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Millennium: Weltgeschichte im ÜberblickEnzyklopädieartikel
Artikelgliederung
Einleitung; Vorlauf zu 1000; Vom Internationalen Fernhandel zur Expansion Europas in Übersee; Globale Neuzeit: Vorherrschaft des Neuen Westens (seit 1492/98)
Nachhaltig wirkte, über die Epochenwende um 1000 hinweg, der militante Aufbruch der muslimischen Araber. Er ging zunächst von der Arabischen Halbinsel aus, die der Prophet Mohammed (622-632) geeint hatte. Die imperiale Expansion traf von Süden zuerst Byzanz und Persien und mündete in die Errichtung des Kalifats (634-1258). Es trat an die Stelle Persiens und der östlichen wie südlichen Provinzen von Ostrom/Byzanz. Die neue Hochkultur des Islam vereinte – religiös, als monotheistische Religion, wie kulturell und staatlich – Elemente des Juden- und Christentums mit einheimischen vorislamischen, ferner griechische und persische mit arabischen, die so zu einer neuen Synthese verschmolzen. Die anhaltende Schwäche des Kalifats nach dem Tod von Harun ar-Raschid (809) und einem blutigen Bürgerkrieg (809-813) gab allmählich dem eroberten persischen Element neuen Auftrieb, zunächst noch im Rahmen des Kalifats, und ließ später auch aus dem Norden den Türken freie Bahn zur Ausfüllung des sich auftuenden gewaltigen Machtvakuums. Schon zuvor waren Türken als Kriegersklaven (Mamelucken) ins Kalifat eingesickert und hatten, nach Bekehrung zum Islam, Schlüsselstellungen im niedergehenden Kalifat inne. 998 eröffneten sie auf eigene Rechnung die Eroberung Nordwestindiens, des heutigen Pakistan, bald nach 1000 eroberten die seldschukischen Türken, inzwischen ihrerseits islamisch, Persien (1040) und den Irak mit Bagdad (1055). Nach 1000 zerschlugen die seldschukischen und osmanischen Türken in zwei Schüben Byzanz. Die Agonie des Byzantinischen Reiches begann mit der traumatischen Niederlage von Mantzikert in Armenien gegen die Seldschuken (1071) und zog sich bis zur Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen (1453) hin. Diese lange Agonie wiederholte sich später strukturell mit dem Nachfolgereich von Byzanz, dem Osmanischen Reich, nach seiner entscheidenden (zweiten) Niederlage vor Wien 1683 und im 3. Russisch-Türkischen Krieg (1768-1774), bis zu seinem endgültigen Untergang nach dem 1. Weltkrieg 1923. Auch auf Teile Schwarzafrikas griff die Expansion des Islam über: Seine wandernde Grenze schob er durch die Sahara nach Süden und vom ostafrikanischen Küstensaum nach Westen vor, in einer Kombination von Mission, meist durch Kaufleute, militärisch-politischer Eroberung und Ausweitung des Sklavenhandels in Regionen der „Ungläubigen” (kafir), deren Versklavung nach dem Koran Muslimen erlaubt war. Mit der Islamisierung Kanems 1007 begann am Südrand der Sahara die Errichtung einer ganzen Kette muslimischer Fernhandelsstädte und Staaten, deren ökonomische Grundlage vor allem auf dem Gold- und Sklavenhandel mit dem Mittelmeerraum beruhte. Staaten in Schwarzafrika erhielten so als eurasische Randkulturen zunehmend ihre kulturell-religiöse Prägung vom Islam, mit abnehmender Intensität: je weiter entfernt von den Zentren des arabischen Islam, desto schwächer. Jenseits der muslimischen Reichweite setzte sich die große Bantu-Expansion fort, die im 1. Jahrhundert n. Chr. vom heutigen Nordkamerun aus als großes Kontinuum schwarzafrikanischer Geschichte weite Teile Schwarzafrikas erfasste, zunächst nach Osten, dann entlang den Küsten des Atlantiks und des Indischen Ozeans nach Süden, bis sie ab 1772 auf die Expansion der Buren aus der Kapkolonie stieß.
Seit 955 herrschte im lateinischen Europa fortan für fast 1 000 Jahre ein relativer Frieden, weil in dieser Zeitspanne alle Kriege innereuropäische Konflikte waren: Invasoren von außen kamen über den südöstlichen Rand Europas nicht hinaus – Mongolen 1241, Türken vor Wien 1529 und 1683. Schon dieser relative Frieden ermöglichte eine demographische und ökonomische Expansion, die bald zur territorialen Expansion überging: Die systematische Verdrängung der Araber/Sarazenen aus Süditalien und den großen Inseln Korsika, Sardinien und Sizilien (1020-1090) setzte sich nahtlos in der Iberischen Reconquista ab 1064 und in den Kreuzzügen (1095-1291) fort, die sich indes ebenso gegen Byzanz wie den Islam als vordergründigen Gegner richtete. Wiederaufleben der Landwirtschaft, ausgehend von der Île-de-France um Paris, der endgültigen Hauptstadt des mittelalterlichen Frankreich ab 987, Wiederaufnahme des interkontinentalen Fernhandels nach Indien und China, bei der Juden oft eine Pionierrolle zufiel, Wiederbelebung der Geldwirtschaft und der Städte, alles gekrönt durch imperiale Stabilität in Ost (Sung 960) und West (962), stießen auch im lateinischen Westen eine enorme Dynamik an. Sie setzte sich in einem bisher über 1 000-jährigen Boom um, allen zeitlichen oder regionalen Schwankungen zum Trotz, hervorgerufen durch Hungerkrisen (ab 1300), die Große Pest in Europa (1347-1351), lang anhaltende Kriege und Wirtschaftskrisen.
Noch im lang anhaltenden Chaos bildeten sich auf den Trümmern des Weströmischen Reiches, im lateinischen, d. h. kulturell und kirchlich von Rom geprägten Westeuropa die Grundlagen eines welthistorisch neuen Typs von Gesellschaft heraus, die sich von unten selbst organisierte. Besonders im poströmischen Gallien bzw. Frankenreich hatten sich zwischen 476 und 955 alle überkommenen Strukturen weitgehend aufgelöst, die römischen Amtskirche ausgenommen. Übrig geblieben waren im Wesentlichen autonome Individuen. Von ihnen gingen Impulse zum zivilisatorischen und staatlichen Wiederaufbau aus, also von unten. Alte und neue Obrigkeiten repräsentierten daher die neue Gesellschaft eher und koordinierten die von unten kommende neue Dynamik, als sie von oben zu kommandieren. Die Konstituierung der sich von unten selbst organisierenden Gesellschaft war schon vor 1000 angelaufen und weit gediehen, noch im „finsteren”, d. h. nachrichten- und quellenarmen Mittelalter und fand nach 1000 im Wesentlichen nur noch ihre institutionelle und staatlich-politische Ausprägung. Aus der kollektiven Organisation individueller Interessen bildeten sich neue Strukturen, zuerst in Italien (Benevent 1015) die Ratsverfassung städtischer Kommunen aus antiker Wurzel, später Stände in Territorialstaaten, zuerst in Nordspanien (Léon 1188) aus der permanenten Kriegführung der Iberischen Reconquista gegen die muslimischen Araber/Mauren (1064-1492).
So zeichnete sich das neue lateinische Europa, zunächst nur westlich des Rheins, im Weltmaßstab durch zwei große Besonderheiten aus:
Dem lateinischen Westen gelang seit dem Untergang des Weströmischen Reiches 476 nie wieder eine imperiale Zusammenfassung oder auch nur hegemoniale Einigung des Kontinents unter einer Führungsmacht: Stets schloss sich das übrige Europa gegen jede Macht zusammen, die die Hegemonie (Vorherrschaft) oder gar imperiale Herrschaft erzwingen wollte. Zudem verteilten sich in einer pluralistischen Struktur Schwerpunkte der geistigen, ökonomischen und politisch-militärischen Macht auf verschiedene Staatsgebilde: Kulturell und wirtschaftlich führend blieben Italien und Frankreich dank ihrer stärkeren Kontinuität und größeren räumlichen Nähe zur römischen Zivilisation. Italien war Europas erstes langfristiges postimperiales Machtvakuum, politisch-staatlich fragmentiert (476-1859/61), Frankreich dagegen die stärkste Nationalmonarchie (lateinisch regnum) seit dem fast gleichzeitigen Abstieg des deutschen Reiches (ab 1198) und dem Aufstieg Frankreichs zur ersten Großmacht Europas (ab 1214). Seit dem Sieg über die Ungarn 955 lag der militärisch-staatliche Führungsanspruch zunächst bei den Deutschen. Aber in ihrer damaligen Randlage waren sie gegenüber dem kontinentalen Alt-Europa diesseits des Limes kulturell und ökonomisch eher rückständig. Dennoch übte Deutschland als Vermittlungs- und Durchgangsland für zivilisatorische Errungenschaften nach Norden, Osten und Südosten wichtige gemeineuropäische Funktionen aus: Von drei deutschen Missionserzbistümern aus (Salzburg 798, Hamburg-Bremen 831/46, Magdeburg 968) vollendete Rom die Christianisierung des katholischen Europa, jeweils für den Südosten, Norden und Osten. Dazu vermittelte Deutschland auch geistig-geistliche und ökonomische Impulse aus Italien und Frankreich – Ratsverfassung und Stadtwirtschaft, intensive Landwirtschaft, Universitäten. Ein genuin deutscher Beitrag war die Entwicklung des europäischen Bergbaus: Vom großen Silberberg Rammelsberg bei Goslar im Harz (968) schwärmten deutsche Bergleute aus und trugen den Bergbau in einen weiten Bogen von Schweden über Polen und Ungarn bis Bosnien – selbst der Name des seit 1995 traurig bekannt gewordenen Srebrenica gehört in diesen historischen Zusammenhang (srebro: Silber): Srebrenica begann als Stadt des Silberbergbaus.
Während seiner Inkubationszeit ab 955/62/87 oder, wenn man eine rundere Symbolzahl bevorzugt, ab 1000, bereitete sich das lateinische Westeuropa auf seine Expansion in Übersee ab 1492/98 vor, in Kombination einheimischer Faktoren, mit Rückgriffen auf die Antike und Anregungen von außen, vor allem aus China. In komplizierten Konflikten nach innen und außen formierte sich unter Strömen von Blut das, was wir heute als westliche Zivilgesellschaft mit Rechts- und Verfassungsstaat allzu leicht als Selbstverständlichkeit nehmen: Mit all ihren Vor- und Nachteilen ist sie eine absolute Ausnahme in der Welt. Seine strukturelle Komplexität macht Europa zu einem weltbewegenden Kapitel für sich, im Mittelalter wie in der Neuzeit.
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