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Millennium: 11. Jahrhundert

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Bildnis Wilhelms des EroberersBildnis Wilhelms des Eroberers
Artikelgliederung
1

Einleitung

Zum Thema Millennium sind folgende weitere Texte verfügbar: Millennium: Geographie; Millennium: Kunst; Millennium: Literatur; Millennium: Technik und Mobilität; Millennium: Weltgeschichte im Überblick; Millennium: 12. Jahrhundert; Millennium: 13. Jahrhundert; Millennium: 14. Jahrhundert; Millennium: 15. Jahrhundert; Millennium: 16. Jahrhundert; Millennium: 17. Jahrhundert; Millennium: 18. Jahrhundert; Millennium: 19. Jahrhundert; Millennium: 20. Jahrhundert.

2

Die Welt im Überblick

Das Europa des 11. Jahrhunderts war in Hinblick auf Politik, Gesellschaft und Religion von tief greifenden Veränderungen gekennzeichnet. Während die arabische Welt zunehmend an Bedeutung verlor, in Nordeuropa die Staatenbildung noch nicht abgeschlossen war und das Byzantinische Reich im Niedergang begriffen war, erlebte Westeuropa und hier besonders Italien einen Aufschwung. Die Normannen konnten u. a. in England, Süditalien und Sizilien ihre Vormachtstellung ausbauen. Die französische Abtei Cluny wurde zum Zentrum einer religiösen Reformbewegung, die die Spannungen zwischen geistlicher Macht (Sacerdotium) und weltlicher Macht (Imperium) verschärfte. Davon besonders betroffen war das Königtum im Heiligen Römischen Reich, wo als Folge der zunehmenden Autonomie der Reichsfürsten zentrifugale Kräfte die Oberhand gewannen. Im Gegensatz dazu begannen sich in Frankreich und England, wo die päpstliche Machtpolitik nur geringen Einfluss hatte, erste Anfänge von Nationalstaaten zu entwickeln, begünstigt auch durch die dynastische Erbfolge in diesen Ländern. In Skandinavien, Russland und Süditalien kündigte sich die Entstehung neuer Staaten an, eine Entwicklung, die mit der weiteren Verbreitung des Christentums in diesen Gebieten einherging. Mit dem Eintreffen der Almoraviden auf der Iberischen Halbinsel kam die hier begonnene Reconquista, die Rückeroberung der an die Mauren verlorenen Territorien durch die christlichen Herrscher, wieder ins Stocken.

Die alte Agrargesellschaft Westeuropas war geprägt von Selbstversorger-Wirtschaften, Grundeigentümern, Zinsverbot und einer überwiegend auf Rituale ausgerichteten Religion in einer Kirche, deren Diener als Einzige das Privileg der Bildung genossen. Dieser für die damalige Gesellschaft so typische Charakter wurde nun jedoch merklich durch ein neues Bewusstsein verdrängt. Offensichtlich hatte die Jahrtausendwende doch mehr als nur symbolische Bedeutung: Die Menschen begannen, ihr „Endzeit-Gefühl” und damit zugleich ihre duldende Haltung abzulegen. Es kam zu kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Slawen, Wikingern, Magyaren und Sarazenen. Das Interesse an Intellektuellem und Künstlerischem wurde geweckt. Neue, architektonisch vollkommen neu gestaltete Städte entstanden, die sich grundlegend von den antiken Städten in Europa, Asien und Nordafrika unterschieden. Die neuen europäischen Städte, vor allem die italienischen, hoben sich durch eigene Rechtssysteme vom Umland ab und bildeten eine spezifische religiöse und wirtschaftliche Mentalität heraus. Der Glaube wurde zunehmend verinnerlicht und von seinen Ritualen befreit; die Wirtschaft orientierte sich am Fortschritt und an der Zukunft und wurde auf die Erwirtschaftung von Gewinnen ausgerichtet. Mit dem Tod von Basileios II. (1025) endete das Expansionsbestreben des Byzantinischen Reiches; die folgende Periode war vom Verfall gekennzeichnet. Erst gegen Ende des 11. Jahrhunderts erlebte das Reich unter Alexios I., dem ersten Kaiser aus der Komnenen-Dynastie, einen erneuten Aufschwung. 1054 kam es zwischen östlicher und westlicher Christenheit zur endgültigen Trennung: zur Spaltung in Ost- und Westkirche (Schisma). Auch die Welt des Islam erlebte den Niedergang und die Neugeburt mächtiger Reiche: Nach dem Sturz der Kalifendynastie der Omaijaden von Córdoba übernahmen die türkischen Seldschuken die Macht im Abbasidenkalifat von Bagdad. In Europa begann gegen Ende des 11. Jahrhunderts der 1. Kreuzzug ins Heilige Land, der mit der Eroberung Jerusalems endete. Jerusalem hatte zum Herrschaftsbereich der Fatimiden gehört, deren im vorangegangenen Jahrhundert noch so blühendes Reich in Ägypten zu zerfallen begann. Weiter im Westen Nordafrikas gelang es den Almoraviden, die 1086 sogar in Spanien eindrangen, ihre Herrschaftsansprüche geltend zu machen. Im Norden Indiens eroberte Mahmud von Ghazni im 11. Jahrhundert weite Teile des Landes und setzte damit der bereits seit fünf Jahrhunderten andauernden Isolation ein Ende. Im Süden des Subkontinents konnte das Cola-Reich sein Territorium behaupten. In China herrschte zu dieser Zeit die Song-Dynastie, die mit ihren gesellschaftlichen Reformbemühungen zwar scheiterte, in kultureller Hinsicht aber eine Blütezeit erreichte. In Südostasien erlebte das Königreich von Srivijaya seine Hochkultur, und in Birma wurde die Pagan-Dynastie gegründet. Das Reich der Khmer litt unter unzähligen Aufständen gegen die Zentralmacht. In Vietnam übernahm die Li-Dynastie die Macht. In Japan verlor die beherrschende Familie der Fujiwara ihre Vormachtstellung an den Kaiser. Hofdamen entwickelten die japanische Schrift und schufen damit die Grundlage für eine bedeutende Literaturepoche. In Südamerika weitete sich der Einfluss der Tiahuanaco-Kultur auf das gesamte Andengebiet aus. Im Gebiet des heutigen Mexiko behauptete sich das Tula-Reich.

3

Europa

3.1

Das Heilige Römische Reich

Nach dem Tod Ottos III. 1002 übernahm Heinrich II. die Herrschaft im Heiligen Römischen Reich. Heinrich wurde in Merseburg gekrönt, wie Thietmar von Merseburg in seiner Chronik ausführlich beschreibt. Der König sprach vor den versammelten Fürsten und dem Volk: „Es ist mein Wunsch, Euch zu ehren und zu lieben und Euch im Interesse des Reiches und zu meinem eigenen Heil zu beschützen. Und auf dass Ihr dessen versichert sein könnt, so will ich Eurem Verlangen entsprechend erklären, dass ich nicht gegen Euren Wunsch und Willen, sondern mit Eurer Zustimmung und durch Euch berufen die königliche Würde übernehme. Eure Gesetze werde ich nicht missachten, sondern mein Leben lang wahren, und ich werde angemessenen Wünschen Eurerseits, soweit es in meinem Vermögen liegt, Gehör schenken.” (Thietmar von Merseburg: Chronicon, Lib. V)

Die meisten der aus dieser Zeit stammenden Chroniken, wie etwa die von Thietmar, von Hermann von Reichenau, Adam von Bremen, Lampert von Hersfeld und verschiedenen anderen, entstanden in Klöstern. Da die Klöster zumeist an wichtigen Verkehrswegen lagen, auf denen Kaufleute und andere Reisende entlangzogen, und da sich der König mit seinem Hof auf seinen Reisen immer wieder in diesen Klöstern aufhielt, waren die Verfasser der Chroniken oftmals bis ins Detail über die Geschehnisse im und außerhalb des Reiches informiert.

Unter der Herrschaft Heinrichs II. änderte sich die Reichspolitik entscheidend. Während Otto III. nach einer Erneuerung des Römischen Reiches (Imperium Romanum) gestrebt hatte, richtete Heinrich II. seine politischen Bestrebungen auf eine Wiederherstellung des (Ost-)Fränkischen Reiches (Regnum Francorum). Dies beinhaltete zwar auch das Bemühen um ein dauerhaftes Bündnis mit Rom, vor allem aber ging es Heinrich um die Sicherung der Machtstellung des Königs innerhalb des Reiches. Nachdem Heinrich den Widerstand einiger deutscher Fürsten gebrochen hatte, zog er 1004 nach Italien und wurde dort in Pavia, der Hauptstadt des Königreiches Italien, zum „König der Langobarden” gekrönt. Noch am Krönungstag musste er einen Aufstand der Bürger Pavias unterdrücken, „denn inmitten der Festfreude”, so schreibt Thietmar von Merseburg, „begann plötzlich die Zwietracht, die Feindin des Friedens, zu wüten, und aufgrund des übermäßig genossenen Weins führte ein nur geringer Anlass zu einem heftigen Streit”. Heinrichs Truppen legten in der Stadt Feuer, und die Bürger von Pavia unterwarfen sich. Nach seiner Rückkehr nach Sachsen sah Heinrich II. die Ostgrenze seines Reiches von Herzog Boleslaw von Polen bedroht. Es kam zu einem langwierigen Krieg, an dessen Ende die Ostgrenze zwar wieder gesichert war, aber damit auch die deutschen Expansionsbestrebungen ein vorläufiges Ende fanden. Auch gegenüber dem aufblühenden dänischen Königreich konnte Heinrich II. die Vormachtstellung seines Reiches nur noch mit Mühe behaupten. Die Notwendigkeit, die Reichsgrenzen im Norden und Osten zu schützen und den Frieden im Reich sicherzustellen, hielt den König lange Zeit davon ab, die Alpen erneut Richtung Süden zu überqueren. Erst 1014 zog er nach Rom, um die Kaiserkrone in Empfang zu nehmen, kehrte aber schon bald wieder nach Norden zurück. Den Schutz Italiens überließ er den dortigen weltlichen Mächten (den Fürsten und den im Aufschwung begriffenen Städten) und dem Papst, der sich der arabischen Sarazenen erwehren musste, die die italienische Küste mit Raubzügen heimsuchten. Thietmar von Merseburg berichtet von einer seltsamen Korrespondenz zwischen dem Papst und dem Sarazenenkönig: Nachdem dieser besiegt worden war, schickte er „dem Papst einen Sack Kastanien und ließ durch seinen Botschafter ankündigen, dass er mit ebenso vielen Kriegern zurückkommen werde, wie Kastanien im Sack waren. Der Papst ließ ihm daraufhin einen Sack Haferkörner mit den Worten bringen: Wenn er der Meinung sei, dem päpstlichen Territorium noch nicht ausreichend Schaden zugefügt zu haben, dann müsse er zurückkommen, aber dann könne er damit rechnen, dass ihn ebenso viele Söldner erwarteten, wie Körner im Sack waren.” (Thietmar von Merseburg: Chronicon, Lib. VII)

Im seinem Reich nördlich der Alpen sorgte Heinrich selbst für Ruhe und Frieden. Er kümmerte sich um kirchliche Angelegenheiten, vor allem um die Organisation der Kirche, ernannte Bischöfe und Äbte und setzte damit die Politik seiner Vorgänger fort. Bistümer und Abteien waren die wesentliche Stütze des Reichskirchensystems und damit der Königsherrschaft; der König stattete die von ihm ernannten Bischöfe und Äbte mit umfangreichem Territorialbesitz und Hoheitsrechten aus und machte sie so zu seinen Vasallen. Zeitweise stellte die Reichskirche drei Viertel des Reichsheeres. Diese Reichskirchenpolitik stieß unter Heinrich II. kaum auf Widerstand, denn die vom König ernannten kirchlichen Würdenträger nahmen sowohl ihre geistlichen Ämter ernst wie auch die ihnen anvertrauten Reichsinteressen, und der König war den von Cluny ausgehenden Reformideen (siehe kluniazensische Reform) wohlgesonnen und unterstützte sie nach Kräften.

Nach Heinrichs Tod 1024 wurde Konrad II. zum König gewählt. 1026 wurde er zum König der Langobarden und 1027 zum Kaiser gekrönt. In der Folgezeit weitete er die Grenzen seines Reiches erfolgreich nach Osten aus, und im Norden erreichte er eine Bestätigung der Grenze mit Dänemark. Die Chronik von Adam von Bremen weiß diesbezüglich zu berichten: „Mit Knut, dem König der Dänen und Angelsachsen, schloss der Kaiser unter Vermittlung des Erzbischofs von Hamburg Frieden. Der Kaiser bat sogar um die Tochter Knuts als Gemahlin für seinen Sohn und Nachfolger, Heinrich III., und schenkte Knut die Stadt Schleswig samt Umgebung am gegenüberliegenden Ufer der Eider als Zeichen seiner Freundschaft.” (Adam von Bremen: Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificum, Lib. II). Die erwähnte Heirat fand 1036 statt.

Von besonderer Bedeutung war der Erwerb des Königreichs Burgund durch Konrad 1033. Von Burgund aus verbreiteten sich die neuen Ideen der Klosterreform und des Gottesfriedens wie auch das Rittertum Richtung Osten. In Norditalien kam es unter Konrad zu scharfen Gegensätzen zwischen dem städtischen Bürgertum, das zunehmend an wirtschaftlicher Bedeutung gewann, und dem Adel. Zugleich rivalisierte der niedere Adel mit dem hohen Adel um Macht und Privilegien. Konrad II. sicherte sich die Unterstützung des niederen Adels gegen das erstarkende Bürgertum und den hohen Adel, indem er in der Constitutio de feudis 1037 dem niederen Adel die Erblichkeit der Lehnsgüter zugestand.

Zwei Jahre später starb Konrad II. in Utrecht. Sein Sohn Heinrich III., der bereits 1028 zum König gekrönt worden war, übernahm die Nachfolge im Reich. Der neue König ging zunächst gegen Böhmen, Ungarn und Polen vor und brachte diese Länder unter die Oberhoheit des Heiligen Römischen Reiches. Nachdem er auch in Burgund seine Macht gefestigt hatte, zog Heinrich nach Italien und ließ sich Ende 1046 zum Kaiser krönen. Während seines Italienzuges griff er nachhaltig in kirchliche Angelegenheiten ein, setzte unwürdige Bischöfe ab und enthob kurz vor seiner Kaiserkrönung drei rivalisierende Päpste ihres Amtes und setzte einen deutschen Reformer als neuen Papst ein. Hermann von Reichenau und andere zeitgenössische Geschichtsschreiber berichten immer wieder, dass der König kaum Ruhe fand – ständig auf Reisen, um Unruhen und Aufstände zu unterdrücken und kirchliche und weltliche Angelegenheiten zu regeln. So musste er sich z. B. um die Befriedung der Randstaaten wie etwa Ungarns kümmern, um gleich anschließend nach Italien zu reisen, wo man seine Teilnahme an Synoden und Papstwahlen erwartete. In den letzten Jahren seiner Regierung zeichnete sich bereits die Krise ab, die unter der Herrschaft seines Sohnes und Nachfolgers, Heinrichs IV., schließlich mit aller Macht ausbrach.

Diese Krise resultierte im Wesentlichen aus den vor allem von der kluniazensischen Reformbewegung propagierten Bestrebungen der Kirche, sich von der weltlichen Macht zu emanzipieren. Solange sich die Reformbewegung auf die religiöse Erneuerung und die Reform des klösterlichen Lebens konzentrierte, gab es kaum Differenzen zwischen weltlicher und geistlicher Macht. Dies änderte sich allerdings, als der Einfluss des Königs auf die Ernennung Geistlicher, einschließlich der Papstwahl, von der Reformbewegung nicht mehr als unumstritten hingenommen wurde. Damit waren die Grundlagen für den Investiturstreit geschaffen, der während der Regierungszeit Heinrichs IV. seinen Höhepunkt erreichte.

Nach dem Tod Heinrichs III. im Jahr 1056 fiel der Thron an seinen damals erst sechsjährigen Sohn Heinrich IV., für den seine Mutter, Agnes von Poitou, die Regentschaft übernahm. In Rom wurde die Reformpartei aktiv. Ihr Ziel war es, den Einfluss des römisch-deutschen Königs auf kirchliche Angelegenheiten wie etwa die Ämtervergabe deutlich einzudämmen. In Süditalien entstand dem König mit dem erstarkenden Normannen-Staat ein gefährlicher Gegner, in Norditalien erhob sich eine Volksbewegung gegen die Herrschaft des römisch-deutschen Königs, und im deutschen Teil des Reiches taten die Fürsten alles, um die Königsmacht weiter zu schwächen. In Sachsen kam es zum Aufstand, über den Lampert von Hersfeld schreibt: „Die sächsischen Fürsten sprachen in zahlreichen Versammlungen über die Ungerechtigkeiten, die ihnen durch den Kaiser angetan wurden. Sie waren der Meinung, sich dafür Genugtuung verschaffen zu können, indem sie seinen Sohn entthronten, solange dessen Jugend ihnen dazu noch eine günstige Gelegenheit bot. Ein solcher Versuch wurde besonders begrüßt, da der Sohn hinsichtlich Charakter und Lebensweise in die Fußstapfen seines Vaters treten würde.” (Lampert von Hersfeld: Annales, ad annum 1057)

Zusätzlich zu all diesen Schwierigkeiten sah sich die Regentin Agnes von Poitou noch mit diffamierenden Gerüchten über ihr Privatleben konfrontiert. Lampert von Hersfeld schreibt hierzu: „Solange ihr Sohn noch minderjährig war, regierte die Kaiserin, und sie tat dies vor allem mit Ratschlägen des Bischofs Heinrich von Augsburg. Darum konnte sie sich des Verdachts einer unerlaubten Liebesbeziehung nicht erwehren, denn allgemein ging das Gerücht um, dass ein so vertrauliches Verhältnis zwangsläufig mit unsittlichem Verkehr einhergehen müsse. Daran nahmen die Fürsten Anstoß, da sie spürten, dass aufgrund dieser Beziehung ihr Einfluss auf Reichsangelegenheiten auf ein Minimum reduziert wurde.” (Lampert von Hersfeld: Annales, ad annum 1062)

Die Folgen blieben nicht aus: Erzbischof Anno II. von Köln ergriff den jungen König Heinrich IV. und brachte ihn nach Köln. Lampert schreibt: „Der Erzbischof von Köln fuhr mit einem Schiff auf dem Rhein nach Kaiserswerth, wo sich der König damals aufhielt. Als dieser eines schönen Tages besonders heiter war, rief der Erzbischof ihn herbei, ein Schiff zu besichtigen, das er besonders schön eingerichtet hatte. Der arglose junge König, der keine List vermutete, ließ sich leicht dazu bewegen. Kaum an Bord angekommen, umringten ihn die Komplizen des Erzbischofs, während die Ruderer mit aller Kraft das Schiff in die Mitte des Flusses brachten. In der Vermutung, man wolle ihm Gewalt antun und ihn ermorden, stürzte sich der König in die Fluten und wäre vermutlich ertrunken, wenn Graf Egbert ihm nicht nachgesprungen wäre und ihn gerettet hätte (…).”

Großen Nutzen konnte Anno II. aus seinem Verrat allerdings nicht ziehen. Schon bald musste er die Macht mit Erzbischof Adalbert von Bremen teilen, bis Heinrich IV. 1065 selbst die Regierungsgeschäfte übernahm.

3.1. 1

Der Investiturstreit

Heinrich IV. gelang es zwar, einen gefährlichen Aufstand in Sachsen niederzuschlagen; zwischenzeitlich aber begannen reformfreudige Kräfte in Rom unter der Führung des Mönches Hildebrand die Laieninvestitur, d. h. auch das Recht des Königs auf die Ernennung von Äbten, Bischöfen und Päpsten, in Frage zu stellen und damit die Machtbasis des römisch-deutschen Königs entscheidend zu untergraben. Die Auseinandersetzung zwischen Königtum und Papstum verschärfte sich deutlich, als Hildebrand 1073 als Gregor VII. zum Papst gewählt wurde und wenig später die Laieninvestitur ausdrücklich verbot. Gregor VII. ließ während seines zwölfjährigen Pontifikats den König deutlich spüren, dass die Zeiten Konrads II. und Heinrichs III. endgültig vorbei waren. Nach den Berichten der Chronisten, u. a. Thietmars von Merseburg und Brunos (eines Geistlichen aus Magdeburg, der eine Chronik über die sächsischen Kriege in der Zeit Heinrichs IV. verfasste), kam es innerhalb kürzester Zeit zu dramatischen Ereignissen, die überall für Aufruhr sorgten. Im Januar 1076 setzte die Reichssynode zu Worms den Papst ab. Man begründete dies damit, dass ein Lehnsmann, der Schandtaten und Verbrechen begangen hätte, nicht Papst sein und die päpstliche Macht ausüben durfte. Eine auffällige Rolle spielte bei diesen Ereignissen der Bischof von Utrecht, über den Thietmar von Merseburg schreibt: „Wilhelm von Utrecht war mit den weltlichen Wissenschaften vortrefflich vertraut, aber so hochmütig und dünkelhaft, dass er sich selbst kaum ertrug.” Gregor VII. konnte die Boten, die die Beschlüsse der Wormser Synode und die Briefe des Königs nach Rom brachten, nur mit Mühe vor dem Volkszorn in Sicherheit bringen. Bezeichnend für die damalige Situation war, dass der Papst kurz zuvor von Anhängern des Königs misshandelt worden war: Man hatte ihn an den Haaren vom Hochaltar weggezerrt, gefoltert und in den Kerker geworfen. Eine rasende Menschenmenge befreite ihn schließlich wieder. Diese und zahlreiche ähnliche Ereignisse zeigen, dass sich die Auseinandersetzung zwischen Königtum und Papsttum keineswegs nur in der weltlichen und geistlichen Führungsschicht abspielte.

Als Antwort auf die Beschlüsse der deutschen Bischöfe verhängte Gregor VII. über Heinrich IV. den Bann und trieb damit die Spannungen im Reich auf den Höhepunkt. Die deutschen Fürsten bereiteten schon die Absetzung des Königs vor, doch bevor es dazu kam, zog Heinrich IV. – um sich vom Bann zu lösen und so seine Absetzung zu verhindern – im Januar 1077 nach Italien, um beim Papst, der sich in der Burg Canossa aufhielt, die Lossprechung vom Bann zu erwirken. „Der König kam nach Canossa”, so Lampert von Hersfeld, „und da die Burg von drei Mauern umgeben war, ließ man ihn in den zweiten Ring eintreten. Sein Gefolge blieb draußen. Da stand er, seines königlichen Gewandes entledigt, ohne jegliches Zeichen seiner Würde, ohne auch nur den geringsten Prunk, barfüßig und nüchtern von morgens bis abends, das Urteil des Papstes erwartend. So war es auch am zweiten und dritten Tag. Am vierten Tag wurde er zum Papst vorgelassen.” (Lampert von Hersfeld: Annales, ad annum 1077)

Heinrich IV. erreichte die Lösung vom Bann und war nun in der Lage, seine Position wieder zu festigen. 1084 krönte ihn der Gegenpapst Klemens zum Kaiser. Nach seiner Rückkehr aus Italien gelang es dem Kaiser mit Unterstützung der ihm treuen Bischöfe und des Bürgertums in den Städten im Westen des Reiches, Frieden und Ordnung wieder zu stärken. Er förderte den von Lothringen aus propagierten Gedanken des Gottesfriedens und verkündete diesen für das gesamte Reich. Papst Urban II. (1088-1099) brachte durch seine skrupellosen diplomatischen Machenschaften den Kaiser erneut in Bedrängnis. Sogar sein Sohn Konrad wurde gegen ihn aufgehetzt. Der Kaiser war schließlich so isoliert, dass er keinerlei Einfluss auf die Kreuzzugbewegung nehmen konnte, die Urban II. 1095 ins Leben gerufen hatte. Bereits vor Beginn des 1. Kreuzzugs ermordeten Kreuzfahrer im Rheinland tausende Juden, da ihrer Meinung nach der Kampf gegen die „Ungläubigen” schon im eigenen Land beginnen musste. Noch einmal bemühte sich Heinrich IV. um Ausgleich, indem er den allgemeinen Frieden propagierte. Aber die Fürstenopposition leistete zunehmend Widerstand und fand in Heinrich V., der sich von seinem Vater losgesagt hatte, einen Verbündeten. Der Tod Heinrichs IV. 1106 beendete den Konflikt zwischen Vater und Sohn, zwischen Kaiser und Fürstenopposition.

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