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Millennium: Weltgeschichte im Überblick

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4.2. 1

Welthistorische Wirkungen der Expansion in Übersee

Im Unterschied zur angestrebten imperialen Zusammenfassung des Alten Eurasien durch einen militärischen Eroberer in der älteren Geschichte seit Alexander war die europäische Unterwerfung der Welt kein zentralgesteuertes Unternehmen. Vielmehr verlief sie, entsprechend der pluralistischen Struktur Europas seit dem Untergang des Weströmischen Reiches 476, als Kollektivunternehmen rivalisierender Nationalstaaten, deren Konflikte in Übersee auch auf die heimatliche Basis zurückstrahlten und umgekehrt. Anfangs belebte nationale Konkurrenz das Geschäft globaler Aufteilung, solange es noch eine wandernde Grenze expandierender Handels- und Kolonialreiche gab.

Durch seine Expansion in Übersee prägte Europa, zum Guten wie zum Schlechten, der Welt so sehr seinen Stempel auf, dass es seit 1492/98 berechtigt ist, den Schwerpunkt für jeden welthistorischen Überblick fortan auf das moderne Europa zu legen: Europäische Geschichte wurde jetzt tatsächlich „Weltgeschichte Europas” (Hans Freyer). Noch nie zuvor hatten Entwicklungen in einer Großregion, z. B. China, Indien oder im Fernen Westen, so rasche und massive Wirkungen auf den Rest der Welt, direkt und indirekt, früher oder später.

Alle Länder und Völker mussten sich fortan mit den aus Europa kommenden Einflüssen und Neuerungen auseinandersetzen, die autochthone traditionelle Identitäten bedrohten, vernichteten, auf jeden Fall veränderten. In einer komplexen Kombination partieller Übernahmen und versuchter Zurückweisung stellte sich oft ein Kompromiss ein – gezielte Übernahme technischer Innovationen aus dem Westen, vor allem auf dem Gebiet der Kriegführung und der dazu nötigen Infrastrukturen, um die westliche Übermacht insgesamt zu brechen: Europa mit den eigenen Waffen schlagen wurde Devise der meisten Reformer in traditionellen Großreichen wie moderner Nationalrevolutionäre, einschließlich Kommunisten. Am Anfang stand daher in einheimischen Großreichen die Modernisierung des Militärs, der Steuern, Bildung und Verwaltung – von Peter dem Großen in Russland über Mao in China und Nasser in Ägypten.

4.2. 2

Transatlantischer Sklavenhandel und Sklaverei in der Neuen Welt

Der Anspruch auf Europas geteilte Weltherrschaft drückte sich am frühesten im Vertrag von Tordesillas 1494 zwischen Portugal und Kastilien-Spanien aus. Er teilte die Welt in Übersee zwischen beiden Mächten entlang einer gedachten Linie durch den Atlantik und Pazifik. Die übrigen Seemächte weigerten sich, die Teilungslinie von Tordesillas anzuerkennen, so dass sich ihre Expansion in Übersee zunächst gegen die beiden Kolonialmonopolisten Spanien und Portugal richtete. Die Konsequenzen waren weitreichend für die gesamte Weltgeschichte: Die Anbindung Schwarzafrikas an den Weltmarkt – in Fortsetzung älterer Handelsstrukturen vor allem durch Export von Gold und Sklaven – lag fortan in der Hand Portugals, das Sklaven aus Afrika in steigender Zahl in die zunächst nur spanische Neue Welt transportierte, wo sie die schwere körperliche Arbeit zur Entwicklung Amerikas leisten mussten. Der steigende Bedarf an Sklaven hatte verheerende Rückwirkungen auf weite Teile Schwarzafrikas, West- wie Ostafrika, deren chronische Instabilität sich durch ein Chaos von Sklavenjagdkriegen zwischen alten und neuen Machtzentren und zersplitterten Bauerngesellschaften immer weiter verschärfte.

Während der traditionelle Sklavenhandel von der Ostküste Afrikas über den Indischen Ozean weiterging, lenkten europäische Küstenforts und Handelsniederlassungen (Faktoreien) an der Küste Westafrikas ab 1505 den Sklavenhandel durch die Sahara nach Norden zum Mittelmeer allmählich über den Atlantik. In seiner von England dominierten Phase (1713-1807) erreichte der Transatlantische Sklavenhandel geradezu industrielle Dimensionen, vor allem seit Einführung des Freihandels durch England (1696) mit einer Art Volkskapitalismus, da sich viele Eigner auf Aktienbasis zusammentaten, um ein Sklavenschiff auszurüsten. Kolonialkriege in Übersee, oft synchron mit europäischen Hegemonialkriegen, galten auch der Kontrolle des Transatlantischen Sklavenhandels.

Der Höhepunkt des Sklavenhandels bahnte aber auch dem Umkippen in seine Abschaffung durch England ab 1807 den Weg: Am Anfang standen moralische Motive der humanitären Abolitionistenbewegung zur Abschaffung (englisch abolition) von Sklavenhandel (1807) und Sklaverei (1833/34), zunächst im Britischen Kolonialreich. Bis zu seiner Abschaffung galten Transatlantischer Sklavenhandel und moderne Sklaverei, wie auch der traditionelle Sklavenhandel im Alten Eurasischen System, als legitimer Bestandteil des Fernhandels und der Gesellschaft. So gründete sich der mächtigste junge Nationalstaat in Neu-Europa, die USA, auf dem doppelten Boden der Demokratie, der Sklaverei und des Rassismus, der in seiner schweren Doppelkrise von Vietnamkrieg und Heißen Sommern vor allem zwischen 1964 und 1968 aufbrach und die größte Demokratie der Welt in eine schwere Existenzkrise stürzte.

4.3

„Projekt Moderne”: das Europäische System zwischen Expansion in Übersee und 1. Weltkrieg (1492/98-1914)

Für das Selbstgefühl der Europäer blieben jedoch alle diese Ereignisse in Übersee – Kolonialreiche, Transatlantischer Sklavenhandel und Sklaverei in der Neuen Welt – weit weg hinter der Peripherie. Europas innere Entwicklungen seit dem Aufbruch des Kolumbus 1492 nach Westen, um in den begehrten, zivilisatorisch immer noch höherstehenden Osten zu gelangen, waren gerade dramatisch und kompliziert genug, weshalb sie verständlicherweise den größten Platz im europäischen Geschichtsbewusstsein einnehmen. Alle Großfaktoren, die sich hier nur knapp anreißen lassen, gehören in Wirklichkeit zusammen, wirkten gegen- und aufeinander, mündeten ins „Projekt Moderne”, institutionalisiert im Europäischen System – Reformation und Gegenreformation; Aufstieg der Nationalstaaten; Vordringen der osmanischen Türken von Südosten; Absolutismus und Aufklärung; Ausbildung des Verfassungs- und Rechtsstaates durch Revolutionen und Reformen; europäische Hegemonialkriege und Herausbildung des Europäischen Systems der Pentarchie; Orientalische Frage und neue Nationalismen; industrielle Revolution und politische Revolutionen; Säkularisierung und fundamentalistische Reaktionen; Konservativismus, Liberalismus und Sozialismus; Freihandel und Schutzzölle; Kolonialherrschaft und Imperialismus; Nationalismen und ethnische Säuberungen; Erster und Zweiter Weltkrieg; Totalitarismen und Demokratien; Rassismus und Antisemitismus; Massaker und Völkermorde, bis hin zum Holocaust.

4.3. 1

Reformation und Gegenreformation

Nach der Entdeckung Amerikas und des Seeweges nach Indien markierten Reformation und Gegenreformation ab 1517 den nächsten tiefen Einschnitt. In ihren zwei Hauptflügeln – Luther und Calvin – spaltete die Reformation das lateinische Europa in zwei große Zonen, die jedoch machtpolitisch nicht einheitlich waren:

  • Der Norden wurde überwiegend protestantisch, mit unterschiedlichen Varianten – lutherisch (die meisten Reichsstände, soweit sie zur Reformation übertraten; Dänemark, Schweden), calvinistisch (einige Reichsstände; Schottland, Holland), England mit seiner Anglikanischen Kirche. Jedoch gab es zwei charakteristische Ausnahmen: Irland im Westen, Polen-Litauen im Osten blieben katholisch.
  • Dagegen blieb der Süden katholisch, aber mit machtpolitischen Interessenkonflikten vor allem zwischen Spanien und Frankreich.
  • In der Mitte, im Reich, anders auch in Frankreich, herrschte konfessionelle Gemengelage. Dort entzündeten sich die Religionskriege, in aufsteigender Linie der geographischen Reichweite und Härte – Kappeler Kriege in der Schweiz (1529/31); Schmalkaldischer Krieg im Reich (1546/47), einmündend in den Augsburger Religionsfrieden (1555); Hugenottenkriege in Frankreich (1562-1598), einmündend in das Toleranzedikt von Nantes (1598) und seine Aufhebung durch Ludwig XIV. (1685); Dreißigjähriger Krieg (1618-1648) als europäischer Großkonflikt. In ihm vermengten sich so viele Machtfragen, nach innen (Verfassung) wie außen (Kampf um Hegemonie), dass er von vornherein mehr als nur Religionskrieg war.

England hielt sich aus dem Dreißigjährigen Krieg heraus, weil es mit inneren Spannungen beschäftigt war, die zur Englischen Revolution (1640-1660) eskalierten. Sie eröffnete die Reihe der großen europäischen Revolutionen, verknüpft mit dem Ringen um die Souveränität absoluter Monarchen und der Volkssouveränität, als weitere Steigerung der sich von unten selbst organisierenden lateinischen Gesellschaften. In England setzte sich erstmals der Rechtsstaat („Rule of Law”) durch, während die stilprägende Restoration von 1660 als Kompromiss zwischen gescheiterter absoluter Monarchie und Republik („Commonwealth”) die konstitutionelle Monarchie schuf, ein labiles Gleichgewicht zwischen Krone und Parlament im modernen Verfassungsstaat.

Unter Oliver Cromwell (1649-1658) begann Englands Expansion in Übersee ernsthaft mit der Eroberung der (zweitrangigen) karibischen Insel Jamaika gegen Spanien (1655). Auf der Grundlage der Sklaverei stieg England zur führenden See- und Kolonialmacht auf, in Rivalität zu Holland und Frankreich. Zeitlich parallel intensivierte sich die Wirtschaft, gestärkt durch Impulse aus Übersee und den Fernhandel mit „Ostindien” (dem Alten Osten) und „Westindien” (der Neuen Welt Neu-Europas jenseits des Atlantiks).

4.3. 2

Ursprüngliche Akkumulation (1492/98 bis ca. 1760)

Die Frühe Neuzeit Europas lässt sich auch als Zeitalter der „Ursprünglichen Akkumulation” begreifen, als lange Inkubationszeit der ihr folgenden industriellen Revolution, ihrerseits mit einer langen Vorgeschichte im Mittelalter. Seit Kolumbus und Vasco da Gama verödete das Mittelmeer, bis dahin ökonomische Hauptachse des mittelalterlichen Europa, durch rasche Verlagerung der Haupthandelsströme nach Norden (Nordsee-Ostsee) und über den Atlantik nach Westindien – die Spanier nannten Amerika „Las Indias” – sowie nach Osten zum richtigen Indien. Das alte Wirtschaftszentrum Nummer 1, Oberitalien-Toskana, stieg seit dem Einfall Frankreichs in Italien (1494), dem sich bis 1559 Kriege in und um Italien anschlossen, vollends ab. Mit der Zerstörung seiner Wirtschaftsblüte endete auch die Kulturblüte Italiens der Renaissance. Der Wirtschaftsschwerpunkt des lateinischen Westens verlagerte sich nach Norden zum bisherigen Schwerpunkt Nummer 2, den Niederlanden, zunächst Antwerpen, symbolisiert durch Eröffnung seiner Börse (1531). Seit Antwerpens Rückeroberung durch die Spanier im Unabhängigkeitskrieg der Niederlande 1585 stieg Amsterdam zum Zentrum der europäischen Weltwirtschaft auf.

Hollands goldenes Zeitalter (1585-1688) beendeten Niederlagen in drei Seekriegen gegen England (1652-1654, 1665-1667, 1672-1674), das so die Durchsetzung der Navigation Acts (1651) als Grundlage seiner kommenden Seeherrschaft erzwang. Frankreichs Hegemonialkriege unter Ludwig XIV. (1667-1713/14) hatten als vornehmstes Ziel zunächst die Generalstaaten der Niederlande mit ihrem Reichtum und ihrer aufreizenden Toleranz, vor allem für Juden. Beide Mächte zerrieben das quantitativ kleine Holland zwischen sich: England brach Holland machtpolitisch das maritim-kommerzielle Rückgrat, Frankreich bedrohte es in seiner Existenz schlechthin, so dass das calvinistische „Holland in Not” 1688 Rettung beim protestantischen England suchte. Anfangs war Holland Verbündeter in der Großen Koalition gegen Ludwig XIV., verstärkt durch die Personalunion unter Wilhelm III., der nach der Glorious Revolution 1688/89 auch König von England wurde (bis 1701). Danach war Holland Klientelstaat Englands.

Seit dem Symboldatum 1688/89 wanderte mit den vielen holländischen Experten im Gefolge Wilhelms III. der ökonomische Schwerpunkt Europas noch weiter nach Norden. Die Holländer, oft sephardische Juden, brachten damals modernste Innovationen mit und machten England zum nächsten Zentrum der Modernisierung – Landwirtschaft, Schiffsbau, Banken. Die Einführung des Freihandels (1696) liberalisierte zunächst „The Trade”, den Atlantischen Dreieckshandels, der auf dem Transatlantischen Sklavenhandel beruhte. Der Methuen-Vertrag (1703) eröffnete Englands kommender Industrie erstmals einen nationalen Markt (Portugal) mitsamt kolonialem Hinterland des weiter wachsenden brasilianischen Marktes – Gold, Diamanten aus Brasilien (Minas Gerais) und Portwein aus Portugal im Austausch mit der anlaufenden Industrieproduktion Englands. Der Friede von Utrecht (1713) zur Beendigung des Spanischen Erbfolgekrieges gab England die führende Position im Transatlantischen Sklavenhandel, stärkte die eigenen Zuckerrohrinseln auf der Basis der Sklaverei in der Karibik und durchbrach mit dem Privileg des „Annual Ship” in Bello Porto den bisher rigoros abgeschirmten Kolonialmarkt Spaniens in der Neuen Welt.

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