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    Die Grundfrage der Moraltheologie lautet: Wie kann menschliches Leben und Zusammenleben gelingen und was kann der Mensch aus seiner Freiheit und Verantwortung heraus dazu beitragen

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Moraltheologie

Enzyklopädieartikel

Moraltheologie, Teildisziplin der katholischen Theologie. Sie befasst sich mit dem Verhältnis des Menschen zu Gott und dessen Geboten, seinen Handlungen gegen sich selbst und andere im Lichte von Gut und Böse und seiner Fähigkeit, nach Maßgabe des eigenen Gewissens und den Forderungen des Glaubens Entscheidungen zu treffen.

Obwohl die Moraltheologie als selbständiges Fach erst seit der Mitte des 16. Jahrhunderts gelehrt wird, reicht die Beschäftigung mit moralischen Fragestellungen weiter zurück. Schon im frühen Mittelalter fand dies seinen Niederschlag in den so genannten Bußbüchern (libri poenitentiales). Sie hatten ihren Ursprung in Irland und waren vor allem in Frankreich und Deutschland weit verbreitet. Diese Bußbücher waren als praktische Anleitung für Priester gedacht, um nach der Beichte die Höhe sowie die Art und Weise der Buße bemessen zu können. Doch wurden schon seit der karolingischen Renaissance erste Proteste gegen die mechanische Bußbemessung laut; der in Paris lehrende Mönch Abélard trat besonders vehement gegen diese Praxis auf.

Eine theologisch und philosophisch fundierte Auseinandersetzung mit moralischen Fragen setzte im Mittelalter innerhalb der Scholastik ein, die zwischen der aristotelischen Ethik und dem christlichen Glauben zu vermitteln suchte. Eine besondere Rolle spielte hier Thomas von Aquin, der in seiner Moralphilosophie die antiken Tugenden Weisheit, Tapferkeit, Mäßigkeit und Gerechtigkeit um die christlichen Tugenden Glaube, Liebe und Hoffnung erweiterte und der vor allem den antiken Vernunftsbegriff mit dem christlichen Glauben zu versöhnen suchte. Ihm gelang dies dadurch, dass er die Vernunft als eine von Gott dem Menschen verliehene Fähigkeit bestimmte, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, also moralisch richtige Entscheidungen auf der Grundlage des christichen Glaubens zu treffen. „Das Gute des Menschen, sofern er Mensch ist, liegt darin: dass die Vernunft vollendet sei in der Erkenntnis der Wahrheit und die untergeordneten Begehrungskräfte geleitet werden gemäß der Richtschnur der Verunft. Denn des Menschen Menschsein kommt ihm daher, dass er der Vernunft mächtig ist.” Die Vernunft wurde bei Thomas von Aquin auf diese Weise ein Teil des christlichen Glaubens.

Obwohl die aquinische Moralphilosophie einen großen Einfluss auf die Theologie ausübte, fanden moralische Überlegungen im 14. und 15. Jahrhundert ihren Niederschlag vor allem in den Kommentaren zu den Sentenzen des Petrus Lombardus und in den Einzeltraktaten zu bestimmten moralisch-sittlichen Fragen. Großer Beliebtheit erfreuten sich in dieser Zeit die so genannten Summen. Dies waren keine moraltheologischen Lehrbücher, sondern Nachschlagewerke zu moraltheologischen Einzelfragen. Hier sind vor allem die Summa Pisana von Bartholomäus von Pisa und die Summa angelica von Angelius von Clavasio wichtig. Von kulturgeschichtlicher Bedeutung ist die Summa des heilige Antonin, denn sie ist gleichzeitig eine eindringliche Darstellung des sittlichen Lebens im 15. Jahrhunderts. Das als Reaktion auf die protestantische Reformation einberufene Tridentinische Konzil suchte auch in der Verwaltung des Bußsakraments nach neuen Wegen. Hier trat vor allem die neu gegründete Ordensgemeinschaft der Jesuiten in Erscheinung, die erstmals moraltheologische Fragen mit dem Kirchenrecht verband.

Als es im 16. Jahrhundert zu einer Renaissance der Vorstellungen von Thomas von Aquin kam, wurden an den Universitäten die bis dahin in moraltheologischen Fragen bindenden Sentenzen des Petrus Lombardus durch die Summa theologica des Thomas von Aquin ersetzt. Anfang des 17. Jahrhunderts erschien das Handbuch der Moraltheologie (1600-1611) von Johann Azor (Handbuch für Beichtväter). Dieses Werk gilt als Vorbild für alle weiteren Handbücher.

Außerhalb der Kirche kam es im Zug der Aufklärung zu neuen ethischen und gesellschaftstheoretischen Modellen, die die Religion nicht nur kritisch betrachteten, sondern für überflüssig erklärten. Der schottische Philosoph David Hume postulierte schon zu Beginn der Aufklärung, dass ein selbständig vernünftig denkender Mensch überhaupt gar keine Religion braucht. Auch Immanuel Kant kam in seinen Schriften zum Verhältnis von Moral und Sittengesetz (Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft). Zwar kam es innerhalb der philosophischen Romantik zu einer Neubesinnung auf den christlichen Glauben, doch gilt hier die Bibel und nicht die moralischen Dogmen der Kirche als normative Instanz für individuelle Entscheidungen. Die beiden bedeutendsten Handbücher des 19. Jahrhunderts sind das Handbuch der christlichen Moral zunächst für künftige katholische Seelensorgen und dann für jeden gebildeten Christen (1817) von Johann Michael Sailer und das von Johann Baptist Hirschler verfasste Werk Die christliche Moral als Lehre von der Verwirklichung des göttlichen Reiches in der Menschheit (1835). Als „eine Glaubenswissenschaft, die an die göttliche Offenbarung als ihre vorzüglichste Quelle gewiesen ist.” schrieb der bedeutende Moraltheologe Fritz Tillmann sein Handbuch der katholischen Sittenlehre, das lange als Standardwerk galt. Nach den Veränderungen durch das Zweite Vatikanische Konzil und den Ergebnissen der modernen Exegese wurden jedoch auch innerhalb der katholischen Kirche Zweifel an der Vorstellung laut, dass biblische Aussagen zu moralischen Fragen tatsächlich Offenbarungsaussagen seien. Diesen Konflikt versuchte der katholische Theologe Alfons Auer mit dem Begriff der „autonomen Moral” zu lösen, die besagt, dass sich der Mensch mit seiner Vernunft und seinen aus der Wirklichkeit des Lebens gewonnenen Erfahrungen mit moralischen Fragen auseinandersetzt. Gleichzeitig jedoch wurden diese von der Offenbarung und dem Glauben her interpretiert.

Fortschritte in der Medizin, die zunehmende Zerstörung des Lebensraums Erde, Konflikte zwischen den Religionen, politische und ökonomische Veränderungen sowie veränderte Vorstellungen über zwischenmenschliche Beziehungen stellen heute die katholische Moraltheologie vor Herausforderungen, die mit dem Rekurs auf biblische Aussagen oder mit dem Festhalten an moralischen Dogmen nicht zu lösen sind.

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