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Nouveau Réalisme

Enzyklopädieartikel

Nouveau Réalisme (französisch: Neuer Realismus), am 27. Oktober 1960 in Paris von dem französischen Kunstkritiker Pierre Restany gegründete Kunstrichtung, die als Neodadaismus an den Dadaismus anknüpfen und gegen die als verkrustet und erstarrt empfundenen Richtungen des Informel antreten wollte.

Restany stellte das Programm auf (ein Manifest der neuen Bewegung war schon am 16. April 1960 in Mailand erschienen) und versammelte unter diesen Vorgaben eine Gruppe von Künstlern um sich. Der Nouveau Réalisme war in seiner reinen Form in der ersten Hälfte der sechziger Jahre aktuell. Offiziell löste sich die Gruppe 1970 in Mailand auf. Zu den Künstlern des Nouveau Réalisme gehörten Arman, César, Christo, Gérard Deschamps, François Dufréne, Raymond Hains, Yves Klein, Martial Raysse, Mimmo Rotella, Niki de Saint Phalle, Daniel Spoerri, Jean Tinguely und Jacques de la Villeglé.

Der Nouveau Réalisme agierte vorwiegend in den Bereichen der Objektkunst und der Assemblage sowie der Aktionskunst. Sein Streben zielte darauf ab, dass reale Objekte und Materialien der Alltagswelt (mit Vorliebe Schrott, Abfall oder abgenutzte, triviale Gegenstände) in einer künstlerischen Verfremdung eine ganz neue, überraschende Präsenz gewinnen und so einen ungewohnten Blick auf die Realität nahe legen sollten. Restany stellte dafür die Formel „Nouveau Réalisme = neue Wahrnehmungsweisen des Wirklichen” auf. Die Werke der Neuen Realisten verstanden sich im Sinne einer Antikunst als Absage an jeglichen Illusionismus, insbesondere als Überwindung der herkömmlichen Malerei und des traditionellen Tafelbildes, darin dem großen Vorbild Marcel Duchamps huldigend. Diese Kunst wurde durchaus auch als ästhetische Kritik an der Konsumwelt, an bürgerlichem Besitzdenken, an der beginnenden Wegwerfgesellschaft und an einer Warenästhetik des schönen Scheins begriffen. Doch hatte diese Kritik noch nicht die theoretische und politische Schärfe der wenige Jahre später sich bildenden Studentenbewegung, sondern war spielerischer und ließ sich von einer eher ironisch-optimistischen Grundhaltung tragen.

César ließ für seine seit 1960 hergestellten Compressions mit Hilfe von Altmetallpressen Autoschrott zu massiven Blöcken zusammenpressen, während Arman den Inhalt von Papierkörben (Poubelles) oder andere Abfallprodukte in dicht verschlossene Plexiglasbehälter oder Vitrinen füllte und diese als Accumulations (Akkumulationen) zur Schau stellte. Daniel Spoerri erfand mit seinen Fallenbildern (Tableaux pièges) eine neue Gattung der Objektkunst in Kombination mit Aktionen. Christo verfremdete Gegenstände durch Verpacken – eine Technik, die ihm später, im großen Maßstab und als spektakuläre Aktionen weitergeführt, Weltruhm einbrachte. Jean Tinguely wurde vor allem für seine beweglichen, teilweise vom Betrachter in Gang zu setzenden Schrott-Skulpturen der kinetischen Kunst bekannt. Als Parodie auf den zur Routine erstarrten Tachismus verstand er seine seit 1959 konstruierten mechanischen Malmaschinen (Métamatics), in die die Ausstellungsbesucher Papier und Stifte einspannen konnten, und auf Knopfdruck produzierte die rüttelnde Maschine dann „moderne Kunst”. Die Werke konnten vom „Benutzer” der Maschine selbst signiert werden.

Eine andere Technik der Objektkunst waren die Décollages: Abrisse von in der alltäglichen Umgebung vorgefundener Plakatwände, die dann mit ihrer Rückwand als „Bild” aufgehängt wurden. Zu den so genannten Affichisten (Plakatabreißern) zählen François Dufréne, Raymond Hains, Mimmo Rotella und Jacques de la Villeglé. Yves Klein blieb in dieser Gruppe künstlerisch ein Außenseiter.

Siehe auch französische Kunst und Architektur; moderne Kunst und Architektur

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