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Millennium: Kunst

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Leonardo da Vinci: Mona Lisa (1503-1506), Louvre, ParisLeonardo da Vinci: Mona Lisa (1503-1506), Louvre, Paris
Artikelgliederung
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Einleitung

Am Ende des zweiten Jahrtausends zeigt sich die Kunst in Europa in einer widersprüchlichen Lage und Verfassung. Kunst ist fast allgegenwärtig im täglichen Leben. Stadt und Wohnung als Lebensraum, die Gegenstände des Alltags, die Bilderflut, die dank der hoch entwickelten Medien zu jedem ins Haus dringt, all dies steht in einem Zusammenhang mit der Kunst und ihrer Geschichte, der oft enger ist, als es zunächst vermutet wird. Ein Stuhl oder ein Essbesteck sind Produkte einer bewussten Formgebung, die sich auf eine lange Tradition berufen kann, und wenn ein Hobbyphotograph ein Stück Landschaft, das ihm gefällt, aufnimmt, so richtet er sich bei der Auswahl des Ausschnittes unbewusst nach den Regeln, die in der Tradition der Landschaftsmalerei entwickelt worden sind. Dass die alltägliche Umgebung dennoch zumeist nicht mit Kunst in Verbindung gebracht wird, liegt daran, dass der Begriff der Kunst, der heute noch weithin als gültig angesehen und verwendet wird, ein recht enger Begriff ist, der die „wahre Kunst”, zu der nur „Meisterwerke” gezählt werden können, gegen alles abgrenzt, was nicht als herausragende, schöne und originäre Schöpfung eines Genies bezeichnet werden kann. Dieser Kunstbegriff, der im späten 18. Jahrhundert geprägt und in Deutschland vor allem von Goethe und Schiller durchgesetzt wurde, ist durch die Entwicklung der Kunst im 20. Jahrhundert radikal in Frage gestellt worden und kann als überholt gelten. Kunst ist alles, so kann man heute überspitzt sagen, was dafür ausgegeben und gehalten wird.

Der Widerspruch zwischen dem tradierten und vertrauten Kunstbegriff und dem offenen Begriff, der den aktuellen Kunstschöpfungen zugrunde liegt, ist einer der Gründe für die Orientierungsschwierigkeiten, die sich nicht selten beim heutigen Publikum zeigen. Die Zeit, in der die Museen mit Tempeln verglichen und auch so gestaltet wurden, ist endgültig vorbei. Kunst ist Geschäft und Unterhaltung geworden, der Kauf von Kunst dient der Imagepflege, und der Kunstmarkt ist ein blühender Wirtschaftszweig, allerdings nur eine Sache für wenige. Genau besehen, war dies in den zurückliegenden Jahrhunderten nicht sehr viel anders, aber die Zugänglichkeit, die Möglichkeit, Kunstwerke zu sehen, ist größer denn je, und sie wird extensiver als je zuvor in Anspruch genommen, wie der blühende Kunsttourismus und der gewaltige Ansturm auf Ausstellungen und Museen beweisen. Kunstförderung und Denkmalpflege werden allgemein und selbstverständlich als eine öffentliche Aufgabe anerkannt. Bei Entscheidungen über große öffentliche Aufträge, insbesondere wenn es um Denkmäler geht, zeigt sich allerdings immer wieder, dass die Orientierung und damit auch die Einigung in der Bewertung schwierig geworden sind. Die Ursache dafür liegt vermutlich darin, dass bei derartigen Entscheidungen mehr Menschen mitsprechen wollen als früher.

Es wäre falsch, angesichts dieser Symptome von einer Krise zu sprechen. Die Kunstgeschichte war immer voller Widersprüche und Spannungen. Allerdings kann man sich darüber leicht hinwegtäuschen, wenn man sein Wissen aus älteren Darstellungen der Geschichte der Kunst bezieht. Die Kunstgeschichte, wie sie sich im 19. Jahrhundert als Wissenschaft etabliert hat, zeichnete das harmonisierte Bild einer Abfolge von Stilepochen: Romanik, Gotik, Renaissance, Barock usw. Für das 19. und 20. Jahrhundert wurde eine Beschleunigung der Abfolge der Stile postuliert: Auf den Impressionismus folgen Expressionismus, Kubismus und viele weitere Strömungen, die allerdings oft nebeneinanderher liefen. Vom Ende des Jahrhunderts der Moderne her gesehen, ist das Modell der Stilgeschichte fragwürdig geworden. Was sie beschrieb, ist genauer zu fassen als eine Ausdifferenzierung der Möglichkeiten der Kunst, als ein Prozess komplexer Wechselbeziehungen, bei dem auch ganz Gegensätzliches nebeneinanderstehen kann. Die Begriffe der Epochenstile sind Abstraktionen, mit denen bestimmte Stilideale postuliert werden, die dann auf die jeweilige Epoche zurückprojiziert werden, und sie harmonisieren, indem sie alles als „untypisch” zur Seite schieben, was nicht in das Konzept des Epochenstils passt. Kunst als den einheitlichen, kohärenten und umfassenden Ausdruck einer Epoche, wie es die Stilgeschichte suggeriert, hat es nie gegeben. Die Kunstwerke in ihrer Verschiedenartigkeit und Fülle sind vielgestaltiger Ausdruck für die zu ihrer Zeit möglichen Sichtweisen der Welt, sind Antworten auf Fragen, die sich jeweils stellten, Gestaltungen des physischen und geistigen Lebensraumes, die eher gruppenspezifisch als allgemein gültig sind.

Die Stilgeschichte, die auch heute noch vertrauteste Form der zusammenfassenden Darstellung der Kunstgeschichte, ging von der Annahme aus, dass es den überzeitlich gültigen Begriff „wahre Kunst” gebe. Sie hat ihren eigenen Kunstanspruch einfach auf die Kunst vergangener Zeiten übertragen. Es ist aber nicht möglich, Kunstwerke wie ein mittelalterliches Reliquiar, ein impressionistisches Gemälde, eine dadaistische Collage und eine Happening-Aktion mit einem Begriff zu fassen. Zu fragen ist vielmehr, welcher Begriff von Kunst hinter dem jeweiligen Werk steht. Die Frage nach Intentionen und Funktionen des Kunstwerkes ist wichtiger als die vorschnelle Einordnung in eine Stilschublade. Das heißt jedoch nicht, dass sich damit die Kunstgeschichte in eine unübersehbare Fülle von Einzelwerken auflöst. Jedes Werk steht in einem historischen Zusammenhang, setzt sich positiv oder negativ mit einer Kunstaufgabe, einer Gattung, einem Medium auseinander. Kunstwerk, Künstler und Betrachter stehen, ob sie es wollen oder nicht, in einer Tradition. Sie zu erkennen ist ein wesentlicher Schritt zum Verständnis eines Kunstwerkes. Sie offenzulegen bleibt eine wesentliche Aufgabe der Disziplin der Kunstgeschichte.

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Die „Vorgeschichte” der modernen Kunst

Wenn man, wie es ganz geläufig ist und auch hier geschehen soll, mit „europäischer Kunst” die Kunst des christlichen Abendlandes meint, so muss die Betrachtung in der Spätantike einsetzen, mit der Emanzipation des Christentums unter Konstantin, die im Jahr 313 mit dem Edikt von Mailand ihren Anfang nahm. Es gibt auch gute Gründe, die europäische Kunstgeschichte erst mit der Begründung des Reichs der Karolinger beginnen zu lassen. In beiden Fällen werden aber, wie bei allen Thesen von einem historischen Anfang, Schnitte gelegt, die Zusammenhänge trennen. Auch die vom Christentum geprägte abendländische Kunst steht in Traditionszusammenhängen. Sie bezieht wesentliche Anregungen aus der Blüte der Kunst im 1. Jahrtausend v. Chr. im Mittelmeerraum, die sich parallel und mit nur vereinzelten Berührungspunkten zu den Hochkulturen Ostasiens im Vorderen Orient entfaltete. Der Weg führte von den Reichen des Zweistromlandes über Ägypten nach Griechenland. Dabei wurde sehr früh schon ein Kanon der Felder künstlerischer Tätigkeit und der Medien festgelegt, der bis in die neueste Zeit hinein Bestand haben sollte. Keramik und Schmuck werden in ihrer Form gestaltet und mit Ornamenten verziert. Die Architektur wird zu einem tektonischen System entwickelt, bei dem die einzelnen Glieder eine prägnante Form erhalten. Zur Dekoration der Architektur werden Farbe, Relief und Skulptur verwendet, die auch als eigenständige Medien ihre Weiterentwicklung erfahren. Aus der Ritzzeichnung auf Keramik entwickelte sich die Malerei, die schließlich als Wandbild auch monumentale Gebäude schmückt. In der Skulptur wird die Darstellung der menschlichen Figur zur höchsten Aufgabe und in den verschiedenen Materialien wie Ton, Marmor und Bronze zu einer bis dahin unbekannten Vollendung gebracht. Die Kunstwerke, lange in erster Linie für den kultischen Gebrauch geschaffen, werden wegen ihrer Vollendung und Eigenart, als Werke der Kunst, immer höher geschätzt. Das belegen nicht zuletzt die Raubzüge der Römer, die sich die Meisterwerke der griechischen Kunst aneigneten, um sie bei sich aufzustellen und vielfach zu kopieren. Wegweisende Leistungen der Griechen und Römer für die weitere Entwicklung der europäischen Kunst war die Entwicklung der Säulenordnungen als Grundlage des Architektursystems und in der bildenden Kunst die Zielvorgabe einer idealisierenden Naturwiedergabe.

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Frühchristliche und byzantinische Kunst

Die vom Christentum geprägte Kunst Europas steht in einem spannungsreichen Verhältnis zur antiken Kunst. Das Vordringen der christlichen Religion in die antike Kultur erfolgt zunächst, ohne sichtbare Zeugnisse zu hinterlassen. Eine Ursache ist sicher in dem aus der jüdischen Religion übernommenen Bilderverbot zu sehen. Noch wichtiger war aber wohl, dass zunächst die Gelegenheit zur Kunstausübung in größerem Stil fehlte. Erst mit der Ausweitung der Grabkultur, der Anlage der Katakomben, bot sich mit der Aufgabe, Gräber auszugestalten, die Möglichkeit, Reliefs zu schaffen, die sich an den römischen Sarkophagreliefs orientierten. Größere Räume in den Katakomben konnten mit Wandbildern geschmückt werden, die sich in Malweise und Figurenstil an der römischen Malerei orientierten.

Mit dem Religionsedikt Konstantins war der christlichen Kunst endlich eine freie Entfaltung möglich. Mit den monumentalen Basiliken des Lateran und der Peterskirche in Rom wurde auf der Grundlage der als Versammlungsraum und Palastaula dienenden spätantiken Basilika ein Bautypus geprägt, der die abendländische Sakralarchitektur ganz entscheidend bestimmen sollte. Daneben wurde mit S. Costanza in Rom der aus dem römischen Grabbau entwickelte Typus des Zentralbaus begründet. In der Architekturdekoration setzte die Entwicklung nur zögernd ein, wie die Mosaiken von S. Costanza zeigen, die sich von den römischen Traditionen nur schwer lösen können.

Die Formen für eine angemessene Verbildlichung christlicher Lehren mussten erst noch gefunden werden. Eine besondere Rolle sollte dabei der Buchmalerei zukommen. Die Voraussetzung für ihre Entwicklung war im 4. Jahrhundert die Ablösung der Schriftrolle durch den Kodex, der heute noch geläufigen Buchform, bei dem die Seiten zwischen den Buchdeckeln flach bleiben und so eine Bemalung mit dicker aufgetragenen Pigmenten ermöglichen. Die bedeutendsten frühen Buchmalereien, z. B. die Wiener Genesis, stammen aus dem 6. Jahrhundert. Sie entstanden größtenteils in Byzanz (Konstantinopel), das als Hauptstadt des römischen Ostreiches um so mehr an Bedeutung gewann, je stärker das Westreich in der Völkerwanderungszeit unter Druck geriet. Seine erste Blütezeit erlebte die byzantinische Kunst im 6. Jahrhundert zur Zeit Justinians. Die Kreuzkuppelkirche, für die die zerstörte Apostelkirche das wichtigste Beispiel war, und der von einer Kuppel bekrönte Zentralbau, wie er in der Hagia Sophia realisiert wurde, entstanden als neue Prototypen des Sakralbaus.

Die byzantinische Kunst, die Architektur und vor allem die Mosaikkunst wirkten auch auf den Westen zurück, wie am besten die zumeist im 6. Jahrhundert geschaffenen Werke in Ravenna belegen können.

In das 6. Jahrhundert fallen auch die Anfänge der Ikone. Ihre Wurzeln sind im antiken Kaiserkult zu suchen, in dem die Verehrung des Kaiserbildnisses eine wichtige Rolle spielte. Sehr früh schon wurden Legenden gebildet, die von der überwirklichen Herkunft der Bilder von Jesus Christus und Maria berichtet und ihren Gebrauch legitimieren sollten. Die Widersprüche im christlichen Bilderkult waren unübersehbar. Nach wie vor wurde zur Zerstörung der heidnischen Götzenbilder aufgefordert. Auf der anderen Seite konnte der Verstoß gegen das biblische Bilderverbot nur mühsam mit der Inkarnation Christi begründet werden: Weil Christus in seiner doppelten Natur Gott und auch Mensch gewesen sei, dürfe und könne er als Mensch auch abgebildet werden. Dass vom Volksglauben wichtigen Ikonen magische Kräfte zugesprochen wurden, widersprach solchen Begründungen. Die Auseinandersetzungen in der Bilderfrage, die auch handfeste politische Hintergründe hatten, eskalierten im frühen 8. Jahrhundert zu blutigen Bilderstürmen (Ikonoklasmen). Durch einen auf dem Konzil zu Nikäa 787 gefundenen Kompromiss konnten sie nur vorübergehend beruhigt werden. Erst Mitte des 9. Jahrhunderts konnte der Ikonoklasmus mit dem Sieg der Orthodoxie beigelegt werden. Er wurde mit der präzisen Festlegung bestimmter erlaubter Darstellungstypen erkauft, die wiederum in der folgenden Zeit eine Entwicklung der byzantinischen Malerei, die der westlichen Entwicklung vergleichbar gewesen wäre, unmöglich gemacht hat. Eine gewisse Parallele besteht hier zur Einstellung des Judentums und des Islam, wo das von der religiösen Orthodoxie beharrlich festgehaltene Verbot der figürlichen Darstellung eine Entwicklung nur auf Gebieten wie dem Ornament zugelassen hat.

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Architektur des Mittelalters

Im Westen entstand nach der Völkerwanderungszeit das Frankenreich als neues Machtzentrum. Mit der Christianisierung Mittel- und Westeuropas drangen auch die in Italien und Byzanz ausgebildeten Architekturtypen und Kunstformen vor. Karl der Große betrieb, um seinen Herrschaftsanspruch zu demonstrieren, eine systematische Kunstpolitik, deren bedeutendstes Zeugnis die nach dem Vorbild von San Vitale in Ravenna errichtete Pfalzkapelle in Aachen ist. Auch die Buchmalerei wurde an seinem Hof mit bedeutenden Ergebnissen gepflegt.

In der sakralen Architektur des frühen Mittelalters spielte die Krypta als Ort des sich immer weiter ausbreitenden Reliquienkultes eine besondere Rolle, wobei sich an der Wende vom 9. zum 10. Jahrhundert zunächst in Italien, dann in Deutschland die Hallenkrypta herausbildete, die der am weitesten verbreitete Kryptentypus werden sollte. Der Typus der Basilika wurde systematisch weiterentwickelt. Westwerk, ausgeschiedene Vierung und gebundenes System waren wichtige Errungenschaften. Von besonderer Bedeutung war die Weiterentwicklung des Gewölbebaus. Obwohl monumentale Gewölbe als Kuppeln oder Kreuzgratgewölbe in Rom gebräuchlich gewesen waren, hatte man bei den Basiliken auf ein Gewölbe verzichtet. Nachdem man zunächst mit der Einwölbung von Seitenschiffen Erfahrungen gesammelt hatte, wagte man sich erst nach 1000 an Mittelschiffsgewölbe, wobei man in Frankreich zunächst bevorzugt das Tonnengewölbe wählte, in Deutschland hingegen, erstmals nach 1180 beim Umbau des Doms zu Speyer unter Heinrich IV., das Kreuzgratgewölbe. Erst jetzt konnten Grundriss, Wandaufriss und Raumabschluss zu einem einheitlichen System zusammengefügt werden, das sich als ausgesprochen entwicklungsfähig erwies. Die „Romanik”, wie sie seit dem 19. Jahrhundert genannt wird, konnte damit zum ersten Stil werden, der sich über das ganze christliche Europa ausbreitete und zugleich regional deutlich unterscheidbare Varianten ausbildete. Die Ausbreitung der Mönchsorden und die zunehmend bessere Verbindung der Klöster untereinander haben einen wichtigen Beitrag dazu geleistet.

Während die Romanik im Deutschen Reich das ganze 12. Jahrhundert in Blüte stand, wurde sie in Frankreich schon um die Jahrhundertmitte zum gotischen System weiterentwickelt. Die erheblich verbesserten Kenntnisse von Konstruktion und Statik, denen schon kurz vor 1100 die Erfindung des Rippengewölbes zu verdanken war, machten es möglich, die tragende Wand, die in der Romanik den Bau entscheidend prägte, weitgehend aufzulösen und durch ein kompliziertes System von Pfeilern, Gewölben und Strebebögen zu ersetzten. Ein scheinbar nebensächlicher, aber doch wesentlicher Schritt war die Umstellung der Steinbearbeitung. Im romanischen Bau wurde jeder Stein gleich nach der Bearbeitung versetzt. Jede Steinlage hatte ihre eigene Höhe. Bei dieser Verfahrensweise musste die Arbeit im Winter weitgehend ruhen. Um 1140 ging man zu einer systematischen Planung über, die eine Fertigung der Steine auf Vorrat ermöglichte, so dass der Baufortgang im Sommer sehr viel schneller werden konnte. Die weitgehende Öffnung der Wand zwischen den Pfeilern und ihren Diensten gab der Entwicklung des Maßwerks und der Glasmalerei weiten Raum, die jetzt zu einzigartiger Blüte emporwuchsen.

Das Ursprungsland der Gotik ist die Île de France, das Kronland der französischen Monarchie. Die Entstehung der Gotik spiegelte die neue Macht der Monarchie und ist zugleich Dokument einer Volksbewegung, die freilich von Monarchie und Kirche gelenkt wurde. Die Kathedrale ist mit dem Kosmos ihrer Bilderwelt Ausdruck des Weltbildes ihrer Zeit und zugleich Demonstration eines Machtanspruches. Die Konkurrenz der Städte und Machtzentren untereinander war ein wichtiges Motiv für die Ausbreitung des neuen Stils. Sie verlief in den verschiedenen Regionen unterschiedlich. England hat die Gotik recht schnell übernommen und zu eigenständigem Reichtum entfaltet. In Deutschland setzte die Rezeption der Gotik erst nach 1200 ein. Ein Hindernis war für einige Regionen, dass dieses System für den Bau mit Hausteinen entwickelt worden war. In den niederdeutschen Gegenden, in denen es an diesem Material fehlte, wurde die Variante der so genannten Backsteingotik entwickelt. Dieses Materialproblem bestand auch in einigen Regionen Italiens, wo die Widerstände gegen den neuen Stil erheblich waren, so dass es eine eigentliche Kathedralgotik nur ausnahmsweise gab und die Zisterzienser und die Bettelorden als wichtigste Träger das gotische System erheblich modifizierten.

Die erhaltenen Bauten vermitteln von der Gotik heute nur ein einseitiges Bild, weil es in erster Linie die Kathedralen sind, die die Zeiten überdauert haben, während profane Bauten wie Schlösser und Paläste, Rathäuser und kleinere Bauten nur in geringem Umfang erhalten sind. Gleichwohl spielten auch sie eine wichtige Rolle, und die erhaltenen Monumente können zeigen, dass das gotische System der Wand- und Raumgestaltung sehr flexibel war.

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