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Millennium: KunstEnzyklopädieartikel
Artikelgliederung
Einleitung; Die „Vorgeschichte” der modernen Kunst; Frühchristliche und byzantinische Kunst; Architektur des Mittelalters; Bildkünste des Mittelalters; Bildkünste im Übergang vom Mittelalter zur Renaissance; Architektur der Renaissance und des Barock; Druckgraphik als neues Medium; Malerei des Barock; Die Künste im Jahrhundert der Aufklärung; Neubegründung der Ästhetik im 18. Jahrhundert; Malerei im frühen 19. Jahrhundert; Architektur im Zeichen des Historismus; Skulptur im 19. Jahrhundert; Malerei im späten 19. Jahrhundert; Die Kunst zu Beginn des 20. Jahrhunderts; Kunst nach dem 1. Weltkrieg; Die Architektur zwischen den Weltkriegen; Die Kunst nach dem 2. Weltkrieg; Skulptur im 20. Jahrhundert; Architektur nach 1945
Für die Lehrer der christlichen Kirche waren die antiken Skulpturen Inbegriff verdammungswürdiger Götzenbilder. Von daher hatte die Bildhauerkunst im Mittelalter zunächst einen schwierigen Stand. Sie fand anfangs nur im kleinen Maßstab und in Zusammenhang mit kultischen Gegenständen Verwendung. Das Reliquiar und das Altarkreuz waren die wichtigsten Aufgaben für den Bildhauer. Die Tradition des Elfenbeinreliefs, die Byzanz aus Rom übernommen hatte, wurde mit besonderer Intensität gepflegt. Eines der ganz wenigen Beispiele der Großplastik aus der Zeit vor der Jahrtausendwende ist das Gero-Kreuz im Kölner Dom. Ein wichtiges Betätigungsfeld für den Bildhauer wurde mit der Wiederbelebung der Technik des Bronzegusses eröffnet. Die Bronzetüren und die Bronzesäule im Hildesheimer Dom, um 1015 von Bischof Bernward gestiftet, waren Auftakt zu einer bedeutenden Reihe von ähnlichen Bildwerken. Im Zusammenhang mit der Entwicklung der romanischen Architektur wurde auch der Bauskulptur zunehmend größerer Raum zugestanden. Das 12. Jahrhundert brachte die erste große Blüte, insbesondere an den Pilgerwegen nach Santiago de Compostela, die Ende des 11. Jahrhunderts im Zuge der Rückeroberung Spaniens eröffnet worden waren. Das Portal wurde in der französischen Romanik zum wichtigsten Anbringungsort plastischer Bildwerke. Das gotische System erweiterte die Möglichkeiten noch, so dass in den großen Kathedralen an den Portalen und ihrem Gewände ein umfangreiches und theologisch tiefsinniges Figurenprogramm ausgebreitet werden konnte. Auch dieser Zweig gotischer Kunst griff bald nach England und Deutschland über. Italien ging auch hier eigene Wege. Wenn überhaupt der gotische Portaltypus übernommen wurde, dann in sehr reduziertem Umfang. Zum wichtigsten Ort sakraler Skulptur wurde hier die Kanzel, wie die Werke von Nicola und Giovanni Pisano in Pisa und Siena bezeugen. In der Malerei hatte zunächst die Buchmalerei eine führende Rolle. In der karolingischen Kunst waren spätantike Strömungen mit Einflüssen aus Byzanz und der frühenglischen, so genannten insularen Buchmalerei verschmolzen worden. In der Zeit der ottonischen Kaiser, insbesondere in der Schule des Klosters Reichenau, erhob sich die Buchmalerei zu einzigartiger Größe mit erzählerischen, stark expressiven Illustrationen biblischer Texte. Im 12. Jahrhundert wurde die französische Buchmalerei führend. Wandmalerei muss es im frühen Mittelalter verbreitet gegeben haben, auch wenn nur wenig davon überliefert ist, wobei die profane Wandmalerei so gut wie völlig untergegangen ist. Die Bilder in den Kirchen von Müstair und in St. Georg auf der Insel Reichenau sind wichtige Beispiele. In Italien blieb die Mosaikkunst ein wichtiges Medium der Architekturdekoration. In den normannischen Kathedralen auf Sizilien zeigt sich die kontinuierliche Bedeutung des byzantinischen Einflusses, der dann auch bei der Ausgestaltung der Markuskirche in Venedig entscheidend sein sollte. Daneben gibt es auch herausragende Zeugnisse einer eigenständigen Wandmalerei, z. B. in San Angelo in Formis bei Capua, entstanden Ende des 11. Jahrhunderts. Auch Frankreich hatte eine reiche Vielfalt an Wandmalerei in romanischer Zeit, wie die Kirche S. Savin-sur-Gartempe (um 1100) zeigt. Durch das gotische System, das zugunsten der Öffnung der Wand kaum Flächen für Malerei freiließ, wurde diese Kunstform dann allerdings zurückgedrängt. Tafelbilder gab es im Westen während des frühen Mittelalters nur vereinzelt, und dann zumeist als byzantinischen Import. Der Usus, dass der Priester beim Zelebrieren der Messe hinter dem Altar stand, führte zu einem Verbot von Altarbildern. Mit der realen Präsenz des Göttlichen im Messopfer und des Heiligen in den Reliquien konnte das Bild, das als zeichenhafter oder symbolischer Verweis auf das hinter ihm liegende Urbild verstanden wurde, nicht konkurrieren. Um 1100 begann dann im Westen der Aufstieg der Tafelmalerei. In Italien entstanden die ersten gemalten Kruzifixtafeln, die, oft von monumentaler Größe, als Triumphkreuze über dem Chor aufgehängt wurden. Nachdem der Ritus der Messe verändert worden war und der Priester jetzt vor dem Altar stehend zelebrierte, entstanden bald auch die ersten Altartafeln, die sehr schnell schon erhebliche Dimensionen annahmen. Hinter dieser Entwicklung stand ein tief greifender Wandel der Bildauffassung. Wesentliche Voraussetzung dafür war die Wiederentdeckung des Aristoteles in der scholastischen Philosophie des 12. Jahrhunderts. Der griechische Philosoph hatte gelehrt, dass alle Erkenntnis des Menschen von der Wahrnehmung ausgeht und der Gesichtssinn bezüglich des Erkenntniswertes am höchsten stehe. Die sinnliche Wahrnehmung emanzipierte sich gegenüber der in der christlichen Tradition favorisierten spirituellen Erkenntnis. Von Aristoteles ausgehend, vollzog sich auch eine Aufwertung der Affekte. Man erkannte ihren Wert darin, dass sie den Willen zu stimulieren vermögen, und man erkannte auch, dass die Affekte durch das unmittelbar Erlebte oder durch Bilder intensiver zu erregen waren als durch Worte. Franz von Assisi und der von ihm gegründete Orden haben sich diese Erkenntnis konsequent zu eigen gemacht und in der bildhaften Sprache ihrer Predigten und der Ausgestaltung ihrer Kirchen umgesetzt. Die Mutterkirche des Franziskanerordens in Assisi wurde zu dem Ort, an dem die neue Bildauffassung um 1300 zum Durchbruch kam, und Giotto war der Künstler, der sie in einer für die weitere Kunstgeschichte entscheidenden Weise prägte. Das Bild, wie Giotto es in dem Zyklus der Legende des heiligen Franziskus in Assisi oder in der Arenakapelle in Padua schuf, verwies nicht mehr zeichenhaft auf eine hinter ihm stehende Realität, sondern präsentierte sich als Wirklichkeitsausschnitt, den der Betrachter nicht „lesen” oder „entziffern” musste, sondern in dem er sich wie in der ihn umgebenden Wirklichkeit orientieren konnte. Wirklichkeitswiedergabe und Ausdruck der Darstellung vereinigten sich zur Fiktion aktualen Geschehens. Der Betrachter konnte das, was im Bild dargestellt wurde, jetzt als etwas gleichsam Gegenwärtiges erleben. Zugleich mit dieser Konzeption, nach der das Bild als Blick durch ein Fenster aufgefasst wurde, ist die Bildfläche als ein Spannungsfeld begriffen worden, in dem die Lage und Ausrichtung jedes Objektes, die Komposition an sich schon einen eigenen Aussagewert hatten. Rückblickend mag an den Werken, die in dieser Revolution des Bildes geschaffen wurden, vieles noch unvollkommen erscheinen, doch ein für die nächsten Jahrhunderte gültiger Weg war damit gewiesen worden. Die Geschichte des Bildes sollte sich fortan in der hier vorgegebenen Spannung von Wirklichkeitswiedergabe und Eigenwert der Komposition abspielen.
Von Italien aus vollzog sich im 14. Jahrhundert der Siegeszug des Bildes. Während allerdings in Italien Wandmalerei und Tafelbild gleichermaßen bedeutend waren, zeigte sich nördlich der Alpen bald ein Übergewicht der Tafelmalerei. Im Deutschen Reich wurden Böhmen und die Rheingegenden zu den ersten wichtigen Produktionsstätten der Malerei. In Frankreich, Burgund und den Niederlanden stand zunächst noch die Buchmalerei an der Spitze, doch nach 1400 begann hier eine Entwicklung, die mit den Werken der Brüder Hubert und Jan van Eyck, von Rogier van der Weyden und ihren Nachfolgern zu einer bis dahin unerreichten Wirklichkeitstreue der Malerei führen sollte. Ein nächster entscheidender Schritt bei der „Eroberung der Wirklichkeit” war die Erfindung der Perspektivkonstruktion, die dem Florentiner Architekten Filippo Brunelleschi um 1415 gelang und deren Verfahren zuerst von Leon Battista Alberti in seinem Malerei-Traktat 1435 beschrieben wurde. Genau genommen, ist die konstruierte Perspektive eine Systematisierung und wissenschaftliche Begründung der von Giotto und seinen Zeitgenossen durchgesetzten Konzeption des Bildes. Indem das Bild als Schnitt durch die Sehpyramide definiert wird, wird seine Auffassung als „Fenster” nun auch geometrisch begründet. Mit der Festlegung des Augenpunktes werden Betrachter und Bild in ein festes Verhältnis zueinander gesetzt. Die sich daraus ergebende Lage des Horizontes und des Fluchtpunktes der Orthogonalen wurde zur Basis der Bildordnung. Masaccio und Piero della Francesca waren die ersten großen Meister einer auf der Perspektive und damit auf „Wissenschaft” gründenden Malerei. Das Bemühen um immer größere Nähe zur Wirklichkeit brachte der Malerei eine Fülle neuer Motive und Aufgaben. Der Landschaft als Bildraum wurde immer größere Aufmerksamkeit geschenkt, zunächst in den Niederlanden, dann auch in Deutschland und Italien. Auf die Genauigkeit der Wiedergabe des Beiwerks wurde immer größerer Wert gelegt. Die Niederländer fügten gerne kleine Still-Leben in ihre Bilder ein. Deren täuschend echte Wiedergabe sollte dazu beitragen, den Betrachter auch von der Wirklichkeit des Bildes insgesamt zu überzeugen. Zur wichtigsten neuen Aufgabe für den Maler wurde das Porträt, die wirklichkeitsgetreue Wiedergabe einer Persönlichkeit. Auch hier gingen die niederländischen Maler voran. Das Porträt war zugleich der erste Schritt einer Emanzipation der profanen Malerei, die zuvor, von wenigen Ausnahmen abgesehen, als Wanddekoration eine untergeordnete Rolle gespielt hatte. Neue Themenbereiche wurden entdeckt. Im Gefolge der intensiven Auseinandersetzung mit der antiken Literatur wurde bald die griechische und römische Mythologie zum wichtigsten Thema der profanen Malerei, die als erzählendes Historienbild mit dem großen religiösen Bild konkurrieren konnte. Schließlich führte auch die Faszination an den imitativen Möglichkeiten zu einer Wertverschiebung. Die Bilder wurden nicht mehr nur wegen ihres Darstellungsgegenstandes geschätzt, sondern gleichermaßen oder sogar noch mehr wegen ihrer Darstellungsweise. Künstler wie Raffael und Michelangelo, die die Malerei der Renaissance zu ihrem Höhepunkt führten, wurden als divinus, als göttergleich, verehrt. Darin spiegelt sich eine grundsätzlich neue Einstellung zum Künstler. Im Mittelalter galt er als Handwerker, der den Zünften zuzurechnen war und im Kreis der artes liberales, der an den Schulen und Universitäten gelehrten freien Künste, nichts zu suchen hatte. Mit der Erfindung der Perspektive, mit kunsttheoretischen Traktaten, wie sie Leon Battista Alberti und andere verfassten, wurde die Kunst in den Rang einer Wissenschaft gehoben. Ein so universal begabtes Genie wie Leonardo da Vinci verstand sich eher als Wissenschaftler denn als Künstler. Mit Albrecht Dürer fand dieses moderne Selbstverständnis der Künstler seinen ersten Vertreter nördlich der Alpen. Seine Selbstporträts bringen das neue Selbstbewusstsein beispielhaft zum Ausdruck. In der Skulptur wirkte das gotische Vermächtnis der Gewandstatue lange Zeit stark nach. Dennoch ist auch hier ein Bemühen um immer eindringlichere Wirklichkeitsnähe zu verzeichnen, etwa in den Werken von Claus Sluter. In Konkurrenz zur Malerei tendierte das Relief zum Erzählerischen und übernahm, besonders deutlich bei Lorenzo Ghibertis Bronzetüren für das Florentiner Baptisterium, in der plastischen Durchgestaltung malerische Züge. Einen mächtigen Impuls erhielt die Skulptur aus der Neubesinnung auf die Antike. Hier hatte sie Vorbilder, die der Malerei damals noch fehlten. Die von der Anatomie her korrekt aufgebaute Figur, das Haltungsmotiv des Kontrapostes, die realistische Physiognomie – dies alles sind Neuerungen, die der Florentiner Donatello in die Skulptur einführte. Mit ihm wurden die Aktfigur und das Reiterdenkmal zu zentralen Aufgaben der Bildhauerkunst. Michelangelo schritt auf diesem Weg fort und führte die Skulptur zu einzigartiger Kraft und Monumentalität.
Nicht minder entscheidend war für die Architektur die Auseinandersetzung mit der Antike. Zusammen mit Donatello vermaß Filippo Brunelleschi in Rom die Ruinen antiker Bauten, um hinter das Geheimnis ihrer Perfektion zu kommen. Mit der Wiederentdeckung der antiken Säulenordnungen wurde ein entscheidender Schritt getan. Zwar hatten sich ihre Motive wie Kapitell und Basis das Mittelalter hindurch erhalten, doch erst die Renaissance realisierte wieder, dass ihre Bildung auf einem Kanon fester Maßverhältnisse beruhte, deren Grundmaß mit dem Säulendurchmesser anschaulich gegeben war. Mit diesem Modul waren alle entscheidenden Abmessungen wie Höhe von Säulenschaft, Kapitell und Basis, Säulenabstand sowie Geschosshöhe bestimmbar. Das Bauwerk ist als Ganzes und in seinen Teilen kommensurabel. Da die Proportionalität der Säulenordnungen analog zu der des Menschen gebildet ist, kann sich der Betrachter zu dem Bau in Beziehung setzen. Wichtig für die Neuentdeckung der Proportionsgesetze der Architektur war auch das Studium der Zehn Bücher über die Architektur von Vitruv, dem einzigen erhaltenen Architekturtraktat der Antike. Nach diesem Vorbild verfasste Leon Battista Alberti um 1450 einen Traktat mit gleichem Titel, das erste und überaus einflussreiche neuzeitliche Werk der Architekturtheorie. Die Architektur, die sich der wieder entdeckten Formsprache bediente, stieg in Italien rasch zu höchster Blüte empor. Die Bauten Donato Bramantes, wie der von ihm begonnene Bau der Peterskirche in Rom, sind als eine Summe der Möglichkeiten der Renaissance-Architektur anzusehen. Den tradierten Bautypen wurden neue Möglichkeiten abgewonnen. Eine besondere Vorliebe hatte die Zeit für den Zentralbau, der dem Ideal von Harmonie und in sich geschlossener Einheit am nächsten kam. Die profanen Bauaufgaben erlebten eine Blüte und reiche Entfaltung. Palast und Villa wurden, nicht zuletzt von Andrea Palladio, zu einer prägnanten und bis in das 19. Jahrhundert hinein vorbildlichen Erscheinung geführt. Die Architektur des Barock entwickelte das System der Säulenordnungen weiter zu einem komplexen Gliederungssystem, mit dem Fassaden von bewegter Monumentalität und komplizierte Raumschöpfungen möglich wurden. In den Werken der Hauptmeister des italienischen Barock, Gian Lorenzo Bernini und Francesco Borromini, wurden diese Möglichkeiten beispielhaft entfaltet. Frankreich verstand seine Architektur des 17. Jahrhunderts nie als „barock”, sondern bezeichnete sie stets als „klassisch”. In der Tat wurde in den Bauten, die im Zeitalter Ludwigs XIV. entstanden, auf strenge Regelhaftigkeit geachtet. Die Entwicklung im Deutschen Reich war durch den Dreißigjährigen Krieg erheblich behindert. Mit den Bauten von Johann Bernhard Fischer von Erlach in Wien und Salzburg und den Raumschöpfungen Balthasar Neumanns fand man jedoch ab etwa 1700 den Anschluss und den Weg zu einer eigenen Ausprägung des Barock.
Der Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit, der durch die Renaissance markiert wird, brachte eine revolutionäre Erfindung mit sich, die kaum zu überschätzende Folgen haben sollte: die Erfindung der Druckkunst. Voraussetzung für die neue Technik war die Erfindung des Papiers, das in China schon seit langem bekannt war, das in Europa jedoch erst seit dem späten 14. Jahrhundert hergestellt werden konnte. Um 1400 wurden im süddeutschen Raum erstmals in einen Holzstock geschnittene Bilder abgedruckt, und gut 30 Jahre später entstanden die ersten Kupferstiche. Die Techniken des Bilddrucks waren die Voraussetzung für die Epoche machende Erfindung des Buchdrucks (siehe Drucktechniken). Doch auch für die Kunst begann mit der Möglichkeit der praktisch grenzenlosen Vervielfältigung von Bildern ein neuer Abschnitt. Bild-Erfindungen konnten sich in dem neuen Medium weit rascher über Europa verbreiten. Die Graphik machte den Formenkanon der Antike sehr schnell auch an entlegenen Orten bekannt. Die Graphik war zudem ein Medium, das nur geringe Investitionen erforderte. So konnten die Künstler hier neue Bildideen verwirklichen, für die ihnen in den herkömmlichen Gattungen der Bildkunst nie ein Auftrag erteilt worden wäre. In diesem Medium konnte sich die Kunst frei, von Aufträgen so gut wie unabhängig entfalten. Künstler wie Rembrandt oder Goya sollten diesen Aspekt der Druckgraphik entschieden bestätigen. Die Möglichkeiten der Vervielfältigung von Bildern hatten weit reichende Konsequenzen: Sie konnten zur Beeinflussung der öffentlichen Meinung eingesetzt werden. Zur Zeit der Reformation bediente man sich auf beiden Seiten dieser Möglichkeiten. Der Streit mit den Bildern war auch ein Streit um die Bilder. Die Reformatoren polemisierten gegen den Missbrauch der Bilder in der katholischen Kirche, zum einen dagegen, dass Bilder als vermeintlich wundertätig angebetet wurden, zum anderen wandten sie sich gegen die Verweltlichung, die sich mit der Renaissance in der Darstellung christlicher Themen ausgebreitet hatte. Für Martin Luther waren die Bilder, für sich genommen, neutral. Er missbilligte ihren falschen Gebrauch, setzte sie aber sehr wohl als didaktisches oder polemisches Mittel ein. Die katholische Gegenreformation suchte den Missbrauch der Bilder einzuschränken und bestätigte die schon auf dem Konzil zu Nikäa gefundene Formel, dass die Verehrung der Bilder nicht diesen gelte, sondern auf deren Urbild übergehe. Zugleich setzte sie die Bilder in ihrer Glaubenspropaganda bewusst im Sinne der antiken Rhetorik ein. Bilder sollen danach erfreuen, belehren und vor allem den Betrachter bewegen. So wurde der Weg zu einer affektgeladenen Pathetik geöffnet, die in der religiösen Kunst des Barock bestimmend sein sollte.
Am Anfang der italienischen Barockmalerei standen zwei gegensätzliche Positionen. Die erste, von Annibale Carracci formuliert, knüpfte an die Tradition der Renaissancemalerei eines Raffael an und setze auf das idealisierte Figurenbild. Die Gegenposition stützte sich auf Caravaggio, der die Forderung nach Wirklichkeitswiedergabe radikalisierte und lebenskräftige, oft derb alltäglich wirkende Gestalten darstellte, die durch die kontrastreiche Lichtführung einen dramatischen Akzent erhielten. Auf Caravaggio bezogen, ist von kritischen Zeitgenossen der Begriff des Naturalismus geprägt worden. Caravaggio hat, nicht zuletzt nördlich der Alpen, eine große Zahl von Nachahmern gefunden. Die italienische Barockmalerei allerdings ging bald andere Wege. Im Mittelpunkt der hochbarocken Malerei stand die prächtige, figurenreiche Monumentaldekoration. Ihr erster Meister war Pietro da Cortona. In der kaum zu überschauenden Zahl von Nachfolgern auf diesem Gebiet finden sich Giovanni Battista Gaulli, Luca Giordano oder Giovanni Battista Tiepolo. Eine Sonderstellung hatte Padre Andrea Pozzo, der mit seinem Hauptwerk, den Fresken in S. Ignazio in Rom, sozusagen die Summe aus der nun schon mehr als zweihundertjährigen Geschichte der perspektivischen Darstellung zog. Ganz andere Wege nahm die Entwicklung der Malerei in den protestantischen Ländern, insbesondere in Holland. Hier entfiel die Kirche als Auftraggeber so gut wie ganz. Dafür entwickelte sich um so intensiver ein Kunstmarkt, der vor allem vom Bürgertum getragen wurde. In der Entwicklung der Kunst zur Autonomie wurde damals ein wichtiger Schritt getan. Losgelöst aus traditionellen Zweckbestimmungen, kam es zu einer Ausdifferenzierung der Bildgattungen. Neben dem Porträt, das in den Niederlanden bereits eine gute Tradition hatte, und dem erzählenden Historienbild konnten sich Landschaftsmalerei, Genremalerei und Still-Leben als Gattungen entfalten. Die Künstler wurden zu Spezialisten, die die gewählte Gattung mit höchster Perfektion zu behandeln wussten. Diese Entwicklung hatte ihre Rückwirkung auch auf Italien. Landschaftsmalerei als eigenständige Gattung wurde zuerst von Niederländern und Deutschen dorthin gebracht, um dann von Malern wie Claude Lorrain oder Nicolas Poussin zur Kunst der idealen oder heroischen Landschaftsmalerei erhoben zu werden. Die wachsende Bedeutung autonomer Bildgattungen spiegelt einen Wandel in der Einstellung zur Kunst. Sie wurde seit der Renaissance zunehmend mehr ihres Eigenwertes wegen geschätzt. Kunst wurde zum Sammelobjekt. Die Sammler, aus dem Adel oder dem reichen Bürgertum stammend, blickten genauer auf Qualität und Rang der Werke, die sie erwarben. Die Frage nach dem Autor eines Bildes wurde wichtiger als die Frage nach dem Inhalt der Darstellung. Man interessierte sich nicht nur für das Werk, sondern auch für das Leben der Künstler, und fing an, die Kunst historisch zu betrachten. In diesem Kontext entstand die Kunstgeschichtsschreibung. Ihr wichtigstes frühes Dokument waren die Viten, die Lebensbeschreibungen berühmter Maler, Bildhauer und Architekten, die Giorgio Vasari zuerst 1550 in Florenz erscheinen ließ. Sein Werk wurde zum Vorbild für eine fast endlose Reihe von Sammlungen von Künstlerbiographien. Mit der Kunst als Sammelobjekt waren jedoch ihre traditionellen Zweckbestimmungen nicht aufgehoben worden. Wie die Kirche so bedienten sich auch die Herrscher und die adligen Führungsschichten überall in Europa der Kunst zur Selbstdarstellung und Repräsentation. Am markantesten und effektivsten geschah dies im absolutistischen Frankreich. Kunst wurde hier zu einem vom Staat gelenkten Instrument, das zum einen zugunsten der Wirtschaft im Sinne des Merkantilismus eingesetzt werden konnte, zum anderen aber den Rang des Königs und der französischen Monarchie für alle sichtbar werden lassen konnte. Versailles, das Ludwig XIV. für sich ausstatten ließ, wurde für ganz Europa das Modell höfischer Pracht, die man am Kaiserhof in Wien genauso nachahmte wie an dem kleinen Hof des Fürstbischofs in Würzburg. Die Ausgestaltung zum Gesamtkunstwerk wurde zum höchsten Ziel der künstlerischen Gestaltung. Die Kirchen und Klöster in den katholischen Gegenden wetteiferten damit, besonders in Süddeutschland, wo gegen 1700 endlich die Folgen des Dreißigjährigen Krieges weitgehend überwunden waren.
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