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Millennium: Weltgeschichte im Überblick

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2.1. 2

Der Interkontinentale Fernhandel

Die vier großen Zivilisations- und imperialen Machtzentren waren locker und indirekt durch Fernhandel zwischen dem Fernen Osten und Westen verbunden. Für die großräumige und langfristige Verbindung zwischen China und dem Westen durch den Interkontinentalen Fernhandel gab es grundsätzlich zwei große Routen, die sich gegenseitig ergänzten und streckenweise auch in Teilabschnitten kombinieren ließen, beide Routen zugleich mit mehreren regionalen Varianten: Die vermutlich ältere war die Seeroute im Süden, zunächst zwischen Indus und Euphrat/Tigris, später nach Ost und West ausgeweitet vom Chinesischen Meer über den Indischen Ozean und den Persischen Golf bzw. das Rote Meer bis zum Mittelmeer.

Der überwiegend maritimen Südroute entsprach eine überwiegend kontinentale Nordroute, deren Herzstück Zentralasien war, während das Schlussstück das Schwarze Meer mit der Halbinsel Krim bildete. Beide liefen, bis zum Höhepunkt des Interkontinentalen Fernhandels, in Konstantinopel zusammen, von wo aus der Fernhandel vor allem über Italien auf das lateinische Europa ausstrahlte – bis zum Beginn der lang anhaltenden Agonie des Byzantinischen Reiches seit der Schlacht bei Mantzikert 1071. Wegen der überragenden Bedeutung eines Handelsgutes heißen beide Routen „Seidenstraße”. Selbstverständlich waren auch Regionen zwischen den beiden großen Ecksäulen des Eurasischen Systems wichtig, als Vermittlungsstationen wie für den regionalen Fernhandel, ferner als eigenständige Produktionszentren, die ihre Güter in den Fernhandel einspeisten, vor allem Südostasien (Gewürze), Indien (Baumwollstoffe, Indigo) und Persien (Teppiche).

2.1. 3

Sklavenhandel und Sklaverei

Leicht übersehen wird die Nord-Süd-Dimension des Interkontinentalen Fernhandels. Hier spielten Nomaden im Norden (Türken, Mongolen) und Süden (Araber, Berber, Tuareg) die überragende Rolle, vor allem durch Kontrolle des Fernhandels und Bereitstellung eines für die Macht- und Zivilisationszentren des Alten Westens wesentlichen Handelsgutes: Menschen als Sklaven, die, ob männlich oder weiblich, als meist billige Arbeitskräfte unentbehrlich wurden, auch zur biologischen Reproduktion (Frauen) und als Militärsklaven (Männer). Indien und China benötigten keinen Sklavenhandel, weil sie aus unterschiedlichen strukturellen Gründen ihren Bedarf an billigen Arbeitskräften selbst decken konnten: Indien hatte seine niedersten Kasten und die Kastenlosen, China genügend Kriegsgefangene sowie ein großes Menschenreservoir im Inneren, vor allem zur Rekrutierung von Sklaven und Eunuchen für den kaiserlichen Hof.

Sklaverei und Sklavenhandel waren mehr (muslimische Reiche) oder weniger (lateinischer Westen) so sehr integrale Bestandteile der ökonomischen und sozialen Strukturen, dass es zwecklos ist, darüber nachträglich zu moralisieren: Militärisch überlegene Nord- wie Südnomaden fingen Sklaven in Razzien ein oder erhielten sie als Zwangstribute von politisch zersplitterten, daher militärisch schwachen Bauerngesellschaften. Handelsstädte an den äußersten Peripherien der Zivilisation vermittelten sie in die Macht- und Zivilisationszentren, vom Südrand des Mittelmeeres bis Persien. Die ältesten solcher Handelsstädte seit der Antike waren griechische am Nordrand des Schwarzen Meeres und auf der Krim, später Städte an der Ostküste Afrikas aus persisch-arabisch-negrider Wurzel. Zuletzt kamen ab 1000 n. Chr. Städte am Südrand der Sahara hinzu, die die südliche Grenze des Islam und des Sklavenhandels bildeten.

Nordnomaden lieferten weiße, Südnomaden schwarze Sklaven, die in muslimischen Reichen als Militärsklaven („Mamelucken”) aufeinandertrafen, in Krisen- und Konfliktzeiten auch gegeneinander kämpften. Ihr unterschiedlicher militärischer Rang spiegelt ein Stück universalen Proto-Rassismus wider: Die weißen Sklaven stellten meist die prestigereichere Kavallerie, die schwarzen das mindergeachtete Fußvolk, auf das weiße Mamelucken gern herabschauten.

2.1. 4

Ältere Goldwährungen

Das komplexe Zusammenspiel von politischer Stabilität oder Instabilität, ökonomischer Prosperität oder Verarmung im Auf und Ab des Interkontinentalen Fernhandels steuerte auf weite Strecken unsichtbar die Beziehungen zwischen Altem Osten (China, Indien) und bis 1492/98 noch Altem Westen: Symbol und zentrales Instrument aller drei Aspekte war seit der Antike die Goldwährung (Münzen). Sie zeigte den Schwerpunkt der am weitest entwickelten Region an, zumeist in imperialen Großreichen – vor allem der Kroiseios in Lydien (560-547 v. Chr.), zunächst von den Persern weitergeprägt (bis 520 v. Chr.), der Dareikos im Perserreich (ca. 510 v. Chr.), der Aureus unter Caesar im Römischen Reich (45 v. Chr.).

Die stabilste aller Goldwährungen war der oströmisch/byzantinische Goldsolidus (auch „Byzantiner” genannt), eingeführt von Konstantin dem Großen 324: Ursprünglich nur Reichswährung des gerade zum letzten Mal wiedervereinigten Römischen Reiches, gewann er das Vertrauen als große Leitwährung für den Interkontinentalen Fernhandel durch verschiedene Maßnahmen der Reichzentrale, die den Goldgehalt des Solidus stabil, „solide” hielten, von Portugal im Fernen Westen bis China im Fernen Osten, und das fast 750 Jahre lang: Erst bald nach der traumatischen Niederlage von Mantzikert gegen die seldschukischen Türken 1071 verfiel der Goldsolidus durch Beimengung minderwertiger Metalle – die ältere Form der Inflation. An seine Stelle traten allmählich Goldmünzen aus dem lateinischen Westen, zunächst in Florenz der Florentiner (1252), in Venedig der Dukat (1284), ohne je die überragende Stellung des Goldsolidus als internationale Leitwährung zu gewinnen. Aber die Goldmünzen aus italienischen Stadtstaaten, später auch aus Frankreich, der größten Nationalmonarchie Europas bis 1789, zeigten bereits die kommende Verlagerung der Weltwirtschaft zum lateinischen Westen an.

Paradoxerweise lassen Goldwährungen des Westens ein strukturelles und langfristiges Ungleichgewicht im Interkontinentalen Fernhandel erkennen: Die hochwertigen Handelsgüter kamen aus dem Osten, vor allem Indien und China. Der Ferne Westen, selbst das Römische Reich, war dagegen in seiner Wirtschaft noch so wenig komplex und differenziert, dass er für Importe, meist teure Luxuswaren, keine annähernd gleichwertigen Güter anzubieten hatte. Bezeichnende Ausnahme waren Qualitätswaffen aus dem Raum zwischen Köln und Lüttich, wo es, noch aus der vorrömischen, keltischen Zeit, eine lange Tradition der Verarbeitung von Kupfer und Eisen gab. Sonst aber zahlte der Ferne Westen nur mit Edelmetallen – Gold und Silber, gemünzt oder ungemünzt (englisch bullion): Rund 2 000 Jahre lang hielt die unausgeglichene Handelsbilanz für den Westen an, ein ständiger Abfluss von Gold und Silber in den Osten, so dass die Beschaffung von Edelmetallen zur Finanzierung der Importe aus dem Osten stets ein drängendes Problem blieb. In der Antike kam Gold noch aus der europäischen Peripherie (Irland im Westen, Dakien im Südosten), seit dem Mittelalter überwiegend aus Afrika, erst aus Nubien, für das alte Ägypten das Goldland (nub: Gold) schlechthin, später aus Westafrika.

Auf den Wegen des Interkontinentalen Fernhandels zu Lande wie zu Wasser wanderten Kulturgüter und -techniken aus dem Alten Osten in den Westen, die zusammen erst die spätere technische Überlegenheit des Neuen Westens ermöglichten. Umgekehrt wanderten aus dem Westen nach Osten vor allem Gold und Silber zur Finanzierung des Interkontinentalen Fernhandels, aber auch religiöse Ideen, oft in Personalunion von Kaufleuten und Missionaren.

2.2

Eurasische Weltenwende um 1000

Erst nach diesem welthistorischen Rundblick bis um 1000 wird es sinnvoll und möglich, sich an einen Rückblick nach 1000 zu wagen, weil nun Anknüpfungen an die Geschichte davor leichter fallen. Aus der Perspektive Eurasischer Weltgeschichte gewinnt das Jahr 1000 als Symboldatum eine überragende Bedeutung, denn es markiert im Rückblick tatsächlich eine tief greifende Wende.

Die Stilllegung der letzten Invasoren Westeuropas, im Westen der Normannen 911 durch Eingliederung ins Westfränkische Reich als Lehensleute, im Osten der Ungarn 955 durch die seit 911 annähernd vereinten Deutschen in der Schlacht auf dem Lechfeld bei Augsburg, ermöglichte dem von Rom zivilisatorisch und kulturell geprägten lateinischen Westen die breite Wiederanknüpfung an Zivilisation und imperiale Herrschaft. Um 1000 war auch die Christianisierung Europas fast abgeschlossen, bis auf die weitgehend isolierten baltischen Völker.

Noch vor 1000 erreichten der Ferne Osten und der Ferne Westen fast gleichzeitig neue imperiale Stabilität: In China stellte die Sung-Dynastie 960 die Reichseinheit wieder her, zwei Jahre später folgte die Restaurierung des Römischen Reiches Karls des Großen mit der Kaiserkrönung Ottos I. in Rom 962. Erste Eroberungen der Türken nach Süden und die Expansion des Islam jenseits der Sahara, beide um 1000, führten erstmals einen fortan wichtigen Faktor neu ein (Türken in den Zivilisationszentren) bzw. setzten die Expansion des Eurasischen Systems fort, nach Süden durch den Islam, denn die neuen islamischen Städte am Südrand der Sahara ab 1007 dienten vor allem dem Eurasischen Fernhandel, Sklavenhandel mit einbegriffen.

2.2. 1

China (960-1979)

China, das älteste noch heute bestehende imperiale Macht- und Zivilisationszentrum, regenerierte sich kontinuierlich, über alle Brüche hinweg, immer wieder von neuem. Nach Perioden imperialer Einheit und Expansion erlag es zwischendurch Invasionen turkmongolischer Nordnomaden, die ihrerseits immer wieder das chinesische Kaiserreich und seine Hochkultur erneuerten und weiter ausdehnten, zuletzt Mongolen (1280-1368) und Mandschus (1644-1911). Mit der allmählichen Umwandlung der Steuern von Sachlieferungen auf Geldzahlungen entfesselte die Sung-Dynastie eine ökonomische und demographische Dynamik, die China für rund 500 Jahre zur stärksten Wirtschafts- und Wissenschaftsmacht Eurasiens aufsteigen ließ. Es wurde Motor des Interkontinentalen Fernhandels, der älteren Form des Welthandels. In seiner pragmatischen Hinwendung zur Diesseitigkeit entfaltete China eine welthistorisch weit reichende Erfindungskraft. Zahlreiche technische Neuerungen, die uns selbstverständlich geworden sind, kamen ursprünglich aus China – Bronzeguss, Papier, Steigbügel, Porzellan, Kompass, Schießpulver und erste Feuerwaffen; Seide, Tee (aber aus Indien), Buchdruck, Armbrust, Kummet und vieles andere mehr.

Aber noch vor der vollständigen Eroberung durch die Mongolen (1280) war die Innovationskraft Chinas erlahmt, selbst nach der nationalen Restauration unter der Ming-Dynastie (1368-1644). China erstickte gleichsam an seiner enormen Größe, Zentralisierung und rigorosen Kontrolle aller Lebensäußerungen von oben. Sie ließ dem Individuum kaum Spielraum, erdrückte jede Privatinitiative, so dass viele Erfindungen keine Umsetzung in der Gesellschaft fanden. Mit seiner freiwilligen Selbstisolierung Chinas ab 1438, der sich auch Japan und Korea anschlossen, klinkte sich der Ferne Osten selbst aus der Dynamik in der Welt aus, die fortan vom äußersten Fernen Westen ausging, dem atlantischen Rand Westeuropas und Eurasiens. Somit eröffnete China selbst seine langfristige Stagnation, wenn auch auf noch immer hohem kulturellem Niveau, und ein Zurückfallen, nach einigen Schwankungen im 20. Jahrhundert seit der Chinesischen Revolution 1911/12, im Grunde bis zur Neuöffnung 1979 unter Deng Xiaoping. So erweist sich China geradezu als die Antimaterie zum lateinischen Westen.

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