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    um 1000: Bau der ersten Deiche. In den Urbaren des Klosters Werden an der Ruhr sind u.a. folgende ostfriesische Orte genannt: Borssum, Jerzem (= Jarssum), Hlarfliata ...

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Millennium: 12. Jahrhundert

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Heinrich IV.Heinrich IV.
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2.13

Kunst und Kultur

Im 12. Jahrhundert entstanden zahlreiche Bauwerke nach romanischen Baustil, u. a. gekennzeichnet durch Rundbögen (siehe Bogen und Gewölbe) sowie durch Betonungen mit horizontalen Elementen. Dieser Baustil vereinte klassische und orientalische Elemente und wurde vor allem bei sakralen Bauwerken angewandt. Er verbreitete sich in verschiedenen Variationen zuerst in Frankreich und später im Heiligen Römischen Reich, in England und in anderen europäischen Ländern. Im Heiligen Römischen Reich hielt die romanische Baukunst u. a. in Köln Einzug. Dort entstanden mehrere Kirchen ganz oder größtenteils in diesem Baustil. Kennzeichnend für die romanische Baukunst im Heiligen Römischen Reich war die Integration karolingischer und spätkarolingischer Elemente. Parallel zur romanischen Baukunst entwickelte sich die bildende Kunst. Auch im 12. Jahrhundert traf man die geistliche Kultur, jedenfalls in Westeuropa, beinahe ausschließlich in Klöstern und kirchlichen Einrichtungen an. Die Schule von Chartres war eine der berühmtesten Schulen dieser Art. Auf der Iberischen Halbinsel spielte das maurische Córdoba unter der Herrschaft der Almohaden in kultureller Hinsicht eine wichtige Rolle. In den italienischen Städten trat das Laienelement in den Vordergrund, wobei in Konstantinopel neben den Klöstern die dortige Universität ein Kulturzentrum darstellte.

Die Geschichtsschreibung mit Werken von Wilhelm von Malmesbury und Wilhelm von Tyrus, die eine ausführliche Geschichte der bis 1184 andauernden Kreuzzüge schrieben, nahm an Bedeutung zu. Eine Biographie über König Ludwig VII. von Frankreich entstammte der Feder Sapers von Saint-Denis, der in den von ihm beschriebenen Ereignissen selbst eine Rolle spielte. Wichtig für das Wissen über die Geschichte der Jahre um die Jahrhundertmitte war die Historia Ponitificatis von Johannes von Salesbury, der die letzten Jahre seines Lebens Bischof von Chartres war (1176-1180). Über Dänemark schrieb der Geschichtsschreiber Saxo Grammaticus. Aus Italien kam u. a. eine anonyme Chronik über den 1. Kreuzzug. Albertus von Aachen, Domherr des dortigen Marienstifts, behandelte dieselbe Materie. Sein Werk gab vor allem die Stimmung der Bevölkerung gut wieder. Der wichtigste Geschichtsschreiber dieses Jahrhunderts war jedoch zweifellos der viel zitierte Otto von Freising, der in seiner Chronik eine Weltgeschichte bis in das Jahr 1146 schrieb. Er versah die De Civitate Dei von Augustinus mit geschichtlichem Hintergrund und war der Meinung, dass sich der „Staat Gottes” am besten in der Welt der Mönche widerspiegle. Ein zweites Werk von Otto von Freising, die Gesta Frederici imperatoris, behandelte die Regierung Friedrichs I. Barbarossa bis 1156 und wurde von Rahewin bis 1160 fortgesetzt. Auch in der italienischen Geschichtsschreibung hatte die Geschichte Barbarossas großes Interesse hervorgerufen. Zur Geschichtsschreibung des Heiligen Römischen Reichs trug auch die Kölner Königschronik bei, die 1175 von einem anonymen Kölner Domherrn geschrieben wurde.

In der Dichtung war das 12. Jahrhundert die Blütezeit von Poesie und Prosa. In Frankreich entstanden die Chansons de Geste, eine Literaturform, die auch in England, im Heiligen Römischen Reich und in den Niederlanden Verbreitung fand. Daran schlossen sich die Ritterromane von Chrétien de Troyes, die provenzalische Poesie, das Tierepos und der Minnesang im Heiligen Römischen Reich an. Dichter wie Walther von der Vogelweide, Heinrich von Veldeke und Hartmann von Aue traten in den Vordergrund.

Auch die Theologie und Philosophie nahmen im 12. Jahrhundert eine herausragende Stellung ein. Anselm von Laon (gestorben 1117), sein Lehrling Wilhelm von Champeaux (gestorben 1122) und vor allem Pierre Abélard (gestorben 1142) spielten in der ersten Hälfte des Jahrhunderts auf diesen Gebieten eine herausragende Rolle. Trotz Widerstands und Bekämpfung von Seiten der Kirche, die er angriff, übten die Ansichten Abélards auch in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts einen großen Einfluss auf seine Zeitgenossen aus. In Frankreich wurden Philosophie und Theologie u. a. in Chartres, Reims, Paris und Orléans gelehrt. Schüler aus verschiedenen Teilen Westeuropas besuchten diese Schulen, wie beispielsweise Philipp von Heinsberg, der spätere Erzbischof von Köln (1168-1191). Diese Schulen und die aus diesen Schulen hervorgehenden Schriften prägten die philosophischen und theologischen Studien in Westeuropa. Vor allem aus dem maurischen Spanien wurden sie ihrerseits stark von den arabischen Philosophen beeinflusst, wobei Averroes der bedeutendste Gelehrte war (siehe Islam).

Ebenfalls wichtig war die Geschichtsschreibung im Byzantinischen Reich, wo in diesem Jahrhundert zahlreiche Chroniken erschienen. Genannt werden müssen vor allem die bereits zitierte Anna Komnena und Nicetas Choniates. Erstere, die älteste Tochter von Kaiser Alexios Komnenos, schrieb, als sie politisch keine Rolle mehr spielte, in der Abgeschiedenheit des Marienklosters von Konstantinopel die Alexias, eine Biographie ihres Vaters, der 1118 starb. Beispielgebend für ihren Schreibstil waren, wie sie selbst sagte, Plutarch und Polybios. Nicetas Choniates, der bei Hof jahrzehntelang Ämter von Rang und Namen bekleidet hatte, setzte die Erzählung Anna Komnenas fort. Seine Auffassung über Geschichtsschreibung legte er im Vorwort zu seinem Hauptwerk dar: „Die Geschichtsschreibung dient der Gemeinschaft, denn sie bietet all denjenigen, die Interesse bezeugen, einen Schatz an Vorbildern für das Leben ... Untaten begegnet sie mit Hohn, gute Taten werden von ihr verherrlicht, und damit erreicht sie, dass die guten Menschen ermutigt und die schlechten abgeschreckt werden, es sei denn, sie sind von Grund auf verdorben. Denn der Mensch, der in der Geschichtsschreibung genannt wird, wird damit unsterblich, auch, wenn er bereits gestorben ist.” (Nicetas Choniates: Chronica, Vorwort)

3

Die Welt des Islam

3.1

Spanien

Die Dynastie der Almoraviden herrschte in Spanien nur kurze Zeit. Durch den Kontakt mit der dortigen feindlichen Kultur verringerte sich in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts die militärische Macht der vordringenden Berber so sehr, dass sie für andere Berber mit einem ähnlich kriegerisch-religiösen Hintergrund ein leichtes Opfer wurden: Die Almohaden, welche die Almoraviden zuerst in Afrika besiegten, eroberten Marrakesch (1147) und erklärten es zu ihrer Hauptstadt. Sie beherrschten dann innerhalb weniger Jahre auch das ganze islamische Spanien. Der Begründer der Almohaden-Dynastie, Abd al-Mumin, starb 1163. Von seinen Nachfolgern war es vor allem sein Enkel Abu Jusuf Yakub al-Mansur, Sohn einer Sklavin christlichen Glaubens, der große Berühmtheit erlangte. Er unterhielt u. a. umfangreiche Kontakte mit dem Hof Saladins in Ägypten, den er im Kampf gegen die Kreuzfahrer unterstützte. 1170 verlegte al-Mansur seine Hauptstadt nach Sevilla. Dort ließ er prächtige Bauwerke errichten. In Marrakesch ließ er ein Krankenhaus bauen, das nach Ansicht von Zeitgenossen mit nichts auf der Welt verglichen werden konnte.

Die Almohaden wurden zum Schirmherren von Kunst und Wissenschaft. An den Universitäten von Córdoba, Sevilla, Málaga und Granada wurden vor allem auf dem Gebiet der Medizin, Botanik, Astronomie und Philosophie wichtige Beiträge geliefert. Insbesondere dieser letzte wissenschaftliche Bereich erlangte im Spanien dieses Jahrhunderts ein Niveau wie nie zuvor. In besonderem Maß machten sich hier u. a. Ibn Rushd, bei seinen christlichen Zeitgenossen unter seinem latinisierten Vornamen Averroes bekannt, und Ibn al-Arabi verdient.

Neue Ideen durchdrangen Westeuropa dort, wo die Kontakte mit der arabischen Wissenschaft auch neue Impulse für das Interesse an der Antike gaben. Sizilien spielte in dieser Hinsicht im Übrigen auch eine wichtige Rolle: Die normannischen Herrscher in Süditalien standen den Arabern sehr aufgeschlossen gegenüber und wurden die „getauften Sultane” genannt. Roger II. (1130-1154) kleidete sich wie ein Muslim und unterlag völlig dem Einfluss der arabischen Kulturträger, die an seinem Hof verkehrten. Der berühmte arabische Geograph al-Idrisi (1100-1166), der in Palermo unter dem Schutz Rogers arbeitete, widmete sein Hauptwerk, für das er weit entfernte Länder bereisen musste, seinem Schirmherren und gab ihm den Untertitel Kitab Rudjar, das Rogerbuch. Für die Almohaden in Spanien stand der Kampf gegen ihre christlichen Nachbarn nach wie vor im Vordergrund. Besondere Erfolge konnten sie dabei allerdings nicht verbuchen.

3.2

Saladin

Das Reich der fatimidischen Kalifen in Ägypten war seit langer Zeit desorganisiert und verfiel zusehends, das der türkischen Seldschuken in Syrien ebenfalls. Die Unruhe in diesen Landstrichen nahm durch das Erscheinen der Kreuzfahrer noch zu. Dem türkischen Militärgouverneur in Nordsyrien, Zendei, gelang es aufgrund einer fehlenden Zentralregierung, ab 1126 eine starke persönliche Regierung in seinem Gebiet zu festigen. Unter seiner Führung erwarb die kurdische Familie der Aijubiden hohe Regierungspositionen. Die Macht dieser Aijubiden dehnte sich schnell aus. Der eigentliche Gründer ihrer Dynastie, Saladin, begab sich nach Ägypten, und nach 1169 gelang es ihm dort, die Regierungsangelegenheiten zu ordnen. 1171 schaffte er das Fatimidenkalifat ab und erkannte den Abbasidenkalifen in Bagdad an. Dieser, inzwischen selbst politisch machtlos, erteilte Saladins Regierung trotzdem die gewünschte religiöse Legitimation, indem er ihn probeweise als Herrscher bestätigte (1175). Saladins Einfluss erstreckte sich daraufhin bereits über ganz Nordostafrika, über den westlichen Küstenstreifen der Arabischen Halbinsel, über Syrien und den Libanon sowie über einen Großteil Mesopotamiens.

Mit dem gefürchteten „alten Mann auf dem Berg”, wie der Führer der fanatischen Assassinensekte (siehe Ismailiten) genannt wurde, gelangte Saladin zu einer Einigung und richtete seine Aufmerksamkeit daraufhin auf die Bekämpfung der Kreuzfahrerhochburgen im Heiligen Land. Er errang einen Sieg nach dem anderen. 1187 eroberte er Jerusalem. In der berühmten Al-Aksa-Moschee wurden die Kirchenglocken durch den Ruf des Muezzins ersetzt. Letztendlich gelang es den Kreuzfahrern nur, Antiochien, Tripolis und Tyrus zu behalten, und eine Welle der Unruhe griff in Westeuropa um sich, die zum 3. Kreuzzug führte. Unter Richard Löwenherz eroberten die Kreuzfahrer Akko. Richard Löwenherz ließ 2 700 Kriegsgefangene töten, da für sie nicht rechtzeitig Lösegeld bezahlt worden war. Diese Reaktion stand in krassem Gegensatz zu der großmütigen Haltung Saladins, der in einer ähnlichen Situation die von ihm gefangen genommenen Christen, darunter zahlreiche Frauen und Kinder, ohne Lösegeld freiließ. Trotzdem entstand zwischen beiden Fürsten eine Beziehung, die von Respekt geprägt war und so weit ging, dass man sogar Geschenke tauschte. Besuche fanden allerdings keine statt. Am 2. November 1192 kam ein Friedensvertrag zustande. Einige Monate später starb Saladin, ein großer Feldherr und Vorkämpfer des Islam. Er war ein fähiger Staatsmann und ein wichtiger Förderer von Wissenschaft und Kunst. Sein Reich wurde unter seinen Nachkommen aufgeteilt. Keiner von ihnen kam ihm aber je an Bedeutung gleich.

3.3

Afrika

In der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts endete die Macht der Almoraviden. Unter ihrer Herrschaft waren Nordwestafrika und Südspanien zu einem Reich vereinigt worden. Der Widerstand gegen die Almoravidenherrscher, ursprünglich nur Nomaden aus der Sahara, brach zuerst unter der sesshaften Bergbevölkerung in Südmarokko aus. 1125 folgte ein Aufstand der Masmuda im Hohen Atlas. Die Revolte wurde von dem religiösen Reformator Ibn Tumart (geboren ca. 1080) angeführt. Dieser muslimische Gelehrte erhob sich gegen die starren Gesetzesauffassungen der Almoraviden. Ibn Tumart war von der Theologie des großen Philosophen Al-Ghazali (1058-1111) stark beeinflusst. Er ließ eine persönliche Interpretation des Korans und der heiliggesprochenen Überlieferungen des Propheten zu. Er predigte die Liebe Gottes und legte in seiner Lehre besonderen Wert auf die geistige Einheit mit Gott. Seine Anhänger wurden „Unitarier” genannt (arabisch al-Muwahhidun), d. h. diejenigen, die sich vor allem anderen zur Einheit mit Gott bekennen. In Westeuropa wurde diese Bezeichnung zu „Almohaden” verballhornt. Die Bewegung der Almohaden erlebte erst nach dem Tod Ibn Tumarts (1128 oder 1130) unter seinem Nachfolger Abd al-Mumin, einem sehr fähigen Strategen, einen bedeutenden Aufschwung. 1145 wurde der letzte Almoravidenherrscher, Tasifin ibn Ali, besiegt, ein Jahr später die Hauptstadt Marrakesch eingenommen, und 1147 übernahmen die Almohaden die Macht in Spanien. Dieser Zusammenbruch des Almoraviden-Imperiums brachte auch die Spaltung des Königreiches von Ghana mit sich. Im Westen, an der Mündung des Senegal, entwickelte sich Tekrur zu einem unabhängigen islamischen Staat. Im Zentrum wurden die Soninke, die herrschende Klasse des Königreichs Ghana, durch die Sosso, ein Volk aus dem Nigergebiet, vertrieben. Hier, zwischen Niger und Senegal, lag in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts der Ursprung einiger Migrationsbewegungen. Wahrscheinlich waren diese Wanderungen auf einen gewissen Bevölkerungsdruck aus dem Norden durch eine Überbevölkerung der Sahara zurückzuführen. In dieser Zeit begannen sich auch die Fulbe über Westafrika auszubreiten. Die Ursprünge dieses Hirtenvolkes sind wahrscheinlich in der südöstlichen Sahara zu suchen.

Dagegen erlebte Kanem im Gebiet um den Tschadsee eine große Zeit der Blüte. Verschiedene muslimische Gelehrte aus dem Mittelmeerraum besuchten dieses Reich unter der Regierung von Mai Dunama (1097-1150), der selbst zweimal die Pilgerreise nach Mekka (siehe Hadsch) unternahm. Bei den Yorubavölkern am Unterlauf des Niger wurden im Lauf des 12. Jahrhunderts Staatsgründungsprozesse in Gang gesetzt. Diese entwickelten sich aus ihrem religiös-kulturellen Zentrum Ife. Von dieser heiligen Stätte, so erzählte man sich, zog einst um die Jahrhundertmitte der Held Eveka in den Süden und gründete dort in der Nähe des Nigerdeltas den Staat Benin. An der Küste Ostafrikas, am Indischen Ozean, ließen sich immer mehr Emigranten aus verschiedenen Gebieten entlang des Persischen Golfes nieder. Diese Siedler, zumeist waren es Händler oder politische Flüchtlinge, bevölkerten Städte, wie Mogadishu und Brava (Somalia), ließen sich auf den Inseln Mafia und Kilwa (Tansania) nieder und gründeten die Stadt Sofala (Moçambique) mit dem wichtigsten Exporthafen für das Gold aus Simbabwe. Die Siedler und deren Nachkommen bildeten an der Ostküste eine separate Bevölkerungsgruppe, Shirasi genannt. Durch ihre starke wirtschaftliche Position schwangen sich die Shirasi zur herrschenden Klasse auf. Sie bildeten das Bindeglied zwischen dem Fernhandel aus dem Landesinneren und dem arabischen Handelsnetz auf der anderen Seite des Indischen Ozeans. Durch diesen Kontakt entwickelte sich an der Küste die Handelssprache Suaheli, eine Bantusprache mit vielen arabischen Elementen. Im Landesinneren, am Südrand der Hochebene, entstanden die Bauwerke der Stadt Simbabwe. Sie wurden von einem bantusprachigen Volk errichtet, welches den Goldabbau in diesem Gebiet förderte.

4

Asien

4.1

Indien

Zu Beginn des 12. Jahrhunderts umfasste das Cola-Reich ganz Südindien unterhalb des Krishna. Die Regierungszeit von Koluttunga I. (1070-1118), der über seine Mutter an die Calukya-Dynastie familiär gebunden war, brachte dieser Region, die im vorherigen Jahrhundert mehrfach von schweren Auseinandersetzungen erschüttert worden war, ein gewisses Maß an Ruhe und Einheit. Dieser Umstand ermöglichte u. a. einen immer intensiver werdenden Handel mit China, sowohl innerhalb als auch außerhalb der Landesgrenzen. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts begann sich jedoch infolge der Feudalisierung eine Schwächung des Gebiets abzuzeichnen. Dabei machten sich kleinere Herrscher von der Zentralregierung unabhängig. Die zahlreichen Schlachten hatten die Finanzen des Cola-Reiches erschöpft, und die Herrschaft konnte schließlich nur noch auf Kosten der inneren Stabilität aufrechterhalten werden. Im Dekkan vergrößerte sich die Macht derVasallen. Diese Lehnsleute gründeten ihre eigenen Fürstentümer, und am Ende des Jahrhunderts herrschten die Cola nicht mehr über den Persischen Golf.

Die große Autonomie auf lokaler Ebene hatte zur Folge, dass die fortwährenden Machtwechsel der Fürstenhäuser an der Spitze der politischen Strukturen geringe Auswirkungen auf das alltägliche Geschehen in den Dörfern hatten. Die Lehnsleute waren dem König direkt unterstellt und nur daran interessiert, bei den Dorfräten Steuern einzutreiben. Nach Abzug des Eigenanteils übertrugen sie den Rest an die Hauptstadt und kümmerten sich ansonsten weder um den Machtkampf an der Spitze noch um ein eigenmächtiges Auftreten gegenüber den Dörfern. In dem Maß, wie in dieser Zeit die Macht der Lehnsleute in Südindien zunahm, begannen sie, in Wirtschaft und Politik eine aktive Rolle zu spielen und mit den wechselnden Königshäusern auf Vertragsbasis zusammenzuarbeiten. Dieser Prozess, der in Nordindien schon Jahrhunderte vorher begonnen hatte, brachte nun im Süden mit sich, dass einerseits die Selbständigkeit der Dörfer abnahm und andererseits der von alters her zentralisierende Charakter der Fürstentümer untergraben wurde. Die Pachtbedingungen blieben jedoch unverändert. Im Allgemeinen trat man ein Drittel der Ernte ab. Im Tausch dafür erhielten die Pächter Mitspracherecht in den Dorfräten, über das die Landarbeiter nicht verfügten. Sie waren Hörige, die für die Bearbeitung des Bodens für die Tempel, in Dorfgemeinschaften und bei freien Bauern oder bei der Urbarmachung von neuem Land eingestellt wurden. Die Freiheit des Bauernstandes wurde jedoch ständig infolge hoher Steuern eingeschränkt, die in ungleichem Maß über die Gemeinschaften verteilt wurden. Südindien spielte in diesem Jahrhundert auf kulturellem Gebiet eine führende Rolle. Die Brahmanen hatten sowohl politisch, verwaltungstechnisch als auch wirtschaftlich die Kontrolle über das gesellschaftliche Geschehen an sich gezogen. Im Gegensatz zum Norden waren sie in Südindien mehr unternehmerisch tätig. Beispielsweise hatten sie eine herausragende Position im Seehandel und im Bankwesen inne.

Als Reaktion auf die orthodoxe Lehre entstanden zahlreiche Sekten. Die Mitglieder der Kalamukha-Sekte aßen beispielsweise aus Menschenschädeln, beschmierten sich mit der Asche verbrannter Leichen, liefen ununterbrochen mit einer Karaffe Wein umher und ergingen sich in sexuellen Orgien. Die Erotik als Lebenseinstellung kam sowohl in Nord- als auch in Südindien sowie in verschiedenen Kunstrichtungen zum Ausdruck. In der Literatur wurden einige bemerkenswerte Texte verfasst. In Bengalen schrieb Jayadeva das Lied eines Hirtenjungen (siehe indische Literaturen). Dieses Lied war ein langes Gedicht über die Liebe Krishnas zu Radha. In Kashmir arbeitete Bilhana an einem Liebesgedicht mit 50 Strophen.

Das Gedicht behandelte die geheime Liebe einer Prinzessin zu einem Dieb, der in das Haus eingedrungen war und sie verführt hatte. Dies ist ein häufiges Thema, das wahrscheinlich eine Form von Protest darstellen sollte: einerseits gegen den Verlust der Freiheit der Frauen aus den höchsten Kreisen, andererseits gegen die große Anhäufung von Reichtum in den Händen einiger weniger Familien. Buddhismus und Jainismus, vor langer Zeit als Protest gegen die vorherrschende Religion entstanden, konnten in Indien mit ganz wenig Zuspruch rechnen. Auf Ceylon (Sri Lanka) dagegen war der Buddhismus praktisch die einzige Religion, die in diesem Jahrhundert in den riesigen Bildnissen zum Ausdruck gebracht wurde, die in der damaligen Hauptstadt Polonnaruva aus Stein gehauen wurden. Eine Religion, die in Südindien rasante Verbreitung fand, war die der Lingayats, die von Basavaraja auf Elementen des Jainismus, dem Tantrismus und der Bhakti-Bewegung begründet wurde. Der Widerstand der Sekte richtete sich vor allem gegen die sozialen Regelungen des Brahmanentums, wie Kinderehen, Trennung nach Kasten und Witwenverbrennung. In sarkastischem Stil schrieb Basavaraja: „Das Lamm, das zum Schlachthof geleitet wird, frisst die Blume, mit der es geschmückt wurde. Der Frosch im Schlund der Schlange sieht voller Verlangen nach der Fliege, die sich seinem Maul nähert. So ist unser Leben. Wenn die Menschen ein Schlangenbild, das in die Felsen gehauen wurde, sehen, übergießen sie es mit Milch. Wenn sich eine echte Schlange nähert, rufen sie: Tötet sie, tötet sie. Zu den Gottesdienern, die gerne etwas essen würden, sagen sie: Scher dich weg, scher dich weg, aber einem Abbild Gottes, welches keine Nahrung aufnehmen kann, bieten sie reich gefüllte Teller voller Essen an.”

Nordindien zerfiel in zunehmendem Maß. Nur in Bengalen wuchs das Reich der Sena zu einem Gebiet von großem Umfang und Bedeutung heran. An anderen Orten kämpften die Dynastien der Rajputen gegeneinander, ohne auf die erneuten Übergriffe der afghanischen Heere, dieses Mal unter der Führung von Mohammed von Ghor, zu achten. Die Lehnsleute in dem kleinen Vasallenstaat Ghor, südlich von Herat gelegen, machten sich die Fehden innerhalb der Reihen ihrer Lehnsherren, der Ghasnawiden, die im Jahrhundert zuvor Nordostindien mehrmals geplündert hatten, zunutze. 1173 wurde Ghasnā eingenommen, und in den darauf folgenden Jahren gerieten immer mehr Gebiete unter die Kontrolle von Ghor. 1186 eroberte Mohammed von Ghor Lahore, die letzte große Stadt, in die sich die Ghasnawiden zurückgezogen hatten. Danach stand Mohammed in der Ebene des Ganges den Heeren der Rajputen gegenüber, die jedoch ihre internen Differenzen nicht beilegten und deshalb auf sich allein gestellt waren. 1192 wurde der mächtigste Rajputenkönig, Prithviraja Chauhan, mit seinen 200 000 Pferden und 3 000 Elefanten in Tarain bei Thanesar geschlagen, und Delhi und Ajmer gerieten in die Hände afghanischer Truppen. Im Gegensatz zu den Ghasnawiden eineinhalb Jahrhunderte früher zogen sie sich nicht zurück, sondern bereiteten sich auf die Besitzergreifung weiterer indischer Gebiete vor. Gegen Ende des Jahrhunderts kontrollierte die Ghor-Dynastie den größten Teil der Ebene des Yamuna und des Ganges.

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