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Jurij Tynjanow

Enzyklopädieartikel

Jurij Tynjanow (1879-1943), sowjetischer Literaturtheoretiker und Schriftsteller. In seiner Epoche machenden Untersuchung Problemy izučenija literatury i jazyka (1928; Probleme der Literatur- und Sprachforschung, gemeinsam mit Roman Jakobson) und in der Aufsatzsammlung Archaisty i novatory (1929) entwickelte er eine systemtheoretische literaturwissenschaftliche Methodik, mit der er zu einem Hauptvertreter des Russischen Formalismus avancierte.

Jurij Tynjanow wurde am 18. Oktober 1879 als Sohn eines Arztes in Reschiza (Gebiet Witebsk) geboren und wirkte nach Abschluss seines Geschichts- und Philologiestudiums von 1921 bis 1930 an der Universität Petrograd als Literaturdozent. In seiner ersten wissenschaftlichen Arbeit über Fjodor M. Dostojewskij und Nikolaj Gogol stellte er 1921 eine Theorie der Parodie vor. Tynjanow war führendes Mitglied des Opojaz (Gesellschaft zur Erforschung der dichterischen Sprache). In seinem schriftstellerischen Werk verbinden sich Literaturwissenschaft und Fiktion: Die Romane Kjuchlja (1925; Wilhelm Küchelbecker. Dichter und Rebell), Smert’Vazir-Muchtara (1929; Der Tod des Wazir-Muchtar) und Puškin (unvollendet, 1935/36; Puschkin) sind Klassiker im von Tynjanow kreierten Genre der psychologischen Dichterbiographie bzw. des literarhistorischen Romans; dieses historisch authentische, halbfiktionale Verfahren verwendete der Autor auch in Erzählungen wie Podporučik Kiže (1929; Sekondeleutnant Saber). Darüber hinaus schrieb er Filmdrehbücher und Aufsätze zur Filmtheorie.

Jurij Tynjanow starb am 20. Dezember 1943 in Moskau. Auch mit weiteren Schriften wie dem Essay O literaturnoj évoljucii (1927; Über literarische Evolution) oder dem Aufsatz Literaturnyi fakt (1924; Das literarische Faktum) wirkte er auf den tschechischen Strukturalismus um Jan Mukařovský und die sowjetische Semiotik um Jurij Lotman.

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