![]() |
Windows Live® Suchergebnisse
Windows Live® Suchergebnisse Seite 4 von 8
Millennium: Weltgeschichte im ÜberblickEnzyklopädieartikel
Artikelgliederung
Einleitung; Vorlauf zu 1000; Vom Internationalen Fernhandel zur Expansion Europas in Übersee; Globale Neuzeit: Vorherrschaft des Neuen Westens (seit 1492/98)
Europa war und ist keineswegs homogen, sondern nach innen durch große Strukturgrenzen unterteilt, die sich von der Spätantike bis zur Frühen Neuzeit allmählich herausbildeten. Sie markieren Linien oder Zonen unterschiedlicher Entwicklungen, Strukturen und Mentalitäten der langen Dauer (longue durée), die über Jahrhunderte hinweg die Geschichte Europas steuerten, gleichsam wie aus dem historischen Untergrund. Sie entstanden dort, wo der „Prozess der Zivilisation” (Norbert Elias) für längere Zeit anhielt oder sich ausdifferenzierte. Differenzierungen brachten Konflikte und gegenseitig bereichernde Beeinflussungen, auch Mischzonen des Übergangs. Insgesamt lassen sich fünf große symbolische oder idealtypische Strukturgrenzen unterscheiden, in ungefährer chronologischer Reihenfolge:
Der türkische Islam unterwarf vor allem den orthodoxen Südosten, nur marginal auch lateinische Enklaven besonders in Albanien und der westlichen Herzegowina, vorübergehend auch den größten Teil Ungarns (1526-1686/87). Daher überlagerte die neue Strukturgrenze teilweise auch die ältere Strukturgrenze von 395/1054: Die Drina, 395 Grenze zwischen West- und Ostrom, wurde nun auch Grenze zwischen orthodoxen Serben (bis 1878 unter osmanischer Herrschaft) im Osten und dem überwiegend muslimischen Bosnien im Westen. Die Strukturgrenzen von 395/1054 und 1529 brachen nach dem Zusammenbruch im Jugoslawienkrieg wieder brutal auf, erst zwischen Kroaten und Serben, beide gegen Muslime; zuletzt Serben gegen Albaner im Kosovo.
Eine Konsequenz aus der sich von unten selbst organisierenden Gesellschaft waren die spätmittelalterlichen Nationalmonarchien westlich des römischen Limes. Als postimperiale Nachfolgestaaten entwickelten sie nach 1000 proto-nationale Identitäten, auf der sozialen Grundlage im Prinzip (mehr oder weniger) autonomer Städte, tendenziell frei werdender Bauern und des niederen Landadels gegen die Hocharistokratie. Verfassungsrechtlich als ständische Monarchien, in denen proto-parlamentarische Stände den Staat ebenso machten wie die Krone als Vertreterin der gesamtstaatlichen Interessen, entfalteten sich erste Ansätze zum modernen Rechts- und Verfassungsstaat, auf dem Kontinent mit Weiterentwicklungen des römischen Rechts, bis hin zum Code Napoléon (1804) und seinen nationalen Fortschreibungen, u. a. in Deutschland das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB) (1900). Frankreich, England, Spanien und Portugal wurden die westeuropäischen Modelle, ergänzt um die skandinavischen Monarchien, später um die Schweizer Eidgenossenschaft (ab 1291) und die Generalstaaten (= Generalstände) der Neuen, der nördlichen Niederlande der sieben Provinzen unter Führung Hollands (1581). Italien und Deutschland dagegen waren langfristige postimperiale Machtvakuen seit 476 (Untergang Westroms) bzw. 1198 (Thronstreit zwischen Welfen und Staufen in Deutschland) und fanden erst im 19. Jahrhundert zur nationalstaatlichen Einigung durch Risorgimento (1859/61/70) und Reichsgründung (1871). Zur Entwicklung des lateinischen Europa leisteten mehrere werdende Nationen ihre Beiträge: Aus Italien kamen die Kirche (Rom), Reste der antiken Zivilisation und Erneuerung der städtischen Wirtschaft, nach 1000 kommunale Autonomie (Räte), aus Frankreich als größtem Königreich und stärkster Nationalmonarchie vor allem intensive Landwirtschaft und der zentralistische Fiskal- und Flächenstaat, aus Deutschland Bergbau, Buchdruck und Reformation. Im Spanien der Reconquista entstanden in Léon, dem Vorläuferstaat Kastiliens, die ersten Stände (1188) von England nach der Magna Charta 1215 schubweise weiterentwickelt zum Parlament, das seit dem späten 17. Jahrhundert die Souveränität im Staate errang. Portugal eröffnete die Expansion Europas in Übersee mit der Eroberung Ceutas 1415. Holland steuerte im 16. Jahrhundert die damals modernste und intensivste Form der Landwirtschaft und vorindustriellen Produktion bei, dazu Toleranz (für Juden) und Grundlagen des Völkerrechts (Hugo Grotius); England die erste moderne Revolution, den Rechts- und Verfassungsstaat, die industrielle Revolution; Frankreich die souveräne demokratische Nation, politisch durch die Französische Revolution 1789 mit ihren Folgerevolutionen (u. a. 1830, 1848), rechtlich durch den Code Napoléon (1804). Polen lieferte im Zeitalter der Gegenreformation die (relativ) mildeste Variante der katholischen Gegenreformation in praktizierter Toleranz. Im seit 1198 in autonome, seit dem Westfälischen Frieden 1648 souveräne Teilstaaten zerfallenden Alten Reich der Deutschen vollzog sich die Hinwendung zum modernen Fiskalstaat (Steuer- und Beamtenstaat) auf der Ebene fürstlicher Territorialstaaten, als Vorform des modernen bundesstaatlichen Föderalismus.
Auf den traditionellen Handelswegen breitete sich auch die Große Pest von Ost nach West aus, wieder zu Wasser und zu Lande. Sie war das größte Einzelereignis der älteren Eurasischen Geschichte, das den Tri-Kontinent miteinander auf makabre Weise verband. Die Große Pest begann in der Wüste Gobi, erreichte China 1338, wo sie beitrug, die Fremdherrschaft der immer noch verhassten Mongolenkaiser zu untergraben, so dass die nationale Revolution der Ming-Dynastie 1368 die nächste Periode imperialer Größe Chinas einleitete. Von China aus fegte die Große Pest wie ein gewaltiger Wirbelsturm quer durch Eurasien und erreichte 1347 über die Krim und die Levante Italien, 1348/49 das übrige Europa. So schwer die Verluste in Europa an Menschen auch waren – rund ein Drittel der Bevölkerung –, in den übrigen betroffenen Großregionen wirkte sie noch verheerender: China, Indien, die arabischen Länder, die Mongolen, gerade auch im äußersten Westen die Tataren litten unter den Bevölkerungsverlusten so stark, dass sie auch ökonomisch und politisch auf Dauer geschwächt wurden, stagnierten und zurückfielen. Dagegen steckte das lateinische Europa die schweren Bevölkerungsverluste der Großen Pest langfristig leichter weg, so dass sich schon nach einem Jahrhundert die Dynamik des Bevölkerungswachstums seit 1000 wieder fortsetzte. Die Große Pest fiel in die Anfangsphase des größten intereuropäischen Konflikts im Spätmittelalter, des Hundertjährigen Krieges zwischen England und Frankreich (1337/39-1453), den die beiden mächtigsten und stilprägenden Nationalmonarchien des lateinischen Europa gegeneinander austrugen. Frankreich hielt sich am Ende als größte und stärkste Nationalmonarchie Europas. Dagegen war das Heilige Römische Reich (erst seit 1486 auch: „Deutscher Nation”) schon seit dem Thronstreit zwischen Welfen und Staufern 1198 vom ersten Machtzentrum des mittelalterlichen Europa zum zweiten großen Machtvakuum (nach Italien seit 476) abgesunken, gefolgt von Polen ab 1648. Hinter der Fassade der formal weiterexistierenden Kaisermacht stiegen die Reichsstände, vor allem Fürsten und freie Reichsstädte, zu autonomen, seit dem Westfälischen Frieden 1648 auch souveränen Territorien auf. Im Reich wuchsen, wie so oft in der Geschichte, Markgrafschaften an der militarisierten Ostgrenze zu neuen Machtzentren heran. Später übernahmen sie, auf unterschiedliche Weise, das ältere, staatlich zersplitterte, zum Machtvakuum abgesunkene ehemalige Machtzentrum – erst Österreich als Kaisermacht im Alten Reich 1438-1806 und Präsidialmacht des Deutschen Bundes 1815-1866, später Brandenburg-Preußen durch Herausdrängung Österreichs aus Deutschland 1866 und die Reichsgründung von 1871, alles auf der Basis der rascheren und intensiveren Industrialisierung. Dazwischen blieb das (in diesem Zusammenhang meist vergessene) Sachsen machthistorisch auf der Strecke. England und Frankreich fanden schon im Hundertjährigen Krieg zu ihrer konträren „nationalen” Identität, wie Spanien und Portugal durch die Iberische Reconquista zur Vertreibung des Islam (1064-1492). Die Reconquista war abgeschlossen nach außen durch die Eroberung Granadas (1492) und sollte nach innen vollendet werden durch die sich sofort anschließende Vertreibung der Juden aus Spanien. Sie eröffnete aber nur, durch sozioökonomische Selbstverstümmelung, den wirtschaftlichen Abstieg Spaniens, weiter beschleunigt durch Vertreibung der Morisken aus Andalusien (1609). Die Vertreibung der Juden aus Spanien 1492 vollendete die nachhaltige Verschlechterung der Lage für die europäischen Juden seit den Kreuzzügen, seit Pogromen am Rhein (1095/96, 1147) und in England (1189). Vertreibungen aus England (1290), Frankreich (1394) und Spanien (1492), abgerundet durch die (formalen) Zwangstaufen aller Juden in Portugal (1497), beschränkten die Zulassung der europäischen Juden auf Teile des Reichs, auf Italien und Polen. Die nächste Katastrophe traf die Juden mit dem Chmielnicki-Aufstand der Dnjepr-Kosaken gegen Polen (1648-1655) und dem sich anschließenden Russisch-Polnischen Krieg (1648-1667): Orthodoxe Bauern und Kosaken schlachteten rund 100 000 polnische Juden ab, die als verhasste Zwischenschicht die Interessen des katholischen polnischen Adels vertraten. Ungefähr gleichzeitig zum Hundertjährigen Krieg lähmten das Avignonische Exil der Kirche in Avignon (1309-1377) und das sich anschließende Große Abendländische Schisma (1378-1417) die römische Christenheit. Beide gaben Raum zu unterschiedlichen Tendenzen: Episode blieb der Versuch der Konzilien (1409-1448), die absolute Macht des Papstes durch Versammlungen der Bischöfe und Äbte als gleichsam geistliche Stände zu beschränken. Mit ihrer Einteilung in nationes, nach dem Vorbild der Universitäten in vier, seit Konstanz 1415 fünf landsmannschaftliche Untergliederungen (italienische, deutsche, englische, französische, spanische), lieferten die Konzilien einen lockeren begrifflichen Rahmen zur späteren Herausbildung westeuropäischer Nationen und Nationalstaaten als Besonderheit des lateinischen Europa. Anders von unten wirkten religiöse Protestbewegungen aus der Tradition fundamentalistischen Ketzertums meist aus städtischen Unterschichten („Stadtarmut”) und Webern, erstmals seit den Kreuzzügen. Die nächste große Welle brach in der Megakrise der Großen Pest mit den Flagellanten durch (1349), vor denen, nach schweren Pogromen, Juden aus Deutschland („Aschkenasim”) nach Polen flohen. In England verband sich die Bewegung der Lollarden mit dem Wat-Tyler-Aufstand 1381, als Reaktion auf schwere Niederlagen im Hundertjährigen Krieg. In Böhmen eskalierten Proteste nach Verbrennung des Jan Hus auf dem Konzil von Konstanz 1415 zu den Hussitenkriegen (1419-1434). 1433 mündete der Kompromiss zwischen gemäßigten Hussiten (Calixtanern) und Katholiken nach dem gemeinsamen militärischen Sieg über die radikalen Hussiten (Taboriten) 1434 in eine erste Nationalkirche, die in Frankreich mit der Gallikanischen Nationalkirche 1438 baldige, mit der Anglikanischen Staatskirche als englische Variante der Reformation 1534/59 späte Nachahmung fand. Frühere Taboriten hielten sich als Böhmische bzw. Mährische Brüder (1467) abseits in quietistischen Nischen und schlossen sich 1528 der Reformation an. So verschlangen sich in der spätmittelalterlichen Krise vielfältige Strömungen – Pest, Bauernaufstände, radikaler religiöser Protest aus ketzerischer Wurzel, Judenpogrome 1349, proto-nationale Tendenzen (in Böhmen Tschechen gegen die Übermacht der Deutschen), Konzilien zur Überwindung des Abendländischen Schismas, Anläufe zu ersten Reformen der Kirche und „Vorreformatoren” (Wyclif, Hus).
Noch vor der Reformation ab 1517 eröffnete die Expansion Europas mit der Entdeckung Amerikas 1492 und des Seewegs nach Indien 1498 die Globale Neuzeit. Nach der Großen Pest 1338-1351 als gesamteurasischer Erfahrung mit traumatischen, aber unterschiedlich ausfallenden Nachwirkungen ist die Expansion Europas der nächste welthistorische Vorgang, mit buchstäblich globalen Konsequenzen. Zu ihrem besseren Verständnis und zu ihrer historischen Einordnung werden drei große Faktoren unentbehrlich, die in sich unendlich kompliziert sind: Anleihen Europas aus dem Alten Osten, ältere Anläufe zur Zusammenfassung des Eurasischen Systems durch imperiale Eroberung, Europas Aufbruch in Übersee als nunmehr dem Neuen Westen.
Allem generellen Wachstum zum Trotz blieb der Neue Westen, das mittelalterliche lateinische Europa, auch nach 1000 noch auf Jahrhunderte zwar aufsteigende, aber, im Vergleich zu den noch immer reicheren Kultur- und Machtzentren des Orients, unterentwickelte Randregion des Eurasischen Kontinents. Vor allem aus China wanderten über die Jahrhunderte auf den Wegen des Interkontinentalen Fernhandels Kulturgüter und Zivilisationstechniken von Ost nach West, mündeten im lateinischen Fernen Westen wie in einem gewaltigen Nürnberger Trichter. Dort verbanden sie sich mit einheimischen Faktoren und Kenntnissen aus der seit der Renaissance systematisch wiederentdeckten griechisch-römischen Antike zur kommenden technischen Überlegenheit des Neuen Westens. In diesem Prozess war Europa in seinem Mittelalter stets der nehmende Teil, vor allem China der gebende – z. B. Steigbügel für Panzerreiter; verbesserte Anschirrung von Pferden durch das Kummet für den (im nördlichen Deutschland erfundenen) Eisenpflug zum Wenden der schweren, versumpften Böden. Zu den oben genannten Erfindungen kamen andere Kulturgüter hinzu – Schirm, „spanische” Wand; Spinat, Rhabarber, Apfelsine (Apfel aus China: Sina), teilweise über Persien (Pfirsich: malum persicum: Apfel aus Persien). Indien steuerte die uralte Technik der Baumwollverarbeitung bei, Indigo zum Färben, Gewürze, die teilweise aus Südostasien kamen, die „arabischen”, in Wirklichkeit indischen Zahlen, dazu noch mit der Null, ohne die keine höhere Mathematik und moderne Naturwissenschaften bis hin zum Computer denkbar wären: Das Jahr-2000-Problem älterer Computer, auch für russische Atomwaffen, die am 1. Januar 2000 abzustürzen drohten, unterstreicht dramatisch und weltweit die Schlüsselfunktion der Null für unsere sich globalisierende Zivilisation, wenn „00” offenbar für das Ende stand – Krieg, Abschuss von Raketen, Absturz, was auch immer. In dem Innovationsprozess von Ost nach West, der über die Jahrhunderte eine kumulative Wirkung entfaltete, war der muslimische Mittlere Osten oft die entscheidende Vermittlungsstation, über Persien oder Arabien, wie „Pfirsich” und die „arabischen” Zahlen samt Null (arabisch sifre) eindringlich demonstrieren. Selbst der Rückgriff des lateinischen Westeuropas auf den griechischen Teil seiner Klassik durch Renaissance und Humanismus kam zumindest teilweise durch den Islam zustande: Die Kalifen in Damaskus sammelten eifrig griechische Autoren und ließen sie ins Arabische übersetzen. Aus dem muslimischen Spanien brachten spanische Juden die Werke Aristoteles’ und griechische Wissenschaft im 12. Jahrhundert nach Paris zur Sorbonne und legten so die Grundlage zur Wiederentdeckung der griechischen Klassik im lateinischen Europa. Aber der hochmittelalterliche lateinische Westen vollzog die entscheidende Wende, indem er in einem jahrhundertelangen Prozess die zahlreichen Innovationen aus dem Alten Osten miteinander kombinierte, sie einheimischen Bedürfnissen und Bedingungen anpasste. Schließlich fügte er eigene Erfindungen hinzu, die ihrerseits Grundlage der technisch-industriellen Revolution durch die Möglichkeit wissenschaftlicher Präzision wurden – u. a. die mechanische Uhr, die Brille, schon in der Frühen Neuzeit weiterentwickelt, einerseits zum Teleskop, andererseits zum Mikroskop.
© 1993-2008 Microsoft Corporation. Alle Rechte vorbehalten. |
© 2008 Microsoft
![]() ![]() |