen Literatur sind der um 425 entstandene Palästinensische oder Jerusalemer Talmud und der um 638 – zur Zeit der arabischen Eroberung Jerusalems also – entstandene Babylonische Talmud. Daneben zählten die Schriften in Targum und Midrasch zu wichtigen Wegmarken der rabbinischen Literatur. Während nur wenige Targunim vollständig erhalten geblieben sind (der bekannteste ist der Targum Onkelos), entwickelte sich der Midrasch zu einer besonderen Form der Schriftauslegung, wobei sich der Begriff sowohl auf die Form, den Inhalt und die Methode beziehen konnte. Bekannte frühe Schulen waren die von Rabbi Isaak und Rabbi Akiba, wobei das Meiste dieser Schulen jedoch verloren ging. Einen besonderen Aufschwung nahm die Exegese bei dem in Oberägypten geborenen Saadja ben Josef (888-942). Sein im Exil in Bagdad verfasstes Werk Haemunoth wehadeot (Glaube und Wissen) orientierte die Exegese nicht nur nach wissenschaftlichen Grundsätzen, sondern begründete auch die Disziplin der jüdischen Religionsphilosophie. Bis ins Mittelalter hinein galt dieses Werk als Standardwerk.

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11. bis 18. Jahrhundert

Nach der Jahrtausendwende verlagerte sich das Zentrum literarisch-religiöser Gelehrsamkeit vom Vorderen Orient nach Spanien und in den nordfranzösischen Raum. In Spanien wurde die Tradition des Thorakommentars durch Meir ibn Esra fortgesetzt, der auch zahlreiche naturwissenschaftliche Schriften zur Mathematik und Astrologie verfasste; zudem sind einige lyrische Werke von ihm überliefert. In Nordfrankreich galt Samuel ben Meir als einer der Hauptvertreter der nordfranzösischen Exegetenschule. Den berühmtesten Thorakommentar des Mittelalters schrieb jedoch Salomo ben Isaak, genannt Raschi. Schon sein Vorgänger R. Gerson aus Mainz hatte berühmte Thorakommentare geschrieben. Eine besondere Form der Frömmigkeit und des Kommentars entstand an der Wende des 12. zum 13. Jahrhunderts in Deutschland: Hier begründete Jehuda ben Salomo um 1206 mit seinem Sefer Chassidim (Regensburg) die jüdische Mystik in Deutschland. Fast gleichzeitig entwickelte sich in Spanien unter dem Einfluss syrisch-byzantinischer und vor allem arabischer Vorbilder ein Höhepunkt der hebräischen Lyrik, namentlich von Ibn Gabriol (1021-1058) und Jehuda Halevi: Neben geistlicher Dichtung, die teilweise sogar Eingang in die Liturgie fand, schufen sie einige der berühmtesten hebräischsprachigen Liebesgedichte. Halevi begründete mit seinem zuerst in spanischer Sprache verfassten Buch Kusari die philosophische Literatur in hebräischer Sprache. Es handelt sich dabei um eine in der Form des didaktischen Streitgesprächs geführte Diskussion zwischen einem Christen, einem Juden und einemMuslim, welcher der Beste von den dreien sei. Auslöser des Streitgesprächs ist der König der Chasaren, der am Ende das Judentum annimmt. Noch berühmter war zu seiner Zeit aber Halevis Mekor Hajim (Quelle des Lebens), das unter dem lateinischen Titel Fons Vitae von christlichen Autoren als Werk eines christlichen Autors rezipiert wurde.

Der Gelehrte Moses Maimonides schrieb in Spanien in arabischer Sprache einen Kommentar zur Mischna (Mischne Tora, 1180), der bald ins Hebräische übersetzt wurde und nach 1492 häufig auch im Druck erschien. Sein More newuchim (Führer der Verirrten) gehört zur religionsphilosophischen Literatur. Maimonides’ Nachfolger wurde Jacob ben Ascher, der nach seinem Hauptwerk, Arba Turim (um 1340), auch Baal Harturim genannt wurde. Dieses Werk galt lange Zeit als populäre Zusammenfassung der Gesetze. Es diente auch als Vorlage für Josef Karos Bet Josef bzw. dem daraus entnommenen berühmten Schulchan aruch. Eine der ersten hebräischen Grammatiken in einem europäischen Land schrieb David Kimchi. Ebenfalls in Spanien bzw. im spanisch-provenzalischen Grenzgebiet entstand eine ganz andere Art der Thora- Auslegung und Deutung, die Kabbala; ihre Lehre ist im Bahir und im Sohar, einem Kommentar zur Thora von Moses Schemtow ben Leon (um 1300), zusammengefasst. Die daraus entstandene so genannte Lurianische Kabbala des Isaak Luria, die er hauptsächlich im palästinensischen Safed schrieb, ist stark geschichtspessimistisch geprägt. Die Kabbala übte auf spätere gnostische, mystische und auch okkultistisch-esoterische Strömungen in Judentum und Christentum einen großen Einfluss aus.

Wichtig wurden auch die zahlreichen (vor allem jüdischen) Übersetzerschulen, in denen wissenschaftliche und literarische Werke aus dem Arabischen ins Hebräische, Lateinische, Spanische bzw. umgekehrt übersetzt wurden. Als erster großer Übersetzer gilt der aus Granada stammende Juda ibn Tibbon (1120-1190), dessen Nachkommen ebenfalls bekannte Übersetzer wurden. Erst dank der spanisch-jüdischen Übersetzerschulen kam das umfangreiche medizinische, mathematische und astronomische Wissen der Araber nach Mitteleuropa, und dies zu einer Zeit, als die christliche Welt naturwissenschaftlichen Forschungen skeptisch gegenüberstand. Noch 1877 hob der Botaniker Matthias Jakob Schleiden in seiner Schrift Die Bedeutung der Juden für die Erhaltung der wissenschaftlichen Literatur im Mittelalter den großen Einfluss der Juden als Übersetzer (und damit Vermittler) wissenschaftlicher Literatur hervor. Ebenfalls von weit reichender Wirkung waren die Übersetzungen antiker Autoren, die erst durch die Übersetzung aus dem Arabischen Eingang ins Bewusstsein des christlichen Abendlandes fanden. Als nach der Vertreibung der Juden aus Spanien im Jahr 1492 viele der Betroffenen nach Italien oder in die Niederlande flüchteten, brachten sie auch ihre Kenntnisse antiker Autoren und deren Texte mit und hatten damit einen wesentlichen Anteil an der Entwicklung der Renaissance in Mitteleuropa.

Neben der Übersetzertätigkeit lag der Hauptakzent der jüdischen Literatur auf religiösem Gebiet, so bei den Thora- und Mischnakommentaren, der geistlichen Dichtung und der Erbauungsliteratur. Eine wirklich traditionsbildende weltliche Literatur entstand erst im Deutschland des späten 18. Jahrhunderts mit dem Werk Moses Mendelssohns, mit dem der große Aufbruch der neuhebräischen, weltlichen Literatur begann. Auslöser war zunächst jedoch ein religiöser Text, nämlich Mendelssohns in hebräischer Sprache verfasster Kommentar (hebräisch: Biur) zu seiner deutschen Bibelübersetzung. Dieser Kommentar erlebte eine solche große Resonanz in Ost und West, dass er allgemein als Initialtext der jüdischen Aufklärung, der Haskala, gilt. Sprachrohr dieser Bewegung wurde die 1784 von Isaak Euchel und David Friedlaender in Königsberg gegründete Zeitschrift Ha Meassef (Der Sammler), deren Beiträger nahezu alle namhaften Protagonisten der Haskala waren. Ihnen ging es neben der Verbreitung der Gedanken der Aufklärung unter den Juden um die Wiederbelebung der hebräischen Sprache und damit um die Wiederentdeckung und Fortsetzung der hebräischen Literatur. So verfasste etwa Naftali Herz Wessely sowohl eine hebräische Grammatik (Gan Nuul; Geschlossener Garten) als auch eine Mosaide (Schire Tiferet) nach dem Vorbild Friedrich Gottlieb Klopstocks. Letztere wurde so berühmt, dass ihr bald auch eine deutsche Übersetzung folgte sowie 1815 eine französische des Dichters Michael Beer (ein Bruder Giacomo Meyerbeers). Ebenfalls eine hebräische Grammatik sowie ein Sprachlexikon schrieb Juda Löb Ben-Seev. 1770 erschien mit Gemul Athalie des Amsterdamer Dichters David Franco Mendes eine Variante von Jean Racines Athalie.

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19. und 20. Jahrhundert

Während sich nach diesen Anfängen in Osteuropa eine traditionsbildende hebräische Literatur herausbildete, entstand in Westeuropa, besonders in Deutschland, die von Leopold Zunz begründete Wissenschaft vom Judentum. Ihre Autoren gehören zwar nicht zur jüdischen Literatur, da sie alle in deutscher Sprache schrieben, doch förderten sie durch ihre wissenschaftlichen Arbeiten das allgemeine Bewusstsein für historische Bedingtheit und historische Kontinuität der jüdischen Geschichte. In der Folge führte dies zu einer Reihe von Neu- und Wiederentdeckungen der hebräischsprachigen Literatur des Mittelalters. Leopold Zunz etwa schrieb die erste wissenschaftliche Monographie über Salomon ben Isaak (Lebensbeschreibung Salomon ben Isaak, genannt Raschi). Neben zahlreichen Forschungsbeiträgen zur Literatur, Kultur und Ethik der Juden im Mittelalter sind vor allem auch Die gottesdienstlichen Vorträge der Juden (1832) und Literaturgeschichte der synagogalen Poesie (1866) bedeutend.

Innerhalb der nachfolgenden Generation gehörte Moritz Steinschneider zu den herausragenden Forschern. Er erarbeitete die Bibliographien der hebräischen Handschriften der Universitäten Oxford, München und Hamburg und übersetzte zahlreiche wissenschaftliche Werke des Mittelalters, so zur Mathematik und Astrologie. Eine Renaissance der jüdischen Geschichtsschreibung leitete Heinrich Graetz mit seiner 1853 bis 1875 erschienenen Geschichte der Juden von der ältesten Zeit bis in die Gegenwart ein. In Osteuropa dagegen entwickelte sich eine hebräischsprachige Literatur, die sich zwar an europäischen Vorbildern orientierte, in denen es inhaltlich aber um den Konflikt zwischen Orthodoxie und Haskala bzw. in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts um sozialistische versus nationaljüdische bzw. zionistische Ideen ging. Einen großen Einfluss auf die Entwicklung gerade nationaljüdischer Ideen in der Literatur hatte Achad Haam, der Begründer des so genannten Kulturzionismus. Zu den frühen erfolgreichen Autoren zählen etwa Abraham Dow Lebensohn (1789-1879) oder Juda Leib Gordon (1830-1892). Die Zeitromane Abraham Mapus’ (1808-1867), die sehr populär wurden, beeinflussten eine Reihe von Sittenschilderungen über den ostjüdischen Alltag. Kalman Schulmans Übersetzung von Eugène Sues Les Mystères de Paris lieferte das Vorbild für ähnliche Erzählungen vor ostjüdischem Hintergrund. Die ersten nationaljüdisch geprägten Romane und Erzählungen erschienen im Umfeld der Chibbat Zion-Bewegung: Smolenskis Am olam (Das ewige Volk), das ursprünglich 1872 nur als Broschüre gedacht war, wurde seit Erscheinen mehrmals als Buch verlegt. Der (auch im Westen) berühmteste Autor hebräischer Literatur zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Chaim Nachman Bialik, der sowohl als Lyriker wie als Dramatiker hervortrat. Wie Bialiks Schriften, so wurden auch die Werke des jiddisch und hebräisch gleichermaßen schreibenden Isaak Leib Perez (1851-1915) in andere Sprachen übersetzt.

Siehe auch jiddische Literatur

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