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Millennium: KunstEnzyklopädieartikel
Artikelgliederung
Einleitung; Die „Vorgeschichte” der modernen Kunst; Frühchristliche und byzantinische Kunst; Architektur des Mittelalters; Bildkünste des Mittelalters; Bildkünste im Übergang vom Mittelalter zur Renaissance; Architektur der Renaissance und des Barock; Druckgraphik als neues Medium; Malerei des Barock; Die Künste im Jahrhundert der Aufklärung; Neubegründung der Ästhetik im 18. Jahrhundert; Malerei im frühen 19. Jahrhundert; Architektur im Zeichen des Historismus; Skulptur im 19. Jahrhundert; Malerei im späten 19. Jahrhundert; Die Kunst zu Beginn des 20. Jahrhunderts; Kunst nach dem 1. Weltkrieg; Die Architektur zwischen den Weltkriegen; Die Kunst nach dem 2. Weltkrieg; Skulptur im 20. Jahrhundert; Architektur nach 1945
Die Situation der Skulptur war im 20. Jahrhundert problematisch. Dass die Denkmal-„Wut” der vorangehenden Generationen beim Publikum zu einem gewissen Überdruss führte, war dabei nur ein nebensächliches Problem. Zentral war dagegen, dass die Bindung dieser Gattung an das tradierte Postulat der Naturnachahmung besonders eng war, nicht zuletzt durch die entscheidende Prägung, die dieser Kunstzweig wiederholt durch die Antike erfahren hatte. Gegenstand der Skulptur war an erster Stelle die menschliche Figur. Alle anderen möglichen Themen folgten in weitem Abstand. Es gab vereinzelte Versuche nichtmimetischer Skulptur im Umkreis des Kubismus, beispielsweise von Alexander Archipenko oder Rudolf Belling, und im Futurismus, beispielsweise von Umberto Boccioni. Die Erinnerung an die Figur blieb aber bei den meisten dieser Ansätze erhalten. Eine konsequente Befreiung vom Mimetischen gelang der konstruktivistischen Skulptur mit den Arbeiten von Antoine Pevsner und Naum Gabo. Wie in den anderen Kunstrichtungen haben die totalitären Staaten eine Rückkehr zu einer klassizistischen Form und damit zu einer betont heroischen Figur durchgesetzt. Auch nach dem 2. Weltkrieg spielte das Figürliche in der Plastik noch eine große Rolle, jedoch nicht nur bei der konventionellen Gestaltung öffentlicher Denkmäler oder Brunnen. Ossip Zadkine zeigte mit seiner 1953 in Rotterdam aufgestellten Monumentalskulptur Die zerstörte Stadt, welche Ausdruckwerte aus der kubistischen Aufbrechung der Figur zu gewinnen sind. Verfremdung der Proportionen und extrem kleinteilig bewegte Oberfläche waren die wichtigsten Gestaltungsmittel in den figürlichen Plastiken von Alberto Giacometti. Den wohl wichtigsten Beitrag zur Lösung der Skulptur aus den Zwängen der Naturnachahmung leistete nach 1945 Henry Moore. Vom Figürlichen herkommend, gelangte er schließlich zu Lösungen, die das Bildwerk als eine eigenständige, quasiorganische Form behandeln, in denen das Verhältnis von körperhaftem Volumen und Raum eine große Rolle spielt. Eine wichtige Tendenz der Skulptur des 20. Jahrhunderts zielte auf die Überwindung des Statischen. Alexander Calder schuf mit seinen Mobiles Werke, in denen die unaufhörliche Bewegung, das Verschieben der Formen gegeneinander, ein reizvoll anzusehendes Spiel ist. Das Verhältnis von Maschine und Skulptur ist ein Thema, das verschiedentlich aufgegriffen wurde. Jean Tinguely verarbeitete mit seinen zumeist aus vorgefundenen Teilen zusammengesetzten Kunstmaschinen ironisch die Maschinenkultur der Moderne. Ein weiteres Thema war die Ausweitung der Skulptur in den Raum. Die traditionelle Skulptur erlebt der Betrachter immer als ein Gegenüber, das er bestenfalls umschreiten kann. Gemäß der generellen Tendenz zur Entgrenzung gab es immer wieder Ansätze, Skulptur zur Raumgestaltung auszuweiten, begehbare Plastiken zu schaffen, wie im Werk von Richard Serra, der mit Konstellationen von einfachen Formen, wie aufeinander zulaufenden riesigen Stahlplatten, Gebilde schafft, die den Raum, in dem sich der Betrachter bewegt, im wörtlichen Sinne einschneidend prägen und ihn, wie bei den Werken der Minimal Art, zu einer reflektierenden Betrachtung motivieren. Die Auseinandersetzung mit dem Raum ist zentrales Motiv in den so genannten Installationen, der gattungsübergreifenden Gestaltung von Räumen, die zu einem besonders beliebten Thema der Kunst des ausgehenden 20. Jahrhunderts wurde. Die Skulptur eroberte im 20. Jahrhundert ein weites Spektrum von Möglichkeiten, dessen Breite erst sichtbar werden würde, wenn auch die neue Fülle der verwendeten Materialien in die Betrachtung mit einbezogen würde. Dennoch ist immer wieder eine Rückkehr zum Figürlichen zu registrieren, vor allem bei Bildwerken, die im öffentlichen Auftrag entstehen. Obwohl die gegenstandslose Kunst eine eigene Traditionslinie bildet, hat es die Kunst immer noch sehr schwer, jenseits des Mimetischen oder Figürlichen klar definierte Aussagen zu übermitteln. Dies wird vor allem bei Denkmälern ein Problem, einem Bereich, wo es auf die Aussage ankommt. Der Streit um Denkmäler wurde zu einer schon fast selbstverständlichen Begleiterscheinung der heutigen demokratisierten Entscheidungsprozesse.
In der Architektur konnte man nach dem 2. Weltkrieg den Siegeszug der Moderne verfolgen. Die Lehren der zwanziger Jahre wurden mit größter Breitenwirkung aufgegriffen. Das Bauhaus und Le Corbusier wurden die wichtigsten Vorbilder der jungen Architektengeneration. Die Kriegszerstörungen gaben breiten Raum für neue Planungen. Zwar wurde dort, wo historische Baudenkmäler den städtebaulichen Kontext prägten, bevorzugt restauriert, und wo dies nicht möglich war, in angepasster, gemäßigter Moderne gebaut, doch wo freie Entscheidung möglich war, wurden Beton und Glas die wichtigsten Baumaterialien. Leichtigkeit der Bauglieder und das den Raum erfüllende Licht spiegeln den Fortschrittsoptimismus der Aufbauzeit. Die Ideen des Funktionalismus wurden konsequent weitergeführt. Der Verzicht auf alles, was als überflüssig erachtet wurde, wurde als Programm am konsequentesten im Brutalismus umgesetzt, dessen wichtigstes Gestaltungsmittel die wuchtigen Formen des Betons war. Auch hier gab es seit den siebziger Jahren eine Gegenbewegung, die die einseitige Betonung der Funktion kritisierte und zu einem freien, spielerischen Umgang mit den Formen zurückkehrte. Das Zitieren historischer Formen wurde zu einem Kennzeichen der Architektur der achtziger Jahre, die als Architektur der Postmoderne etikettiert wurde. Gegen die Forderung nach klaren, einfachen Formen und nach Materialgerechtigkeit, wie sie im Bauhaus erhoben worden war, wurde jetzt ein Spiel mit möglichst unterschiedlichen Formen und zur Verkleidung verwendeten Materialien gesetzt. Das Bauwerk sollte als „Individuum” erscheinen. Man kam zu der Aufassung, der Pluralismus der Gesellschaft dürfe sich auch im Pluralismus der Stile spiegeln. Zu den Sozialutopien der „Väter der modernen Architektur” ging man auf Distanz. Im Rückblick auf die „runden” Daten der Vergangenheit spricht man gerne von Zeitenwenden und sucht in der Zeit um das Jahr 1000 oder 1500 nach Ereignissen, an denen Umbrüche abzulesen sind. Das Jahr 2000 hingegen markiert in der Kunstgeschichte keinen Wendepunkt. Das 20. Jahrhundert als Ganzes war jedoch ein kontinuierlicher, vielfältig differenzierter Prozess des Umbruchs, in dem tradierte Grundlagen der Kunst aufgegeben und neue Bereiche erobert wurden. Auch wenn der Begriff der Kunst dabei seine festen Konturen verloren hat, bleibt doch die Kunst ein wesentliches Medium, in dem die Gesellschaft über sich und ihre Wirklichkeit reflektiert, ein Medium, das entscheidend zur Selbstgestaltung dieser Gesellschaft beiträgt.
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