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Millennium: 17. JahrhundertEnzyklopädieartikel
Artikelgliederung
Seit Beginn dieses Jahrhunderts weiteten die Engländer ihre Kolonialgebiete entlang der Ostküste Nordamerikas aus. Die erste Niederlassung entstand an einem Küstenstreifen, den man Virginia nannte. Schon bald nahm die Anzahl der Kolonien zu: Plymouth, Connecticut, Rhode Island, Maryland, Carolina, Pennsylvania. Die Entbehrungen, die in der Regel mit der Erforschung unbekannter Gebiete verbunden waren, wurden schon sehr früh beschrieben. 1607 gründeten in Virginia 104 Kolonisten Jamestown. Drei Monate später waren von ihnen nur noch 46 am Leben. George Percy, einer der Überlebenden, beschrieb seinen Aufenthalt wie folgt: „Unsere Nahrung bestand pro Tag für fünf Mann aus ein wenig klebriger Gerste. Wir tranken Flusswasser, das bei Flut sehr salzig und bei Ebbe voll Schlick und Schmutz war. Viele unserer Mitstreiter starben daran. Wir lebten fünf Monate lang unter diesen erbärmlichen Umständen, und noch nicht einmal fünf von uns waren in der Lage, unsere Verschanzung zu sichern. Wenn Gott nicht die Herzen der Wilden mit Furcht erfüllt hätte, hätten diese grausamen Heiden uns alle vernichtet, schwach wie wir waren. Tag und Nacht war bei uns in jeder Ecke das herzzerreißende Wimmern zu hören.” Obwohl dieser Percy für die Urbewohner des Landes offensichtlich nicht allzu viel übrighatte, begegneten die Indianer den ersten englischen Kolonisten im Allgemeinen nicht mit Feindseligkeit. Dies sollte sich jedoch bald ändern, nachdem in Virginia und Connecticut auf beiden Seiten Blutbäder angerichtet worden waren. 1636 rottete man auf dieses Weise den gesamten Stamm der Pequot aus. Der Gouverneur von Plymouth, William Bradford, beschrieb das Brennen und Morden im wichtigsten Dorf der Pequot folgendermaßen: „Diejenigen, die dem Feuer entkamen, wurden mit dem Schwert getötet. Manche wurden zerstückelt, andere mit dem Rapier durchbohrt. Der Kampf war schnell vorbei, und nur wenige entkamen … Es war ein grauenvoller Anblick, sie im Feuer schmoren zu sehen, das von den Blutströmen wieder gelöscht wurde. Es stank abscheulich …” Der Anstoß zur weiteren Kolonisierung ging oft von Handelsunternehmen aus, die an anderen Orten weltweit durch den Tausch von englischen Produkten (Wollstoffe) gegen exotische Waren ein Vermögen verdienten, in Nordamerika in den Anfangsjahren dieses Jahrhunderts jedoch nicht derartige Erfolge erzielten. Neben diesen Handelsunternehmen ergriffen auch häufig religiöse Gruppierungen die Initiative zur Gründung von Siedlungen. 1620 entstand die Kolonie Plymouth (Massachusetts) durch die Pilgerväter, zehn Jahre später ließen sich englische Puritaner in Boston nieder. 1681 erwarb die Society of Friends (Quäker) das Recht, eine eigene Kolonie (Pennsylvania) zu gründen. Aber nicht jeder nahm die vier bis acht Wochen dauernde Überfahrt über den Atlantischen Ozean freiwillig auf sich: Viele Gefangene, Waisen und Landstreicher wurden von der englischen Regierung gezwungen, in die Neue Welt zu gehen. Immer mehr Sklaven aus Afrika wurden hierher verschleppt. Vor allem die Plantagenbesitzer der südlichen Kolonien wussten die Dienste der Royal African Company zu schätzen. Gegen Ende des Jahrhunderts gab es hier ungefähr 18 000 Sklaven, von denen die meisten auf den Tabakplantagen in Virginia arbeiteten. Insgesamt lebten in den elf englischen Kolonien etwa 300 000 Menschen. Die meisten von ihnen verdienten sich ihren Lebensunterhalt mit primitivem Ackerbau, andere mit Heimarbeit, Fischfang oder dem Pelzhandel. In Maryland, Carolina und vor allem Virginia betrieb man die Landwirtschaft in größerem Umfang. Hier waren Tabak und Reis die wichtigsten Produkte. Große Städte gab es damals an der Ostküste noch nicht: Boston hatte 8 000 Einwohner, New York 5 000, und Philadelphia war ein Dorf. Die englisch-französischen Kriege in Europa führten auch in Nordamerika zu andauernden bewaffneten Auseinandersetzungen. Die Franzosen setzten bei ihren Gefechten indianische Hilfstruppen ein, wodurch ihre Überfälle in den schwer zugänglichen Gebieten effizienter wurden. Der Norden und die zentralen Gebiete des Kontinents waren überwiegend in französischer Hand und unterstanden ab 1663 direkt dem König. Vor dieser Zeit wurden sie von der Compagnie de la nouvelle France verwaltet. Im Gegensatz zu den englischen Siedlungen, die verhältnismäßig dicht beieinanderlagen, waren die französischen weit verstreut, getrennt durch riesige Entfernungen. Von Norden nach Süden traf man eine Reihe von Städten, Niederlassungen, Forts, Handelsposten und Missionen an, zu denen auch Quebec, Montreal, Fort Louisburg, Fort Pontchartrain und Biloxi am Golf von Mexiko gehörten. In den letzten Jahrzehnten förderte die Regierung die Erforschung unbekannter Regionen. Besonders im Stromgebiet des Mississippi wurden immer mehr Landesteile in den Karten verzeichnet. Die Expeditionen erreichten mittlerweile das Delta des Flusses, an dem die Kolonie Louisiana – nach König Ludwig XIV. benannt – gegründet wurde. In den ausgedehnten Besitzungen Frankreichs in Amerika lebten, abgesehen von den Indianern, nur einige zehntausend Menschen – eine Tatsache, die eine effiziente Verwaltung erschwerte. Im Gegensatz zur englischen Regierung achtete die französische gewissenhaft auf das Niveau der zukünftigen Bewohner ihrer amerikanischen Kolonien. Schwerverbrecher oder Exsträflinge erhielten überhaupt keinen Zugang, wohl aber ehemalige Soldaten, denen man an strategisch wichtigen Punkten, wie z. B. entlang der Ufer des Richelieu, Land zuwies. Auch auf den Westindischen Inseln übten Europäer die Macht aus: Franzosen, Spanier, Engländer und Niederländer. Die Basis für den Reichtum dieser Inseln bildete das Zuckerrohr, das fast überall auf Plantagen angebaut wurde. Natürlich gab es auch andere Produkte, z. B. Tabak, Baumwolle, Indigo, Ingwer, Kaffee und Kakao, aber keines von ihnen war so wichtig wie der Zucker. Die Arbeitskräfte kamen aus Westafrika, wo die Compagnie du Sénégal, die Royal African Company und viele andere kleinere Sklavenhändler einen regen Handel betrieben. Es gab nur wenige größere Inseln, die noch nicht in europäischem Besitz waren: Saint Vincent, Dominica, Santa Lucia und Trinidad (offiziell allerdings schon spanisch). Die kleineren Inseln waren in der Regel für die Kolonisation nicht interessant genug. Sie dienten lediglich den Bukaniern und Freibeutern der Karibik als Unterschlupf (siehe Pirat). In den vergangenen Jahrzehnten bemühte man sich darum, mit immer drastischeren Maßnahmen der Seeräuberei Einhalt zu gebieten. In Mittel- und Südamerika vereinigten sich die spanischen Gebiete nördlich von Panamá sowie Venezuela unter dem Namen Neuspanien. Die Verwaltung übernahm ein Vizekönig, dem Audiencias zur Seite standen. Die wichtigsten Einnahmequellen waren hier die Haziendas und Silberminen wie z. B. in Neugalicien und Guanajuato. Das im vorigen Jahrhundert so bedeutende Venezuela spielte jetzt, nachdem sich der profitable Goldabbau als nicht realisierbar herausgestellt hatte, kaum noch eine Rolle. Die Regierung kontrollierte und schützte den gesamten Handel zwischen dem Mutterland und den amerikanischen Kolonien: Spanien war zu sehr von den Reichtümern Neuspaniens und des anderen Vizekönigreichs, Peru, abhängig. Doch die staatliche Kontrolle des Transatlantikverkehrs wurde durch Schmuggler untergraben, denen es gelang, sich einen immer größeren Anteil an diesem Handel zu sichern. Die schleppende Entwicklung der spanischen Kolonien in Amerika rief heftigen Protest im Mutterland hervor. Bereits in den fünfziger Jahren dieses Jahrhunderts hatte Francisco Martinez de Mata in seinen Discursos die Behinderung der Handelsaktivitäten und die Art und Weise, mit der die Regierung Innovationen nahezu unmöglich machte, kritisiert. Das Vizekönigreich Peru umfasste einen großen Teil Südamerikas. Bis zur Mitte dieses Jahrhunderts war Potosi (Bolivien) in ökonomischer Hinsicht die bedeutendste Stadt des Reiches. Hier oben befanden sich auf einer Höhe von mehr als 4 000 Metern die Silberminen, aus denen unvorstellbare Reichtümer in die Schatzkammern des spanischen Staates flossen. In ihrer Blütezeit zählte die Stadt 160 000 Einwohner. Nun, da die Silbergewinnung nicht mehr so lukrativ war, sank die Einwohnerzahl auf einige Hundert. Das Land östlich des Rio de la Plata und die Westküste des Kontinents hatten für Kolonisten nur wenig Interessantes zu bieten, da man keine Edelmetalle fand. In diesen Regionen dominierte die Viehzucht, und die Indianer waren nicht gewillt, sich in ihr Schicksal zu ergeben. An der schwer zugänglichen Westküste (Chile) waren besonders die Araukaner den Spaniern feindlich gesinnt. Mehrfach überfielen sie die Stadt Concepción. Eine interessante Erscheinung dieser Zeit, die es vorwiegend in Paraguay gab, waren die so genannten Reducciones: Jesuitenmissionen, die sich die Entwicklung und den Schutz der Guarani-Indianer zum Ziel gesetzt hatten. In den Anfangsjahren dieses Jahrhunderts erschien ein Buch mit dem Titel Comentarios reales que tratan del origen de los Incas (Geschichte der Incas, Könige von Peru), das die Urbewohner Perus, die Inka, in einem überraschenden Licht erscheinen ließ. Der Autor, Garcilaso de la Vega (1539-1616), trug den Beinamen „El Inca”. Er war der Sohn einer Inka-Prinzessin und eines spanischen Offiziers und nahm nicht nur ethnisch, sondern auch geistig eine Mittlerstellung zwischen Indianern und Europäern ein. Auch wenn seine Kritik an den spanischen Eroberern nicht so scharf wie die von Bartolomé de Las Casas (Brevissima relación de la destruyción de las Indias occidentales) im vorigen Jahrhundert ausfiel, wurde sein Werk von spanischer Seite nicht gerade begeistert aufgenommen. „El Inca” reagierte auf seine Schmähung entrüstet: „Die Behauptung, ich schreibe mit Liebe über die Inka, um diesem indianischen Volk zu huldigen, weil ich selbst ein Indio bin, ist eine Lüge.” Den portugiesischen Kolonisten gelang es in Brasilien mit verblüffender Mühelosigkeit, sich an die für Europäer so schwierigen Lebensumstände anzupassen. Die Hauptstadt der Kolonie war São Salvador do Bahia, die wegen der Schönheit ihrer Klöster und Kirchen berühmte Stadt, in der es aber auch einen großen Sklavenmarkt gab. Ihren Wohlstand verdankte die Stadt dem Handel mit Zucker, der in gigantischen Mengen – man sprach damals von 20 Millionen Kilo jährlich – nach Europa verschifft wurde. Jedes Jahr stellte die Companhia general do estado do Brasil Konvois von mehr als hundert Schiffen zusammen, die dann geschlossen die acht bis zwölf Wochen dauernde Überfahrt unternahmen. Neben São Salvador besaßen auch Pernambuco und Rio de Janeiro große Zucker verarbeitende Fabriken. Rio schien gerade am Beginn seiner Blütezeit zu stehen, da man in unmittelbarer Umgebung der Stadt, in Minas Gerais, viel versprechende Goldvorkommen entdeckte. Das Goldfieber hatte inzwischen um sich gegriffen, und die Ausbeute nahm stetig zu. 1699 betrug die offizielle Produktion 725 Kilo. In einigen Jahren rechnete man bereits mit dem Zehnfachen. Die Niederlassungen der Niederländischen Westindischen Kompanie im Nordosten des Landes wurden 1654 an die portugiesische Regierung abgetreten, die als Gegenleistung dafür sieben Jahre später einen Betrag von acht Millionen Gulden zahlte.
Im vorangegangenen Jahrhundert hatten die Portugiesen ein Handelsimperium errichtet, das nun gefestigt werden musste. Das Königreich Kongo befand sich Mitte des 16. Jahrhunderts in einem zerrütteten Zustand, da portugiesische Sklavenhändler nahezu ungehindert Menschen aus dem Land verschleppten. Zusätzlich bedrohten andere afrikanische Völker das Kongoreich und destabilisierten die Lage. Die kongolesischen Könige Alvaro II. (1587-1614) und Alvaro III. (1614-1622) versuchten, dieser Entwicklung eine andere Richtung zu geben und baten Portugal um technischen Beistand beim Aufbau ihres Landes. Zusätzlich bemühten sie sich um einen direkten Kontakt zum Vatikan in der Hoffnung, durch die Vermittlung des Papstes den Kongo von Portugal unabhängiger machen und dem Sklavenhandel Einhalt gebieten zu können. Aber alle ihre Bemühungen scheiterten. Das Königreich Kongo blieb ein Kolonialgebiet von Sáo Tomé, das 1665 unterging. Seit dem Ende des 16. Jahrhunderts drangen die Portugiesen immer weiter in das Shona-Reich vor, das über umfangreiche Gold- und Kupfervorkommen verfügte. Als sie sich jedoch 1610 weigerten, die üblichen Abgaben an den Herrscher, den „Mwene Mutapa”, zu bezahlen, erklärte dieser sie für vogelfrei. Unmittelbar danach wurden im ganzen Land portugiesische Kaufleute ausgeraubt und getötet, und Portugal verlor seine privilegierte Stellung in diesem Staat. Aber die Portugiesen mussten im Lauf des Jahrhunderts noch härtere Rückschläge hinnehmen. Sie verloren auch ihr europäisches Handelsmonopol in Afrika. Ihre stärksten Konkurrenten waren die Niederländer, die sich diese günstige Gelegenheit nicht entgehen ließen. An der Ostküste unternahmen sie 1607 und 1608 Angriffe auf das portugiesische Fort San Sebastian in Moçambique, die allerdings missglückten. 1637 gelang es ihnen jedoch, San George d’Elmina, Portugals größte Festung an der Goldküste im Westen, zu erobern. 1642 fiel ihnen zudem das Fort von Axim in die Hände. Von 1641 bis 1648 besetzten die Niederländer dann Angola. 1652 nahm Johan van Riebeeck das Kap der Guten Hoffnung ein und beeinflusste damit die weitere Entwicklung des südlichen Teils des afrikanischen Kontinents in besonderem Maße. Er gründete dort eine Versorgungsstation für die Indienfahrer der Vereinigten Ostindischen Kompanie. Diese ursprünglich kleine Niederlassung wuchs im Lauf des Jahrhunderts zu einer europäischen Agrarkolonie heran, was unweigerlich zu Konflikten mit den Einheimischen führte. 1658 und 1673 führten die Kolonisten gegen die Khoikhoin Krieg. Vor allem gegen Ende dieses Jahrhunderts, nachdem sich 1688 die ersten französischen Hugenotten am Kap niederließen, expandierte diese Kolonie unter Gouverneur Simon van der Stel (1679-1699) Richtung Norden und Osten. Das Reich der Songhai hatte sich im vorigen Jahrhundert dem marokkanischen Sultan Ahmed I. al-Mansur ergeben. In diesem Jahrhundert jedoch nahm die Einmischung seitens der Marokkaner ab. Ursprünglich setzte Marokko den Gouverneur ein, der den Titel eines Pascha führte. Später wurde dieser jedoch unter den Nachkommen der Renegaten gewählt, die sich dort afrikanische Frauen nahmen.
Die Stärke des Sultanats von Delhi und das Entstehen einer islamischen Feudalklasse (die mit den Hindufürsten und Beamten eng zusammenarbeitete) bildeten in den vergangenen Jahrhunderten die unumstößliche Basis eines neuen und starken muslimischen Imperiums im Norden des Subkontinents. Obwohl die Küstengebiete außerhalb des islamischen Einflussbereichs, wie z. B. Gujarat, Malabar, Koromandel und Bengalen, durch ihren Handel mit dem Ausland wirtschaftlich wesentlich bedeutender und finanziell unabhängiger waren, wurde ihre politische Macht von den internen Konflikten und das zunehmend agressivere Auftreten europäischer Handelsgesellschaften untergraben. Das feudalistische Reich der Moguln wusste diese Auseinandersetzungen zu seinen Gunsten zu nutzen und annektierte einen Großteil der südindischen Zentralgebiete. 1556 übernahm Akbar im Mogulreich die Macht. Er schuf einen gut funktionierenden Beamten- und Militärapparat, der immer neue Regionen zentralistisch verwaltete. Um die Jahrhundertwende wurden dem muslimischen Hoheitsgebiet die bedeutenden Fürstentümer Ahmadnagar und Khandesh im Dekkan hinzugefügt. Bereits zuvor waren Orissa, Bengalen, Gondwani, Baluchistan, Kandahar, Kashmir und Sind unter die Herrschaft der Mongolen gelangt. Die Größe Akbars beruhte jedoch nicht in erster Linie auf seinen strategischen Leistungen (seine militärischen Operationen standen unter der Führung der Rajputen), sondern auf seiner Religionspolitik, der Reformation des Steuersystems und der Förderung von Handel und Gewerbe. Akbar entwarf eine neue Religion, mit der er eine Brücke zwischen den Muslimen, den Hindu und den Parsen schlagen wollte. Durch die Schaffung einer solchen „Einheitsreligion” hoffte er, die gesellschaftliche Basis seines Regimes festigen zu können. Er hob die Besteuerung von Hindu-Pilgern auf und veranlasste öffentliche Diskussionen zwischen den Anhängern verschiedener Religionen, für die er z. B. extra drei Jesuiten aus Goa anreisen ließ. Nachdem er den gewaltsamen Widerstand der orthodoxen muslimischen Scheiche in Bengalen und im Punjab nur mit Mühe niederringen konnte, entwarf Akbar seine neue Religion, das Din Ilahi (Göttliche Religion), die die wichtigsten Elemente der indischen Kultur in sich vereinigte und aufgrund ihres antifeudalistischen Gleichheitsideals vor allem bei den armen Schichten der Bevölkerung sofort Anklang fand. Obwohl das Din Ilahi um die Mitte des Jahrhunderts wieder in völliger Bedeutungslosigkeit versank, lebte die eigentliche Idee einer Synthese der wichtigsten Religionen weiter. Doch bereits Akbars Sohn Jahangir (1605-1627) unterbrach diese Periode religiöser Toleranz und stiftete damit vor allem unter den Roshniya in Afghanistan, den Sikhs im Punjab (wo eine nur schwer zu unterdrückende antifeudalistische Bewegung entstand) und den Jagirdaren Unfrieden. Die Mehrheit der Jagirdaren waren Hindu-Offiziere, die von Kaiser Akbarjagirs Landschenkungen erhalten hatten – in Anlehnung an ein jahrhundertealtes System in Indien, dem zufolge die Treue der Untertanen mit einem Ertragsanteil an einem Stück Land (allerdings nicht mit dem Land selbst) belohnt wurde. Diese Schenkungen waren nicht erblich, aber im Allgemeinen wurde der Jagir den Begünstigten nicht wieder abgenommen, und so konnten diese auf dem Besitz eigene Steuergesetze erlassen. In vielen Fällen betrachteten die Jagirdaren allerdings im Lauf der Zeit diese Besitzungen als ihr Privateigentum und kamen immer seltener ihren Verpflichtungen nach, an den Kaiser die vereinbarten Abgaben in Form von Soldaten und Naturalien abzuführen. Akbar fand eine scheinbare Lösung für dieses Problem. Er versetzte die Jagirdaren in regelmäßigen Abständen und verhinderte so die Entwicklung separatistischer Tendenzen. Die rund 2 000 Jagirdaren hatten dafür zu sorgen, dass ein Drittel der Ernte an den Staat abgeliefert wurde. Dies war eigentlich eine vernünftige Menge, aber da die Jagirdaren jetzt nur noch für kurze Zeit in einem bestimmten Gebiet bleiben konnten und in der Regel ein sehr luxuriöses Leben führten, versuchten sie dieses durch eine erhöhte Besteuerung der ihnen unterstellten Bauern zu finanzieren. Als Akbar den Zeitpunkt für gekommen hielt, ersetzte er die Abgaben in Naturalien durch eine Geldsteuer. Um dieses Geld aufbringen zu können, waren die indischen Bauern gezwungen, ihre Produkte auf dem Markt zu verkaufen und begaben sich damit zwangsläufig in die Abhängigkeit von Händlern und Wucherern. In einigen Fällen stieg der Zinssatz auf bis zu 2,5 Prozent pro Tag. Trotz dieser negativen Entwicklungen vermittelten europäische Reisende, Händler und Diplomaten in ihren Erzählungen den Eindruck, dass es den indischen Bauern im Durchschnitt besser gehe als ihren europäischen Schicksalsgenossen. Die Einführung einer Geldwirtschaft, die Unbarmherzigkeit, mit der die Jagirdaren diese nur für ihre Zwecke nutzten, sowie die auf Kriegsführung ausgerichtete Politik der Mogulkaiser hatten unter Akbars Nachfolgern verheerende Auswirkungen. In den vom Krieg verwüsteten Gebieten Gujarat, Galconda und im Dekkan folgte eine Hungersnot der anderen. Um 1630 starben in Gujarat allein rund drei Millionen Menschen, hauptsächlich Angehörige der Handwerker aus den Städten. Am Kaiserhof jagte eine Intrige die nächste. Ständig gab es bewaffnete Auseinandersetzungen. Der dritte Sohn Jahangirs erhielt von seinem Vater den Titel Shah Jahan, da er sich bei der endgültigen Eroberung von Ahmadnagar, der Hauptstadt des wohlhabenden Gujarat, große Verdienste erworben hatte. Shah Jahan verfolgte jedoch noch höhere Ziele. Er organisierte mehrere bewaffnete Aufstände gegen seinen Vater, und als dieser starb, gelang es ihm endlich, die Macht an sich zu reißen. Um eventuellen Thronansprüchen anderer zuvorzukommen, ließ er alle männlichen Familienmitglieder ermorden. Dies war derselbe Shah Jahan, der in Agra den imponierenden Taj Mahal aus weißem Marmor bauen ließ, ebenso die herrliche Jama Mashid (Freitagsmoschee) und die Rote Burg in Delhi. 1658 ließ ihn sein Sohn Aurangseb absetzen, der bis zum Ende des Jahrhunderts die Macht fest in den Händen hielt. Aurangseb war ein sehr intoleranter Herrscher. Während seiner langen Regierungsperiode befand er sich praktisch im ständigen Kriegszustand mit dem Dekkan. Das ehemals so mächtige Heer der Mongolen war jedoch sehr schwerfällig geworden. Die Beweglichkeit und Kampfeslust der rund 200 000 Soldaten, die nur noch an maßlosem Luxus interessiert zu sein schienen, hatte extrem nachgelassen. So folgte dem Heer ein Tross von circa einer halben Million Händlern, Artisten, Tänzerinnen, Köchen und Handwerkern. Man verglich die Truppen Aurangsebs damals mit einem Schiff auf dem Ganges, das zwar stetig vorwärtskommt, hinter dem sich aber das geteilte Wasser sofort wieder schließt. Dennoch gelang es dem Mogulkaiser letztendlich, die Hauptstädte von Bijapur (nach einer 18-monatigen Belagerung) und Golconda (nach der Zahlung von Bestechungsgeldern) einzunehmen. Er brachte riesige Mengen Beuteguts in seinen Besitz und machte die Städte dann dem Erdboden gleich. Damit befand sich nun mit Ausnahme der südlichsten Spitze der gesamte Subkontinent in den Händen des mongolischen Kaisers. Die Plünderung und Vernichtung der unermesslich reichen Hindutempel im Dekkan lösten eine Flüchtlingswelle der Bauern aus. Die zurückgebliebene Bevölkerung hatte dadurch ein noch höheres Steueraufkommen zu bewältigen. Vor allem die Marathen leisteten heftigen Widerstand gegen Aurangseb. Unter Leitung von Shivaji, der bereits innerhalb kürzester Zeit einen legendären Ruf hatte, führten sie in ihrem Staat Maharashtra einen erfolgreichen nationalistisch und religiös ausgerichteten Befreiungskampf. Von den schmalen Gebirgsketten der Ghats griffen sie die mongolischen Truppen immer wieder überraschend an. Gegen die überwiegend hinduistische Bevölkerung der umliegenden Regionen gingen sie aber genauso erbarmungslos wie die Mongolen vor. Das wirtschaftliche Leben des Subkontinents erfuhr in diesem Jahrhundert tief greifende Veränderungen. Unter der Herrschaft Akbars blühten Handel und Handwerk. Besonders in Gujarat gelangten einige Händler durch den Transithandel zu unermesslichem Reichtum. Surat war gegen Mitte des Jahrhunderts der Heimathafen von ungefähr 50 hochseetüchtigen indischen Handelsschiffen. Anfänglich kooperierten sie mit den portugiesischen, später mit den englischen und holländischen Handelskompanien, doch allmählich entglitt der lukrative Seehandel ihrem Einfluss. 1617 gründeten die Holländer in Surat eine Fabrik und exportierten fortan die in Gujarat produzierten Textilien nach Atjeh, wo sie diese gegen Gewürze eintauschten. Diesen Handelszweig beherrschten im vorigen Jahrhundert noch die Bohra und Jains. Aufgrund der Kriegsverwüstungen in den westlichen Gebieten Indiens verlagerten die europäischen Handelsgesellschaften ihre Aktivitäten mehr und mehr an die Süd- und die Westküste, u. a. nach Bengalen, dem gewerblichen Zentrum für Webstoffe. 1600 gründeten die Engländer hier die Ostindische Kompanie, die einen bedeutenden Geschäftswert erlangte, da sie mit der Aufhebung der Blockade durch die Portugiesen den Seeweg nach Mekka frei machte. 1618 erhielt die Kompanie als Gegenleistung für diesen Schutz von den Moguln umfangreiche Privilegien zugesichert. Neben Surat gehörten nun auch Bombay, Madras und Kalkutta zu den englischen Besitzungen.
Im Jahr 1600 hatte Kaiser Wan Li die Macht im Chinesischen Reich inne. Er regierte bereits seit 1573 als Kaiser der 1368 gegründeten Ming-Dynastie. Die innere Stabilität des Reiches war zu dieser Zeit zerrüttet. Die Wirtschaft hatte sich von den Folgen der Kriege des vergangenen Jahrhunderts noch nicht wieder erholt. Der Machtkampf zwischen den Gelehrten und Eunuchen am Hof verstärkte sich zunehmend. Als die Nachfolger des Kaisers Wan Li, Tai Tsang, der 1620 den Thron bestieg, und Tièn Tschi, der ein Jahr später folgte, die Regierung des Reiches fast vollständig dem Eunuchen Wéi Tsung-süèn überließen, erreichte die Krise ihren Höhepunkt. Wéi verfügte über eine eigene Eunuchenarmee und beschäftigte unzählige Spione, die im ganzen Reich verteilt waren. So konnte er mit uneingeschränkter Willkür herrschen, die er durch seine Grausamkeit noch unterstrich. Vor allem die Tung-Lin-Partei der konfuzianistischen Gelehrten leistete heftigen Widerstand. Einer ihrer Führer scheute sogar nicht davor zurück, Wéi Tsung-süèn öffentlich des Mordes und anderer Verbrechen zu beschuldigen. Dies ließ Wéi natürlich nicht ungestraft geschehen und rief zur Verfolgung der Parteimitglieder auf. Viele von ihnen verloren ihre Ämter, wurden gefoltert und auf bestialische Weise ermordet. Diese Situation gipfelte 1626 in einer Reihe von Aufständen gegen die Eunuchen, und 1627 wurde Wéi Tsung-süèn endgültig entthront. Mit Kaiser Tsung Chen bestieg 1628 der letzte Kaiser der Ming-Dynastie den Thron, deren Herrschaft mit einer großen Volkserhebung endete. Li Zhicheng, der Anführer eines Bauernaufstands in der Provinz Shaanxi im Nordwesten Chinas, nutzte während der anhaltenden Hungersnot und der katastrophalen Dürre die Gelegenheit und eroberte ein riesiges Gebiet in verschiedenen Provinzen. 1644 nahm sein Rebellenheer Peking ein. Kaiser Tsung flüchtete aus dem Palast und erhängte sich auf dem so genannten Kohlenhügel, der sich über der Verbotenen Stadt (= kaiserliche Residenz) erhob. Die Ming-Dynastie war gestürzt. Inzwischen begannen die tungusischen Jurchen (siehe Mandschu) an der nordöstlichen Grenze Chinas eine zunehmende Bedrohung für die Chinesen darzustellen. Verschiedene Stämme dieses Volkes waren bereits seit dem vorigen Jahrhundert China gegenüber zu Tributzahlungen verpflichtet. Sie trieben Handel entlang der Grenzen und kamen auf diese Weise mit den Sitten und Gewohnheiten des chinesischen Volkes in Kontakt, von denen sie einige übernahmen. 1600 vereinigte Nurhachi die Jurchen. Er entwickelte ein Verwaltungssystem nach dem Vorbild Chinas, bei dem ihm chinesische Verräter halfen. Die Jurchen verfügten über ein ausgezeichnet organisiertes Heer, bestehend aus acht Standarten, dem auch Mongolen und Chinesen angehörten. Wiederholt fielen diese Truppen in das Chinesische Reich ein. 1618 eroberten sie einen Teil der Halbinsel Liao-tung, und 1625 machten sie Mukden zur Hauptstadt. Nach dem Tod von Nurhachi wurde der Name Jurchen in Mandschu geändert. 1636 errichtete Nurhachis Nachfolger, sein Sohn Abahai, die Qing-Dynastie in Mukden. Während des Aufstands von Li Zhicheng stand General Wu Sangui im Dienst der Ming-Dynastie. Er bemühte sich im Nordosten Chinas, die Armeen der Qing aufzuhalten. 1644 rief Kaiser Tsung Chen General Wu zurück und beauftragte ihn damit, den Aufstand Li Zhichengs niederzuschlagen. Er kam jedoch zu spät. Kurze Zeit später fiel Peking und besiegelte das Ende der Dynastie. Als dies bekannt wurde, unterwarfen sich die Beamten am Hof der Ming, darunter auch Wus Vater Sangui, dem neuen Herrscher Li Zhicheng. Dieser ließ alle ohne Ausnahme ins Gefängnis werfen. Der Vater General Wus fand eine Gelegenheit, einen alten Diener mit der Nachricht zu seinem Sohn zu schicken, dass er im Gefängnis säße. Als General Wu dies vernahm, sagte er: „Wenn es dem Vater schon nicht möglich ist, seinem Kaiser gegenüber Loyalität zu wahren, wie soll es dann dem Sohn möglich sein, sich seinem Vater gegenüber pietätvoll zu verhalten?” Damit beschuldigte er seinen Vater indirekt des Vertrauensbruchs gegen den Ming-Kaiser und wollte deshalb den Bitten seines Vaters auch nicht nachkommen, obwohl dies doch die oberste Pflicht eines jeden Chinesen war. Wu befand sich in einer furchtbaren Situation. Er hatte sowohl seinem Kaiser als auch seinem Vater treu ergeben zu sein, und nun sah er sich gezwungen, sich für eine der beiden Möglichkeiten entscheiden zu müssen. So beschloss er, die Mandschu zwecks Rückeroberung Pekings um Hilfe zu bitten. Was sich schon unzählige Male in der Geschichte des Chinesischen Reiches abgespielt hatte, wiederholte sich auch diesmal. Die nicht chinesischen Verbündeten beeilten sich nur allzu sehr, den Chinesen zu Hilfe zu eilen. Noch im selben Jahr eroberten die Mandschu Peking und verjagten Li Zhicheng, der kurz darauf einem Mordanschlag zum Opfer fiel. Sie begründeten 1644 in Peking die Qing-Dynastie. Sie setzten in den folgenden Jahren die Eroberung Chinas erfolgreich fort, bis sie 1660 das gesamte Reich unter ihrer Herrschaft vereinigt hatten. Die Qing waren eine überaus mächtige und blühende Dynastie, deren Stärke vor allem in ihrer besonderen Art der Regierung lag. Die Qing übernahmen den Konfuzianismus, das Prüfungssystem und die chinesische Kultur. Viele Chinesen, besonders die Gelehrten, erkannten deshalb die unumschränkte Macht der Mandschu an. Sie beschrieben deren Politik folgendermaßen: „Mit der einen Hand bieten die Mandschu den Chinesen Brot an, während sie in der anderen ein Messer halten. Wenn der Chinese das Brot nicht annimmt, wird er niedergestochen.” Die Qing übernahmen zwar das Verwaltungssystem der Ming-Dynastie, herrschten aber gemäß einer Apartheidpolitik. Die meisten der Beamtenfunktionen wurden mit einem Mandschu und einem Chinesen doppelt besetzt. Das Mandschu sollte die herrschende Amtssprache am kaiserlichen Hof werden. Dies ließ sich jedoch in der Praxis auf Dauer nicht durchsetzen. Heiraten zwischen Mandschu und Chinesen wurden verboten. Auf diese Weise wollten die Mandschu trotz der Annahme chinesischer Prinzipien ihre eigene Identität wahren. Zu Beginn der Qing-Herrschaft durften die Chinesen noch ihre eigene Kleidung tragen. Nachdem jedoch das gesamte Reich unter der Macht der Qing vereinigt war, zwang man sie, auch diesbezüglich die Mandschu-Bräuche zu übernehmen. Die vordere Hälfte des Kopfes wurde kahl geschoren, die hinteren Haare zu einem Zopf geflochten. Zu Chinesen, die diese Haartracht ablehnten, sollen die Mandschu gesagt haben: „Wenn du deinen Kopf behalten willst, musst du das vordere Haar am Kopf verlieren. Wenn du dein Haar behalten willst, musst du deinen Kopf verlieren.” In militärischer Hinsicht war die Qing-Dynastie sehr stabil. Sie nutzte einerseits weiterhin die acht Standarten (bestehend aus Mandschu, Mongolen und chinesischen Verrätern), deren Aufgabe es war, das Reich zu bewachen und Expeditionen außerhalb der Grenzen durchzuführen. Andererseits setzte sie die chinesischen Armeen ein, um Aufstände und Chaos innerhalb des Reiches zu unterdrücken. Diese chinesischen Truppen waren den Standarten unterstellt. Unter dem zweiten Kaiser der Qing-Dynastie, Kangxi, der 1662 den Thron bestieg, nahm der Widerstand gegen die Qing-Vorherrschaft gewaltige Ausmaße an. Kangxi ernannte für den Süden drei Fürsten, die sich immer mehr Macht aneigneten. 1673 erhoben sich diese Fürsten, darunter auch General Wu Sangui, gegen den Kaiser. Dieser San-Fan-Aufstand (= Aufstand der drei mächtigen Herrscher) konnte erst nach neun Jahren beendet werden. Auf Taiwan besetzten die Spanier im Jahr 1600 verschiedene Orte, gerieten aber schon bald danach mit den Holländern in Konflikt, die zu dieser Zeit ebenfalls daran interessiert waren, einen Anteil am chinesischen Handel zu erwerben. Nachdem die Holländer 1622 mit ihrem Versuch, Macao von den Portugiesen zu erobern, scheiterten, konzentrierten sie sich auf Taiwan. 1624 vertrieben sie dort die Spanier und errichteten das Fort Zeelandia. 1662 gelang es Coxinga, Taiwan den Holländern zu entreißen. Seit dieser Zeit bildete die Insel das Herzstück des Widerstands gegen die Qing, bis diese sie dann 1668 endgültig mit Hilfe der Holländer annektierten und Taiwan ebenfalls dem Chinesischen Reich einverleibten. Abgesehen von den Portugiesen, Spaniern und Holländern entstanden in diesem Jahrhundert auch Kontakte mit vielen anderen ausländischen Gruppen. So stattete der Dalai-Lama, der in diesem Jahrhundert zum Herrscher über Tibet ernannt wurde, Peking 1652 einen offiziellen Besuch ab. Die Zahl der Missionare, die schon im vorigen Jahrhundert nach China gelangt waren, nahm am Hof des Kaisers Kangxi ständig zu. Unter ihnen befanden sich auch viele Jesuiten. Kangxi führte zahlreiche militärische Operationen durch. Das Innere der Mongolei unterlag der Herrschaft der Qing, und auch die äußeren Gebiete dieses Reiches wurden nach und nach ihrer Oberhoheit unterstellt. Ab 1649 fiel Russland mehrfach in China ein, bis schließlich ein chinesisch-russisches Grenzabkommen unterzeichnet wurde. Kaiser Wangxi galt als Förderer der Gelehrten. 1679 führte er ein spezielles Examen ein, um die Gelehrten auszusuchen, die die Ming-Geschichte schriftlich niederlegen sollten. Daneben stammen verschiedene bedeutende Werke aus dieser Zeit, unter anderem das Kangxi-Wörterbuch. Zu diesen Gelehrten gehörten jedoch auch viele, die sich noch immer nicht mit dem Fall der Ming-Dynastie abgefunden hatten, und sie machten sich auf die Suche nach den Ursachen. Die Folge war eine starke Abwendung vom Neokonfuzianismus, der sich infolge des Einflusses buddhistischer und taoistischer Elemente mehr auf das Individuum als auf die Ordnung innerhalb des Reiches konzentrierte.
Der Sohn König Thanh-Tóngs bemühte sich im vergangenen Jahrhundert, das Werk seines Vaters in Vietnam fortzusetzen. 1504 verfiel er jedoch dem Wahnsinn, und die Regierung oblag in den folgenden Jahren ausnahmlos Königen, die nicht genügend Sachverständnis besaßen. Die Könige der Le-Dynastie verwalteten ihr Land schlecht. Sie widmeten sich hauptsächlich der kulturellen Entwicklung auf Kosten der Bevölkerung, die das hierfür nötige Geld aufbringen musste. Verschiedene Splittergruppen bekämpften einander mit dem Ziel, sich einen größeren Einfluss am Hof zu sichern. Die Bevölkerung erhob sich mehrfach gegen die mangelhafte Art der Verwaltung und die Verschwendung, die am Hof herrschte. Schließlich zog der Oberbefehlshaber des kaiserlichen Heeres, Mac Dang Dung, erst gegen den aufständischen Adel ins Feld und setzte dann 1524 den Kaiser ab. 1527, nachdem er den jungen Kaiser und dessen Mutter hatte ermorden lassen, ernannte er sich selbst zum Kaiser. Durch territoriale Zugeständnisse an die Chinesen sicherte sich der Mac-Kaiser die Anerkennung des chinesischen Hofes und stärkte damit seine eigene Position. Unter den Mac entstanden zahlreiche Töpfereien, in denen das berühmte Porzellan hergestellt wurde. Nach der Machtübernahme durch die Mac verließen viele Mandarine, die den Le weiterhin treu ergeben waren, den Norden und zogen in den Süden. Nguyen-Kirn, der Sohn des abgesetzten Fürsten, flüchtete in das weiter südlich gelegene Königreich Ai-lao. Dadurch waren die Machtverhältnisse Mitte des vorigen Jahrhunderts geteilt: Im Norden regierten die Mac und im Süden die Le. Mehrere Jahrzehnte lang führten diese beiden Dynastien Krieg gegeneinander. Erst 1593 gelang es den Le, die Mac aus der Hauptstadt im Norden zu vertreiben. Die Mac zogen sich in die nördliche Bergprovinz an der Grenze zu China zurück. Mit Unterstützung der Chinesen konnten sie die nördliche Provinz Vietnams mehr als ein Jahrhundert lang halten. Eine Ausweitung des Grundgebiets nach Süden hätte für den Bevölkerungsdruck, der zu Beginn dieses Jahrhunderts im Norden immer stärker wurde, eine mögliche Lösung sein können. Aber die wirtschaftliche Entwicklung stagnierte, da sich die ökonomischen Aktivitäten auch weiterhin auf die Dörfer beschränkten und keinerlei neue Technologien eingeführt wurden. Dieser Stillstand im wirtschaftlichen Bereich spiegelte sich auch in der Politik wider. Die Le-Dynastie verlor trotz ihrer Erfolge gegen Ende des vorigen Jahrhunderts zusehends an Stärke. Die Folge war ein Machtkampf zwischen den zwei bedeutendsten Familien: den Trinh im Norden und den Nguyen im Süden. Im Norden etablierten die Trinh ein solides Rechtssystem und weiteten ihren Einfluss auf das Gebiet des Lao-Königreichs im Westen am Ufer des Mekong aus (siehe Laos: Geschichte). Die Nguyen hingegen annektierten im Süden Gebiete des Champa-Reiches. Das Territorium, das die Nguyen nun beherrschten, erstreckte sich damit bis an den Golf von Thailand. Die Stellung der Trinh wurde jedoch von zwei Seiten bedroht: Im Norden saßen noch immer die Mac, die sich jeden Aufstand im Gebiet der Trinh zunutze machten, um ihr eigenes Territorium zu vergrößern, und im Süden kam es zu ständigen Scharmützeln zwischen den Truppen der Trinh und der Nguyen. Die Grenzzwischenfälle weiteten sich zu einem Krieg aus, der von 1620 bis 1674 andauerte und den die Trinh-Armee letztendlich verlor. Der Westen beeinflusste den gesamten Verlauf dieses Krieges in starkem Maße. Am Ende des vorigen Jahrhunderts hatten die Portugiesen Handelskontakte geschaffen, die sich sowohl auf Tonking, das Gebiet der Trinh, als auch auf Annam, das Territorium der Nguyen, erstreckten. Nach ihrer Vertreibung aus Japan und auf der Suche nach neuen Missionierungsgebieten erreichten die Jesuiten in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts Tonking und Annam. In Tonking waren sie nur wenig erfolgreich, und diejenigen, die sich bekehren ließen, waren der Verfolgung ausgesetzt. Auch in Annam war die Regierung alles andere als prochristlich eingestellt, aber um sich die Unterstützung der Portugiesen in ihrem Unabhängigkeitskampf gegen Tonking auch weiterhin zu sichern, akzeptierten sie das Wirken der Jesuiten. Wesentlich bedeutender war die Einführung einer romanisierten Schrift. Alexander Rhodes, ein französischer Jesuit, kam 1627 nach Tonking und stellte ein Wörterbuch zusammen, in dem er die bis dahin verwendete Zeichenschrift, das Nom, in eine romanisierte Schrift, das quoc-ngu, umsetzte. Die Niederländer, die eigentlich vorwiegend am Handel mit China und Japan interessiert waren, erhielten 1636 eine Handelsniederlassung in Annam (Qui-nam) und wenig später auch in Tonking (Hien-nam). Aus Angst, dass die Niederländer heimlich die Trinh unterstützen könnten, schlossen die Nguyen die Niederlassung in Quin-nam 1641 wieder, was dazu führte, dass die Niederländer nun tatsächlich den Trinh ihre Hilfe anboten. Die Nguyen erhielten von den Portugiesen Waffen, womit es diesen dann endlich gelang, den Kampf zwischen den beiden Familien für sich zu entscheiden. Ab 1674 begann für Tonking und Annam eine lange Friedensperiode. Die Trinh herrschten in Tonkin, scheiterten jedoch in ihren Bemühungen, eine stabile Monarchie zu errichten. Im Süden waren die Nguyen voll und ganz damit beschäftigt, ein Verwaltungssystem für die eroberten Gebiete zu schaffen, das sie nach dem Vorbild von Thanh-Tóng aus dem Jahr 1465 gestalteten.
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