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Millennium: 16. Jahrhundert

Enzyklopädieartikel
Multimedia
Europa in der frühen NeuzeitEuropa in der frühen Neuzeit
Artikelgliederung
1

Einleitung

Zum Thema Millennium sind die folgenden weiteren Texte verfügbar: Millennium: Geographie; Millennium: Kunst; Millennium: Literatur; Millennium: Technik und Mobilität; Millennium: Weltgeschichte im Überblick; Millennium: 11. Jahrhundert; Millennium: 12. Jahrhundert; Millennium: 13. Jahrhundert; Millennium: 14. Jahrhundert; Millennium: 15. Jahrhundert; Millennium: 17. Jahrhundert; Millennium: 18. Jahrhundert; Millennium: 19. Jahrhundert; Millennium: 20. Jahrhundert.

2

Die Welt im Überblick

Im 16. Jahrhundert wurden die europäischen Entdeckungsreisen intensiv fortgesetzt. Wenn auch große Teile Afrikas, Amerikas (und vor allem Australiens und Ozeaniens) weiterhin unerforschte Gebiete blieben, so gewann man doch ein neues und immer genaueres Bild der Welt. In Europa lebten etwa 100 Millionen Menschen, in Asien 300 Millionen, ein Drittel davon in China, in Afrika 100 Millionen, in Amerika etwa zehn Millionen und in Australien zwei Millionen. Über Jahrhunderte hinweg war die Weltbevölkerung konstant geblieben, aber in dieser Zeit begann ein stetiges Bevölkerungswachstum. Die Ursache hierfür lag vor allem in den wirtschaftlichen Entwicklungsprozessen. Mit den Entdeckern kamen auch die technischen Errungenschaften der Europäer in die neu entdeckten Welten. Sie zerstörten dort viele einheimische Werte und Kulturen.

In Europa war zu Anfang des Jahrhunderts das Reich Karls V. der stärkste Machtfaktor, später waren dies Spanien und Frankreich, während Italien als Schlachtfeld Europas galt. Im Lauf des Jahrhunderts entwickelte sich England zur stärksten Seemacht der Welt.

Iwan III. vereinigte die russischen Teilstaaten zu einem Reich und nannte sich Zar aller Russen. Während im Lauf des Jahrhunderts die Macht des Russischen Reiches im Westen zu bröckeln begann, wurde dies durch einen verstärkten Drang nach Osten ausgeglichen.

Auch begriff man in Westeuropa, dass es in anderen Erdteilen entwickelte Staaten und kulturelle Errungenschaften gab. Allerdings war die Überlegenheit der Europäer so groß, dass sie auf allen Kontinenten mit der Gründung von Kolonien begannen. Mittelamerika erlebte den Untergang des Aztekenreiches, nachdem es unter König Moctezuma II. eine letzte Blüteperiode erlebt hatte. Auch das Reich der Maya, die Kultur der Muisca und andere kleinere Kulturen wurden von höchstens 100 000 Spaniern und anderen europäischen Abenteurern zerstört.

Franzosen und Engländer erforschten unterdessen Nordamerika; Erstere erschlossen vor allem das Land entlang des Mississippi, während die Engländer auf der Suche nach einer Nordpassage nach Asien Labrador entdeckten und sich in North Carolina und Virginia niederließen. John Cabot, Sir Walter Raleigh und später Henry Hudson waren die bekanntesten englischen Entdecker. Die Kolonien wurden durch neu errichtete Kompanien gegründet, die mit der Zustimmung des Staates auf privatrechtlicher Basis operierten.

Die Nordküste Afrikas wurde von muslimischen Staaten beherrscht; südlich davon umsegelten Portugiesen und Spanier ganz Afrika und errichteten Handelsposten und Stützpunkte an der Küste. Das Leben im Inneren Afrikas blieb davon weitgehend unberührt. Von den Staaten Schwarzafrikas stand nur Äthiopien auf einer nennenswerten ökonomischen und organisatorischen Höhe. Dieses Reich wurde in der ersten Hälfte des Jahrhunderts von islamischen Einfällen bedroht, aber zur Mitte des Jahrhunderts sicherte der starke und weltoffene Negus Claudius dessen Fortbestand.

In Vorderasien übte das Osmanische Reich die Vorherrschaft aus, dessen Sultane zu Anfang des Jahrhunderts große Gebietsgewinne in Europa errangen – unter Süleiman II. erlebte das Reich den Höhepunkt seiner Macht. Östlich davon legten die Safawiden-Sultane, Schah Ismail und Abbas I., den Grundstein eines persischen Staates. In Tibet ernannte der mongolische Fürst Altan Khan den ersten Dalai-Lama. Während die Küste Indiens durch die Portugiesen unter ihrem ersten Vizekönig, Francisco de Almeida, kolonisiert wurde, gründete Babur, ein Nachkomme Timur-i Längs und Dschingis Khans, 1525 das Reich der Großmoguln mit der Hauptstadt Delhi. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts galt sein Sohn, der Großmogul Akbar, als herausragender und hochgebildeter Herrscher.

Birma erlangte unter den letzten Herrschern der Toungoo-Dynastie den Höhepunkt seiner Macht. Auch in China errichteten die Portugiesen ihre Stützpunkte. Mit der Hafenstadt Macao gründeten sie die erste europäische Kolonie in China. 1581 errichteten dort die Jesuiten eine erste Missionsstation. Gleichzeitig drangen das Christentum und westliche Einflüsse auch in Japan ein. Hierbei taten sich anfangs vor allem die Portugiesen hervor (der bekannte spanische Missionar Franz Xaver trat im Namen des portugiesischen Königs auf). An Australien allerdings fuhren die portugiesischen, spanischen und niederländischen Seeleute vorbei, ohne zu ahnen, dass sie sich in der Nähe dieses, aus Büchern bereits bekannten, südlichen Erdteils befanden.

3

Europa

3.1

Tief greifende Umwälzungen

Seit Menschengedenken erstreckte sich die dem Westen bekannte Welt von den Säulen des Herkules (Gibraltar) im Westen bis zur östlichen Grenze der Eroberungen Alexanders des Großen, also etwa bis an den Indus. Das Römische Reich hatte in Nordeuropa den Rhein erreicht, war aber im Westen nie über die Säulen des Herkules hinausgekommen. Im Süden war nur ein schmaler Küstenstreifen Nordafrikas bekannt, und im Osten hatte sich die römische Herrschaft bis an das Kaspische Meer erstreckt.

Der berühmte Geograph Ptolemäus beschrieb diese Welt im 2. Jahrhundert, hatte aber von den Ländern, die hinter dem Indus lagen, nur sehr unklare Vorstellungen. In seiner Geographia, die im 15. Jahrhundert erneut veröffentlicht wurde (erst als Handschrift und seit 1477 in gedruckter Form), ist die östlichste Karte die von Taprobane, also Ceylon. An der Schwelle zum 16. Jahrhundert eröffnete sich allerdings eine neue Welt. Der Kompass, vermutlich um 1300 in Amalfi erfunden, war inzwischen technisch so ausgereift, dass er beweglich auf der Schiffsbrücke befestigt werden konnte. Die Schifffahrt brauchte sich nun nicht mehr an den Küstenlinien zu orientieren und konnte sich an die Überquerung der Ozeane wagen.

Während die Türken den Landweg in den Osten mehr und mehr verschlossen, erregten Berichte über das ferne Indien die Neugier der Europäer. Die ersten Entdeckungsreisen wurden von den beiden am stärksten zentralisierten Königreichen in Europa organisiert, Portugal und Spanien, Ländern also, die auch durch ihre geographische Lage dafür prädestiniert zu sein schienen, die Welt hinter den Säulen des Herkules zu erschließen. Außerdem waren es diese beiden Länder, denen die aufkommende Macht der Türken den größten wirtschaftlichen Schaden zufügte.

Im 15. Jahrhundert hatten die Portugiesen allmählich die westafrikanische Küste erkundet und 1487 das Kap der Guten Hoffnung entdeckt. Die andere Macht der Iberischen Halbinsel, das kurz zuvor vereinigte Kastilien und Aragonien, finanzierte unterdessen den Genuesen Christoph Kolumbus, der 1492 mit drei spanischen Karavellen in der Neuen Welt auf einer Insel landete, der er den Namen San Salvador gab. Damit wurde ein neues Zeitalter eingeläutet. 1497 erreichte Vasco da Gama an seinem Geburtstag (lateinisch dies natalis) Natal an der Südostküste Afrikas, 1498 die indische Stadt Kalkutta. Zwischen 1519 und 1522 umsegelte Magellan (Fernão de Magalhães) die ganze Welt, womit ein für allemal bewiesen wurde, dass die Erde die Form einer Kugel hat. So wurde innerhalb weniger Jahre erreicht, was Jahrtausende als undenkbar gegolten hatte.

In den flämischen Hafenstädten Brügge und Antwerpen häuften sich Meldungen über die neu entdeckten Erdteile. Matrosen und Kaufleute träumten von den nun erreichbar gewordenen fernen Ländern und den Reichtümern, die dort zu erwerben waren. Einen Eindruck von den hoch gesteckten Erwartungen an die Neue Welt liefert ein Vertrag, den die Kaufleute Hans Papebruch und Gerard Paul aus Aachen, Anselm Odeur aus Herzogenbusch, Pierre Rousse aus Amiens und Nicolas de Marretz aus Tournai 1535 abschlossen. Darin vereinbarten sie die Gründung einer Firma, deren Ziel eine gemeinsame Reise nach Peru zur Aneignung von Schätzen war. Neben Bestimmungen wie den Auflagen, dass sich die Reisenden nicht zu luxuriös kleiden und sich nicht mit fremden Frauen abgeben sollten (es sei denn auf eigene Rechnung), wurde geregelt, dass im Fall der Entdeckung von Gold, Silber oder Edelsteinen die Beute ehrlich unter den Teilhabern der Firma aufgeteilt werden sollte.

Mit einem Schlag waren das Weltbild des Ptolemäischen Systems und dessen Karten völlig überholt. Der deutsche Geograph Martin Waldseemüller veröffentlichte 1507 eine neue Weltkarte. 1513 brachte er eine Neuausgabe der Geographia des Ptolemäus heraus, die er durch eine Karte der „nüw Welt” ergänzte; 1516 druckte er im Holzschnittverfahren eine Seekarte. Waldseemüller belegte die „Neue Welt” mit dem Namen Amerika, benannt nach einem weiteren italienischen Seefahrer, der die Küsten der Neuen Welt abgesegelt hatte: Amerigo Vespucci. Eine revolutionäre neue Erfindung ermöglichte es, dass die neue Karte in die Hände von Tausenden gelangte: der Buchdruck (siehe Drucktechniken).

In der Mitte des 15. Jahrhunderts begann man, das teure Pergament durch industriell gefertigtes Papier zu ersetzen. Dies stellte eine notwendige Voraussetzung für die Entfaltung der Kunst des Buchdrucks dar: Dessen Aufkommen fiel zeitlich mit dem Aufkommen zweier Geistesströmungen zusammen, die – bei allen Gemeinsamkeiten – doch jeweils für sich standen: dem Humanismus, der zu dieser Zeit begann, auch außerhalb Italiens seine Wirkung zu entfalten, und der Reformation. Beide Strömungen wurden durch den Buchdruck gefördert und regten ihrerseits die Buchproduktion an.

Das Aufkommen eines gebildeten Laienstandes, der sich den wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen in der Gesellschaft verdankte, ist ebenfalls nicht ohne den Buchdruck denkbar; das Anwachsen dieses Standes wiederum beschleunigte die Verbreitung des Buchdrucks in großem Maße. Es ist kein Zufall, dass die bedeutendsten Buchdrucker, wie etwa Aldus Manutius in Venedig, Frobenius in Basel und Christoph Plantin in Antwerpen, selbst zu den bekannten Humanisten gehörten und in engem Kontakt zu anderen Humanisten standen.

In der Zeit vor 1450 war jedes Buch im Grunde ein Unikat, eine Handschrift, die von einem Kopisten angefertigt wurde, der all seine Zeit auf dieses Buch verwendete. Zwischen 1450 und 1500 wurde es plötzlich möglich, eine Schrift in Hunderten oder gar Tausenden Exemplaren zu vervielfältigen und damit entsprechend vielen Menschen zur Verfügung zu stellen. Aus Italien verbreiteten sich so die Ideen der Renaissance. Die klassischen Schriften der Dichter und Denker waren nun nicht mehr nur einer kleinen Gruppe von Mönchen und Privilegierten zugänglich. Bis zum Ende des 16. Jahrhunderts erschienen die klassischen Werke überall in Europa in zahllosen Ausgaben. Eine Titelliste des Plantin in Antwerpen ist hierfür ein Beispiel.

Der neue Geist, das neue Wissen und die neuen Formen der Kommunikation verbreiteten sich rasch über ganz Europa. Sebastian Münster, der 1544 seine Cosmographia, eine Enzyklopädie über alle Länder und Völker, herausgab, hatte überall Korrespondenten, die ihm die Informationen über ihre Länder verschafften. Nie zuvor war die Zusammenarbeit zwischen den Gebildeten der verschiedenen Länder Europas so intensiv gewesen. Damit war die Zeit endgültig vorbei, in der sich Nachrichten von Mund zu Mund verbreiteten und die Aussendung eines Ausrufers das einzige Mittel war, durch das die Staatsführung ihre Untertanen erreichte.

Die Stärkung der Fürstenmacht fiel mit dem Aufkommen des Buchdrucks zusammen, wurde durch den Buchdruck gefördert und förderte ihrerseits die Verbreitung des Buchdrucks. So konnte das Recht, ehedem meist nur lokale Gewohnheitsrechte oder mündliche Befehle, nun in Gesetzestexte gefasst werden, die in gleicher Form im gesamten Herrschaftsgebiet verbreitet wurden. Politische Grenzen, die bis dahin auf der Grundlage von stillschweigend anerkannten Traditionen beruhten, wurden nun in Verhandlungen als Linien auf einer Landkarte festgelegt oder verschoben. Durch die Einführung der gedruckten Landkarte, bis 1550 meist in Form von Holzschnitten, danach auch in der besser erhaltbaren Form des Kupferstiches, wurde die politische und militärische Planung erleichtert. Die Bestimmung einer Route und die Planung eines Feldzugs wurden durch den Gebrauch von gedruckten Karten nicht nur deutlicher, sondern ließen sich mit ihrer Hilfe auch leichter weitervermitteln. Mit der Einführung der gedruckten Karte entstand auch ein neues Bewusstsein des Raumes, über den sich ein Königreich erstreckte. Als Karl V. 1548 versuchte, die Provinzen der Spanischen Niederlande zu einem neuen „Kreis” zusammenzufügen, ließ er zuerst von Jacob van Deventer und Christiaan’s Grooten Landkarten anfertigen, womit er der Entwicklung der niederländischen Kartographie den ersten Impuls gab. Bald darauf wurden die niederländischen Kartographen weltweit tonangebend.

Zu Beginn des 16. Jahrhunderts verbreitete sich eine neue religiöse Bewegung wie ein Feuersturm über Europa, die sich von dem Wittenberger Mönch Martin Luther und seinen 95 Thesen, die er am 31. Oktober 1517 proklamierte, inspirieren ließ. Seine Herausforderung der Kirche erlangte dadurch weltweite Bedeutung, dass seine Schriften nun durch den Buchdruck in allen Schichten des Volkes verbreitet werden konnten und große Teile der Bevölkerung in seinen Formulierungen eigene Gefühle und Reaktionen wiederfanden. Der Buchdruck machte diese religiöse Bewegung zu einer nicht mehr aufzuhaltenden Volksbewegung, vor der Päpste, Kaiser und Könige das Haupt beugen mussten. Die Macht des Buchdrucks war den kirchlichen und weltlichen Herrschern durchaus bewusst, und so erließen sie 1521 im Wormser Edikt, mit dem die Reichsacht über Luther verhängt wurde, das ausdrückliche Verbot, „ketzerische” Lehrmeinungen in gedruckter Form zu vervielfältigen. Dennoch überrollte eine Lawine von Flugschriften das Land und verbreitete die Saat des neuen Glaubens. Luthers Schriften wurden zwischen 1517 und 1525 in beinahe 2 000 verschiedenen Ausgaben verbreitet.

In den letzten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts vollzog sich eine weitere Entwicklung, die – zusammen mit der Erschließung der Welt und den neuen Formen der Massenkommunikation – als dritter Faktor der tief greifenden Umwälzungen dieses Jahrhunderts zu gelten hat: die Verbreitung und systematische Anwendung von Feuerwaffen. Schwarzpulver und Feuerwaffen waren zwar schon länger bekannt, aber auch hier galt, was bereits in Bezug auf den Kompass gesagt wurde: Nicht die Erfindung eines Prinzips, sondern die technischen und finanziellen Möglichkeiten seines Einsatzes in großem Maßstab sind das Entscheidende. Als der französische König Karl VIII. 1494 seine italienischen Feldzüge begann, in die schließlich fast ganz Europa verwickelt wurde, überraschte er seine Gegner, indem er mobile Artilleriegeschütze einsetzte, die von schnellen Pferden gezogen wurden. Der Schrecken, den die deutschen Reiter verbreiteten, beruhte auf der Tatsache, dass sie vom Pferd aus Pistolenschüsse abgaben. Durch ihre Schnelligkeit, Feuerkraft und durch den Lärm, den sie verbreiteten, veränderten sie die Methoden der Kriegsführung und verwirrten die gegnerischen Reihen.

Das zeigte sich, als der Bischof von Trier und die Fürsten von Hessen und der Pfalz gegen den Ritter Franz von Sickingen vorgingen. Die verstärkte Burg Nannstein bei Landstuhl mit ihren meterdicken Mauern, in der sich Franz verschanzt hatte, löste sich unter dem Beschuss der gegnerischen Artillerie buchstäblich in Pulver auf. Erst stürzte der Bergfried ein, dann eine Mauer nach der anderen. Franz von Sickingen lag unterdessen schwer verwundet im Keller der Burg. Einen Tag nach der vollständigen Zerstörung seiner Festung und seiner Kapitulation starb Franz von Sickingen an den Folgen seiner Verwundung. Mit ihm starb auch der Typus des freien Edelmanns.

Eine neue Zeit war angebrochen, die Zeit des starken Staates, der es sich leisten konnte, eine eigene Artillerie zu unterhalten. Zehn Jahre später begann der französische Schriftsteller François Rabelais mit der Niederschrift seines Romanzyklus Gargantua und Pantagruel. In diesem Werk wird immer wieder beschrieben, wie Burgen in Schutt und Asche geschossen werden. Die Zerstörung von Burgen aufsässiger Ritter gehörte nun fast zum Alltag. Drei Faktoren oder technische Neuerungen waren es also, die im 16. Jahrhundert zu tief greifenden Umwälzungen führten: der allgemeine Gebrauch des Kompasses, der Buchdruck und die Feuerwaffen.

3.2

Der Kaiser und das Reich

Das Jahrhundert begann mit der Geburt eines Knaben, der wie kein anderer seine Zeit prägte. Am 24. Februar 1500 wurde in Gent, einer der mächtigsten Städte der Burgundischen Niederlande, ein Kind geboren, das zeit seines Lebens Unglück hatte und als 55-Jähriger enttäuscht seine Ambitionen aufgab: Karl V., Enkel Kaiser Maximilians und Sohn des burgundischen Herzogs Philipps I., des Schönen, und der spanischen Prinzessin Johanna der Wahnsinnigen von Aragonien.

Diesem Kind fiel ein Reich in den Schoß, von dem man sagte, dass in ihm die Sonne nie untergehe und das in der Geschichte bisher beispiellos war: die Burgundischen Niederlande, Kastilien und Aragonien in Spanien, große Teile Italiens und die Neue Welt auf der anderen Seite des Atlantiks. Außerdem erwarb Karl V. die Kaiserkrone des Heiligen Römischen Reiches. Kein Herrscher vor ihm verfügte jemals über eine derartige Machtfülle, und zudem konnte Karl V. noch die zahlreichen neuen wirtschaftlichen und technischen Möglichkeiten dieses Jahrhunderts nutzen.

Der Lauf der Geschichte Europas und Amerikas wurde durch ihn und seine Nachkommen maßgeblich geprägt. Karl war dabei immer noch den alten Idealen der Ritterlichkeit verhaftet. So erklärte er am 17. April 1536 gegenüber Papst Paul III. (1534-1549) und der vatikanischen Kurie, dass er bereit sei, den Krieg zwischen Frankreich und den Habsburgern auf ritterliche Art zu beschließen: im Zweikampf. „Ich versichere Eurer Heiligkeit, diesem heiligen Kollegium und allen anwesenden Rittern, dass ich bereit bin, gegen den König von Frankreich zu kämpfen, wenn er bereit ist, gegen mich auf den Kampfplatz zu treten. Ich werde dies in Rüstung oder im einfachen Waffenrock tun, mit dem Schwert oder einem Dolch, zu Lande oder zu Wasser, auf einer Brücke oder einer Insel, innerhalb eines geschlossenen Bereiches oder unter den Augen unserer Armeen. Er selbst soll entscheiden, was er will.”

Karl war zu dieser Zeit 36 Jahre alt, sein Gegenspieler Franz I. von Frankreich 42, dieser reagierte nicht einmal auf seinen Vorschlag. Bei all seiner Ritterlichkeit war Karl V. ein modern denkender Herrscher, der die Zentralisierung des Staates anstrebte und seine Macht auf Kosten des Adels ausbaute, ein Mann auch, der die modernen Finanzmärkte zu nutzen wusste, stehende Heere unterhielt und die zynischen Methoden der aufkommenden Diplomatie beherrschte. Er war außerdem ein zutiefst gläubiger Mann, der von der Wahrheit und Allgemeingültigkeit des katholischen Glaubens so überzeugt war, dass er den Fortbestand seines Reiches aufs Spiel setzte, um die Ketzerei und die Ketzer zu besiegen.

Er träumte davon, das alte christliche Europa von seiner Bedrohung durch die Türken zu befreien. 1535 leitete er persönlich einen Feldzug nach Nordafrika und beklagte sich bitter über den Mangel an Unterstützung durch die anderen christlichen Mächte. Aber er ließ auch protestantische Söldner gegen den Papst antreten, Rom plündern und den Papst in der Engelsburg festhalten. Und als seine Wahl zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches anstand, nahm er 850 000 Goldtaler auf – 540 000 davon bei der Augsburger Kaufmannsfamilie Fugger –, um die Stimmen der Kurfürsten zu kaufen.

Karl erwarb sein Weltreich durch eine Reihe von Todesfällen. 1504 starb seine Großmutter Isabella von Kastilien, die 1469 heimlich Ferdinand II. von Aragonien geheiratet und damit die Einigung Spaniens herbeigeführt hatte. 1506 starb Karls Vater, Philipp der Schöne, und 1516 sein Großvater mütterlicherseits, Ferdinand von Aragonien. Karls Mutter Johanna, die rechtmäßige Thronerbin Ferdinands und Isabellas, verwand den Tod ihres Mannes nie und wurde als außerstande betrachtet, die Herrschaft zu übernehmen. Sein Großvater väterlicherseits, Maximilian von Österreich, der durch seine Ehe mit Maria von Burgund Nachfolger der Herzöge von Burgund geworden war und 1493 zum deutschen Kaiser gekrönt worden war, starb 1519. Dadurch fielen Karl die österreichischen Erblande zu: Österreich, die Steiermark, Kärnten und Tirol. Mit dieser Hausmacht wurde Karl zu einem aussichtsreichen Kandidaten für die deutsche Kaiserkrone.

Wenig später eroberte Hernán Cortés das Reich der Azteken, und 1532 fügte Francisco Pizarro den spanischen Überseebesitzungen das Reich der Inka hinzu. Mit 30 Jahren war Karl der mächtigste Mann der Welt. Nie zuvor war das alte Ideal der zwei Schwerter, das geistliche Schwert in den Händen des Papstes und das weltliche in denen des Kaisers, so nah an seiner Verwirklichung gewesen. Dem Heiligen Römischen Reich mit seinem Anspruch, die gesamte Christenheit zu vertreten, hatten sich durch dynastische Zufälle und durch technische Entwicklungen die Möglichkeiten eröffnet, seine Universalität wiederherzustellen. Die Schaffung eines starken, geschlossenen Reiches stand Karl deutlich vor Augen. Diese Idee hatte ihm sein Großkanzler Mercurio de Gattinara 1519 nach seiner Wahl zum Kaiser in klaren Worten eingeschärft.

In seinem jugendlichen Idealismus mögen Karl vor allem Gedanken an Ritterlichkeit und Kreuzzüge vor Augen gestanden haben, während der nüchterne Gattinara zweifellos an konkrete machtpolitische und organisatorische Maßnahmen dachte. Die politischen Widerstände gegen eine Reichsreform waren allerdings fast unüberwindlich. Karl V. musste sich mit dem Kleinmut des Adels, dessen Beharren auf die Wahrung der eigenen Interessen, mit Geldmangel und der Langsamkeit der Kommunikation und des Verkehrs auseinandersetzen. Wenn es darum ging, dem Kaiser Steine in den Weg zu legen, standen die Kurfürsten in der ersten Reihe.

Der französische König, der sich selbst um die Kaiserkrone bemüht hatte, stand dem Habsburger Alleinvertretungsanspruch unversöhnlich entgegen. Außerdem wurde die Einheit der Kirche, welche die Basis des Reichsgedankens bildete, durch die Erfolge Luthers in Frage gestellt. Karl V. begegneten also überall politische und religiöse Widerstände. In Süddeutschland, Tirol und in der Steiermark erhoben sich die Bauern zu Aufständen, die nur mit Mühe von den Landesfürsten niedergeschlagen wurden. Karl musste überdies einen Krieg nach dem anderen führen, um sein zentralisiertes Europa gegen Feinde von innen und von außen zu verteidigen.

In diesem Jahrhundert erlebte Europa kein einziges Jahr des Friedens. Die Zeit der Feudalheere mit Rittern, die selbst für ihren Lebensunterhalt sorgten und ihre Ausrüstung bezahlten, war nun endgültig vorbei. Die modernen Heere erforderten den Einsatz enormer Finanzmittel, die das Steueraufkommen ihrer Herrschaftsgebiete weit überschritten. Dies hatte Folgen, die die Untertanen schmerzlich zu spüren bekamen. Die wirtschaftliche Lage war durch den anhaltenden Geldmangel der Fürsten, drohende und manchmal auch eintretende Staatsbankrotte sowie durch Inflation und Arbeitslosigkeit gekennzeichnet. Im heldenhaften Freiheitskampf der Niederlande gegen Spanien trug das wirtschaftliche Elend zur Verbissenheit des Widerstandes bei. Karl V. kämpfte sein Leben lang um Steuern und Kredite. Das ging so weit, dass einer seiner größten Geldgeber, der Augsburger Kaufmann Fugger, ihn in einem Brief unverblümt daran erinnerte, dass er niemals Kaiser geworden wäre, wenn dieser ihm nicht den Wahlkampf finanziert hätte. Die Steuerlast, unter der die Untertanen zu leiden hatten, war – auch aufgrund der mangelhaften Organisation – außerordentlich schwer.

Das System der Verpachtung von Steuerquellen an Privatpersonen – selbstverständlich gegen Zahlung einer stattlichen Summe im Voraus – förderte das Aufkommen eines Systems der persönlichen finanziellen Tyrannei. Staatliche Macht und Privilegien wurden käuflich, und die Folgen dieser Entwicklung ließen nicht lange auf sich warten. Hinzu kam noch die Tatsache, dass die neuen Heere aus Söldnern bestanden. Durch die zunehmende Bedeutung der Feuerwaffen verschob sich der Schwerpunkt von der Kavallerie zur Infanterie. Diese Söldnertruppen waren nur aus einem Grund bereit, ihren Herren zu dienen: Sie wurden dafür bezahlt. Der Sold blieb aber oft aus. Das führte zu Meutereien und marodierenden Söldnerhaufen, die jeden, dessen sie habhaft wurden, bis aufs Hemd ausraubten, um auf diese Weise doch noch an ihr Geld zu kommen. Selbst der König von Frankreich, der keine Residenz hatte, sondern mit seinem Hofstaat durch das Land reiste, wäre mehrmals beinahe in die Hände soldatischer Räuberbanden gefallen. Die um ihren Sold geprellten Soldaten verbreiteten überall Unsicherheit und Gewalt. Mord, Totschlag, Überfall und Raub waren an der Tagesordnung, und die Obrigkeit stand dieser Entwicklung weitgehend machtlos gegenüber. Der Besitz von Waffen war weit verbreitet. Und die Soldaten gaben ihre Waffen nicht aus der Hand, solange ihr Sold nicht ausbezahlt wurde.

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