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Millennium: 11. JahrhundertEnzyklopädieartikel
Artikelgliederung
Einleitung; Die Welt im Überblick; Europa; Die Welt des Islam; Afrika; Indien; China; Südostasien; Japan; Amerika
Die Herrschaft König Svens (986-1014) von Dänemark war von starken Expansionsbestrebungen gekennzeichnet, die sich besonders gegen Norwegen und – wie gesehen – die Britischen Inseln richteten. In den Küstengebieten Norwegens und zum Teil auch im Hinterland konnte Sven die dänische Herrschaft festigen; das übrige Norwegen stand großenteils unter schwedischer Oberhoheit. Auch in England konnte Sven, nachdem er den angelsächsischen König Ethelred vertrieben hatte, seine Macht behaupten. Mit dem Tod Svens 1014 geriet die dänische Herrschaft in England in Gefahr; erst 1017 konnte sich Knut II., der Große, einer der Söhne Svens, als Rex totius Britanniae durchsetzen. 1018 übernahm Knut II. zudem die dänische Krone. An der Südküste der Ostsee konnte Knut den dänischen Einfluss verstärkt zur Geltung bringen und gründete u. a. Siedlungen an der Oder und an der Weichsel. Norwegen dagegen löste sich aus der dänischen Herrschaft. Dort bestieg Olaf II. (1015-1028/30) den Thron. Er suchte sein Land rasch und tief greifend zu christianisieren, unterdrückte dabei den heidnischen Glauben gewaltsam und provozierte so den erbitterten Widerstand weiter Teile der Bevölkerung. Diese Situation nutzte Knut der Große, um erneut in Norwegen einzufallen und dort die Herrschaft zu übernehmen. Knut hatte nun drei Königreiche unter seiner Herrschaft vereint und war der mächtigste Herrscher in Nordeuropa. Doch unmittelbar nach seinem Tod 1035 zerfiel sein Reich wieder in die drei Einzelreiche. Die wichtigsten Errungenschaften aus der Herrschaftszeit Knuts des Großen waren die endgültige Verbreitung des Christentums in seinen skandinavischen Ländern sowie der Anschluss dieser Länder an das europäische Handelswegenetz. Etwa Mitte des 11. Jahrhunderts galt die Christianisierung der nordischen Länder als abgeschlossen. Sie stützte sich auf eine kirchliche Organisation, die den gesamten Norden einschließlich Islands, Grönlands und der Orkney-Inseln überzog. Geistliches und organisatorisches Zentrum der nordischen Kirchenorganisation war im 11. Jahrhundert Hamburg. 1060 wurde das Bistum Lund gegründet; 1104 wurde es zum Erzbistum erhoben und übernahm nun von Hamburg weitgehend die Funktion eines geistlichen Zentrums für Skandinavien. Die übergeordnete Funktion des Erzbistums Hamburg-Bremen für die Kirchenorganisation der skandinavischen Länder lässt es nicht weiter verwunderlich erscheinen, dass der Chronist Adam von Bremen in seiner um 1075 entstandenen Kirchengeschichte Hamburgs auch diese Länder berücksichtigte und entsprechende Daten sammelte. So beschreibt er z. B. auch die Insel Samland und ihre Bewohner, die Preußen: „Die dritte Insel heißt Samland. Sie grenzt an Russland und Polen und wird unseres Erachtens von den Samländern bewohnt, sehr menschenfreundlichen Leuten, die Schiffbrüchigen und solchen, die von Seeräubern bedroht werden, helfen. Gold und Silber achten sie gering. Sie haben einen Überfluss an fremdartigem Pelzwerk, dessen Geruch die Welt mit dem tödlichen Gift des Hochmuts infiziert hat. Sie haben von dem Pelzwerk in solchem Überfluss, dass sie mit Geringschätzung herabschauen auf uns, die nach dem Besitz eines Marderpelzes auf ehrliche oder unehrliche Weise streben, als ob es die höchste Glückseligkeit bedeute. Darum bieten sie für Kleider aus Tuch die so kostbaren Marderpelze an. Viel Gutes könnte man über dieses Volk erzählen, wenn sie nur den Glauben an Christus hätten, dessen Priester sie so grimmig verfolgen.” (Adam von Bremen: Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificum, Lib. IV, Descriptio insularum Aquilonis, c. 18) Bei seinen Beschreibungen der nordischen Länder griff Adam von Bremen zum Teil auf Berichte spätantiker Geographen wie Salinus, Marcianus Capella und Macrobius zurück, zum Teil verarbeitete er mündliche Berichte seiner Zeitgenossen. Schweden beschreibt er als außerordentlich reich, was Getreide, Vieh und Ähnliches anbelangt, und fährt fort: „Die Schweden entbehren nichts, außer des Hochmuts, den wir so sehr vergöttern. Denn alle Gegenstände eitlen Stolzes, wie Grundbesitz, Silber, edle Pferde, Biber- und Marderfelle, die uns des Verstandes berauben, bedeuten ihnen nichts. Nur im Umgang mit Frauen kennen sie kein Maß.” (Adam von Bremen: Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificum, Lib. IV, Descriptio insularum Aquilonis, c. 21)
Der Übertritt des polnischen Herzogs Mieszko I. zum Christentum 966 markierte den Beginn der Christianisierung in Polen. Im Gegensatz zur russischen Kirche, die sich dem Patriarchat von Konstantinopel verpflichtete, band sich die polnische Kirche an Rom. Unter Mieszkos Sohn und Nachfolger Boleslaw I. wurde 1000 das Erzbistum Gnesen gegründet. Auch die Konsolidierung der Herrschaft in Polen war das Werk Boleslaws, dem der Papst schließlich auch die Königswürde verlieh. Boleslaw war es gelungen, seinen Herrschaftsbereich deutlich auszuweiten, im Südwesten bis zu den Karpaten und im Nordwesten durch die Eroberung Pommerns bis an die Ostseeküste. In östlicher Richtung expandierte Polen zu Lasten des Kiewer Reiches. Infolge innerer Konflikte ging ein Großteil dieser neu gewonnenen Gebiete unter den Nachfolgern Boleslaws jedoch wieder verloren. Erst in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts konnte Boleslaw II. (1058-1079) die polnische Herrschaft wieder einigermaßen stabilisieren. Im Mittleren Ural siedelten zu Beginn des 9. Jahrhunderts die Magyaren. Sie wurden von den Petschenegen verdrängt, die ebenfalls aus dem zentralasiatischen Raum stammten und im Lauf des 9. Jahrhunderts weite Gebiete zwischen den Flüssen Don und Dnjestr in Besitz nahmen. Sie gründeten dort ein Reich, das zeitweilig sogar dem Byzantinischen Reich gefährlich wurde. Zugleich drangen verschiedene slawische Stämme nach Westen vor, siedelten sich auf der Balkanhalbinsel an und breiteten sich nördlich des Schwarzen Meeres aus. Kiew, Nowgorod und Smolensk entwickelten sich zu bedeutenden Zentren im slawischen Raum. Um Smolensk gründeten die aus Mittelschweden kommenden Waräger Mitte des 9. Jahrhunderts zahlreiche Handelsniederlassungen und Siedlungen. Laut der gegen Ende des 11. Jahrhunderts entstandenen Nestorchronik luden die slawischen Bewohner Kiews und Nowgorods die Waräger, aus deren Eigenbezeichnung durch Entstellung wohl die Begriffe „Rus” und schließlich „Russen” entstanden, um 860 ein und baten sie um Hilfe bei der Verwaltung ihres Landes: „Unser Land ist groß und fruchtbar, aber es herrscht keine Ordnung. Kommt deshalb zu uns, um uns zu regieren.” Dieser Einladung soll der Warägerfürst Rurik Folge geleistet haben und nach Nowgorod gezogen sein. Sein Sohn Oleg eroberte um 880 Kiew und unterwarf auch die meisten der benachbarten slawischen Stämme. Ruriks Nachkommen waren die ersten Großfürsten Kiews, und Kiew selbst entwickelte sich zu einem Zentrum der von den Slawen verhältnismäßig schnell angenommenen russischen Kultur. Der Wohlstand des Kiewer Reiches wurde durch einen vorteilhaften Handelsvertrag mit dem Byzantinischen Reich noch gefördert. Die Beziehungen zwischen Warägern/Russen und Byzanz waren jedoch nicht nur friedlicher Natur. Bereits 860 unternahmen die Waräger erste, erfolglose Eroberungszüge, die sie in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts, in den Jahren 907 und 941, fortsetzten. Andererseits dienten Waräger, wie auch Chasaren, im 10. Jahrhundert noch im byzantinischen Heer. In dieser Zeit begann die allmähliche Christianisierung des Kiewer Reiches. Den Anfang machte hierbei das Fürstenhaus: 957 konvertierte die Witwe von Ruriks Sohn Igor. Ihr Sohn Swjatoslaw blieb allerdings weiterhin dem heidnischen Glauben zugetan. Den offenen Konflikt mit dem Byzantinischen Reich konnte die Annäherung in Glaubensfragen jedoch nicht verhindern. Der Konflikt entbrannte an den Ansprüchen auf das von den Bulgaren besiedelte Gebiet auf der Balkanhalbinsel: Swjatoslaw, vom byzantinischen Kaiser Nikephoros II. gegen die Bulgaren zu Hilfe gerufen, unterstellte das eroberte bulgarische Territorium seiner eigenen Herrschaft und löste damit einen Krieg mit dem Byzantinischen Reich aus. 971 besiegte Nikephoros’ Nachfolger, Johannes I. Tzimiskes, Swjatoslaw. Letzterer fiel auf seinem Rückzug den Petschenegen in die Hände und wurde ermordet. Um 990 ließ sich Swjatoslaws Nachfolger Wladimir I. (972-1015) – wie vor ihm bereits ein großer Teil seiner Untertanen – taufen. Damit brach für das Kiewer Reich eine neue Epoche an, denn die Christianisierung des Fürstentums vertiefte nicht nur die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen zum Byzantinischen Reich, sondern bildete auch die Grundlage für den Aufbau ähnlicher Beziehungen zu Westeuropa. Adam von Bremen hebt in seiner Kirchengeschichte Hamburgs die Bedeutung der Ostsee als Verbindung zwischen dem Westen und Russland hervor: „Die Route verläuft so, dass man von Hamburg an der Elbe aus in sieben Tagen über Land die Stadt Jumne (auf der Insel Wollin) erreicht. Um auf dem Seeweg nach Jumne zu gelangen, muss man in Schleswig an Bord gehen. Von Jumne benötigt man 14 Tage nach Nowgorod in Russland. Die Hauptstadt Russlands ist Kiew, das sowohl Konstantinopel als auch den schönsten unter den Städten Griechenlands Konkurrenz machen kann.” Fast nebenbei erwähnt Adam hier auch den Anspruch des Kiewer Reiches, innerhalb der orthodoxen Christenheit Byzanz als ebenbürtig zu gelten. Wladimirs Sohn und Nachfolger Jaroslaw der Weise (1019-1054) dehnte seinen Herrschaftsbereich nicht nur aus, sondern konsolidierte ihn auch und förderte damit wirtschaftliches Wachstum und Wohlstand; zudem vertiefte er die kulturellen und kirchlichen Bindungen an das Byzantinische Reich. Die alten warägischen Beziehungen zu Schweden traten demgegenüber in den Hintergrund. In der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts begann der Niedergang des Kiewer Reiches: Die Kumanen, ein asiatisches Wüstenvolk, verdrängten die Petschenegen aus ihrem Gebiet nördlich des Schwarzen Meeres, ließen sich dort nieder und unterbrachen so die Verbindung zwischen dem Kiewer und dem Byzantinischen Reich. Beschleunigt wurde der Niedergang noch durch die Teilung des Kiewer Reiches nach dem Tod Jaroslaws und durch damit einhergehende innere Konflikte und Unruhen.
Im Byzantinischen Reich setzte Basileios II. (976-1025) die Politik seines Vorgängers Johannes I. Tzimiskes fort – nachdem er zu Beginn seiner Herrschaft zahlreiche Schwierigkeiten hatte überwinden müssen. Das Byzantinische Reich selbst wurde immer wieder von Aufständen erschüttert, zudem kam es immer wieder zu Konflikten mit den Bulgaren, die unter ihrem Zaren Samuel in das Byzantinische Reich eindrangen und zeitweilig sogar Saloniki bedrohten. Nach 1001 ging Basileios II. zu systematischen Gegenangriffen über, und 1014 setzte er den langwierigen Kriegen mit der völligen Unterwerfung der Bulgaren ein Ende. Seine blutigen Kriege gegen die Bulgaren brachten Basileios den Beinamen „Bulgarentöter” ein. Nachdem er seine Macht im Inneren und nach außen weitgehend konsolidiert hatte, leitete Basileios II. umfangreiche Reformen ein, durch die er sowohl die politische wie auch die auf Großgrundbesitz beruhende wirtschaftliche Macht des Adels deutlich zu beschränken suchte; betroffen war auch der Großgrundbesitz der Kirche, der auf einen annehmbaren Umfang reduziert werden sollte. Denn aufgrund seiner unermesslichen Landgüter und seines auf dem Landbesitz basierenden Reichtums konnte der Adel über nahezu alle hohen militärischen und zivilen Staatsämter bestimmen und lag daher beinahe ständig in offenem oder latentem Konflikt mit dem Kaiser; zudem bildete der krasse Gegensatz zwischen Arm und Reich einen permanenten, den Bestand des Staates bedrohenden Unruheherd. Schon Basileios I. (867-886) hatte versucht, den Adel der kaiserlichen Hoheit zu unterwerfen und seinen Einfluss im Interesse des Reiches zu beschränken. Der Kampf zwischen Kaisertum und Adel dauerte das ganze 10. Jahrhundert hindurch an; alle Reformversuche seitens der Kaiser scheiterten. Erst Basileios II. gelang es, wirksame Maßnahmen durchzusetzen. So erhielt er sich wenigstens einen kleinen Teil der freien Bauern, die gleichzeitig als Soldaten dienten und allein dem Kaiser gegenüber zu Abgaben verpflichtet waren. Diese Abgaben bildeten lange Zeit den überwiegenden Teil der kaiserlichen Einnahmen. Gleichzeitig waren es eben diese Bauern-Soldaten, die den Großteil der kaiserlichen Armee stellten, und diese Armee war es, die dem Kaiser seine Unabhängigkeit gegenüber dem Adel garantierte. Basileios II. starb 1025. Er hinterließ ein Großreich, zu dem nun auch Armenien und Syrien gehörten und das aufgrund seiner Machtposition auch auf Mittel- und Westeuropa wirkte. Die auf diese Blütezeit folgenden Jahrzehnte waren vom Verfall gekennzeichnet. Die Ursachen hierfür lagen in der Unfähigkeit der Herrscher, in Palastrevolutionen und Intrigen der Kaiserwitwe Zoe, über deren Wirken der byzantinische Geschichtsschreiber Psellos, der alles aus unmittelbarer Nähe erlebte, berichtete. Die freien Bauern wurden ein Opfer des Großgrundbesitzes, und drastische Sparmaßnahmen schwächten die Armee derart, dass sie den ab 1060 vordringenden Turkvölkern nicht mehr ausreichenden Widerstand entgegensetzen konnte. 1071 wurden die byzantinischen Truppen bei Manzikert von den Seldschuken vernichtend geschlagen. Die ehemals so effektive byzantinische Heeresordnung konnte nach dieser Niederlage nicht wiederhergestellt werden, die byzantinische Armee verkam zu einem bunten Gemisch von Söldnern aus aller Herren Länder. Erst Alexios I. (1081-1118) gelang es, den scheinbar unaufhaltsamen Niedergang zu bremsen. Unter seiner Herrschaft, die die Epoche der Komnenen einleitete, wurde der Militäradel zum Rückgrat der Kaiserherrschaft und schwang sich schließlich auch zur einflussreichsten Kraft im Reich auf. 1054 war ein bereits zwei Jahrhunderte andauernder Konflikt eskaliert: Die dogmatischen, liturgischen und politischen Gegensätze zwischen griechischem und lateinischem Christentum führten zum Schisma, der endgültigen Spaltung der kirchlichen Einheit in Ost- und Westkirche (siehe orthodoxe Kirche; katholische Kirche). Die Christen auf dem Balkan und in Osteuropa folgten Konstantinopel, während sich die lateinische Christenheit Rom anschloss. Seit dieser Zeit galt das Byzantinische Reich den römisch-katholischen Westeuropäern als ein Reich der Ketzer und Schismatiker und wurde fast genauso verabscheut wie heidnische und islamische Reiche. Im Osten hatte sich Alexios der Seldschuken zu erwehren, die das Kalifat von Bagdad erobert und dort die Macht an sich gerissen hatten. Im Westen bedrohten Normannen unter der Führung von Robert Guiscard die byzantinischen Gebiete auf Sizilien, in Süditalien, Griechenland und Makedonien. Von der Balkanhalbinsel konnten sie wieder vertrieben werden, aber Sizilien und Süditalien mussten an die Normannen verloren gegeben werden. Aus dem Norden fielen die Petschenegen in das Byzantinische Reich ein; sie konnten jedoch zurückgedrängt werden. Doch kaum war die eine Gefahr gebannt, nahte schon das nächste Unheil. 1095 rief Papst Urban II. auf dem Konzil von Clermont die Christenheit auf, das Heilige Land von den Seldschuken zu befreien (siehe Kreuzzüge). Zahlreiche Kreuzfahrer folgten dem Aufruf, zogen durch Europa und standen schließlich zum Schrecken der Einwohner vor den Toren Konstantinopels. Einigen der Kreuzfahrer gelang es, in die Stadt einzudringen; sie plünderten die Häuser und misshandelten die Bewohner. „Die lateinische Rasse” – stellt Anna Komnene fest, die in ihrer Alexias das Leben ihres Vaters Alexios I. beschreibt – „ist die habsüchtigste der Welt. Wenn sie beschlossen hat, ein Land zu erobern, kann nichts und niemand sie davon abhalten.” Alexios I. wusste sich schließlich nicht anders zu helfen, als die lästigen und gefährlichen Besucher so schnell wie möglich Richtung Heiliges Land (siehe Palästina) weiterziehen zu lassen – nicht ohne zuvor noch geschickte Verträge mit den Kreuzrittern zu schließen, denen zufolge die von den Kreuzrittern eroberten Gebiete zum Teil unter byzantinische Hoheit zurückfallen sollten. Was die Verwaltung des Reiches anbelangte, so konzentrierte sich Alexios I. zunächst auf die Errichtung eines effizienten Steuersystems, das offensichtlich vor allem die Reichen schwer traf – wie die Klagen des Erzbischofs von Ohrid zeigen, dem man die Hinterziehung von Steuergeldern vorwarf: „Wenn man dem Steuerempfänger Glauben schenken würde, wären meine Wege mit Käse gepflastert, aus meinen Bergen strömte die Milch in Massen, ich besäße unermessliche Reichtümer an Geld und lebte wie ein Satrap. Der Luxus eines Midas wäre im Vergleich zu dem meinen armselig, die Paläste von Susa und Ekbatana wären Hütten im Vergleich zu meiner Wohnung.” Mit Hilfe seines neuen Steuersystems gelang es Alexios, die Staatsfinanzen zu sanieren und damit Armee und Flotte neu zu organisieren.
Im 11. Jahrhundert erlebte Europa allen politischen Unruhen zum Trotz ein stabiles Wirtschaftswachstum, das allerdings in den einzelnen Ländern unterschiedlich stark ausgeprägt war. Die Fortschritte in der Landwirtschaft waren zwar vorerst nur von bescheidenem Umfang; Bischöfe, Äbte und weltliche Landesherren forcierten aber auf der anderen Seite auch die Urbarmachung und Besiedelung bisher nicht erschlossener Regionen, so dass die landwirtschaftliche Produktion deutlich gesteigert wurde, was angesichts des Bevölkerungswachstums auch dringend notwendig war. Daneben gewannen Garten- und Weinbau an Bedeutung, und aufgrund des wachsenden Bedarfs an Pferden für den Kriegsdienst oder den Transport entstanden große Pferdezuchten. Noch deutlicher war der Fortschritt im Handel zu erkennen. Der regionale, regionsübergreifende und sogar internationale Handel entlang der Flüsse und großen Verkehrswege und auf dem Seewege blühte auf. Kennzeichnend für diese Periode war das Entstehen bedeutender Handelszentren in ganz Europa. Bereits zu Beginn des 11. Jahrhunderts nahm Venedig dank seiner Beziehungen zum Byzantinischen Reich, das der Stadt umfangreiche Privilegien einräumte, eine Vormachtstellung ein und dehnte nun seine Handelsbeziehungen sukzessive auch nach Westen und Norden aus. Andere italienische Städte wie Genua und Pisa folgten dem Beispiel, konzentrierten sich aber vor allem auf das westliche Mittelmeer. Im Norden wuchsen Nowgorod und Kiew, die beide an einer wichtigen Handelsroute nach Konstantinopel und in den Mittleren Osten lagen, zu bedeutenden Handelszentren heran. Von Flandern aus, das mit Brügge über einen wichtigen Knotenpunkt verfügte, reichten die Handelsbeziehungen nach England, vor allem nach London und in das Landesinnere. Am Mittellauf der Maas erlebten Dinant, Huy, Lüttich und Maastricht einen Aufschwung. Von hier aus richtete sich der Handel hauptsächlich auf das Rheinland, wo Köln der bedeutendste Umschlagplatz wurde. Der allgemeine Aufschwung erfasste auch das herstellende Gewerbe, das die Waren für den Handelsverkehr lieferte. In Flandern, Südfrankreich und Italien entwickelte sich die Textilindustrie, an der Maas überwiegend das Metall verarbeitende Handwerk. Handel und Gewerbe bildeten die Grundlage für das Aufblühen des städtischen Lebens.
Im 11. Jahrhundert erfuhr vor allem die Baukunst eine neuerliche Belebung, die besonders dem Kirchenbau zugutekam. Kennzeichnend für diese Zeit war der allmähliche Rückgriff auf Elemente der spätkarolingischen Architektur (siehe karolingische Renaissance); Rundbogenkonstruktionen (siehe Bogen und Gewölbe) z. B. fanden immer häufiger Verwendung. Die Ursprünge des neuen Baustils (siehe Romanische Kunst und Architektur) lagen in der Lombardei; exportiert wurde er von hier aus zunächst nach Katalonien, Frankreich, Burgund, Lothringen und in das Gebiet zwischen Maas und Rhein, später auch in andere Teile Europas. Ein Beispiel dieses Baustils ist der Kaiserdom in Speyer. In einigen Regionen des Heiligen Römischen Reiches zeichnete sich eine engere Bindung an den spätkarolingischen Stil ab, neben dem aber auch byzantinische Einflüsse zum Tragen kamen. Die Neuerungen in der Architektur wirkten sich auch auf die bildende Kunst aus, da nun der Bedarf an Steinmetzarbeiten – z. B. Kapitelle, Reliefs – und Kunstwerken für die Innenausstattung der Kirchen rapide anstieg. Das geistige Leben konzentrierte sich in den Klöstern und Domschulen. Einer der Mittelpunkte des intellektuellen Interesses war während des gesamten 11. Jahrhunderts die Geschichtsschreibung. So beendete Dudo von Saint Quentin um 1017 seine Geschichte der Normannen, und ab etwa 1012 verfasste Thietmar von Merseburg seine Chronik. In seiner Schrift De diversitate morum („Über die Unterschiede der Sitten”), entstanden in den Jahren 1021 bis 1024, beschrieb Alpertus von Metz die Ereignisse seiner Zeit in den Niederlanden. Etwa zur gleichen Zeit verfasste Bischof Adalbold II. von Utrecht, ein Gelehrter der Lütticher Schule, eine Biographie Kaiser Heinrichs II.; zudem schrieb er einen Kommentar zu Boethius und beschäftigte sich außerdem mit Mathematik und Astronomie. Zwei überaus bedeutende Geschichtswerke bilden den Abschluss der Geschichtsschreibung im Westeuropa des 11. Jahrhunderts: die anonymen Annales Altahensis und die Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificum des Adam von Bremen. Beide Werke wurden um 1075 vollendet. Das erste entstand im bayerischen Kloster Altaich und ist eine relativ zuverlässige und objektive Chronik, die sich auf die Regierungszeit Heinrichs IV. und den Investiturstreit konzentriert. Das Werk Adams von Bremen, das von umfangreichen Kenntnissen der klassischen Literatur zeugt, umfasst nicht nur die Geschichte des Erzbistums Hamburg-Bremen, sondern vielmehr die des ganzen Reiches und beschäftigt sich vor allem auch mit Nordeuropa; es enthält unzählige interessante Details und zuverlässige Beschreibungen des Baltikums und Skandinaviens. Im 11. Jahrhundert fand in zunehmendem Maße auch die Volkssprache Eingang in die Literatur, besonders in Frankreich, wo u. a. das Rolandslied entstand, und in England, wo zahlreiche Übersetzungen aus dem Lateinischen ins Angelsächsische angefertigt wurden, da selbst ein Großteil der Geistlichen nur ungenügend der lateinischen Sprache mächtig war. Im Heiligen Römischen Reich war jedoch weiterhin nahezu ausschließlich das Lateinische die Literatursprache. Von Bischof Heribert von Eichstätt z. B. sind verschiedene Hymnen und Mariengebete überliefert. Lobgesänge und geistliche Gedichte schrieb auch der in der klassischen Literatur sehr belesene Ekkehart IV. von Sankt Gallen, von dem auch der Casus Sancti Galli stammt, eine Historie des berühmten Klosters. Ein Mönch aus dem Kloster Tegernsee schrieb um 1050 einen Ritterroman in lateinischen Versen, nach der Hauptperson der Handlung Ruodlieb genannt. Fulbert von Chartres, einer der prominentesten Vertreter der berühmten Domschule zu Chartres, schuf zahlreiche literarische Werke, beschäftigte sich aber auch eingehend mit der Medizin und der Mathematik. In der Musikwissenschaft schuf Guido von Arezzo mit seinem Werk die Grundlagen für die Entwicklung des Kirchengesanges. Einer der hervorragendsten Universalgelehrten war Abt Hermann von Reichenau. Er schrieb u. a. eine bis 1054 reichende Weltchronik, wagte sich daneben aber auch in verschiedene andere Wissenschaften vor: die Mathematik, die Astronomie, die Chronologie, die Geometrie sowie die Musikwissenschaft, und verfasste zudem liturgische Texte. Einer der berühmtesten Gelehrten war Anselm, seit 1093 Erzbischof von Canterbury, der die philosophischen und theologischen Lehren von Boethius und Augustinus aufgriff und erweiterte. Auch im Byzantinischen Reich setzten die Geschichtsschreiber und Chronisten ihre Arbeiten fort. Der bedeutendste unter ihnen war Michael Psellos, der sich auch um die Philosophie und die Naturwissenschaften verdient machte. Er hielt in seinen Schriften die Geschichte des Byzantinischen Reiches von 976 bis 1077 fest, erweckte die Philosophie von Platon wieder zu neuem Leben und verfasste Studien zur Medizin und zur Astronomie. Johannes Skylitzes, ein Zeitgenosse von Psellos, schrieb eine Chronik der Jahre 811 bis 1079, in deren Vorwort er seine historiographischen Auffassungen und Methoden erläuterte. Im Gegensatz zu den westeuropäischen Historiographen, die fast ausschließlich dem geistlichen Stand angehörten, waren die byzantinischen Geschichtsschreiber in der Regel Laien; im Byzantinischen Reich waren bereits seit dem 6. Jahrhundert Bildung und Gelehrtentum im Laienstand wesentlich weiter verbreitet, als dies im Westen der Fall war. Ein spezifisch byzantinisches, sehr einflussreiches Genre war das des Militärhandbuchs (Belagerungstechniken, Taktik und Strategie). Dies wurde auch später noch gepflegt, verlor allerdings zunehmend an Kreativität, da vieles nur noch von den Vorgängern abgeschrieben wurde. Als eines der besten galt das Strategikon von Kekaumenos. Dieses Werk enthält auch einen Fürstenspiegel, in dem der Autor den Kaiser an seine Pflichten erinnert und ihm rät: „Gott hat Euch auf den Kaiserthron gesetzt und Euch durch seine Gnade zum Gott auf Erden gemacht, auf dass Ihr tun und lassen sollt, was Ihr für gut erachtet. Darum müssen Eure Handlungen von Weisheit und Wahrheit zeugen und muss Gerechtigkeit in Eurem Herzen wohnen. Seid folglich darauf bedacht, dass Ihr alle gleich behandelt, ob sie Euch nun näher oder weniger nah stehen. Behandelt nicht die einen ohne Grund schlecht, während Ihr die anderen gegen alles Recht mit Wohltaten überschüttet, sondern handelt ausschließlich mit Gerechtigkeit.” (Kekaumenos: Strategikon, c. 235) Die Rechtswissenschaften erfuhren durch die 1045 von Kaiser Konstantin IX. Monomachos gegründete Rechtsschule von Konstantinopel einen lebhaften Aufschwung. Das byzantinische Recht wirkte nachhaltig auch auf die slawischen und sogar die arabischen Länder. Umgekehrt nahm auch das Byzantinische Reich Einflüsse aus benachbarten Kulturkreisen auf; so wurden z. B. der arabische Roman Barlaam und Josaphat sowie der Fürstenspiegel Kalilah wa Dimnah, der wohl ursprünglich aus Indien kam, ins Griechische übersetzt.
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