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Millennium: Weltgeschichte im ÜberblickEnzyklopädieartikel
Artikelgliederung
Einleitung; Vorlauf zu 1000; Vom Internationalen Fernhandel zur Expansion Europas in Übersee; Globale Neuzeit: Vorherrschaft des Neuen Westens (seit 1492/98)
Europas Expansion in Übersee erklärt sich aus der Dynamik des Interkontinentalen Fernhandels, den sie als älteres Weltsystem erst kontrollieren wollte, dann aber zerstörte und allmählich durch die kollektive Weltherrschaft Europas ersetzte. Das Eurasische System des Interkontinentalen Fernhandels war geographisch so ausgedehnt und strukturell komplex, dass es allen Anläufen getrotzt hatte, es durch imperiale Eroberung zu vereinnahmen. Zuerst versuchte es Alexander der Große vom Westen her, in seinem noch beschränkteren territorialen Großreich von Griechenland zum Indus. 1 500 Jahre später trat Dschingis Khan (1206-1229) bewusst in Alexanders Fußstapfen mit seinem Anlauf, das Eurasische System vom Osten bzw. Norden her zu unterwerfen. Ihm und seinen unmittelbaren Nachfolgern gelang es beinahe, den kontinentalen Norden Eurasiens im bis dahin größten Weltreich der Weltgeschichte zusammenzuzwingen, den lateinischen Westen ausgenommen. Dagegen scheiterte der Übergriff seines Enkels Kubilai Khan (1260-1294) auf Japan (1274, 1281) und die maritime Südroute gegen Java (1293) und leitete nach seinem Tod den baldigen Zerfall des Mongolenreiches (1294-1335) ein. Danach versuchte von Samarkand aus Timur-i Läng (1360-1405) die Restaurierung des Mongolenreiches als neuer Dschingis Khan, starb jedoch auf dem Zug nach China, das, auf dem Höhepunkt der Ming-Dynastie, ihm vermutlich ohnehin widerstanden hätte. Die Konsequenzen der Timur-Intervention waren gravierend: Hatte das riesige Mongolenreich mit der politischen Stabilität der „Pax Mongolica” dem Interkontinentalen Fernhandel auf der Nordroute für rund ein Jahrhundert enormen Auftrieb gegeben, so wirkten die blutigen Feldzüge Timurs in alle Richtungen, im Westen bis vor Smyrna, nach Süden bis Indien, nur noch destruktiv, zumal im Gefolge der verheerenden Großen Pest: Der Fernhandel auf der kontinentalen Nordroute brach zusammen, so dass er weitgehend auf die maritime Südroute auswich. 1405, im selben Jahr, als der Tod Timurs den zweiten Versuch endgültig beendete, das System des Eurasischen Fernhandels von Norden militärisch zu unterwerfen, begann die Ming-Dynastie auf ihrem Höhepunkt die schon 20 Jahre zuvor geplanten Seeexpeditionen des Eunuchenadmirals Zheng He (1405-1433). Von Chinas maritimem Hauptstützpunkt Kanton aus dehnte Zheng He mit gewaltigen Flotten vorübergehend die Suzeränität des Kaisers von China bis zur Ostküste Afrikas und zum Roten Meer aus. Als sich aber der Druck der 1368 aus China vertriebenen Mongolen auf die exponierte Reichshauptstadt Peking, nahe der Nordgrenze, wieder verstärkte, wurden die kostspieligen Flottenexpeditionen im Kampf zwischen rivalisierenden Cliquen am kaiserlichen Hof (unternehmungsfreudigere Eunuchen gegen konfuzianisch geprägte Mandarine) wieder eingestellt (1438). 1638 begann sogar, auch zur Abwehr gegen japanische Piraten, die bewusste Isolierung Chinas nach außen, durch Abbruch jeglichen Außenhandels (außer im streng kontrollierten Kanton) und Zerstörung eines circa 50 Kilometer breiten Küstenstreifens, um japanischen Piraten keine Ansatzpunkte mehr zu bieten. Die chinesischen Flottenexpeditionen 1405-1433 blieben isolierte Unternehmen der kaiserlichen Staatsspitze, ohne das breite gesellschaftliche Fundament wie bald darauf im lateinischen Europa an seinem atlantischen Rand. Ohne Aussicht auf langfristigen Erfolg blieben die Expeditionen welthistorisch nur Episode. Der Abbruch der chinesischen Flottenexpeditionen 1433 unter dem Druck der wieder von Norden andrängenden Mongolen und der völlige Rückzug Chinas vom maritimen wie kontinentalen Fernhandel ab 1438 hinterließen ein gewaltiges Machtvakuum westlich des Fernen Ostens, das natürlich erst nachträglich für den Historiker sichtbar wurde. Immerhin machte es die Bahn frei für die Expansion Europas in Übersee vom Fernen Westen. Die portugiesischen Seefahrer umschifften auf ihrer systematischen Erkundung der Westküste Afrikas erstmals 1434 das gefürchtete Kap Bojador – ein Jahr nach dem freiwilligen Ausscheiden Chinas aus dem Wettrennen um die Seeherrschaft auf dem Indischen Ozean. Der explosive Aufbruch 1492/98 ging vom atlantischen Rand Europas aus, während das orthodoxe Russland, nach Wiedererlangung seiner Souveränität von den geschwächten Tataren 1480, ein knappes Jahrhundert später mit der Eroberung des Khanats Sibir die kontinentale Unterwerfung des nördlichen Eurasien begann (1582). Gleichzeitig unternahm England schon seinen ersten, damals noch fehlgeschlagenen, Kolonialversuch in Nordamerika (Virginia, 1584).
Eine wichtige äußere Voraussetzung zur Expansion Europas in Übersee war die Lage der dortigen Gesellschaften nach 1492/98: Außer China der Ming-Dynastie, nach 1644 der Mandschus und Japan im Windschatten Chinas, war die Welt in Übersee ein riesiges Machtvakuum, unterteilt in unzählige regionale und lokale Machtvakuen, in die die expandierenden Seemächte des lateinischen Westeuropa und das orthodoxe Russland einschnitten wie Messer in Butter. Fast überall stießen die Europäer auf fragmentierte Gesellschaften – entweder Gebiete noch ohne übergreifende zentrale Machtstrukturen extrem segmentierter Stammes- oder gar Clangesellschaften, wie vor allem in Amerika, Schwarzafrika, Ozeanien und Australien/Neuseeland, oder auf größere bis kleinere Reiche oder Staaten, die sich gerade in bürgerkriegsartigen Konflikten lähmten oder auflösten. In Alt-Amerika zerfielen die Reiche der Azteken in Mexiko und der Inka im Hochland der Anden sofort bei Ankunft der Konquistadoren, auch aus inneren Strukturschwächen, wie Mumien, sobald sie Licht und Luft ausgesetzt sind. Ausschlaggebend wurde die technologisch-naturwissenschaftliche Überlegenheit Europas, ihrerseits komplexes Produkt auch östlicher Kenntnisse – das seetüchtige Segelschiff, nautische Instrumente, vor allem der Kompass, Papier, Buchdruck, „arabische” Zahlen aus Indien, die Null, Kanonen (Bronzeguss) und Schießpulver: In alle technische Neuerungen des Neuen Westens waren einst Kenntnisse aus dem Alten Osten eingegangen und wandten sich jetzt, als „europäische” Technik, gegen den Alten Osten.
Europas Expansion in Übersee ab 1492/98 ist ein so weltbewegender Vorgang, dass es möglich, ja nötig wird, sie als Beginn einer weltweit neuen Epoche zu sehen, der Globalen Neuzeit. Innerhalb weniger Jahrhunderte überwältigte Europa mit seiner explosiven Dynamik die übrige Welt. Zunächst ersetzte es den traditionell pluralistischen Interkontinentalen Fernhandel mit seinen zahlreichen Sektoren durch seinen neuen Welthandel und Weltmarkt, jedoch mit wandernden Schwerpunkten – Lissabon bzw. Sevilla (1492/98-1585), Amsterdam (1585-1688), London (1688/1713-1945), New York (seit 1945). Entsprechend wechselten auch Formen und Instrumente europäischer Weltherrschaft: Frühe Handelsreiche und lockere Interessensphären indirekter Herrschaft einerseits (Portugal, Holland), flächendeckende Siedlungskolonien direkter Herrschaft andererseits (Spanien). England und Frankreich, die ihre traditionelle Rivalität seit dem Mittelalter auch in Übersee fortsetzten, kombinierten, jede auf ihre „nationale” Weise, mehr (England) oder minder (Frankreich) erfolgreich, beide Kolonialtypen. Die großen Siedlungskolonien wurden seit der Unabhängigkeit der USA (1776/83) Grundlage für überwiegend europäisch geprägte Nationalstaaten in Übersee, vor allem im Neu-Europa auf dem Doppelkontinent Amerika – die lateinamerikanischen Staaten in den Unabhängigkeitskriegen gegen Spanien (1810-1826), dazu Brasilien (1823); Kanada, Australien, Neuseeland, Südafrika folgten (1926/31) nach dem 1. Weltkrieg, zumal sie schon vorher weitgehende Autonomie errungen hatten, schon wegen der riesigen Entfernungen vom Mutterland.
Nach dem gescheiterten Vorspiel der Kreuzzüge machte den Neuanfang das kleine, bisher periphere Portugal, von der äußersten Südwestecke Europas aus. Seine Epoche machende Eroberung Ceutas im nördlichen Marokko 1415 war Fortsetzung der Iberischen Reconquista, die ihrerseits iberische Variante der Kreuzzüge war: Informationen von Kriegsgefangenen über den Goldhandel der muslimischen Berber aus Westafrika durch die Sahara gaben Anstoß zur Suche nach den Goldquellen durch systematische Erforschung des Seewegs nach Süden entlang der westafrikanischen Küste ab 1419 – als streng gehütetes Staatsgeheimnis. Ein Jahr nach dem Ende der chinesischen Flottenexpeditionen, im Jahr 1434, stießen portugiesische Seeleute auf ihren systematischen Erkundungen des Seeweges nach „Indien” über die psychologische Hemmschwelle des Kap Bojador vor. „Indien” war damals für Europa alles östlich von der Ostküste Afrikas bis nach Japan, mit dem wirklichen Indien ungefähr in der geographischen Mitte der europäischen Vorstellung von „Indien”. Ab 1441 eröffneten die Portugiesen auch die allmähliche Umleitung des bis dahin traditionellen Sklavenhandels aus Afrika über das Mittelmeer und den Indischen Ozean, zunächst nach Portugal und Spanien, bald zu den neu entdeckten Inselgruppen im Atlantik (Azoren, Kanarische, Kapverdische Inseln, Madeira), ab 1505 auch über den Atlantik selbst. Der Fall Konstantinopels 1453 verbreiterte das allgemeine Interesse am Seeweg nach „Indien”, um somit die Kontrolle des Interkontinentalen Fernhandels durch muslimische Mächte zu umgehen, der Mamelucken an der Landenge von Suez, der Osmanen im von ihnen 1453 eroberten Konstantinopel. In Rivalität zum erst später in den Atlantik aufbrechenden Kastilien-Aragonien sicherte sich Portugal die meisten der Afrika vorgelagerten Inselgruppen. Sein weltberühmtes Ei fand Kolumbus, als er, von portugiesischen in spanische Dienste überwechselnd, erstmals die Kugelgestalt der Erde bewusst benutzte, um in den begehrten Osten zu gelangen, indem er nach Westen segelte. So stieß er das Tor zur bewussten Globalisierung auf, die wir erst jüngst auf den modischen Begriff brachten, seitdem sie uns fester denn je zuvor in den Griff nahm.
Mit seiner Expansion in Übersee, ergänzt um Russlands kontinentale Expansion über den Norden Eurasiens vom Ural bis zum Pazifik, erfasste Europa tendenziell die gesamte Welt und machte sie sich untertan, direkt durch Kolonien, indirekt durch Zonen staatlich geschützter Handelsinteressen. Europa dominierte das neue Welthandelssystem des Weltmarkts, weiter gefördert durch Ausbreitung seiner neuen Wirtschafts- und Gesellschaftsformen. Erst jetzt traten auch die isolierten Kontinente und Regionen ins Licht der Weltgeschichte, mit ihrer Besitzergreifung und „Erschließung” durch europäische See- und Kolonialmächte.
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