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Zunft

Enzyklopädieartikel

Zunft, berufsständische Korporationen der städtischen Handwerker, Handeltreibenden und anderer Berufsgruppen in nahezu ganz Europa, die im Hochmittelalter entstanden und bis ins 19. Jahrhundert existierten.

Zünfte bildeten sich im 11./12. Jahrhundert teils auf freiwilliger Basis, teils auf Befehl der Stadtherren heraus. Zünfte wurden auch als Bruderschaften, Gilden oder Zechen bezeichnet. In wirtschaftlicher Hinsicht zielten die Zünfte auf das Auskommen der Mitglieder (und deren Angehörige) ab, nicht auf Gewinnmaximierung. Die Zünfte steuerten den Umfang der (örtlichen) Produktion, setzten Qualitätsstandards, legten die Zahl der Beschäftigten (Gesellen, Lehrlinge) sowie die Arbeitszeiten, Löhne und (Mindest-) Preise fest. Da in den Zünften nur die Meister entscheidungsbefugt waren, sind die Zünfte als Organisation der Meister anzusehen; die Zunftstatuten galten jedoch auch für die Beschäftigten. Dieser Umstand führte immer wieder zu (bisweilen gewalttätigen) Auseinandersetzungen zwischen Gesellen und Meistern bzw. Zünften, z. B. in Fragen der Arbeitszeit.

Die Zünfte waren ein städtisches Phänomen, ihre Mitglieder freie Bürger. Sie waren auch ein Instrument zur Ausgrenzung unzünftiger Konkurrenz, d. h. zur Kontrolle lokaler Märkte. Ohne den Zunftstempel konnten Produkte in einer Stadt nicht verkauft werden. Die Mitgliedschaft in der Zunft war obligatorisch: Neben der Zunft oder gegen sie war das Betreiben eines Gewerbes unmöglich.

Zünfte zielten auf soziale Sicherheit ab; sie übernahmen daher auch weitreichende soziale Aufgaben, die mit dem heutigen Sozialversicherungssystem vergleichbar sind. Die Zünfte verfügten über Kassen für die Unterstützung von Armen, Alten, Kranken und Arbeitslosen, Witwen und Waisen. Die soziale Absicherung umfasste also neben dem Meister auch dessen Frau und Kinder, oft dessen Gesellen. Auf der anderen Seite wurde die Unterordnung unter die Zunftkultur, unter die Zunftbräuche und Zunftkontrollen verlangt.

In politischer Hinsicht strebten die Zünfte ab dem ausgehenden Mittelalter nach einer Beteiligung an der Stadtpolitik und -verwaltung. Dabei gerieten sie nicht selten in Gegensatz zum reichen, ratsfähigen Patriziat, das durch Fernhandel und Verlagswesen zum Teil enorme Vermögen anhäufen konnte.

Für den im 19. Jahrhundert sich durchsetzenden Kapitalismus waren die Zünfte in mehrfacher Hinsicht ein Hindernis: Aus der Sicht eines Unternehmers war freier Marktzugang unabdingbar, die Reglementierung von Produktion und Preisen inakzeptabel. Hinsichtlich der Arbeitnehmer stellte sich deren handwerkliche Geschicklichkeit als kostenintensiv und zugleich produktionsbeschränkend dar; die Konsequenz bestand in der Maschinisierung und Zerlegung des Arbeitsprozesses in einfache Tätigkeiten. Im Zuge der industriellen Revolution wurden seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts nach und nach in ganz Europa die Zünfte abgeschafft. An deren Stelle traten das freie Unternehmertum, die Lohnarbeit, Gewerbefreiheit und die moderne Fabrik. Heute erinnern Handelskammern, Innungen und Verbände an die einstmals mächtigen Zünfte.

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